«Die Charta ist absolut fundamental»
Die Ottawa-Charta ist das Grundsatzdokument der modernen Gesundheitsförderung – und deshalb auch im Bachelorstudiengang Gesundheitsförderung und Prävention von zentraler Bedeutung. 2026 jährt sich ihre Verabschiedung zum 40. Mal.
Am 21. November 1986 wird in Kanadas Hauptstadt der Grundstein für die moderne Gesundheitsförderung und Prävention gelegt: An diesem Tag wird an der ersten «International Conference on Health Promotion“ die Ottawa-Charta verabschiedet. Rund 200 Gesundheitsfachkräfte, Politiker:innen, Wissenschaftler:innen und Vertreter:innen von Regierungs-, Freiwilligen- und Gemeinschaftsorganisationen aus 38 Ländern kommen an der von der WHO organisierten Konferenz zusammen, um Erfahrungen und Wissen über die Gesundheitsförderung auszutauschen. Aus dem Dialog resultiert die Charta, die seither als internationales Leitdokument für die Gesundheitsförderung und Prävention gilt. «Die Charta ist absolut fundamental für unseren Arbeitsbereich», sagt Birgit Ulrika Keller, Dozentin und Fachverantwortliche Theorien und Grundlagen im Bachelorstudiengang Gesundheitsförderung und Prävention am ZHAW-Departement Gesundheit. Die Verabschiedung der Charta habe vor 40 Jahren den Beginn eines globalen Paradigmenwechsels markiert: Weg von einer defizitorientierten Prävention und der reinen Vermeidung von Krankheiten hin zur Salutogenese, einer ressourcenorientierten Gesundheitsförderung und einer Sichtweise, die Gesundheit als wesentliche Ressource des alltäglichen Lebens und nicht bloss als Zustand sehe.
Anpassungen an neue Herausforderungen
Ausgehend vom humanistischen Menschenbild legt die Charta den Fokus ausserdem auf die Selbstwirksamkeit. «Sie bildet das Verständnis ab, dass jeder Mensch fähig ist, für sich die besten Entscheide zu treffen», erläutert Keller. Aus diesem Grundverständnis ergeben sich die drei Strategien, die sich durch die in der Charta definierten Handlungsfelder ziehen: Befähigen (Empowerment), Interessen vertreten (Advocate) und Vermitteln (Mediate). Dabei wird ein besonderes Augenmerk auf den Settingansatz gelegt: Statt nur das individuelle Verhalten zu ändern, sollen gesunde Lebenswelten geschaffen werden.
Auch wenn der ursprüngliche Text seit 40 Jahren derselbe ist, wurde die Charta im Laufe der Zeit verschiedentlich ergänzt. An mehreren globalen Nachfolgekonferenzen zur Gesundheitsförderung wurden zusätzliche Erklärungen und Charta-Ergänzungen ausgearbeitet, die immer wieder auch neue Herausforderungen für die Gesundheit aufgriffen, wie den Klimawandel oder demographische Veränderungen. So wurde beispielsweise an der 9. Konferenz 2016 in China die Shanghai-Erklärung verabschiedet, die den Fokus unter anderem auf Health Literacy und die Förderung gesunder Lebensbedingungen in Städten legte.
Der rote Faden des Studiums
Angesichts ihrer zentralen Bedeutung für die Politik und Praxis der Gesundheitsförderung erstaunt es nicht, dass die Charta auch im Bachelorstudiengang GP einen gewichtigen Stellenwert hat. «Sie ist der rote Faden, der sich von Anfang an durchs Studium zieht», so Birgit Ulrika Keller. Die Charta werde in praktisch allen Modulen thematisiert, damit die Studierenden ihren Inhalt verinnerlichen und sich eingehend und kritisch damit auseinandersetzen würden. «Unsere Absolvierenden sollen ja nicht bloss Projektmanager:innen werden, sondern den Kern der Charta und damit der Gesundheitsförderung in sich aufnehmen.» Der Bezug zur Charta werde auf verschiedenen Ebenen hergestellt: über ethische Grundsatzdiskussionen zu Menschenbild oder gesundheitlicher Chancengleichheit bis hin zur konkreten Umsetzung des Settingsansatzes in Projektarbeiten.
Die Charta wird im Studiengang nicht nur laufend thematisiert – sie ist letztlich die Basis, auf der das Curriculum aufgebaut ist. «Wir orientieren uns am internationalen Standardwerk CompHP, in dem die Kernkompetenzen für Gesundheitsförder:innen definiert sind. Dieser Goldstandard wiederum beruht auf der Ottawa-Charta», erklärt die Dozentin. CompHP übersetze die Grundprinzipien der Charta in professionelle Standards.
Von den Grundstrategien der Charta wird im Studiengang laut der Dozentin das Empowerment besonders stark hervorgehoben. «Unsere Absolvierenden sollen nicht als Gesundheitsexpert:innen auftreten, die sagen wie’s läuft, sondern bei Projekten zur Gesundheitsförderung die Zielgruppen miteinbinden und mitentscheiden lassen.»
Grundlegende gesellschaftliche Bedeutung
Für Birgit Ulrika Keller ist die Ottawa-Charta über das Feld der Gesundheitsförderung hinaus relevant. Angesichts aktueller Herausforderungen – antidemokratische Bewegungen, eine zunehmende Polarisierung in der Gesellschaft, wachsende Einsamkeit – biete die Charta eine gute Grundlage, um darüber nachzudenken, wie wir als Gesellschaft zusammenleben wollen. «Die Charta setzt für ein gesundes Leben ein gutes Miteinander voraus. Sie bietet deshalb auch Orientierung, wie gesellschaftlichen Entwicklungen wie gegenseitiges Misstrauen, Individualisierung oder Vereinsamung entgegengewirkt werden kann.»
Weitere Informationen
Bachelor Gesundheitsförderung und Prävention
Personenprofil
- Dr. Birgit Ulrika Keller, Dozentin im Bachelorstudiengang Gesundheitsförderung und Prävention, Fachverantwortung Theorie und Grundlagen