Netzwerken über die Berufs- und Landesgrenzen
Seit über zehn Jahren findet am Gesundheitsdepartement der ZHAW die Winter School statt. Studierende aus aller Welt treffen sich in Winterthur, um über die Berufs- und Ländergrenzen hinweg gemeinsam zu lernen. Ein besonderes Highlight sind jeweils die «Study Visits». Beim Besuch verschiedener Gesundheitseinrichtungen erfahren die Teilnehmenden, was interprofessionelle Zusammenarbeit bedeutet.
Die Flaggen im Foyer nehmen es vorweg: Es ist wieder Zeit für die Winter School. Rund 100 angehende Health Professionals und Social Workers aus 16 verschiedenen Ländern und Fachrichtungen treffen sich zum Auftakt des neuen Jahres am Departement Gesundheit der ZHAW, um mit- und voneinander zu lernen.
Während drei Wochen vertiefen sie sich in Themen wie Diversity, Krise und Coping sowie Interprofessionelle Zusammenarbeit. Sie arbeiten in durchmischten Teams an Case Studies und lernen im gegenseitigen Austausch die Besonderheiten der verschiedenen Länder und Berufsfelder kennen. Besonders beliebt sind die sogenannten «Study Visits», bei denen die Studierenden drei verschiedene Gesundheitseinrichtungen in der Schweiz besuchen. Dabei erhalten sie einen konkreten Einblick in den Berufsalltag der Gesundheitsfachpersonen und reflektieren diese Erfahrungen anhand von Theorien und Modellen im Hinblick auf ihre eigene zukünftige Praxis.

«Ich habe die Gespräche mit Studierenden aus verschiedenen Ländern sehr geschätzt. Am meisten hat mich überrascht, wie unterschiedlich Gesundheitssysteme organisiert sind. In den Niederlanden spielt die Regierung zum Beispiel eine viel grössere Rolle als in liberaleren Systemen wie dem der Schweiz.»
Susanne van der Klok, Niederlande, Ergotherapie
Physisch und mental fit: Besuch im Alters- und Pflegezentrum Entlisberg
Nach einem ersten Tag, an dem sich die Gruppe kennenlernt und sich mit ausgewählten Aspekten der Interprofessionellen Zusammenarbeit und des Vergleichs von Sozial- und Gesundheitssystemen beschäftigt, startet die Tour im Gesundheitszentrum für das Alter Entlisberg in Zürich. Hier erfahren die Studierenden, wie Alterspflege in der Schweiz interprofessionell angegangen wird. Pflegepersonal, Ergo-, Physio- und Aktivierungstherapeut:innen, Sozialarbeiter:innen und Ärzt:innen arbeiten Hand in Hand, um eine bestmögliche, individuelle Versorgung der Patient:innen zu gewährleisten.
«Das Wohl des Menschen steht im Zentrum unseres Handelns. Dabei ist uns die mentale Gesundheit unserer Klientinnen und Klienten ebenso wichtig, wie eine hochwertige medizinische Versorgung», sagt Ursula Gubler, Bildungsverantwortliche und Mitglied des Leitungsteams am GFA Entlisberg. Spaziergänge im Garten, gemeinsam kochen, Musik hören, Gesellschaftsspiele spielen sowie sich mit den Angehörigen der Patient:innen austauschen seien alles wichtige Fixpunkte im Betreuungskonzept. Ein solch ganzheitlicher Ansatz steigere die Lebensqualität der Patient:innen enorm, brauche aber auch viele Ressourcen. «Manchmal dauert es eine halbe Ewigkeit, bis alle wettergerecht angezogen und bereit sind für den Spaziergang im Garten», schmunzelt sie.

«Als ich zum ersten Mal von der Winter School hörte, wusste ich nicht genau, was mich erwartet – ich freute mich darauf, mir Wissen anzueignen. Aber es stellte sich heraus, dass es noch viel mehr war als das. Es war eine einzigartige Gelegenheit, Menschen aus vielen verschiedenen Ländern und Berufen kennenzulernen, ein Netzwerk aufzubauen und voneinander zu lernen.»
Jessica Gracelyn E, Indien, Soziale Arbeit
Unterschiedliche Lebenswelten erfordern individuelle Betreuungskonzepte
Daneben hat das Zentrum noch mit anderen Herausforderungen zu kämpfen: Die Patient:innen werden immer jünger und ihre Krankheitsgeschichten komplexer. Während früher noch vorwiegend Patient:innen 80+ im Entlisberg betreut worden seien, gebe es heute auch 60-Jährige auf der Demenzstation. «Zwischen dem jüngsten und dem ältesten Patienten liegt manchmal eine ganze Generation. Das erschwert die Interaktion, weil eine gemeinsame Basis fehlt. Unsere Klientinnen und Klienten sind unterschiedlich aufgewachsen. Sie hören verschiedene Musik und haben einen anderen Blick auf die Welt. Einige haben den zweiten Weltkrieg noch miterlebt, andere kennen ihn nur aus den Geschichtsbüchern», erklärt Daniela Gfeller, Pflegeexpertin am Entlisberg.
Bei einem Rundgang durchs Haus lernen die Student:innen die verschiedenen Stationen kennen. Die Tische in den öffentlichen Bereichen sind der Jahreszeit entsprechend geschmückt; die Zimmer der Bewohner:innen mit persönlichen Gegenständen dekoriert. «Ich bin überrascht, wie würdevoll und menschlich der Umgang mit den Patientinnen und Patienten hier ist. Das hätte ich von einer öffentlichen Institution so nicht erwartet», sagt Jessica aus Indien. Das sieht Ren Jie Jonathan, Physiotherapie-Student aus Singapur ähnlich: «Wenn ich einmal alt bin, möchte ich in die Schweiz ziehen», resümiert er lachend.

«Ich interessiere mich sehr für andere Länder und Kulturen, deshalb habe ich mich für die International Winter School angemeldet. Im Austausch mit den anderen Studierenden habe ich viel über ihre Länder und Professionen gelernt. Ich konnte einen guten Einblick gewinnen, wie verschiedene Fachkräfte effektiv zusammenarbeiten und welche Chancen und Herausforderungen die unterschiedlichen Gesundheitssysteme mit sich bringen.»
Malika Jahnel, Deutschland, Pflege
Auch das Umfeld trägt zur Heilung bei
Am dritten und vierten Tag besuchen die Studierenden die Rehaklinik Valens und die Psychiatrische Universitätsklinik in Zürich. Der Ausflug in die Berge bei Schnee und strahlendem Postkartenwetter, inklusive kurzer Sight-Seeing-Tour, war dabei ein besonderer Höhepunkt für alle Beteiligten. «Die Aussicht war einmalig», schwärmt Jessica, die zum ersten Mal im Leben Schnee gesehen hat.
Am Ende der Woche halten alle Studierenden in Gruppen einen kurzen Vortrag, in dem sie die Einblicke reflektieren und zu ihren eigenen Ländern in Bezug setzen. Dabei formulieren sie sich auch Gedanken zu innovativen Ansätzen, um die Interprofessionelle Zusammenarbeit weiterzuentwickeln. «In den Abschlusspräsentationen hat sich eindrücklich gezeigt, wie viel die Beteiligten über die verschiedenen Professionen, die Länder und deren Systeme gelernt haben. Dieser einmalige Blick über den Tellerrand zeichnet für mich die Winter School aus», sagt Esther Bussmann, Dozentin für Soziale Arbeit und Co-Verantwortliche der Study Visits.
Auch René Schaffert, Dozent für Interprofessionelle Lehre und Praxis und ebenfalls Co-Verantwortlicher zieht ein positives Fazit nach der ersten Woche: «Es ist schön zu sehen, wie interessiert und engagiert diese angehenden Fachpersonen im Sozial- und Gesundheitswesen in ihre berufliche Zukunft starten. Sie werden ihre Professionen in unterschiedlichen Kontexten positiv mitgestalten können.»
Die International Winter School ist eine Kooperation zwischen den ZHAW-Departementen Gesundheit und Soziale Arbeit sowie dem INUAS und dem COHEHRE-Netzwerk. Sie wurde 2015 ins Leben gerufen, um den internationalen Austausch unter den Studierenden zu fördern und eine Plattform für Vernetzung und fachlichen Dialog zu bieten. Das Angebot richtet sich sowohl an internationale Studierende als auch an Bachelorstudierende der ZHAW.