Movetia-gefördertes COIL-Projekt
1: COIL in der International Business Education
Die sich rasch wandelnde Landschaft des internationalen Geschäfts stellt zunehmend höhere Anforderungen an Führungskräfte und Teammitglieder, interkulturelle Zusammenarbeit in digital vermittelten Umgebungen zu bewältigen. Da Organisationen immer stärker global vernetzt sind und vermehrt auf virtuelle Kooperation angewiesen sind, ist die Fähigkeit, effektiv über kulturelle, sprachliche und disziplinäre Grenzen hinweg zu arbeiten, zu einer zentralen beruflichen Kompetenz geworden. Traditionelle Lehrformate im Klassenzimmer reichen jedoch häufig nicht aus, um die Komplexität multikultureller Teamdynamiken, ethischer Dilemmata und des Entscheidungsdrucks in Echtzeit abzubilden, die internationale Geschäftskontexte prägen.
Collaborative Online International Learning (COIL) reagiert direkt auf diese didaktische Lücke, indem kollaboratives, erfahrungsbasiertes Lernen ins Zentrum des Curriculums gestellt wird. Durch strukturierte, zugleich dynamische multikulturelle Gruppenaufgaben entwickeln die Lernenden nicht nur fachliches Wissen, sondern auch jene interpersonalen, ethischen und strategischen Kompetenzen, die im internationalen Business entscheidend sind – von der Gestaltung grenzüberschreitender Partnerschaften bis zum Eintritt in neue Märkte.
COIL nutzt digitale Technologien, um Lernenden aus unterschiedlichen Ländern und kulturellen Hintergründen die Zusammenarbeit an gemeinsamen Aufgaben zu ermöglichen – ganz ohne physische Mobilität. Individuelle und teambezogene Reflexion bilden dabei den Grundpfeiler interkulturellen Lernens im COIL-Format, indem sie die Teilnehmenden dazu anregen, ihr Führungsverhalten und ihre Kommunikationsstile in multikulturellen Teams kritisch zu hinterfragen. Zudem ist COIL ohne die finanziellen Belastungen internationaler Reisen zugänglich und ermöglicht so skalierbares, authentisches interkulturelles Lernen mit messbaren Ergebnissen.
2: Unser COIL-Projekt „Redefining Leadership in the Digital Age“
Das Projekt „Redefining Leadership in the Digital Age“ des ZHAW Center for Cross-Cultural Management ist ein durch Movetia – die Schweizer nationale Agentur für Austausch und Mobilität – gefördertes COIL. Es ist als kollaborative Initiative mit drei europäischen Hochschulen konzipiert: LUMSA (Italien), Kyiv School of Economics (Ukraine) und Grenoble École de Management (Frankreich). Diese Partnerschaft spiegelt bewusst jene Form multikultureller Zusammenarbeit wider, der Lernende in ihrem späteren Berufsleben zunehmend begegnen werden.
Unser COIL stärkt jene interkulturellen Führungskompetenzen, die im internationalen Business gefragt sind. Es bringt Lernende mit unterschiedlichen akademischen, kulturellen und sprachlichen Hintergründen zusammen und schafft so eine genuin internationale Lerngemeinschaft. Durch die Zusammenarbeit über institutionelle Grenzen hinweg werden die Teilnehmenden nicht nur mit verschiedenen disziplinären Perspektiven konfrontiert, sondern auch mit unterschiedlichen kulturellen Normen in Bezug auf Führung, Kommunikation und Entscheidungsfindung – genau jene Kompetenzen, die von global tätigen Arbeitgebenden zunehmend eingefordert werden.
COIL Teammitglieder
Prof. Anna Lupina-Wegener
Dr. Evangelos Syrigos
Matteo Mösli
Prof. Fabrizio Maimone
Prof. Halyna Makhova
Prof. Mykhaylo Vidyakin
Clemens Dieler
Prof. Dr. Taran Patel
Prof Dr. Chirag Patel
Dr. Matteo Opizzi
3: COIL-Inhalte
Im Zentrum des fünfwöchigen COIL steht eine immersive, rollenbasierte Lernsimulation im Bereich Health- und Fitness-Technologie – einer Branche, die durch raschen technologischen Wandel, intensiven Wettbewerb und komplexe ethische Fragestellungen gekennzeichnet ist. Die Lernenden übernehmen Führungsrollen in drei konkurrierenden Unternehmen und bewältigen organisatorische sowie ethische Herausforderungen im internationalen Geschäftsumfeld. Sie treffen Investitionsentscheidungen, entwickeln strategische Allianzen mit anderen Unternehmen innerhalb der Simulation und bauen die internationale Marktpräsenz ihres Unternehmens aus – etwa durch die Entscheidung, in den französischen, britischen oder indischen Markt einzutreten.
Diese Entscheidungen erfordern die Integration KI-gestützter Erkenntnisse, das Management interkultureller Teamdynamiken sowie das Austarieren strategischer Zielsetzungen mit ethischen Überlegungen. Die Lernenden treffen jedoch nicht nur strategische Entscheidungen, sondern reflektieren auch kritisch darüber, wie ihre kulturellen Hintergründe, Werte und Rollenverantwortlichkeiten sowohl ihre individuellen Beiträge als auch die kollektiven Ergebnisse beeinflussen.
Video mit Dr. Evangelos Syrigos: Redefining Global Leadership
4: Impact und Ergebnisse
Um sicherzustellen, dass die gemeinsamen Ziele des COIL-Moduls erreicht und messbar gemacht werden, führten wir zu Beginn und am Ende der fünfwöchigen Lernphase quantitative Pre- und Post-Assessments durch. Wir evaluieren die Zielerreichung der Studierenden entlang von fünf Dimensionen: interkulturelle Zusammenarbeit, ethisches Urteilsvermögen, strategische Entscheidungsfindung unter Unsicherheit sowie Verhaltensanpassung in Führungs- und Followership-Rollen. Gemeinsam erfassen diese Dimensionen die vielschichtige Natur interkultureller Führung in digital vermittelten Kontexten. Dieses longitudinale Design erlaubt es, individuelle Fortschritte nachzuverfolgen und Lernzuwächse zu identifizieren, die auf das Modul zurückzuführen sind. Die Erhebungen basieren auf validierten Instrumenten aus der Forschungsliteratur und spiegeln wider, was effektive interkulturelle Führung im digitalen Zeitalter tatsächlich erfordert.
Die Ergebnisse der ersten Durchführung mit 15 COIL-Teams zeigen einen signifikanten Anstieg der kulturellen Intelligenz der Studierenden im Verlauf der Simulation. Dies deutet darauf hin, dass immersive, rollenbasierte Zusammenarbeit in multinationalen Teams interkulturelle Kompetenz wirksam fördert. Darüber hinaus zeigen die Resultate, dass ethische Entscheidungskompetenz einen signifikant positiven Einfluss auf die Performance in der Simulation hatte. Studierende, die ethische Zielkonflikte sorgfältiger abwogen, trafen unter Wettbewerbsbedingungen effektivere strategische Entscheidungen.
Die Datenerhebung umfasst zudem qualitative Quellen wie wöchentliche Selbstreflexionen und Team-Video-Präsentationen, die ein vielschichtiges Bild der individuellen Entwicklung ermöglichen. Die qualitativen Ergebnisse legen nahe, dass erfolgreiche interkulturelle Führung in digital vermittelten Umgebungen weniger durch hierarchische Autorität oder nationales Kulturwissen entstand, sondern vielmehr durch kollektive Sinnstiftung und aktives Followership. Teams, die ihre Entscheidungsprozesse konsequent an den organisationalen Werten ihres zugewiesenen Unternehmens ausrichteten, erzielten stärkere Lernergebnisse. Sie nutzten diese gemeinsamen kulturellen Referenzrahmen, um Debatten zu strukturieren, Meinungsverschiedenheiten zu lösen und ethische Zielkonflikte zu begründen.
Die Entwicklung kultureller Intelligenz verlief überwiegend implizit und prozessbasiert – sie entstand durch wiederholte rollenbasierte Interaktion und die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Wertelogiken, weniger durch explizites Training kultureller Fertigkeiten. Ethisches Lernen war besonders tiefgehend in jenen Teams, die mit reputationsrelevanten, kostspieligen Dilemmata konfrontiert waren und wertebasierte Positionen selbst bei finanziellen Nachteilen verteidigten. Dies verdeutlicht die Fähigkeit, ethische Herausforderungen als komplexe Zielkonflikte und nicht als binäre Entscheidungen zu verstehen.
Sprachliche Unterschiede und Herausforderungen virtueller Koordination wurden selten als eigenständige Hindernisse hervorgehoben. Stattdessen führten Studierende Kommunikationsschwierigkeiten primär auf Terminüberschneidungen und Zeitknappheit zurück. Dies deutet darauf hin, dass das Modul sprachliche Diversität erfolgreich als normale Rahmenbedingung internationaler Zusammenarbeit etablierte – und nicht als Barriere.
Ergänzend zu diesen studierendenbezogenen Erkenntnissen führte das Projektteam eine autoethnografische Untersuchung der eigenen institutionsübergreifenden Zusammenarbeit während der Konzeption und Durchführung des Moduls durch. Dabei reflektierten die beteiligten Lehrenden aus vier unterschiedlichen nationalen und institutionellen Kontexten kritisch die interkulturellen Dynamiken und Prozesse gemeinsamer Sinnstiftung. Diese Forschung wurde von unserem Teammitglied Matteo Opizzi begleitet. Weitere Informationen zu unserem autoethnografischen Ansatz finden sich im untenstehenden Video.
Video mit Dr. Matteo Opizzi: “Ethnographic research: On multicultural teams”