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«Pflegen braucht Mut»

Pflegefachpersonen leisten weit mehr als Fürsorge, sie übernehmen Verantwortung, bewältigen Krisen und gestalten die Gesundheitsversorgung aktiv mit. Seit August 2026 leitet Dr. Anna-Barbara Schlüer das Institut für Pflege der ZHAW. Im Interview spricht sie darüber, warum Pflege mutige Menschen braucht, weshalb Pflegende hörbarer werden müssen und was den Beruf für die nächste Generation so attraktiv macht.

Sie haben die Leitung des Instituts für Pflege per August dieses Jahres übernommen. Worauf freuen Sie sich am meisten?

Anna-Barbara Schlüer: Ich freue mich sehr auf meine neue Aufgabe. Das Institut ist aus meiner Sicht sehr gut aufgestellt. Ich erlebe ein engagiertes und produktives Umfeld, in dem bereits heute wichtige Schwerpunkte für die Pflege und die Gesundheitsversorgung gesetzt, weiterentwickelt und gelehrt werden. Es ist ein grosses Privileg, auf diesem starken Fundament aufzubauen und die Zukunft des Instituts mitzugestalten.

Die Pflege hat aber auch mit vielen Herausforderungen zu kämpfen: Spardruck, Fachkräftemangel und demografische Veränderungen – um nur einige zu nennen. Macht Ihnen das Sorgen?

Nach meiner Einschätzung sind das alles Herausforderungen, die uns als Gesellschaft betreffen – das heisst, die Pflegeprofession ist auch davon betroffen, aber nicht ausschliesslich. Wir sollten nicht in eine defensive Haltung kommen und sagen «Wir haben nur Probleme», sondern stärker zeigen, welches Potenzial der Beruf hat und welchen Beitrag Pflegefachpersonen leisten. Gerade in gesellschaftlich herausfordernden Situationen gelingt es Pflegenden in der Regel sehr gut, professionell zu agieren, kreative Lösungen zu entwickeln und dort Verantwortung zu übernehmen, wo es sie braucht.

Wie zuletzt in der Covid-Pandemie?

Genau. In einer Situation, die für die meisten Menschen neu war, haben Pflegende auf der ganzen Welt ihr Berufsethos in den Vordergrund gestellt – sie haben nicht zuerst gefragt, was sollen wir tun und was bekommen wir zurück – sondern sie haben aus Professionalität agiert. Das zeigt für mich, dass Pflege eine sehr krisenresistente und krisenerprobte Profession ist. So war es schon immer. Während andere noch versuchen, das Alte zu bewahren, hat die Pflege längst Lösungen geschaffen – zum Beispiel neue Berufsprofile wie die Rolle der Nurse Practitioner, die sich aus dem Veränderungsbedarf heraus entwickelt hat. 

Diese Kreativität und Lösungsorientierung, die Sie ansprechen: Ist die charakterlich bedingt oder lernen das Studierende im Studium?

Schlussendlich ist es immer ein Sowohl-als-auch. Was man sicher sagen kann: Pflegen braucht Mut. Menschen in einer gesundheitlichen Ausnahmesituation können oftmals ihre eigenen Reaktionen nicht mehr steuern. Die Pflegenden kommen ihnen zur Hilfe, sie stehen ihnen Tag und Nacht zur Seite, befähigen und begleiten sie und berühren sie in äusserst herausfordernden Situationen. Sich so nahe auf Menschen in Krisensituationen einzulassen, braucht unglaublich viel Mut. Diese Bereitschaft müssen Pflegefachpersonen mitbringen. 

Gleichzeitig lassen sich Kreativität und Lösungsorientierung erlernen und entwickeln. Sie beruhen auf einem professionellen Fundament: auf Konzepten, Theorien und evidenzbasiertem Wissen, die sich über Jahrhunderte entwickelt haben und die wir an der ZHAW lehren.

Die aktuell rekordhohen Anmeldezahlen für den Bachelor-Studiengang Pflege zeigen, dass es offenbar viele mutige junge Leute gibt. Oder wie erklären Sie sich diesen Boom?

Ich glaube, die Generation junger Menschen, die am Anfang ihrer beruflichen Laufbahn steht, möchte eine Tätigkeit ausüben, die eine Sinnhaftigkeit und einen erkennbaren Wert mit sich bringt. Gleichzeitig haben wir es mit sehr gut informierten jungen Leuten zu tun, die Vor- und Nachteile abwägen und keine blauäugigen Entscheidungen treffen. Ich bin selbst Mutter von vier Teenager-Mädchen. Zwei von ihnen haben bewusst den Weg in eine pflegerische Berufsrichtung gestartet, trotz unregelmässigen Arbeitszeiten und dem Wissen, dass es streng ist und herausfordernde Situationen geben wird. 

Warum? Was macht den Beruf so spannend?

Pflege ist einfach der coolste Beruf, den es gibt (lacht). Dass dieser Beruf Herausforderungen mit sich bringt, liegt in der Natur der Sache. Gerade darin liegt aber auch sein Potenzial und sein hoher gesellschaftlicher Wert. Pflege ist ein zentraler Bestandteil einer funktionierenden Gesundheitsversorgung. Natürlich braucht es dafür viele verschiedene Professionen, die zusammenarbeiten. Aber ohne Pflege würde das System nicht funktionieren. Menschen gehen ins Spital, weil sie ein gesundheitliches Problem haben. Sie haben dort vielleicht eine Intervention; brauchen eine Behandlung, Medikamente oder eine Operation. Pflege trägt entscheidend dazu bei, dass diese Behandlungen erfolgreich sind und Menschen wieder in ihren Alltag zurückfinden.

Die Akademisierung der Pflege wird immer wieder intensiv diskutiert. Welche Rolle sollen Hochschulen künftig in der Ausbildung der Pflegenden spielen?

Grundsätzlich ist die Akademisierung der Pflege ein bildungspolitischer Entscheid. Hochschulen haben den Auftrag, wissenschaftlich fundierte Kompetenzen zu vermitteln und jene Rollen weiterzuentwickeln, die mit Bachelor-, Master- und Weiterbildungsabschlüssen verbunden sind. Gleichzeitig bin ich überzeugt, dass es in der Pflege verschiedene Bildungswege braucht. Es geht nicht um ein Entweder-oder, sondern darum, die richtigen Kompetenzen am richtigen Ort und zum richtigen Zeitpunkt zu vermitteln. Auch aus persönlicher Erfahrung weiss ich, dass nicht alle Menschen ihr Potenzial über den gleichen Bildungsweg entfalten können. Manche entwickeln ihre Stärken zunächst in der Praxis und gewinnen dort die Selbstwirksamkeit, die später auch ein Studium ermöglicht – das war übrigens auch mein Weg. Genau deshalb braucht es die FaGe EFZ mit der beruflichen Grundbildung, die Pflege HF und auch die Hochschulen: Sie ergänzen sich und eröffnen unterschiedlichen Menschen den Zugang zur Profession.

Sie sprechen die Kompetenzen auf den verschiedenen Bildungsstufen an. Welchen Schwerpunkt sollte die Hochschule in der Ausbildung setzen? Und wo gibt es noch Verbesserungspotenzial?

Aufholbedarf sehe ich darin, dass Pflegende ihre klinische Einschätzung und ihr Handeln noch stärker fachlich begründen und kommunizieren können. Das ist die Aufgabe der Hochschule. Die Studierenden müssen lernen, eine Situation kompetent einzuschätzen und in eine professionelle Sprache zu übersetzen, die ihnen die Legitimation gibt, eine elementare Rolle in der Gesundheitsversorgung zu spielen und dafür auch ernst genommen zu werden. Dort sehe ich momentan noch die grösste Lücke. 

Das müssen Sie erklären.

In meiner bisherigen Arbeit als Nurse Practitioner mit psychisch kranken Kindern und Jugendlichen war eine zentrale Kompetenz meiner Arbeit, in einer kurzen Begegnung eine Situation professionell einzuschätzen: Hat ein Kind Angst? Verweigert es sich? Ist es erschöpft oder dehydriert? Diese Fähigkeit – ein klinisches Assessment durchzuführen, Beobachtungen einzuordnen und daraus die richtigen pflegerischen Interventionen abzuleiten – muss an der Hochschule gelernt werden. Dabei geht es nicht nur um evidenzbasiertes Wissen, sondern auch um die Fähigkeit, diese Einschätzung in eine professionelle und adäquate Sprache zu übersetzen. Pflegefachpersonen müssen ihre Beobachtungen gegenüber anderen Berufsgruppen nachvollziehbar ausdrücken können, damit sie gehört und verstanden werden. Gleichzeitig müssen sie auch mit Kindern und Jugendlichen altersgerecht und vertrauensvoll kommunizieren können. In diesem Punkt sehe ich noch Entwicklungspotenzial.

Ist das auch ein Thema, das die Pflege gegenüber der Öffentlichkeit und Politik noch besser machen könnte? Man liest immer wieder, die Pflege müsse sichtbarer werden.

Unbedingt. Sichtbarkeit entsteht nicht nur dadurch, dass wir über Pflege sprechen, sondern dadurch, dass wir als Pflegefachpersonen benennen können, was wir sehen, einschätzen und tun. Insofern müssen wir nicht nur sichtbarer, sondern vielmehr auch kompetent hörbarer werden. Man sagt oft, Pflege sei eine Tätigkeit, bei der man den Wert im ökonomischen System nicht abbilden könne, weil vieles über Nähe, übers Dasein und über «Caring» laufe. Aber wenn ich das Verhalten einer Person bewusst einschätze und daraus eine Intervention ableite, die auf einem pflegerischen theoretischen Konzept basiert, entsteht ein konkreter Wert, der sich sehr wohl im Gesundheitssystem abbilden lässt. Sei es, dass ich bei einem Menschen mit Angst bewusst Distanz wahre oder Vertrauen schaffe – oder sei es, dass ich einer dehydrierten Person ein Glas Wasser bringe. Wenn wir unsere Sprache aber nicht nutzen, um dieses professionelle Handeln sichtbar zu machen, werden wir nicht gehört und geraten in Vergessenheit. Darum reicht es nicht, sichtbar zu sein. Wir müssen uns auch mutig und professionell einbringen. 

Gibt es weitere Schwerpunkte, die Sie in den kommenden Jahren in Forschung und Lehre setzen möchten?

Ein zentraler Schwerpunkt wird sein, die Pflege kontinuierlich an den zukünftigen Bedarf der Gesundheitsversorgung anzupassen. Die Gesellschaft ist in einem konstanten Wandel – deshalb müssen auch wir uns wandeln. So abgedroschen, wie das vielleicht klingt. Wir müssen uns fragen: Was sind das für Menschen, die in dreissig Jahren Pflege brauchen werden und welche Kompetenzen sind dafür gefragt? Das müssen wir heute antizipieren und unsere Bildungsangebote entsprechend weiterentwickeln. 

Ein zweiter Schwerpunkt ist, den Wert professioneller Pflege gesellschaftlich, ökonomisch und berufspolitisch zu benennen. Denn was wir klar benennen können, können wir auch selbstbewusst einbringen und vertreten.

Und drittens möchte ich dazu beitragen, jungen Menschen die lustvolle Seite des Berufs näherzubringen. Pflege ist ein kreativer und sehr vielseitiger Beruf. Und Pflegende sind keine Opfer – das waren wir noch nie. Es ist mir sehr wichtig, dass wir nicht nur über Belastungen und Probleme sprechen, sondern auch über das Potenzial und die «Coolness», die der Beruf mit sich bringt. 

Zur Person

Anna-Barbara Schlüer ist gelernte Pflegefachfrau (Kinder-, Wochenbett- und Säuglingspflege) und eine der ersten Pflegeexpertinnen APN der Schweiz. Sie verfügt über einen Master und einen PhD in Pflegewissenschaft der Universität Maastricht (NL) sowie einen Executive MBA in General Management mit Schwerpunkt «Digital Transformation» der Universität Zürich.

Beruflich war sie unter anderem am Kinderspital Zürich tätig, wo sie die Klinische Pflegewissenschaft leitete. Sie engagiert sich in verschiedenen nationalen Fachgremien, unter anderem als Co-Vorsitzende der Allianz Pädiatrische Pflege Schweiz.

Seit September 2024 ist Anna-Barbara Schlüer an der ZHAW als Co-Modul-Leiterin im Master of Science Pflege mit Schwerpunkt Nurse Practitioner Pädiatrie tätig. Per August 2026 hat sie die Leitung des Instituts für Pflege übernommen. Zu ihren Forschungsgebieten gehören die Dekubitusprävention bei Kindern, die Entwicklung innovativer Medizinprodukte sowie das Family Management bei Kindern mit seltenen Erkrankungen.