Agri-PV in der Schweiz
Agri-PV verbindet Landwirtschaft und Solarstromproduktion auf derselben Fläche. Das Ausbaupotenzial in der Schweiz ist gross und bietet Möglichkeiten zur Reduktion der Winterstromlücke. Anlagen werden auf Flächen geplant, auf denen sie die landwirtschaftliche Produktion nachweislich unterstützen.
Relevanz von Agri-PV in der Schweiz
Agri-PV setzt auf Doppelnutzung: Landwirtschaft und Solarstrom sollen sich gegenseitig positiv beeinflussen, statt um Fläche zu konkurrieren. Dafür braucht es ein Anlagendesign, das einen Zusatznutzen für den Betrieb ermöglicht und die Versorgung mit Nahrung und Energie nicht gegeneinander ausspielt. Agri-PV hat grosses Potenzial – aber die Wirkung hängt stark von Kultur, Standort und Anlagendesign ab. Für Bewilligungen und Skalierung braucht es belastbare Evidenz zu Erträgen/Qualität, Boden- und Wasserhaushalt, Betriebsabläufen (Mechanisierung) sowie zum Stromprofil und zur Netzintegration. Pilotanlagen liefern genau diese Daten – und machen den „Zusatznutzen“ messbar, der im Bewilligungsprozess in der Schweiz zentral ist.
Grosses Potenzial
Das theoretische Gesamtpotenzial von Agri-PV in der Schweiz ist sehr hoch: Aus geeigneten landwirtschaftlichen Nutzflächen ergibt sich ein Flächenpotenzial von 583’499 ha (rund 56 % der landwirtschaftlichen Nutzflächen ohne Sömmerungsflächen), mit einer maximal installierbaren Leistung von 271 GWp und einem potenziellen Stromertrag von 323 TWh pro Jahr. Durch einen Mix aus vertikalen und aufgeständerten Anlagen kann zudem ein Winterertrag von maximal 95 TWh erreicht werden, was 29 % der Jahresproduktion entspricht. Abbildung 1 zeigt das ermittelte Potenzial, aufgeschlüsselt nach den verschiedenen Nutzflächentypen. Die Potenziale sind berechnet basierend auf passenden Anlagetypen pro Nutzfläche: Für offene Ackerflächen sowie Dauerkulturen wurde mit aufgeständerten Agri-PV Anlagen mit einer Ausrichtung von 30° Südwest gerechnet. Für Dauergrünland-Flächen mit vertikalen Agri-PV Anlagen mit einer Ost-West-Ausrichtung. Bei offenen Ackerflächen liegen die grössten Potenziale in Kunstwiesen, Winterweizen, Silo-, Grün- und Körnermais sowie Wintergerste und Winterraps. Unter Dauergrünland haben Dauerwiesen und Weiden das höchste Potenzial und bei Dauerkulturen sind es Reben und Obstanlagen (Äpfel, Steinobst und Birnen).
Betrachtet man ein realistischeres Ausbaupotenzial von Agri-PV bis 2050 von 7–8 TWh/Jahr (was etwa 10 % des erwarteten Strombedarfs im Jahr 2050 entspricht), beansprucht dies je nach Kulturwahl nur 1–2 % der landwirtschaftlichen Nutzfläche, wobei die Flächen weiterhin landwirtschaftlich nutzbar bleiben.
Die zu erwartenden Stromgestehungskosten haben wir in unserer Potentialstudie zu Agri-PV in der Schweiz 2024 berechnet (siehe Abbildung 2). Sie belaufen sich für die drei untersuchten Kombinationen von Anlagetyp und Nutzfläche auf ca. 6.0 Rp./kWh (Dauergrünland), 7.8 Rp./kWh (Acker) und 8.4 Rp./kWh (Dauerkulturen). Als Vergleich: die Stromgestehungskosten kleiner Dachanlagen sind mit ca. 13.4 Rp./kWh deutlich höher, die einer grossen Dachanlage mit ca. 5.8 Rp./kWh etwa in derselben Grössenordnung wie eine Agri-PV Anlage auf Dauergrünland.
Praxisanforderungen, so dass die Landwirtschaft gewinnt
Laut Raumplanungsgesetz (RPG, Stand Januar 2026) kann der Bau einer freistehenden Solaranlage ausserhalb der Bauzone auf einer landwirtschaftlichen Nutzfläche als standortgebundene Ausnahmebewilligung erteilt werden, sofern die Anlage die landwirtschaftlichen Interessen nicht beeinträchtigt, Vorteile für die landwirtschaftliche Produktion bringt oder Forschungs- und Versuchszwecken dient (RPG, Art. 24ter Abs. 2). Dies dient als Grundlage, ist aber weiterhin mit hohen Hürden verbunden: Der jeweilige „Vorteil“ muss im konkreten Projekt überzeugend hergeleitet werden.
Umsetzbar sind Agri-PV Anlagen insbesondere auf flachen, arrondierten Parzellen, möglichst ohne Drainagen und mit kurzer Distanz zum Einspeisepunkt. Je nach System benötigt die Verankerung typischerweise eine Tiefe von ca. 1.5 bis 3.5 m, wobei Betonfundamente werden in der Regel vermieden. Liegt eine Hochspannungsleitung über der Anlage, sollten 12 m Abstand zu den Masten eingeplant werden.
Von Pilotprojekten lernen: Was im Kanton Zürich funktioniert – und wo es hakt
Die „Machbarkeit“ stützen wir auf konkrete Standortarbeit: In Zürich haben wir acht Pilotprojekt-Flächen (davon sieben landwirtschaftlich genutzt) auf drei Betrieben in Bezug auf Raumplanung, Agronomie und Wirtschaftlichkeit für verschiedene PV-Anlagentypen geprüft. Das zentrale Ergebnis unserer Untersuchung zeigt für die Praxis: Ein wirtschaftlicher Betrieb ist möglich und teilweise sogar attraktiv. Es gibt jedoch erhebliche standort- und anlagenspezifische Unterschiede.
Aus den untersuchten Pilotprojekt-Flächen zeigt sich: Die Investitionskosten einer schlüsselfertigen Agri-PV Anlage inkl. Netzanschlusskosten variieren stark zwischen ~1’100 und 4’000 CHF/kWp abhängig von der Komplexität des Systems und Anforderungen an den Kulturschutz. Zudem fallen Skaleneffekte bei den Investitionskosten ins Gewicht, weswegen wir aus wirtschaftlicher Sicht grössere Flächen ab etwa 1 ha als besonders sinnvoll betrachten.
Abbildung 3 zeigt links die Gestehungskosten inkl. Betriebs- und Unterhaltskosten von 2 Rp./kWh sowie Kapitalkosten (WACC 4.5 %) der untersuchten Flächen für verschiedene Anlagetypen ohne Berücksichtigung von Förderbeiträgen. Diese bewegen sich im Median zwischen 8.9 und 13.5 Rp./kWh, wobei die Kosten bei hochaufgeständerten Anlagen stark streuuen. Rechts in Abbildung 3 sind dieselben Gestehungskosten unter Berücksichtigung einer hohen Einmalvergütung (HEIV) dargestellt. In diesem Fall kann der Median auf 5.9 bis 10.6 Rp./kWh gesenkt werden, wobei sich die Gestehungskosten der meisten Anlagen zwischen 4.5 und 7 Rp./kWh bewegen.
Beim Energieprofil zeigt sich der Zielkonflikt „Winteranteil vs. spezifischer Winterstromertrag“ sehr anschaulich: Ein vertikales System erreicht zwar einen höheren Winteranteil, ein 1-achsiger Tracker kann aber auf derselben Fläche absolut mehr Winterstrom erzeugen, da mehr Leistung auf derselben Fläche installiert werden kann. Bei idealer Ausrichtung in Bezug auf den Jahresertrag werden über das gesamte Jahr im Mittelland spezifische Erträge von 1’100 kWh/kWp (vertikal) bis 1’500 kWh/kWp (2-achsige Tracker) prognostiziert (siehe Abbildung 4). Damit werden die typischen Erträge von PV-Anlagen auf Dachflächen um rund 15 bis 50 % übertroffen (Hostettler & Hekler, 2022, 2023, 2024).
Für die Vermarktung des Stroms sehen wir Hebel über Eigenverbrauch und lokale Gemeinschaftsmodelle (LEG, vZEV) – dort, wo passende Abnehmer existieren. Gleichzeitig können LEG’s und (v)ZEV helfen, Risiken aus schwankenden Rückliefervergütungen abzufedern, wenn Produzenten und Konsumenten Preis und Abnahme vertraglich langfristig regeln.
Aus diesen Vorstudien wird klar: Agri-PV funktioniert – aber es braucht eine standortspezifische Prüfung. Genau deshalb bieten wir landwirtschaftlichen Betrieben eine kompakte Machbarkeitsstudie an.
Projekte und Studien
- Machbarkeitsstudie Agri-Photovoltaik in der Schweizer Landwirtschaft (2022)
- Potentialanalyse zur Agri-Photovoltaik im Kanton Schaffhausen (2023)
- Potenzialabschätzungen für Agri-PV in der Schweizer Landwirtschaft (2024)
- Pilotprojekte Agri-Photovoltaik im Kanton Zürich (2025)
- Praxisleitfaden Agri-PV für die Landwirtschaft (2025)
- Agri-Photovoltaik im Kanton Thurgau : Dokumentation, Methoden und Resultate (2026)
- Kompetenzbooster - Machbarkeitsstudie
Weiterführende Links
- «So steigern schlaue Bauern die Ernte» von Pascal Alius in Perspective Daily (Februar 2026)