Professionell interprofessionell ausbilden
Am 9. September 2026 trafen sich 158 Praxisausbildner:innen, Praktikumsverantwortliche und Dozierende der Ergo- und Physiotherapie an der ZHAW Gesundheit. Im Zentrum stand die Frage, wie interprofessionelles Ausbilden im Praktikumsalltag auch bei knappen Ressourcen gelingen kann.
Im Haus Adeline Favre herrschte eine ausgelassene und zugleich gespannte Atmosphäre, als die 158 Praxisausbildner:innen, Praktikumsverantwortlichen und Dozierenden zum ersten gemeinsamen Praktikumsanlass der Bachelorstudiengänge Ergotherapie und Physiotherapie zusammenkamen. Dass die Veranstaltung in den beiden Studiengängen unterschiedliche Namen trägt – Praktikumstag beziehungsweise Konferenz für Praxisausbildende –, nutzten die beiden Praktikumsverantwortlichen Barbara Laube und Nicole Markwalder als Einstieg ins Thema. Denn gerade Begriffe und gemeinsame Vorstellungen müssen in der interprofessionellen Zusammenarbeit häufig erst geklärt und ausgehandelt werden.
Nach den Informationen aus den Studiengängen (siehe Infobox am Ende des Beitrags) und den Dankesworten an die Organisatorinnen Monique Berger, Annette Haas und Nicole Markwalder richtete sich der Fokus auf die Frage, wie interprofessionelles Ausbilden konkret gestaltet und im Alltag verankert werden kann.
Von der WHO-Empfehlung zum Winterthurer Ausbildungskonzept
Andrea Bärlocher von der Fachstelle Interprofessionelle Lehre und Praxis und Brigitta Spiegel-Steinmann, Co-Studiengangleiterin Ergotherapie, spannten gemeinsam den Bogen von den historischen Wurzeln der Interprofessionalität bis zu ihrer heutigen Umsetzung in der Ausbildung. Ausgehend von den Impulsen der WHO zeigten sie, wie sich interprofessionelle Zusammenarbeit und die dafür notwendigen Kompetenzen zunehmend in internationalen Frameworks und auch in den Schweizer Bildungs- und Gesundheitsstrukturen verankert haben.
Gleichzeitig bleibt die Umsetzung anspruchsvoll: Die Gesundheitsberufe werden in der Schweiz an unterschiedlichen Bildungsinstitutionen – Universitäten, Fachhochschulen und höheren Fachschulen – ausgebildet. Interprofessionelles Lernen erfordert deshalb nicht nur geeignete curriculare Konzepte, sondern auch Kooperation über Institutionsgrenzen hinweg.
Am gemeinsamen, fall- und simulationsbasierten Lernangebot von ZHAW Gesundheit, Universität Luzern und XUND wurde deutlich, wie interprofessionelles Lernen konkret umgesetzt werden kann. Damit solche Erfahrungen nachhaltig wirken, braucht es entsprechende Lerngelegenheiten sowohl an der Hochschule als auch in der Praxis.
Best-Practice-Beispiele
Wie solche Lerngelegenheiten im Praxisalltag aussehen können, zeigten anschliessend mehrere Beispiele aus verschiedenen Institutionen.
Fabienne Valli und Uta Caduff, Bildungsverantwortliche für Physio- und Ergotherapie am Universitätsspital Zürich, stellten unter anderem die interprofessionelle Fallbesprechung vor: Studierende aus Pflege, Ergo- und Physiotherapie, Hebammen, Sozialdienst und Ernährungsberatung sowie Unterassistent besprechen gemeinsam anhand eines Schemas einen aktuellen Fall und entwickeln mögliche Behandlungsansätze.
Imke Büsching knüpfte daran mit verschiedenen Lernsettings für Praktikant:innen in der Rehaklinik Bellikon an. Sie stellte unter anderem ein Einführungsmodul für Ergo- und Physiotherapiestudierende vor und zeigte, welche Faktoren die interprofessionelle Zusammenarbeit fördern – nicht zuletzt die räumliche Nähe.
Dozentin Angelika Echsel brachte ihre langjährige Erfahrung aus der ambulanten Ergotherapie mit Kindern ein. Das Umfeld der Kinder ist vielfältig, die Zahl der beteiligten Personen entsprechend gross – von Logopädie und Schulleitung über Hausärzt:in, Physiotherapie bis hin zu Peers. Echsel zeigte auf, wie sie Studierende dazu ermutigt, sich immer wieder Fragen zu stellen: Wer sind die relevanten Stakeholder? Was muss ich über sie wissen? Wie kann ich mich mit ihnen vernetzen und meine Expertise einbringen?
Podium: Mit wenig Aufwand viel Interprofessionalität
Wie Interprofessionalität mit knappen Ressourcen und hohem Vernetzungsbedarf gelingen kann, stand im Fokus des anschliessenden Podiums. Dabei diskutierten Rahel Fröbel, Dozentin Pflege und Pflegefachfrau an der PUK, Adrian Güttinger, Leiter Therapien Alter und Pflege der Stadt Winterthur und Physiotherapie-Dozent, Imke Büsching, Fachexpertin Ergotherapie der Rehaklinik Bellikon, die frisch diplomierten Physiotherapeutin Sophie Bünter und Ergotherapeutin Michelle Roth, Béatrice Pfister, Fachärztin für Innere Medizin und Leiterin MAS in Physician Associate Skills, sowie Angelika Echsel, Dozentin Ergotherapie.
Die Diskussion zeigte: Für gelebte Interprofessionalität braucht es nicht immer grosse Projekte oder zusätzliche Ressourcen. Oft reichen kleine Gelegenheiten im Arbeitsalltag – etwa sich beim Mittagessen zu einer anderen Berufsgruppe zu setzen, interprofessionelle Rapporte zu ermöglichen oder sich als Student:in selbstständig in den Austausch mit anderen Professionen einzuklinken. Auch räumliche Nähe und eine offene, einladende Kultur können die Zusammenarbeit erleichtern.
Gleichzeitig braucht es Eigeninitiative und den Mut, Fragen zu stellen und bestehende Strukturen zu hinterfragen. Adrian Güttinger brachte es pointiert auf den Punkt: «Gute interprofessionelle Zusammenarbeit rettet Leben.» Und Angelika Echsel ermutigt Studierende, hartnäckig zu sein und sich einzubringen – als Teil ihrer professionellen Identität und der Qualitätssicherung.
Austausch und Workshops
Nach der Verpflegung und Austausch über Mittag konnten die Teilnehmer:innen am Nachmittag an verschiedenen Workshops mitwirken. In den ersten beiden Workshops ging es um das Ausbilden und Beurteilen interprofessioneller Kompetenzen im Praktikum. Dabei befassten sich die Teilnehmenden mit typischen interprofessionellen Praxissituationen und der Frage, wie diese für Ausbildung und Reflexion genutzt werden können. Im zweiten stand im Vordergrund, woran gelingende interprofessionelle Zusammenarbeit erkennbar ist und wie daraus konkrete Beobachtungs- und Beurteilungskriterien für Studierende entstehen können.
Ein besonderer Zugang bot der dritte Workshop «Room of Horror»: Mithilfe einer Virtual-Reality-Brille wechselten die Teilnehmenden die Perspektive und erlebten interprofessionelle Herausforderungen aus dem Praxisalltag unmittelbar. Die anschliessende Reflexion machte unterschiedliche Sichtweisen und Potenziale digitaler Lernformate sichtbar.
Was beschäftigt Praxisausbildende? Um diese Frage drehte sich der vierte Workshop. Er bot Raum für aktuelle Fragen, Herausforderungen und Erfahrungen aus der Ausbildung von Ergo- und Physiotherapiestudierenden. Der gemeinsame Austausch lieferte neue Perspektiven und Impulse für die eigene Ausbildungspraxis.
Rück- und Ausblick
Zum Abschluss zogen die Verantwortlichen eine positive Bilanz des ersten gemeinsamen Praktikumsanlasses. Der Austausch zeigte: Interprofessionelles Ausbilden muss nicht immer aufwendig sein. Oft sind es konkrete Lerngelegenheiten im Arbeitsalltag, die den Unterschied machen – vorausgesetzt, die beteiligten Berufsgruppen begegnen sich auf Augenhöhe und erhalten den Raum, voneinander zu lernen. Auf genau diese Form des gemeinsamen Lernens bezog sich auch Monique Berger, verantwortlich für Konzeption und Organisation des Anlasses:
«Interprofessionalität wurde an diesem Praktikumsanlass nicht nur thematisiert, sondern gelebt. Genau darin liegt sein besonderer Erfolg.»
Ob der Anlass 2027 erneut in dieser Form stattfinden wird, ist derzeit noch offen.
Weiterführende Informationen
Änderungen für neue Bachelorstudierende
Am Praktikumsanlass waren zwei Anpassungen in den Bachelorstudiengängen Thema, die die ZHAW Gesundheit in den nächsten Jahren aufgrund veränderter gesetzlicher Vorgaben umsetzen muss.
Neues Aufnahmeverfahren ab 2027
Neu sind die Bachelorstudiengänge verpflichtet, die persönliche Eignung von Anwärter:innen ohne spezifische Vorbildung im Gesundheitswesen zu prüfen – beispielsweise von Gymnasiast:innen oder KV-Abgänger:innen mit Berufsmaturität. Dazu müssen die Interessent:innen im Rahmen der Online-Anmeldung einen kurzen Eignungstest absolvieren.
Danach folgt für sämtliche Interessent:innen das Selektionsverfahren. Alle Infos zum Aufnahmeverfahren finden Sie hier:
Neue Anforderungen an die Arbeitswelterfahrung ab 2028
Die zweite Änderung betrifft die Arbeitswelterfahrung, die Bachelorstudierende vorweisen müssen – basierend auf Vorgaben des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI). Die Umsetzung in den Studiengängen wird derzeit noch geplant. Sobald alle Auswirkungen bekannt sind, erhalten die Praxispartner:innen entsprechende Informationen.