Wer bestimmt? Autonomie und Teilhabe am 8. Winterthurer Ergo Gipfel
Über hundert Personen kamen am 7. März 2026 zusammen, um am Winterthurer Ergo Gipfel über Autonomie, Teilhabe und die Balance zwischen Freiheit und Fürsorge zu diskutieren. In Referaten, «Seilschaften» und dem «Basislager» wurden Perspektiven aus Praxis, Forschung, und Politik geteilt – und Wege aufgezeigt, wie Selbstbestimmung gestärkt werden kann.
Im Outfit passend zum Gipfelsujet heisst Christiane Mentrup die Teilnehmer:innen im Haus Adeline Favre willkommen. Zum Abschluss ihrer Begrüssung lenkt sie den Fokus auf die angespannte Lage bei den Ergotherapie‑Praktikumsplätzen, die die Ausbildungskapazitäten der ZHAW erstmals spürbar einschränkt.
Von Freiheit, Zwang und Recht auf Selbstbestimmung
Nach einer Einleitung durch die Gipfel‑Verantwortliche Anika Stoffel eröffnet Gaby Bracher, Fachverantwortliche Ethik des EVS, als erste «Gipfelstürmerin». Sie beleuchtet den Autonomiebegriff aus philosophischer Perspektive, in der Freiheit als Voraussetzung für Autonomie gilt, jedoch ohne wissenschaftliche Einordnung auskommt. Bracher führt deshalb die Ethik ins Feld und betont, dass das «autonome Individuum» stets innerhalb von Grenzen handelt: Die eigene Freiheit steht immer in Beziehung zur Freiheit anderer. Als zentrale Botschaft hält sie fest, dass Autonomie im Sinne eines «Abwehrrechts vor Zwang» bei urteilsfähigen Personen unbedingt gewährleistet sein muss. Gleichzeitig brauche es bei Fragen der Selbstbestimmung eine sorgfältige Prüfung – etwa entlang der «Eingriffstiefe». Anhand eines Beispiels macht sie dies greifbar: Ist es gerechtfertigt, jemandem den «Zugang» zum Rauchen zu verwehren und macht es einen Unterschied, ob es während eines kurzen Fluges oder um einen langfristigen Aufenthalt in einem Wohnheim geht?
Wir müssen uns um die Beziehung kümmern!
Als zweite Gipfelstürmerin zeigt Prof. Dr. Helen Strebel, dass Beziehungsfokussierung ein Schlüssel zu Autonomie und Teilhabe ist. Sie stellt das Canadian Model of Occupational Participation (CanMOP) vor – ein Ansatz, der als Antwort auf Modelle entstand, die stark von westlichen Wertevorstellungen geprägt waren, den Rechten unterschiedlicher, marginalisierter Bevölkerungsgruppen zu wenig Beachtung schenkten und Betätigung zu eng fassten. Das CanMOP übernimmt wichtige Elemente der Klient:innenzentrierung, geht jedoch darüber hinaus. Es fordert Therapeut:innen dazu auf, die eigene Position kritisch zu reflektieren. Dabei helfen Fragen wie: «Wie wurden mein Wissen, meine Werte und Überzeugungen durch dominante weisse, westliche Ideen geprägt?», «Welche Beziehungsprotokolle sind für Einzelpersonen, Familien, Gemeinschaften oder Bevölkerungsgruppen relevant?» oder «Was brauche ich, um einen sicheren Raum für Person, Familie, Gemeinschaft oder Bevölkerung zu schaffen?». Dass diese Auseinandersetzung auch für europäische Therapeut:innen bedeutsam ist, unterstreicht Strebel anhand der Studie Afrozensus. Die Erhebung machte 2021 deutlich, wie Schwarze Menschen in Deutschland – auch im Gesundheitswesen – von Rassismus betroffen sind.
Save the date
9. Winterthurer Ergo-Gipfel: 4. März 2028
Bergführerin oder Weggefährte?
Auch die Referierenden vom Team SEGEL, Peter Ladner, Corinne Wohlgensinger und Karin Zingg, plädieren für eine bewusste Auseinandersetzung mit Vorurteilen. Das partizipative Forschungsteam hat unter anderem einen Gesprächsleitfaden entwickelt, mit dem Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen schwierige Entscheidungen rund um das Thema Selbstbestimmung gemeinsam bearbeiten können. Am Gipfel stellen sie – teilweise in Rollenspielen – drei Thesen vor, die eine Balance zwischen Fürsorge und Selbstbestimmung ermöglichen sollen. Erstens bestehe im therapeutischen Kontext weiterhin die Gefahr von Fremdbestimmung, selbst wenn anderes propagiert werde. Zweitens könne (Ergo)therapie nur dann zu mehr Selbstbestimmung beitragen, wenn Klient:innen als Expert:innen ihres eigenen Lebens einbezogen und tatsächlich «reale Wahlmöglichkeiten» geschaffen würden. Drittens brauche es die Reflexion der eigenen Position sowie der institutionellen Rahmenbedingungen und Machtasymmetrien. Zum Schluss fasst Karin Zingg die Essenz zusammen: «Ich brauche beides – eine Weggefährtin, aber auch eine Bergführerin, wenn ich nicht weiss, wie ich auf den Gipfel komme.»
Selbstbestimmung im Alter, Gesundheitskompetenz und entscheiden für andere
Nach der Pause folgen die Referate der «Erstbesteiger:innen». Thomas Ballmer, Dozent an der ZHAW, präsentiert Ergebnisse aus der ergotherapeutischen Forschung zum selbstbestimmten Altern – mit Beispielen aus den Bereichen Wohnen, Umgang mit technischen Hilfsmitteln und Mobilität. Hanna Schwendemann, Professorin an der Internationalen Hochschule IU, betont in ihrem Beitrag die Bedeutung verständlicher Informationsvermittlung, um Gesundheitskompetenz und Teilhabe von Klient:innen zu stärken. Als Vertreterin des Kantons Zürich stellt Dr. Angela Wyder das Programm SEBE vor. Es bietet Menschen mit Behinderung mehr Wahlmöglichkeiten beim Wohnen sowie Zugang zu «Begleitleistungen». Den Abschluss der Reihe bildet Muriel Keller, Mitarbeiterin der ZHAW und des USZ. Sie beleuchtet die rechtlichen Aufgaben von Stellvertreter:innen und erklärt zentrale Begriffe wie Urteilsfähigkeit und mutmasslicher Wille von Patient:innen.
Austausch in Seilschaften, Basislager und Pausen
Ein Ergo‑Gipfel wäre kein Ergo‑Gipfel ohne die vielen Gelegenheiten für Austausch und Vernetzung. So auch dieses Jahr: Neben den «Seilschaften», den Diskussionsrunden im Anschluss an die Referate, und der langen Mittagspause bot vor allem das «Basislager» am Nachmittag Raum für intensiven Dialog. In drei Runden konnten die Teilnehmer:innen ihre Themen wählen. Nach einem kurzen Input folgte eine zwanzigminütige Diskussions- und Fragerunde. Die inhaltliche Vielfalt reichte von Frugal Design, Mobilitäts‑, Post‑COVID‑ und KI‑Forschung über Masterarbeiten zur Domiziltherapie und dem COPM‑Assessment bis hin zum Partizipationsprozess im GSR Autismuszentrum.
Rückblick und Standing Ovations
Aline Burkart, EVS‑Co‑Vizepräsidentin, beendet ihre Zusammenfassung des Tages mit bewegenden Worten: «Am meisten berührt und stolz gemacht haben mich das Engagement, die Begeisterung und die Leidenschaft, die so viele von uns für unseren Beruf an den Tag legen – manchmal sogar über die Pensionierung hinaus. Es macht mich immer wieder stolz, Teil davon zu sein und ich hoffe, dass auch viele von euch mit diesem Gefühl nach Hause gehen.»
Stolz sein könne auch das Organisationsteam, ergänzt Claudia Galli zum Abschluss. Insbesondere Anika Stoffel, die als Weiterbildungsleiterin Ergotherapie vier Ergo‑Gipfel erfolgreich verantwortet hat und die ZHAW Ende März verlässt. Das Publikum bedankt sich mit langem Applaus – und erhebt sich.
Der nächste Ergo‑Gipfel findet am 4. März 2028 unter der Leitung von Claudia Galli statt.