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Gesundheit

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Ethik der Gesundheitsberufe: Im Spannungsfeld von therapeutischer Beziehungsgestaltung und neuen Technologien

Technologien verändern das Gesundheitswesen rasant. Doch welche Rolle spielen menschliche Zuwendung, Empathie und therapeutische Beziehungen in einer zunehmend digitalisierten Versorgung? Darüber sprach der renommierte Medizinethiker Prof. Dr. med. Giovanni Maio an der After Work Lecture (AWOL) des Departements Gesundheit der ZHAW.

Rund 70 Personen fanden sich am 17. Juni 2026 am Departement Gesundheit ein, um den Vortrag des bekannten Philosophen und Mediziners der Universität Freiburg, Prof. Dr. med. Giovanni Maio, zu hören. Mit seinem 2024 erschienenen Buch «Ethik der Verletzlichkeit» vertritt er die These, dass Verletzlichkeit keine Schwäche oder Ausnahmeerscheinung, sondern eine grundlegende Bedingung menschlichen Lebens ist.

«Der Mensch ist nur durch andere Menschen zu dem geworden, was er ist», sagte Maio. Diese Abhängigkeit von anderen werde in modernen Gesellschaften jedoch oft verdrängt. Krankheit oder Unfall könnten deshalb zu einem tiefen Bruch im Selbstverständnis führen, wenn der Körper plötzlich nicht mehr so funktioniere wie zuvor. Genau hier sieht Maio die besondere Bedeutung der Gesundheitsberufe: Sie begleiten Menschen dabei, Verlusterfahrungen zu bewältigen und neue Perspektiven für ein gutes Leben zu entwickeln. Auch wenn körperliche Einschränkungen bestehen bleiben, können neue Lebenskonzepte entstehen – vorausgesetzt, Betroffene erfahren Zuwendung, Unterstützung und Hoffnung.

Nicht die Technik ist das Problem

In der anschliessenden Podiumsdiskussion beleuchteten Dr. Tobias Eichinger (UZH), PD Dr. Melanie Werren (ZHAW), Frank Clasemann, Anja Hinteregger (ZHAW), Martin Huber (ZHAW) und Prof. Dr. Andrea Glässel (ZHAW) zusammen mit Prof. Maio die Rolle neuer Technologien im Gesundheitswesen aus unterschiedlichen Perspektiven.

Auf die Frage, ob technologische Entwicklungen die therapeutische Beziehung gefährden oder stärken, antwortete Maio: «Wir haben es in der Hand. Nicht die Technik ist das Problem, sondern wie wir Menschen damit umgehen.» Der Mensch müsse der souveräne Gestalter der Technik bleiben und dürfe sich nicht von ihr beherrschen lassen. Das Freiheitsversprechen technologischer Innovationen könne sich rasch ins Gegenteil verkehren, wenn aus neuen Möglichkeiten neue Zwänge entstünden.

Ein weiterer Diskussionspunkt betraf die Auswirkungen technologischer Entwicklungen auf die Gesundheitsberufe selbst. Gesundheitsfachpersonen würden sich in den dokumentierten Leistungen oft nicht wiederfinden, weil sich zentrale Elemente der Beziehungsarbeit nicht abbilden liessen – so die Kritik.

Maio stimmte dieser Beobachtung zu: «Unsere Gesellschaft neigt dazu, Leistungen des Gesundheitsfachpersonals einseitig zu sehen und Kernleistungen zu übersehen», sagte er. Was sich nicht messen oder numerisch erfassen lasse, gerate leicht aus dem Blick und könne zu Frustration führen. Maio plädierte deshalb für eine Neubewertung professioneller Leistungen und für einen stärkeren Fokus auf zwischenmenschliche Interaktionen statt ausschliesslich auf messbare Handlungen: «Wir leben in einer Zeit, in der wir eine Potenzierung der Aktionen und eine Ausblendung der Interaktionen haben – und das ist im Grunde der falsche Film.»

Zum Abschluss richtete die Gesprächsrunde den Blick auf die Perspektive der Patient:innen. Oft werde Diagnosen, die durch Maschinen bestätigt wurden, mehr Vertrauen geschenkt als solchen, die ausschliesslich von Gesundheitsfachpersonen gestellt wurden.

Für Maio verdeutlicht dies eine grundlegende Entwicklung: «Wir leben in einem Gesundheitssystem, das sich aus Objektivitäten speist, gepaart mit einer Abwertung des Subjektiven.» Das System richte den Blick vor allem auf Befunde und ignoriere dabei das Befinden. Dabei lasse sich nur ein Teil der Wirklichkeit in Zahlen und Daten erfassen. Ebenso wichtig seien Menschen, die zuhören, verstehen und ernst nehmen, was andere erleben. Genau darin liege der unverzichtbare Wert der Gesundheitsberufe – ein Wert, den weder künstliche Intelligenz noch Maschinen je ersetzen könnten.

Im Anschluss an die vom DHDLL – Digital Health Design Living Lab finanzierte Veranstaltung bot ein Apéro Gelegenheit, die diskutierten Themen zu vertiefen und die zahlreichen Denkanstösse weiterzuführen.

Herzlichen Dank allen Referierenden und Gästen für ihre Teilnahme sowie an Prof. Dr. Andrea Glässel (Institut für Public Health) und Martin Huber (Institut für Physiotherapie) für die Organisation und Moderation der Veranstaltung.