Familie im Fokus: Impulse vom 4. Symposium Pädiatrie
Die Gesundheit eines Kindes betrifft immer die ganze Familie. Genau diese Perspektive stand im Zentrum des vierten Symposiums Pädiatrie unter dem Titel «Think Family – das Familiensystem in der Begleitung von Kindern und Jugendlichen stärken», durchgeführt von den Instituten für Ergo- und Physiotherapie der ZHAW in Kooperation mit physiopaed.
Gegen 120 Fachpersonen aus Physio- und Ergotherapie sowie der Pflege nutzten die Gelegenheit, sich mit einem Ansatz auseinanderzusetzen, der als state of the art gilt – in der Praxis jedoch noch nicht konsequent umgesetzt wird: der familienzentrierten Begleitung.
Zusammenarbeit mit Familien: selbstverständlich – und doch anspruchsvoll
Sind Kinder betroffen, ist klar: Ohne Eltern, Familie und Umfeld geht es nicht. Gleichzeitig zeigt der Berufsalltag, dass die konkrete Zusammenarbeit oft herausfordernd bleibt. Zeitdruck, komplexe Therapieverläufe und unterschiedliche Rollenverständnisse können zu Missverständnissen führen – mit Auswirkungen auf den Behandlungserfolg.
Das Symposium griff diese Spannungsfelder auf und stellte konkrete Ansätze vor, wie Zusammenarbeit mit Familien bewusst gestaltet und gestärkt werden kann.
Internationale Perspektiven und aktuelle Forschung
Einen zentralen Beitrag lieferte die international bekannte Referentin Marjolijn Ketelaar, die aktuelle Forschungsergebnisse zur Situation von Familien mit Kindern mit besonderen Bedürfnissen präsentierte. Im Fokus standen dabei Herausforderungen wie mentale Belastung und Burnout-Risiken, aber auch schützende Faktoren, die Familien stärken können.
Sie zeigte auf, wie Family Integrated Care Familien konsequent ins Zentrum stellt, Eltern als Expert:innen für ihr Kind anerkennt und auf partnerschaftliche Zusammenarbeit setzt. Gesundheitsfachpersonen übernehmen dabei eine neue Rolle: Sie begleiten, befähigen und stärken Familien aktiv in ihrer Kompetenz.
Strukturierte Dialoge als Grundlage gelingender Zusammenarbeit
Mit Family Systems Care und dem darauf aufbauenden BAIA-Konzept wurde ein praxisnaher, systemischer Dialograhmen vorgestellt. Dieser unterstützt Gesundheitsfachpersonen dabei, Gespräche mit Familien strukturiert und ressourcenorientiert zu führen – entlang der Phasen Beziehungsaufbau, Assessment, Intervention und Abschluss.
Im Zentrum steht dabei ein Perspektivenwechsel: weg von der ausschliesslichen Fokussierung auf das Kind, hin zu einem vertieften Verständnis der gesamten Familiendynamik. Methoden wie das Geno- und Ökogramm helfen, Erfahrungen, Erwartungen und Ressourcen sichtbar zu machen und eine gemeinsame Grundlage für die Zusammenarbeit zu schaffen.
Familienresilienz: Ressourcen erkennen und aktivieren
Ein weiterer Schwerpunkt lag auf dem Konzept der Familienresilienz. Dieses versteht Resilienz nicht als feste Eigenschaft, sondern als dynamischen Prozess innerhalb des Familiensystems.
Der Beitrag zeigte, wie systemische Ansätze Fachpersonen dabei unterstützen können, Familien in ihrer Anpassungsfähigkeit zu stärken. Im Fokus steht dabei die Aktivierung vorhandener Ressourcen sowie die gemeinsame Entwicklung von Zielen und Bewältigungsstrategien. Dieses kann mit der Methodik «Timeline» umgesetzt werden. Dabei visualisiert die Familie mit Texten, Bildern oder Gegenständen auf einem Pfad (z.B. Seil) mit Themen der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und gibt den Therapeut:innen damit wertvolle Informationen über die Ressourcen der Familien.
Parallelveranstaltungen: Vertiefung zentraler Themenfelder
In den Parallelveranstaltungen wurden zentrale Aspekte der familienzentrierten Versorgung praxisnah vertieft:
- Geschwisterkinder im Blick
Geschwister übernehmen wichtige Rollen im Familienalltag und sind gleichzeitig oft wenig sichtbar. Aktuelle Forschung – unter anderem aus dem Schweizer Projekt «Parti-CP» – zeigt sowohl Ressourcen als auch Belastungen dieser Gruppe auf und unterstreicht die Bedeutung ihrer aktiven Einbindung. - Empowering Families
Die Zusammenarbeit zwischen Fachpersonen und Eltern wurde als Schlüssel für eine erfolgreiche Versorgung diskutiert. Anhand konkreter Beispiele wurde aufgezeigt, wie eine ressourcenorientierte Partnerschaft gelingen kann. - Transition begleiten
Der Übergang von der Kinder- in die Erwachsenenmedizin wurde als kritische Phase beleuchtet, die nicht nur junge Menschen, sondern das gesamte Familiensystem betrifft. Kontinuität, Selbstwirksamkeit und interprofessionelle Zusammenarbeit sind dabei zentrale Erfolgsfaktoren. - Coaching als Ansatz in Therapie und Beratung
Coaching wurde als wirksame Form der Kommunikation und Zusammenarbeite vorgestellt, die Familien stärkt und ihre Handlungskompetenz fördert. Ansätze wie COPCA® und Occupational Performance Coaching verdeutlichen den Wandel hin zu einer partnerschaftlichen, empowernden Praxis.
Perspektivwechsel – wie denken Betroffene die Familie?
Den Abschluss des Programms bildete ein Podium, moderiert von Barbara Preusse-Bleuler. Betroffene Eltern, Geschwister und eine Betroffene selbst schilderten eindrucksvoll ihre positiven Erlebnisse mit Therapeut:innen oder dem Schulsystem. Zudem berichteten sie von ihren Herausforderungen und dass es manchmal die kleinen Dinge im Alltag sind, die zu bewältigen und zu organisieren sind. Die wichtigste Botschaft an die anwesenden Therapeut:innen war: «Hört uns, den Betroffenen und den Familien zu!»
Interprofessioneller Austausch und neue Perspektiven
Neben den fachlichen Inputs bot das Symposium vielfältige Möglichkeiten zum interdisziplinären Austausch. Die Teilnehmenden diskutierten Erfahrungen aus der Praxis, reflektierten ihre eigene Rolle und entwickelten neue Perspektiven für die Arbeit mit Familien.
Eine begleitende Ausstellung von Industriepartnern und Sponsoren ergänzte das Programm mit Einblicken in aktuelle Entwicklungen und Innovationen.