Forschungsstrategie: Europäisch forschen

Die ZHAW hat eine neue Forschungsstrategie beschlossen. Damit sollen mehr finanzielle Mittel aus den EU-Förderprogrammen akquiriert und das Forschungsprofil geschärft werden. Durch die verstärkte Zusammenarbeit mit europäischen Partnern kann die ZHAW zudem wertvolle Erfahrungen sammeln sowie internationale Kontakte knüpfen.

Damit das Mobilfunknetz bei hoher Belastung wie an Silvester nicht mehr zusammenbricht, soll die Software statt in Sendemasten künftig in Rechenzentren betrieben werden. Denn so könnte je nach Bedarf die Kapazität erhöht werden. Im Projekt SESAME wollen deshalb ZHAW­Forschende zusammen mit europäischen Partnern die Software in Sendemasten von Mobilfunknetzen auf ein Minimum reduzieren. Stattdessen soll sie in Rechenzentren zentral verwaltet, aktualisiert und je nach Notwen­digkeit auch dynamisch angepasst werden. Dies macht auch wirtschaftlich Sinn, da so aufwendige Software­Aktualisierungen vor Ort erspart bleiben.

Europaweit Forschung und Innovation fördern

Das Projekt SESAME wird im Rahmen von Horizon 2020 durchgeführt, dem weltweit grössten transnationalen Programm für Forschung und Innovation. Horizon 2020 ist 2014 gestartet und dauert bis 2020. Es verfolgt die drei Ziele «Wissenschafts­exzellenz», «Führende Rolle der Industrie» und «Gesellschaftliche Herausforderungen». Dafür stehen knapp 80 Milliarden Euro zur Verfügung. Mit ihren thematisch vielfältigen Forschungskom­petenzen hat die ZHAW grosses Potenzial, sich an EU-­Forschungsprojekten zu beteiligen. Um das EU-­Forschungsportfolio breiter auszurichten, hat die Hochschulleitung Anfang 2016 eine EU­-Forschungsstrategie beschlossen.

Die EU­-Forschungsstrategie der ZHAW hat sich bei Horizon 2020 bereits positiv auf die Antragsstellung und die EU­-Drittmittel ausgewirkt: Die ZHAW erzielte seit Beginn 2014 ein Drittmittel­volumen, das mit kleineren universitären Hochschulen in der Schweiz vergleichbar ist, und gehört zu den stärksten Fachhochschulen im Bereich der EU-­Forschung im nationalen und internationalen Vergleich. Von 2014 bis 2016 hat die ZHAW bereits gleich viele Projekte eingegeben wie im gesamten vorgängigen 7. Forschungsrahmenprogramm (FP7). Insgesamt war die ZHAW an über 50 EU­-Projekten beteiligt, davon zwölf bei Horizon 2020. Das erste Horizon 2020­Projekt mit ZHAW­-Beteiligung war ProPAT. Es soll industrielle Prozesse durch Echtzeitsteuerung zuverlässiger und effizienter machen. 

Vollwertige Teilnahme an Horizon 2020

Es ist nicht selbstverständlich, dass Schweizer Hochschulen wie die ZHAW erfolgreich mit europäischen Partnern forschen. Denn erst seit der Bundesrat das Personenfreizügigkeitsabkommen mit Kroatien ratifiziert hat, können sich Schweizer Forschende seit Anfang 2017 wieder vollumfänglich an europäischen Forschungsprojekten beteiligen. Von 2014 bis 2016 wurde die Schweiz beim Forschungsprogramm Horizon 2020 von der EU als Drittstaat behandelt. Insbesondere 2014 entstand bei möglichen Forschungspartnern der ZHAW eine grosse Verunsicherung wegen der Forschungszusammenarbeit. Zudem verzichtete die ZHAW in diesem Zeitraum auf die Leitung von Horizon 2020-­Projekten, da das Risiko als hoch eingeschätzt wurde, keine Bewilligung für die Leitung zu erhalten. Beispielsweise wurde beim Horizon 2020-­Projekt XoSoft auf die Projektleitung verzichtet, obwohl sich viele der Partner im Konsortium die ZHAW in dieser Rolle gewünscht hätten. Denn ZHAW­Forschende verfügen über viel Know­how beim Entwickeln von Exoskeletten, wie sie bereits bei der Leitung des FP7­Projekts RoboMate gezeigt haben. 

Forschende entwickeln intelligente Leggins

XoSoft will mit einem Soft­Exoskelett Menschen unterstützen, die beim Gehen beeinträchtigt sind. Das verwendete Material des Soft­Exoskelett XoSoft soll lernfähig sein und sich je nach Bewe­gungsablauf mehr oder weniger versteifen. Wer aufgrund eines Schlaganfalles oder von Geburt an beim Gehen beeinträchtigt ist, kann heutzutage mittels Stützstrukturen wieder besser gehen. Doch diese meist schweren und unflexiblen Konstruktionen passen sich oft nur einem Teil des Bewegungsablaufes an. Deshalb entwickeln ZHAW­-Forschende aus den Bereichen Technik und Gesundheit zusammen mit europäischen Partnern eine Stützstruktur, welche sich je nach Bewegung versteift oder weich wird. Dieses innovative Gewebe wird mit Sensoren ausgerüstet, mit deren Hilfe eine integrierte Elektronik die Bewegung der betroffenen Gliedmassen lernt und diese dann im richtigen Augenblick stützt, entlastet oder frei bewegen lässt. Die Konstruktion soll dünn sein und wie Leggins oder Socken unter der Kleidung getragen werden können. Mit der Entwicklung hat das aus neun Partnern bestehende europäische Konsortium Anfang 2016 begonnen. 

Teil des europäischen Forschungsraums

Für ein kleines Land wie die Schweiz ist es wichtig, mit ausländischen Hochschulen im Wettbewerb mitzuhalten. Durch die Zusammenarbeit mit europäischen Partnern kann sich die ZHAW weiterentwickeln sowie internationale Kontakte knüpfen. Dass sich die ZHAW als Teil des europäischen Hochschul­ und Forschungsraums versteht, verdeutlicht das strategische Ziel «Europäisch» der ZHAW-­Hochschulstrategie 2015–2025. Neben diesem war für die neue EU­Forschungsstrategie der ZHAW auch entscheidend, dass Horizon 2020 geradezu massgeschneidert ist für Fachhochschulen. Denn hier werden vor allem Projekte gefördert, die innovative Ideen mit Anwendungspartnern aus Wirtschaft und öffentlicher Hand entwickeln. Das Nachfolgeprogramm von Horizon 2020 wird voraussichtlich sogar noch praxisorientierter. Zudem soll mit Mitteln aus den europäischen Förderprogrammen die Forschung an der ZHAW breiter abgestützt werden: Neben der Kommission für Technologie und Innovation (KTI) sowie der Auftragsforschung für Unternehmen bieten die europäischen Förderprogramme profilgerechte Drittmittel für die anwendungsorientierte Forschung an.

Massgeschneiderte Strategie

Bisher akquirierten zwei Institute der School of Engineering sowie eines am Departement Life Sciences und Facility Management den Hauptanteil an europäischen Fördermitteln. Mit der neuen EU-­Forschungsstrategie soll sich dies nun ändern. Da die Ausgangslage bei den Departementen mit ihren unterschiedlichen Fachdisziplinen nicht vergleichbar ist, werden deren spezi fischen Bedürfnisse berücksichtigt. Jedes Departement definiert seine Situation und Zielsetzung selbst. In der Vorbereitung von EU­-Projekten werden die Forschenden sowie Industriepartner zu dem von zwei Euresearch Contact Points an der ZHAW unterstützt. Diese Stellen wurden von der ZHAW mit Unterstützung des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation SBFI Anfang 2014 geschaffen. Die Eingliederung in das Unterstützungsnetzwerk von Euresearch ist ein sehr wichtiger Teil der EU­-Forschungsstrategie.

Europaweit Fachhochschulen stärken

Dass Forschung und Bildung auch bei Fachhochschulen keine Landesgrenzen kennen, zeigt beispielsweise die von der ZHAW mitgetragene Initiative «Universities of Applied Sciences for Europe (UAS4EUROPE): Smart Partner ships for Regional Impact». Um das Forschungsengagement der Fachhochschulen zu stärken, lancierten europäische Fachhochschulvertreterinnen und ­vertreter Ende Mai 2016 in Brüssel diese Initiative, welche die Position der Fachhochschulen gegenüber der EU­Kommission stärken soll. Im Hinblick auf die inhaltliche Festlegung der künftigen Forschungsprogramme, aber auch für die Gestaltung anderer Förderinstrumente ist dies von grosser Bedeutung für die Schweizer Fachhochschulen. Ein Bericht von SwissCore über die Internationalisierung der Schweizer Fachhochschulen wurde Ende August 2016 an der ZHAW vorgestellt und diskutiert. Bereits anfangs 2016 besuchte die ZHAW das Schweizer Informations­ und Verbindungsbüro für europäische Forschung, Innovation und Bildung in Brüssel, um gezielt internationale Partnerschaften aufzubauen und zu pflegen. Damit die ZHAW ihre Interessen in Brüssel besser verfolgen kann, wurde bei­spielsweise eine Einzelmitgliedschaft bei der European University Association EUA angestrebt. Seit 2017 ist die ZHAW neu Mitglied bei der EUA, der grössten Hochschulvertretung auf europäischer Ebene, und erhält dadurch mehr Sichtbarkeit und Einflussmöglichkeit im europäischen Hochschulraum.

Lesen Sie weitere Artikel im Jahresbericht 2016.