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Gesundheit

Sterbefasten

Der freiwillige Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit (FVNF) als Entscheidung den Sterbeprozess zu beschleunigen oder das eigene Leben selbstbestimmt vorzeitig zu beenden.

Die Aufnahme von Nahrung und Flüssigkeit ist eine soziale und gesellschaftliche Angelegenheit, in der es nicht allein um die Zufuhr von Essen und Trinken geht, sondern auch darum, sich miteinander zu unterhalten und beisammen zu sein. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass der Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit eine grosse Herausforderung für Angehörige und Gesundheitsfachpersonen darstellt. Verweigert eine Person die Nahrung, muss daher zunächst geklärt werden, welche Gründe hinter diesem Verhalten stehen.

Freiwilliger Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit

Der Freiwillige Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit (FVNF) stellt eine Option dar, den Zeitpunkt des Todes früher herbeizuführen, um unerträgliche Leidenszustände zu beenden. Mit dem FVNF wird die Handlung einer entscheidungsfähigen Person bezeichnet, die selbstbestimmt und autonom die Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme verweigert, mit dem Ziel den Sterbeprozess zu beschleunigen bzw. das eigene Leben vorzeitig zu beenden.

Die Person nimmt dabei keine todbringenden Medikamente zu sich, sondern widersetzt sich dem Verlangen zu essen und zu trinken. Berichte aus der Antike weisen auf eine lange Tradition hin den Zeitpunkt des Todes selbst zu bestimmen und auch im aktuellen Zeitgeist gewinnt die Selbstbestimmung am Lebensende zunehmend an Bedeutung.

Zunehmend rückt diese Handlungsoption in das Bewusstsein der Gesellschaft. In den Medien wird dabei häufig nicht vom „freiwilligen Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit “, sondern vom „Sterbefasten“ gesprochen, da dieser Begriff kürzer und leichter auszusprechen ist. Dies darf jedoch nicht den Eindruck erwecken, dass der Verlauf des Sterbens einfach wäre. Ebenso darf Sterbefasten nicht in den Kontext des Fastens eingeordnet werden, wie es etwa in religiösen oder spirituellen Ritualen praktiziert wird. Denn im Vordergrund steht nicht die körperliche oder seelische Reinigung, sondern die bewusste Entscheidung, das eigene Leben zu beenden.

Zwischen Selbstbestimmung und Abhängigkeit

Zwar ist die Entscheidung zum FVNF ein hochindividueller und autonomer Prozess, im Verlauf des FVNF hingegen ist die Person auf die Unterstützung und Begleitung von Angehörigen und Gesundheitsfachpersonen angewiesen. Zu Beginn wirkt sich der Nahrungsentzug noch nicht wesentlich auf die Person aus. Das aufkommende Hungergefühl wird meist gut toleriert und ist nach einigen Tagen meist nicht mehr zu spüren. Das Durstgefühl wird eher als unangenehm wahrgenommen und bleibt während des ganzen Verlaufs zu spüren. Das regelmässige Befeuchten des Mundes und der Lippen verhindert eine trockene Flora und kann das Durstgefühl ein wenig reduzieren. 

Im Verlauf und mit jedem weiteren Tag, ohne zu essen und zu trinken, wird der Körper der sterbewilligen Person schwächer. In diesem Zustand fällt es der Person immer schwerer sich im Bett aufzusetzen oder die Liegeposition zu verändern und ist auf die Pflege und Begleitung von Angehörigen und Professionellen angewiesen. Aus diesem Grund ist es notwendig, die Begleitung durch Andere im Voraus zu planen. 

Die Intention beim FVNF das Leben beenden zu wollen, grenzt sich massgeblich von anderen Formen der Nahrungs- und Flüssigkeitsverweigerung ab.

Basiskurs Sterbefasten – Wissen für eine kompetente Begleitung

Sterbefasten, der freiwillige Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit wirft komplexe medizinische, pflegerische und ethische Fragen auf. Unser kostenloser Online-Kurs auf openlearnity.ch bietet Fachpersonen und interessierten Personen fundiertes Wissen und aktuelle Diskussionen zu diesem Thema

Der Online-Basiskurs ermöglicht es Gesundheitsfachpersonen, sich fundiertes Wissen über FVNF anzueignen. So können sie eine professionelle Haltung entwickeln und Sterbewillige sowie deren nahestehende Personen kompetent beraten und begleiten. Sterbewillige erhalten die Möglichkeit, das Für und Wider ihrer Entscheidung abzuwägen, während Angehörige ihre Bereitschaft zur Begleitung reflektieren können

Der Zugang zum Massive Open Online Course (MOOC) Basiskurs Sterbefasten ist über nachfolgenden Link möglich:

Online Basiskurs Sterbefasten

Weitere Formen der Nahrungsverweigerung

Die Gründe für Nahrungsverweigerung können vielfältig sein. Es ist wichtig, die Form und die Gründe der Nahrungsverweigerung zu identifizieren, um angemessen darauf zu reagieren. So können psychische Erkrankungen wie Depression, Magersucht oder kognitive Veränderungen zum Beispiel durch eine dementielle Erkrankung zu Grunde liegen. Mit der Folge, dass die Nahrung nicht erkannt, als nicht wichtig erachtet oder sogar als Furcht zuzunehmen verweigert wird. Auch können körperliche Beeinträchtigungen wie Schmerzen im Mundbereich oder Schluckstörungen die Person an der Nahrungsaufnahme hindern.

Durch verschiedene Krankheiten oder durch das hohe Alter bedingt, kann das Verlangen etwas zu essen herabgesetzt sein (Appetitlosigkeit) beziehungsweise magert eine Person trotz Nahrungsaufnahme krankhaft ab, ohne dass es in ihrer Absicht passiert (Kachexie). 

Als besondere Form, soll hier auch der politisch motivierte Hungerstreik genannt werden, um auf Missstände aufmerksam zu machen und die aktuelle Situation zu verbessern. Die Gemeinsamkeit dieser Formen der Nahrungsverweigerung liegt darin, dass es ein Ausdruck einer Krankheit, einer Beeinträchtigung oder einer Haltung ist, jedoch nicht das Ziel angestrebt wird, dass eigene Leben dadurch zu beenden, auch wenn dies durchaus möglich ist

Forschungsschwerpunkte

Um ein vertieftes Wissen über den FVNF zu generieren, erforschen wird das Phänomen über verschiedene Zugangswege. Hierbei werden wir zu einem grossen Teil durch Förderer finanziert und durch viele Schlüsselpersonen unterstützt, die uns den Zugang zu verschiedenen Personen ermöglichen, die wir in unserer Forschung einschliessen. An dieser Stelle bedanken wir uns für die Unterstützung und freuen uns auf weitere gemeinsame Projekte. Aktuell werden nachfolgende Projekte bearbeitet.

Aktuelle Forschungsprojekte

Forschungsprojekt ELiS: Eine Mixed-Methods-Ansatz zur Entwicklung einer patientenzentrierten ethischen Best-Practice-Empfehlung

Das Forschungsprojekt zielt darauf ab, aufzuzeigen, wie FVNF sicher von anderen Formen der Essensverweigerung oder -reduktion unterschieden werden kann und wie Pflegefachpersonen für diese schwierigen Situationen sensibilisiert werden können. Das finale Ergebnis ist eine praxisnahe Empfehlung, die in alle Landessprachen übersetzt wird und die Pflegequalität erhöhen, Konflikte und ethische Dilemmata klären sowie Patient:innen und Angehörige besser schützen soll.

Dieses Projekt schliesst eine wichtige Lücke im Schweizer Gesundheitswesen, indem es medizinische, pflegewissenschaftliche und ethische Sichtweisen verbindet, um konkrete Handlungsempfehlungen für die Praxis zu entwickeln. Damit wird ein neuer Standard für den professionellen Umgang mit FVNF in der Schweiz gesetzt.

Studienteilnehmende gesucht

Sind Sie Pflegefachperson oder Ärzt:in im Langzeitbereich oder in der stationären Palliative Care? Dann laden wir Sie herzlich ein, an unserem Forschungsprojekt ELiS: Eine Mixed-Methods-Ansatz zur Entwicklung einer patientenzentrierten ethischen Best-Practice-Empfehlung mitzuwirken. 

Wie läuft die Teilnahme ab?

  • Online-Fragebogen
  • Interview 

Wer kann teilnehmen?
Pflegende und Ärzt:innen aus dem Langzeitbereich und der stationären Palliative Care.

Wann startet die Befragung?

  • Sommer 2026

Interessiert? 

Melden Sie sich jetzt an und leisten Sie einen wichtigen Beitrag zur Weiterentwicklung der Versorgung in der Schweiz.
Dr. Mirjam Mezger mirjam.mezger@zhaw.ch

Abgeschlossene Forschungsprojekte

Forschungsprojekt VARIED: Vorkommen des FVNF in der Schweiz

In der nationalen Studie wurden schweizweit Pflegedienstleitungen der ambulanten und stationären Langzeitpflege sowie Hausärztinnen und Hausärzte mittels Fragebogen über den Freiwilligen Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit befragt. Ziel war es zu erheben, wie häufig sich Personen entscheiden den Weg des FVNF gehen. Zudem wurden die Erfahrungen der Fachpersonen über den FVNF erfasst. Erste Ergebnisse über den FVNF (englisch: Voluntary Stopping of Eating and Drinking (VSED)) in der Schweizer Langzeitpflege werden im folgenden Video «Swiss survey reveals opportunities, challenges in caring for patiens choosing VSED» präsentiert.

Ebenfalls wurden die Ergebnisse aus der hausärztlichen Befragung veröffentlicht, woraus hervorgeht, dass der FVNF als Option das Leben vorzeitig zu beenden den meisten bekannt ist und rund 43 Prozent der Teilnehmenden haben bereits eine Person auf diesem Weg begleitet. Die Analyse hat ergeben, dass im Jahr 2017 0.7 Prozent aller Todesfälle in der Schweiz auf den FVNF zurückzuführen sind.

Die Teilnehmenden klassifizieren den FVNF üblicherweise als natürlichen Tod (59 Prozent), ein Drittel als Sterbenlassen beziehungsweise als etwas anderes. Während der FVNF häufig mit der hausärztlichen Philosophie vereinbar ist, widerspricht die Option der beruflichen Ethik einiger Teilnehmenden (18 Prozent). Fast alle Teilnehmende empfinden, dass die sterbewillige Person ein Recht auf medizinische und pflegerische Betreuung hat.

In einem weiteren Schritt haben wir die Ergebnisse der drei Zielgruppen (Hausärztin/Hausarzt, ambulante und stationäre Langzeitpflege) miteinander kombiniert und Gruppenvergleiche vorgenommen. Daraus geht hervor, dass die Attribute Alter, Geschlecht, Berufsgruppe oder die Berufserfahrung keinen Einfluss auf das Antwortverhalten der Teilnehmenden hat. Hingegen gibt es signifikante Zusammenhänge, wenn Teilnehmende bereits eine Person beim FVNF begleitet haben und anhand ihres Wohnortes.

Forschungsprojekt FIVE: Einstellungen über FVNF in der Schweiz

In diesem Projekt wurden fünf Gruppeninterviews mit medizinischem und pflegerischem Personal, Mitarbeitenden in Beratungsinstitutionen, Freiwilligen, Seelsorgenden und weitere Personen geführt. Ziel war es ein tieferes Verständnis über den FVNF zu erlangen. So wurde beispielsweise darüber diskutiert, wie in der Öffentlichkeit kommuniziert werden kann und was zu vermeiden ist. Auch wurden die Perspektiven der einzelnen Akteure hinterleuchtet, welche bei einer Begleitung beim FVNF dabei sind. Insbesondere welche Aufgaben die jeweiligen Personen haben und mit welchen Herausforderungen sie konfrontiert werden.

Die Untersuchung verdeutlicht, dass das der FNVF für Fachpersonen im Gesundheitswesen bei der Begleitung Sterbender zunehmend an Bedeutung gewinnt und unmittelbare Konsequenzen für das Schweizer Gesundheitssystem mit sich bringt. Dennoch existieren bislang weder standardisierte Vorgehensweisen noch fallbezogene Richtlinien zur Handhabung dieser Problematik. Sowohl institutionelle Vorgaben als auch fundiertes Fachwissen fehlen weitgehend. Dies führt dazu, dass Menschen, die den Wunsch äußern, durch FVNF zu sterben, oder ohne explizite Ankündigung die Nahrungsaufnahme einstellen, sehr unterschiedlich betreut werden.

Forschungsprojekt: Erfahrungen von Angehörigen, die eine Person beim FVNF begleitet haben

In dieser Studie wurden Angehörige die eine Person beim FVNF begleitet haben interviewt. Die Angehörigen hatten sich motiviert durch einen Fernsehbeitrag gemeldet. Die Interviews wurden in Form von persönlichen oder telefonischen Gesprächen durchgeführt und digital aufgezeichnet. Dabei wurde beispielsweise der Charakter der verstorbenen Person beschrieben, die Gründe, weshalb sich die Person für den FVNF entschieden hat und auch wie sich das Sterben gestaltet hat. Befragt wurden die Angehörigen auch wie die Situation für sie selbst war und was ihnen in der Zeit und darüber hinaus leicht und was schwer gefallen ist. 

Drei Themen waren für die befragten Angehörigen besonders wichtig: 

  1. die Akzeptanz des Sterbewillens,
  2. die Rolle des Fürsprechers / der Fürsprecherin während des Sterbefastens,
  3. die Verarbeitung des Todes mit Sterbefasten.

Die Studie verdeutlicht, dass Angehörige die sich von Fachpersonen und anderen Familienmitgliedern im Stich gelassen fühlten, die Rolle des Fürsprechers übernehmen mussten, um die Selbstbestimmung ihrer Angehörigen zu schützen.

Forschungsprojekt NAFLEX: Nahrungsverweigerung – Erfahrungen von Professionellen

Gegenstand der Studie Nahrungsverweigerung - Erfahrungen von Professionellen (NAFLEX) ist die Befragung von Fachpersonen aus dem onkologischen oder palliativen Bereich zu ihren Erfahrungen im Umgang mit Nahrung und Flüssigkeit. Befragt wurde zum Beispiel welche Assoziationen die Fachpersonen mit dem Slogan «Nahrungsverweigerung – die Lippen bleiben zu» verbinden. 

Es haben insgesamt 350, überwiegend weibliche Fachpersonen an der Befragung teilgenommen, die mit «Nahrungsverweigerung» meist negative Aspekte assoziieren:

Unter die positiven Assoziationen fallen:

Wir empfehlen diese Assoziationen ernst zu nehmen, denn sie bestimmen das Denken und Handeln einer Fachperson und sich die Frage zu stellen, ob es nicht möglich ist, die negativen Assoziationen reduzieren zu können. 

Forschungsprojekt FVNF im Pflegeheim

In dieser Querschnittstudie wurden Einstellungen, Haltungen und Erfahrungen von diplomierten Pflegefachpersonen in den Pflegeheimen der Liechtensteinischen Alters- und Krankenhilfe erhoben. Die Online-Befragung wurde in Kooperation mit der FHS St.Gallen, basierend auf der gekürzten Version des evidenz-basierten standardisierten Fragebogens aus dem Projekt VARIED durchgeführt und deskriptiv ausgewertet.

Die Ergebnisse der Befragung zeigen, dass Pflegende im Pflegeheim nicht selten mit dem Sterbewunsch von Bewohnerinnen und Bewohner konfrontiert werden und auch der Sterbewunsch durch FVNF zunehmend im Pflegeheim vorzukommen scheint. Während den Bewohnerinnen und Bewohnern grundsätzlich eine Begleitung zugesprochen wird und auch die meisten die Begleitung mit ihrer Religion oder Weltanschauung vereinen können, werden deutlich moralische Bedenken geäussert. Die Erkenntnisse sind eine wertvolle Orientierungshilfe für die Entwicklung einer institutionellen Haltung.

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