Zukunft gestalten: Die Rolle von Future Skills in der interprofessionellen Gesundheitslehre
Die Anforderungen an das Gesundheitswesen wandeln sich rasant. Um diesen Wandel aktiv mitzugestalten, rücken sogenannte «Future Skills» immer stärker in den Fokus unserer pädagogisch-didaktischen Überlegungen.
Future Skills sind nicht nur trendy, sondern auch nötig? «No Future Skills, no Future», könnte man einstweilen fast denken. «The Future Skills Turn in higher education» wird unter anderem von dem Bildungsforscher Ulf-Daniel Ehlers gefordert.
Warum brauchen wir Future Skills?
Komplexe globale Herausforderungen wie der Klimawandel, soziale Ungerechtigkeit und wirtschaftliche Probleme und eine hohe Fragmentierung in der Gesundheitsversorgung lassen sich nicht allein mit fachlicher Expertise bewältigen, sondern verlangen die Entwicklung ganzheitlicher, handlungsorientierter Kompetenzen – sogenannter Future Skills.
Was verbirgt sich hinter diesem Begriff, und warum werden sie für die interprofessionelle Zusammenarbeit so entscheidend?
Was sind Future Skills?
Future Skills sind mit bestehenden Kompetenzrastern vereinbar, gehen aber weit darüber hinaus. Sie erweitern nicht nur vorhandene Kompetenzen, sondern fügen neue, tiefgreifende Elemente hinzu, die Individuen, Institutionen, Arbeitswelt und Gesellschaft betreffen. Sie reflektieren sich selbst kritisch, weil Zukunft unvorhersehbar ist. Und: Man braucht Future Skills nicht erst morgen – sie wirken bereits heute und hatten auch früher Relevanz, wenn auch ohne die heutige Bezeichnung und Dynamik.
Nach Ehlers werden Future Skills als Kompetenzen definiert, die es Individuen ermöglichen, in hochgradig emergenten Organisations- und Praxiskontexten selbstorganisiert (erfolgreich) zu handeln. Es geht um die Fähigkeit, komplexe Probleme in unvorhersehbaren Situationen zu lösen. Durch den Erwerb von essenziellen Verhaltensdispositionen sollen Studierende komplexe Herausforderungen in ihrer persönlichen Lebenswelt und ihren beruflichen und sozialen Kontexten bewältigen. Dies unter den herausfordernden Bedingungen einer gegenwartsbezogenen Zunahme an Dynamik in (fast) allen Prozessen.
Damit geht es auch um ein neues Verständnis von Hochschullehre. Netzwerkbildung vor Wissensvermittlung, vom Lehren zum gemeinsamen Lernen, ein erneutes pädagogisches Shifting. Future Skills fordern eine Kulturveränderung. Einen Paradigmenwechsel weg von «was kann gemessen werden» hin zu «was können wir während und vom Assessment lernen», um dadurch die persönliche und die professionelle Entwicklung der Studierenden wertvoll und zukunftsbezogen zu unterstützen. Für Gesundheitsfachberufe heisst das: mehr reflexions-, situations- und erfahrungsbasiertes Lernen; Lehrende wandeln sich zu Lernbegleitenden.
Als Kompetenzrahmen lehnen wir uns an das Modell von Ehlers an. Er strukturiert die zu erwerbenden Handlungsdispositionen in seinem Triple-Helix-Modell:
- Individuell-entwicklungsbezogene Kompetenzen: Die Fähigkeit zur Selbstreflexion und zum lebenslangen Lernen als bisher bekanntes Lernkonzept.
- Individuell-objektbezogene Kompetenzen: Der kreative Umgang mit neuen Aufgabenstellungen und Technologien.
- Individuell-organisationsbezogene Kompetenzen: Die Fähigkeit zur Ko-Kreation und Zusammenarbeit in sozialen Systemen.
Und wie beeinflussen diese Future Skills die interprofessionellen Kompetenzen und die interprofessionelle Zusammenarbeit?
Future Skills und Interprofessionelle Lehre in a Nutshell
- Future Skills sind Kompetenzen für selbstorganisiertes, reflektiertes Handeln in komplexen und unvorhersehbaren Kontexten – sie gehen über Fachwissen hinaus und befähigen zur aktiven Gestaltung von Wandel.
- Sie erweitern bestehende Kompetenzmodelle, indem sie individuelle Entwicklung, kreativen Umgang mit neuen Aufgaben und Technologien sowie ko-kreative Zusammenarbeit in Organisationen verbinden.
- Für die interprofessionelle Lehre sind sie zentral, weil komplexe Gesundheitsfragen nur durch Teamfähigkeit, Perspektivenwechsel, Ambiguitätstoleranz und gemeinsame Problemlösung bewältigt werden können.
- Didaktisch bedeuten Future Skills einen Paradigmenwechsel in der Hochschullehre: weg von reiner Wissensvermittlung und «Assessment of Learning» hin zu Ermöglichungsräumen, Netzwerkbildung und «Assessment as Learning».
- Future Skills stärken damit nicht nur die professionelle Handlungskompetenz Studierender, sondern fördern eine werteorientierte, transformative Zusammenarbeit im vernetzten Gesundheits- und Bildungssystem.
Bedeutung für die Interprofessionelle Lehre und Praxis (IPLP)
In der Ausbildung von Gesundheitsberufen stossen rein fachspezifische Ansätze oft an ihre Grenzen, wenn es darum geht, die Lücke zwischen einer aktuellen Herausforderung und einer gemeinschaftlichen Lösung zu schliessen beispielsweise als Anforderung in Zeiten des Fachkräftemangels. Hier setzen Future Skills als notwendiges Bindeglied an: Im Unterschied zu bestehenden interprofessionellen Kompetenzen, die vor allem Rollenklärung und Zusammenarbeit im Bekannten stärken, befähigen Future Skills Gesundheitsfachberufe, unter Unsicherheit gemeinsam Neues zu entwickeln.
Interprofessionelle Kompetenzen fordern und fördern:
- Lösung komplexer Aufgaben: Viele Aufgaben im Gesundheitswesen sind gemeinschaftlicher Natur und finden sich in einer Art Co-Produktion wieder, wenn es um die Versorgung von Bedürfnissen und Bedarfen von Patient:innen/Klient:innen geht. Kompetenzen wie Team-, Kommunikations- und Ko-Kreationsfähigkeit ermöglichen es, über die Grenzen der eigenen Profession hinaus wirksam zusammenzuarbeiten. In der interprofessionellen Lehre durchaus vertraute und bekannte Kompetenzfelder, die hier ihre Anschlussfähigkeit an die Future Skills finden.
- Perspektivwechsel und Ambiguität: Die interprofessionelle Lehre erfordert die Fähigkeit, andere Sichtweisen zu verstehen und mit Unsicherheiten umzugehen. Diese «Ambiguitätskompetenz» ist essenziell, um in inter- und multiprofessionellen Teams konsensbasierte Lösungen für Patient:innen/Klient:innen zu finden. Future Skills nutzen spielerisch diese inne liegenden kreativen Potentiale.
- Werteorientierung: Future Skills basieren auf der Reflexion eigener Werthaltungen, was eine ethisch fundierte Zusammenarbeit der verschiedenen Berufsgruppen unterstützt, wie wir das auch aus der interprofessionellen Lehre und Zusammenarbeit kennen und versuchen vorzuleben.
Aktuelles Praxis-Beispiel IPLP
- Praxisbeispiele der «Projektwerkstatt» im Bachelorstudiengang Ergotherapie (ZHAW) zeigen dieses kreative Potential sehr konkret: Aus Bedarfserhebungen mit Klient:innen, Fachpersonen und Praxispartnern entstehen ein Gruppenkonzept nach komplexer Handverletzung; Strategien und ein Werbevideo für «Radeln ohne Alter» sowie eine Sensibilisierungskampagne der Anonymen Alkoholiker mit Prototyp und Kurzfilm.
Hier wird ein Mehrwert der Future Skills sichtbar: Studierende nutzen Lernmethoden wie Design Thinking, Prototyping und kreative Medien, um aus offenen Problemen adressatengerechte Lösungen zu entwickeln – bis hin zu Flyer, Video, Kampagnen oder einem Businessplan für eine ambulante Tagesstruktur bei Schulabsentismus.
Fazit für das Lernen für künftige Lehre
Bei der Konzeption unserer Lehrformate bedeutet dies einen Shift: Weg von der reinen Wissensvermittlung hin zur Gestaltung von «Ermöglichungsräumen». Durch erfahrungsbasierte Methoden wie Projektlernen, Forschendes Lernen, oder videobasierte Reflexion (z. B. mit dem Future Skills Kompass) bereiten wir unsere Studierenden darauf vor, nicht nur Expert:innen in ihrem Fach, sondern handlungsfähige Gestalter:innen in einem vernetzten Gesundheitssystem zu sein.
Die Herausforderung für uns Dozierende ist es, im bestehenden Denken das «Neue Dynamiken» mitzudenken und alte, wie neue Lernpfade mit anderen Fokussen zu priorisieren und auszuprobieren.
Begeben wir uns gemeinsam auf den Weg, um zu lernen, zu entwickeln und die Brücken zwischen den Professionen durch die Förderung dieser Zukunftskompetenzen weiter auszubauen!
Am ZHAW Departement Gesundheit sind Future Skills 2026 ein Fokusthema und Teil der Jahresziele Departement Gesundheit.