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Gesundheit

«Ich wünsche mir, dass diese Selbstverzwergung von uns überwunden wird.»

Pflege ist viel mehr als ein Beruf im Hintergrund – sie ist ein zentraler Pfeiler des Gesundheitssystems. Zum internationalen Tag der Pflege am 12. Mai spricht Prof. Dr. André Fringer, Co-Leiter MSc Pflege sowie Forschung und Entwicklung Pflege an der ZHAW, über den Wandel der Pflege, ihre oft unterschätzte Bedeutung und darüber, warum es jetzt neue Rahmenbedingungen braucht, damit der Beruf sein volles Potenzial entfalten kann.

André Fringer, heute ist der internationale Tag der Pflege. Was geht Ihnen da durch den Kopf?

Ehrlich gesagt: Stolz. Grosser Stolz auf das, was Pflege täglich leistet, oft im Verborgenen, aber mit einer Wirkung, die weit über das Offensichtliche hinausgeht. 

Pflege zählt international zu den Berufen mit dem höchsten Vertrauen in der Bevölkerung – in vielen Ländern ist es der vertrauenswürdigste Beruf schlechthin. Pflege ist wirksam, zweckmässig und ein zentraler wirtschaftlicher Faktor. Und sie zählt zu den nachhaltigsten und krisensichersten Berufen überhaupt, die weder KI noch Robotik in absehbarer Zukunft ersetzen können. 

Gleichzeitig macht es mich nachdenklich, dass die Schweizer Bevölkerung diesen Stolz nur bedingt teilt. Das hat verschiedene Gründe und liegt auch an uns selbst: Wir zeigen uns zu wenig und erklären zu wenig, was Pflege ist und kann.

Wo besteht denn noch Aufklärungsbedarf?

Viele wissen nicht, dass Pflege seit den 1930er Jahren in den USA ein akademischer Beruf auf Masterniveau ist. Und noch weniger wissen, dass Pflegende bis zum Masterabschluss einen längeren Ausbildungsweg hinter sich haben als die meisten anderen Berufsgruppen. Das hat einen einfachen Grund: Pflege ist überlebensnotwendig.

Denken Sie nur an das Unglück von Crans Montana: Pflege ist dort präsent, wo andere Gesundheitsberufe aussteigen. Pflegende tragen viel mit und erleiden viel mit. Das verdient höchste Anerkennung.

Gleichzeitig ist vielen auch nicht bewusst, wie gross die Bandbreite des Pflegeberufs ist: Von der Fachfrau Gesundheit über die Höhere Fachausbildung in Pflege, den Bachelor in Pflege bis hin zum Master in Advanced Practice Nursing. Diese Abschlüsse sind nicht hierarchisch zu verstehen, sondern als unterschiedliche Kompetenzen für unterschiedliche Versorgungsbedarfe.

Was hat sich über die letzten Jahre im Pflegeberuf verändert?

Der wohl bedeutendste Wandel ist die zunehmende Diversifizierung des Berufs durch neue, spezialisierte Rollen, die schrittweise entstanden sind und die Pflege grundlegend weiterentwickelt haben.

International entstand vor über 60 Jahren die Rolle der Advanced Practice Nurse, einer Pflegefachperson auf Masterniveau, die hochautonom, reflektiert und systemoptimierend eingesetzt werden kann. Das war ein Meilenstein, der vor 20 Jahren auch die Schweiz erreicht hat.

Vor über 10 Jahren etablierte sich die Clinical Nurse Specialist in der Schweiz. Diese Rolle ist im klinischen Umfeld auf systemischer Ebene tätig: Sie nimmt eine Art Dialog- und Übersetzungsfunktion ein, sichert Qualität, initiiert und führt Projekte durch und gewährleistet den Wissenstransfer aus der Forschung in die Praxis.

Seit knapp 10 Jahren hat sich zudem die Rolle der Nurse Practitioner hierzulande etabliert. Sie bringt vertiefte Kompetenzen in Pharmakologie, physischer Untersuchung und Pathophysiologie ein und schliesst im Graubereich der ärztlich-pflegerischen Schnittmenge reale Lücken in der Versorgung. Inzwischen arbeiten viele Absolventinnen und Absolventen in Hausarztpraxen, weil sich gerade in der Grundversorgung immer weitere Versorgungslücken auftun.

Heisst das, Pflegende werden zunehmend zu Ärzt:innen?

Nein, das ist ein verbreitetes Missverständnis. Nurse Practitioners und auch Clinical Nurse Specialists ersetzen keine Ärztinnen und Ärzte. Aufgrund ihrer ganzheitlichen Sicht auf die Patientinnen und Patienten sowie ihrer systemischen Herangehensweise leisten sie eine ergänzende, vertiefende und erweiternde Versorgung, sehr patientennah. Die landläufige Vorstellung, akademische Pflege entferne sich von den Patientinnen und Patienten, ist falsch – das lässt sich international klar belegen.

Der Pflegeberuf hat sich verändert. Er ist gewachsen. Und er muss weiter wachsen.

Welche Rahmenbedingungen wären dafür nötig?

Auf politischer Ebene werden derzeit Regeln zur Kompetenzerweiterung entwickelt und das Gesundheitsberufegesetz angepasst. Das sind wichtige Schritte, aber sie greifen zu kurz, wenn wir nicht gleichzeitig die grundlegende Haltung gegenüber Pflege verändern. 

Heute wird Pflege politisch und ökonomisch noch zu oft primär als Kostenfaktor betrachtet. Das ist verständlich aus einer kurzfristigen Budgetlogik heraus – bei rund 160'000 Berufsangehörigen wirken schon kleine Einsparungen pro Person schnell gross. Aber diese Sicht ist trügerisch. Denn ohne eine starke, gut ausgebildete Pflege und ohne einen funktionierenden Skill-Grade-Mix steigen die Gesamtkosten im System langfristig deutlich an. Das ist international gut belegt.

Was es deshalb wirklich braucht, ist ein Umdenken: Investitionen in Pflege, sowohl auf Forschungsebene als auch direkt ins Personal, zahlen sich aus. Jeder eingesetzte Franken kommt als Gewinn zurück. Zufriedene Pflegende sparen massiv Kosten und sind ein entscheidender wirtschaftlicher Faktor. Spitäler, die durch Sparmassnahmen oder irrationale Personalentscheide ihre Pflegenden verlieren, riskieren einen massiven Reputationsschaden. Denn das Vertrauen der Bevölkerung in ein Spital beginnt immer bei der Pflege – nicht bei der Spitzenmedizin. Sie können den besten internationalen Chirurgen verpflichten. Ohne hochkompetente Pflegende bringt Ihnen diese Koryphäe nichts. Ärztinnen und Ärzte retten Leben. Pflegende sichern das Überleben. Das ist kein Widerspruch, das ist eine Ergänzung.

Wie sieht es mit dem Thema Fachkräftemangel aus?

Der Pflegenotstand bleibt eine zentrale Herausforderung. Die Alterung der Gesellschaft, die zunehmende Individualisierung von Krankheitsverläufen, die wachsende Komplexität der Versorgung und die steigende Zahl sterbender Menschen, all das sind Entwicklungen, die sehr gut ausgebildete Pflegefachpersonen nicht nur wünschenswert, sondern schlicht notwendig machen.

Derzeit sind um die 17'000 Stellen in der Pflege offen, die Dunkelziffer liegt höher. Was fehlt, ist ein strukturiertes, proaktives Vorgehen statt reaktives Feuerlöschen.

Das mittlere Management und das Kader vieler Einrichtungen müssen den Mehrwert einer guten Ausbildung und gezielter Karrierepfade noch viel stärker anerkennen. Das betrifft weniger die kantonalen und universitären Spitäler als vielmehr die regionalen Gesundheitsanbieter und Krankenhäuser in der Peripherie. Dort besteht der grösste Nachholbedarf.

Was können wir vonseiten ZHAW konkret tun, um diesen Herausforderungen zu begegnen?

Unser wichtigster Auftrag ist, dieses Wissen in die Gesellschaft zu tragen und Pflegende sichtbarer zu machen. Unsere Studierenden auf Bachelor- und Masterstufe müssen lernen, ihre Arbeit klar zu erklären: Was tun sie? Warum tun sie es? Und welche Wirkung hat es? Nur was benannt werden kann, kann auch gemessen, weiterentwickelt und politisch vertreten werden. Das ist unsere Aufgabe. Daran arbeiten wir bereits – aber wir müssen noch lauter werden.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Pflege?

Ich wünsche mir, dass wir erkennen: Gendergerechtigkeit beginnt nicht beim Individuum; sie manifestiert sich vor allem auf Professionsebene.

Wir diskutieren in der Gesellschaft über gleiche Löhne für Frauen und Männer, über gerechte Karrierepfade, über Gleichberechtigung. Und doch hinkt die Realität bis heute weit hinter diesen Ansprüchen her. Pflege ist ein primär weiblich geprägter Beruf, und genau hier wird systemische Ungerechtigkeit besonders deutlich sichtbar. Das ist kein Zufall, sondern System. Und deshalb ist mein grösster Wunsch dieser: Dass die Pflege als schlafender Riese endlich erwacht. Mit rund 160'000 Berufsangehörigen ist die Pflege eine der grössten Berufsgruppen der Schweiz. Diese schiere Grösse, kombiniert mit der gesellschaftlichen Verankerung und der unbestrittenen Systemrelevanz, ist eine enorme Kraft, die bislang viel zu wenig genutzt wird, weil Pflege sich zu oft selbst relativiert.

Ich wünsche mir, dass diese «Selbstverzwergung» von uns überwunden wird. Dass Pflege ihre Bedeutung nicht nur kennt, sondern sie auch bewusst und gezielt einsetzt, politisch, gesellschaftlich, strukturell. So wie es die Landwirtschaftslobby seit Jahrzehnten vorlebt: mit einer klaren Stimme, mit Geschlossenheit und mit dem Willen, Einfluss zu nehmen. Pflege hat alles, was dafür nötig wäre. Was noch fehlt, ist der kollektive Mut, es auch zu tun.