Wieviel Trinkgeld ist angemessen?
Mehr als vier von zehn Schweizerinnen und Schweizern sind bei der Trinkgeldvergabe gelegentlich oder häufig unsicher. «Wer Trinkgeld gibt, will es richtig machen – aber viele fragen sich: Wie viel ist eigentlich angemessen?», sagt Samuel Meyer, CEO der Bank Cler. Dieser Frage widmet sich die neue Studie der Bank Cler gemeinsam mit der ZHAW School of Management and Law.
Die wichtigsten Erkenntnisse auf einen Blick
- 5-10 Prozent Trinkgeld gelten im bedienten Restaurant als angemessen – je nach Betrag und Kontext.
- Bei kleinen Beträgen wird meist aufgerundet.
- Ein Kaffee für 4.90 CHF erhält weniger Trinkgeld als einer für 5.10 CHF.
- Die grösste Unsicherheit besteht bei Take-away, Foodtrucks und Autoservices.
- Junge Erwachsene sind beim Trinkgeld unsicherer und zurückhaltender.
- Die meisten Menschen entscheiden spontan statt nach fixer Regel.
Orientierung ist gefragt – besonders bei jungen Erwachsenen
Mehr als 40 Prozent der befragten Schweizer:innen sind gelegentlich oder häufig unsicher, ob und wieviel Trinkgeld in einer bestimmten Situation angebracht ist. Besonders gross ist diese Unsicherheit dort, wo es keine historisch gewachsene Trinkgeldkultur gibt – etwa beim Take-away, am Foodtruck oder beim Autoservice. Auffällig ist zudem der Unterschied zwischen den Generationen: Junge Erwachsene zwischen 16 und 29 Jahren sind beim Trinkgeld deutlich unsicherer als ältere Personen. 56,8 Prozent der jungen Erwachsenen geben an, zumindest gelegentlich unsicher zu sein, wieviel Trinkgeld angebracht ist. In der Deutschschweiz ist die Unsicherheit (45 Prozent) höher als in der Romandie (32 Prozent) oder dem Tessin (36 Prozent).
Im bedienten Restaurant gelten 5 bis 10 Prozent als Richtwert
Fast drei Viertel der Befragten (73,7 Prozent) geben in bedienten Restaurants meistens oder immer Trinkgeld – das sind 11,9 Prozentpunkte mehr als bei der Vorjahresumfrage. Nur etwa jeder Zehnte gibt selten oder nie Trinkgeld. Als informeller Richtwert für das Trinkgeld gelten je nach Kontext zwischen 5 und 10 Prozent der Rechnungssumme. Die Studie zeigt jedoch, dass die wenigsten Menschen das Trinkgeld exakt berechnen. Stattdessen wird meist spontan und intuitiv aufgerundet.
Gerade dieses Aufrunden prägt das Trinkgeldverhalten besonders stark. Kleine Unterschiede beim Rechnungsbetrag beeinflussen die Höhe des Trinkgelds deutlich: Ein Kaffee für 4.90 CHF wird häufig lediglich auf 5 CHF aufgerundet. Kostet derselbe Kaffee hingegen 5.10 CHF, bezahlen viele 5.50 CHF oder sogar 6 CHF. Die Höhe des Trinkgelds unterliegt somit weniger mathematischen Regeln. Vielmehr entscheidend sind psychologische Schwellenwerte und Alltagssituationen.
Was gilt als angemessen? Beispiele aus dem Alltag
Wieviel Trinkgeld als angemessen gilt, hängt stark von der Situation und vom Rechnungsbetrag ab. 62,2 Prozent der Befragten entscheiden spontan und abhängig von der jeweiligen Situation, wieviel Trinkgeld sie geben möchten. Nur 10,3 Prozent orientieren sich konsequent an einem fixen Prozentsatz. Gesellschaftlicher Druck spielt laut den Befragten zwar eine kleinere Rolle, dennoch hat rund ein Drittel schon einmal mehr Trinkgeld gegeben als ursprünglich geplant, um nicht geizig zu wirken.
- Im bedienten Restaurant zeigt sich ein klares Muster: Bei einer Rechnung von rund 64 CHF werden durchschnittlich knapp 4 CHF Trinkgeld gegeben – das entspricht etwa 6 Prozent. Fast 44 Prozent runden auf 70 CHF auf, während 33 Prozent lediglich auf 65 CHF aufrunden. In gehobenen Restaurants liegt das Trinkgeld bei einer Rechnung von 112 CHF bei durchschnittlich 7 CHF – 45 Porzent runden auf 120 CHF auf. Im Sternerestaurant steigt der Betrag bei einer Rechnung von 245 CHF zwar auf durchschnittlich 13.30 CHF, prozentual fällt das Trinkgeld mit 5,4 Prozent jedoch leicht tiefer aus.
- Auch bei Essenslieferungen gilt Trinkgeld für viele als üblich: Bei einer Bestellung von rund 30 CHF werden durchschnittlich 1.60 CHF bis 1.90 CHF als angemessen empfunden. Für einen Coiffeurbesuch von 65 CHF gelten meist rund 5 CHF Trinkgeld als passend, bei einer Stadtführung für 36 CHF rund 2 CHF.
- Deutlich grösser ist die Unsicherheit hingegen beim Autoservice. Fast jede zweite Person empfindet den Trinkgeldentscheid dort als schwierig. Nur 3 von 10 Personen finden bei einer Rechnung von 380 CHF ein Trinkgeld überhaupt angebracht – und wer gibt, rundet mehrheitlich auf 400 CHF auf.
Bargeldzahlungen nehmen ab, aber Barzahlende bleiben grosszügiger
Trinkgeld wird zwar noch am häufigsten bar gegeben, doch der Anteil ist innerhalb eines Jahres von 69 Prozent auf 48 Prozent zurückgegangen. Bemerkenswert: Barzahlende halten in fast allen untersuchten Szenarien ein höheres Trinkgeld für angemessen als digital Zahlende. Dies liegt nicht am Rundungsverhalten – auch bei digitalen Zahlungen wird meist auf einen runden Gesamtbetrag aufgerundet.
Über die Studie
Die Umfrage wurde im Auftrag der Bank Cler durch die ZHAW School of Management and Law unter der Leitung von Dr. Marcel Stadelmann und Janice Huber durchgeführt. Die repräsentative Stichprobe umfasst N = 1051 Personen, gewichtet nach Geschlecht, Alter und Wohnregion, und ist repräsentativ für die 16- bis 75-jährige Schweizer Bevölkerung. Die Erhebung erfolgte über das Online-Panel «meinungsplatz.ch» im Frühjahr 2026. Die 27 Befragten, die angaben, nie Trinkgeld zu geben, wurden aus dem weiteren Frageverlauf ausgeschlossen (n = 1024). Mittels eines experimentellen Designs wurden die Befragten vier Gruppen zugeteilt und gebeten, für verschiedene Alltagssituationen den angemessenen Gesamtbetrag inklusive Trinkgeld anzugeben.
Kontakt
Dr. Marcel Stadelmann
Telefon +41 58 934 46 46
E-Mail marcel.stadelmann@zhaw.ch