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Wie Studierende im Austausch die Corona-Krise erlebten

Maurus Held, Marc Bänziger und Jadwiga Pisarska absolvierten während der Corona-Krise ein Austauschsemester. Im Interview erzählen sie über ihre Erfahrungen in Brasilien, Jordanien und in der Schweiz.

«Wir wussten, das Virus ist in Europa. In Brasilien dagegen war alles noch weit weg.»

Maurus Held studiert Kommunikation am Departement Angewandte Linguistik und erzählt, wie er sein Austauschsemester in Brasilien erlebt hat und warum er sich entschied, dieses abzubrechen.

Wie haben Sie die Ausbreitung des Coronavirus vor Ort erlebt?

Ich bin Mitte Februar nach Brasilien gereist, das Semester an der Universität in Belo Horizonte begann Anfang März mit einer Einführungswoche. Am Ende hatte ich dann nur drei Vorlesungen: In der ersten Woche wurden bereits Vorlesungen abgesagt, in der zweiten schloss die Uni ganz. Die Situation war speziell. Es war klar, dass vorläufig kein Unterricht stattfindet, auch nicht online. Wie andere Austauschstudierende dachte ich, in dieser Zeit ein wenig reisen zu können. Die Gefahr des Virus war noch überhaupt nicht in unseren Köpfen: Wir wussten, die Situation in Europa ist bereits schlimm. Aber in Brasilien war alles noch weit weg. Es gab damals vielleicht zwei, drei bekannte Fälle in São Paulo, alles war noch offen und ganz normal.

Warum haben Sie sich schliesslich entschieden, in die Schweiz zurückzukehren?

Mir wurde klar, dass ich ein ganzes Semester verlieren würde, wenn in Brasilien schulisch nichts mehr läuft und ich keine Credits nach Hause bringe. Je länger ich darüber nachdachte, umso realer wurde eine Rückkehr, um an der ZHAW ins laufende Semester einzusteigen. Dann kam am 17. März die Nachricht aus der Schweiz, dass Bundesrat Cassis alle Schweizer im Ausland aufgerufen hat, zurückzukehren, und dass die Swiss bald die Flüge streichen wird. Da waren die Würfel gefallen.

Wie verliefen die Rückreise und der Wiedereinstieg an der ZHAW?

Noch am gleichen Abend habe ich Flüge von Belo Horizonte nach São Paulo und von São Paulo nach Zürich gebucht. Weil die Inlandflüge stündlich gestrichen wurden, habe ich eine Busfahrt und zwei Mitfahrgelegenheiten als Alternativen gebucht. Mit einer Mitfahrt hat es am Ende geklappt. Weil es hiess, dass die einzelnen Bundesstaaten bald ihre Grenzen schliessen würden, war aber bis zuletzt unklar, ob wir den Flughafen in São Paulo erreichen. Ich hatte Glück. Vom Flughafen Zürich aus ging ich dann erst einmal eine Woche freiwillig in Quarantäne, weil meine Mutter Krankenpflegerin ist und Kontakt mit der Risikogruppe hat. An der ZHAW konnte ich ins laufende Semester einsteigen. Das eine oder andere musste ich zwar nachholen, aber die Lehrpersonen waren sehr entgegenkommend und kannten meine Situation.

«Kein Tag hier war wohl so locker wie der restriktivste Tag in der Schweiz.»

Marc Bänziger studiert International Management und verbringt sein obligatorisches Bachelor-Austauschjahr in Jordanien. Er erzählt, warum er trotz Lockdown blieb.

Wie haben Sie Ihr Austauschjahr erlebt, bevor sich die Corona-Lage international verschärfte?

Ich bin Mitte August 2019 nach Jordanien geflogen, das Studium an der University of Jordan in Amman fing Mitte September an. Das erste Semester hatte ich ganz normal vor Ort Unterricht. In der Zeit habe ich auch einiges gesehen und Jordanien als sehr sicheres Land erlebt, trotz der schwierigen politischen Lage in der Region. Die Menschen in Jordanien sind extrem hilfsbereit und gastfreundlich. Toleranz und gegenseitige Wertschätzung werden hochgehalten, auch bei der Religion. Christen sind eine Minderheit, aber es gibt zum Beispiel viele Kirchen, auch solche, die direkt gegenüber von grossen Moscheen stehen. Im zweiten Semester ging die Universität dann bereits nach einer Woche zu.

Wie haben Sie die Ausbreitung des Coronavirus vor Ort erlebt?

Hier in der Region war Jordanien ziemlich als letztes Land betroffen. Die Lage wurde von der Regierung schnell sehr ernst genommen. Es gab zu Beginn einen zehntägigen, kompletten Lockdown, und auch später immer wieder für mehrere Tage. Niemand durfte mehr aus dem Haus, auch nicht zum Einkaufen. Ausnahmen gab es für gewisse Berufe oder Notfälle. Das war eine sehr spezielle Erfahrung. Danach wurde der Lockdown etwas gelockert, Einschränkungen gibt es aber weiterhin. So durfte man am Anfang nur zu Fuss unterwegs sein, nur während bestimmten Zeiten und nur zum Einkaufen im eigenen Quartier. Im März wurden zudem alle Grenzen und Flughäfen geschlossen. Zuvor erhielt man drei Tage Zeit, um das Land zu verlassen oder um aus dem Ausland zurückzukehren. Meine Kollegen habe ich nun fast drei Monate nicht gesehen, aber irgendwann gewöhnt man sich an die Massnahmen. Trotzdem ist der Lockdown hier mit dem in der Schweiz absolut nicht vergleichbar. Kein Tag war wohl so locker wie der restriktivste Tag in der Schweiz.

Haben Sie darüber nachgedacht, in die Schweiz zurückzukehren?

Es war ein Thema. Ich habe mich aber schnell entschieden, zu bleiben. Einerseits hatte die Schweiz zu diesem Zeitpunkt bereits ein paar tausend Fälle, im Gegensatz zu Jordanien. Andererseits hoffte ich, dass sich die Situation wieder bessert und ich nach Abschluss des Semesters noch etwas reisen kann. Zudem hat die Uni hier lange gesagt, dass die Prüfungen schriftlich stattfinden, sobald sie wieder öffnen kann. Wenn ich in die Schweiz zurück wäre ohne die Prüfungen, wäre das Semester für nichts gewesen. Erst später wurde entschieden, dass der Unterricht online weitergeführt wird, inklusive Prüfungen. Mit dem Online-Unterricht liess sich auch die Zeit zu Hause etwas besser aushalten, auch wenn es von der kulturellen Erfahrung her nicht mehr das Gleiche war.

‘Staying or leaving – the question was a complex one.’

Jadwiga Pisarska is completing an exchange semester in Business Administration as an incoming student at the School of Management and Law. She explains why she stayed despite the lockdown.

What did your home university advise you?

They left the choice to me. In fact, in the end, it turned out that it would have also been possible to end the exchange, return to Poland and complete the semester at my home university. This might have been beneficial too because I would have had to complete fewer courses than at the ZHAW to graduate. To be honest, at some point there were many options: staying, ending the exchange and going back, going back but continuing with ZHAW online courses. However, the apartment rental restrictions did not allow me any flexibility.

What did the lockdown mean for you and your exchange experience?

I did my best to follow all the social distancing measures. It was not all that fun, of course, but because it was possible to go outside for walks, it was not that bad. The time alone also gave me the chance to focus on my thesis alongside distance learning. Due to the situation and the online classes, I did not have so many opportunities to speak and interact with other people. I definitely missed out on the intercultural experience and the opportunity to improve my German language skills.