Media Planning und Paid Media: mit mentaler Verfügbarkeit und kluger Budget-Allokation Marken wachsen lassen
Stand: September 2026 · Autor: Jonas Weirauch
Media Planning & Buying ist die strategische Planung und der Einkauf bezahlter Werbeplätze (Paid Media). Ziel ist es, Marken durch mentale Verfügbarkeit wachsen zu lassen, also im Kopf der Kundschaft präsent zu sein, bevor der Kaufbedarf entsteht. Entscheidend sind die richtige Kanalwahl in der Paid-Media-Landschaft, eine kluge Budget-Allokation und echte Aufmerksamkeit als Wirkungsmassstab.
Wie wachsen Marken durch mentale Verfügbarkeit?
Marken wachsen vor allem durch mentale Verfügbarkeit1, also durch stark vernetzte Gedächtnisstrukturen, die bei künftigen Kaufentscheidungen abgerufen werden. Media-Präsenz ist damit wichtiger als blosse Nutzerloyalität oder das Abschöpfen bestehender Nachfrage. Ergänzt wird sie durch physische Verfügbarkeit über die Distributionskanäle. Unverwechselbare Distinctive Assets sichern dabei die Wiedererkennung.1
Warum wird Werbung meist ignoriert?
Täglich prasseln Tausende Werbebotschaften auf uns ein, von denen nur ein Bruchteil aktiv wahrgenommen wird (Bannerblindheit).2 Zudem ist der Grossteil potentieller Käufer:innen gerade nicht in einer Kaufphase, sondern tritt erst zu einem unbestimmten Zeitpunkt in den Markt ein.3 Reale Kaufentscheidungen verlaufen selten linear, sondern im «messy middle» der Journey.4
Wie wirken Lern- und Verblassungseffekte?
Mentale Verfügbarkeit wird über die Zeit erlernt und muss stetig reaktiviert und erweitert werden. Die Zeit ist dabei der Gegenspieler: Pausen führen zum Verblassen der Gedächtnisstrukturen (AdStock-Effekt). Kontinuität schlägt deshalb kurzfristige Strohfeuer.1, 5, 6
Wie ist die Paid-Media-Landschaft aufgebaut?
Die digitale Paid-Media-Landschaft lässt sich grob in Walled Gardens und das Open Web unterteilen. Walled Gardens wie Google/YouTube oder Meta sind geschlossene Plattform-Ökosysteme mit eigenen First-Party-Daten, hoher Reichweite und integrierten Werbesystemen. Das Open Web umfasst dagegen eine Vielzahl unabhängiger Publisher und Plattformen, deren Inventar unter anderem über programmatische Einkaufsplattformen zugänglich ist.7 Es bietet mehr Möglichkeiten, Einkauf, Umfeld und Supply Chain gezielt zu steuern – erfordert dafür aber auch mehr Kontrolle und Qualitätsmanagement. Beim Targeting spielen unter anderem Interessen und Kaufabsichten eine Rolle: Interest-basierte Ansätze adressieren Personen aufgrund ihrer vermuteten Interessen, während Intent-basierte Ansätze auf konkrete Signale für eine aktuelle Handlungs- oder Kaufabsicht abzielen. Die Kunst besteht darin, je nach Kommunikationsziel, Zielgruppe und Funnel-Phase das passende Umfeld, Targeting und Einkaufsmodell zu wählen, statt jeden Kanal nach demselben Prinzip einzusetzen.
Wie plane ich strategisch mit dem Communications-Framework?
Ein Communications-Framework übersetzt das Kommunikationsziel in eine klare Media-Strategie. Im Zentrum steht die Frage, in welchen relevanten Situationen die Marke mental verfügbar sein soll und wie Media dazu beitragen kann. Daraus werden relevante Zielgruppen und Category Entry Points, Brand & Message sowie Reichweite, Frequenz und Channel Mix abgeleitet.
Für den Aufbau von Mental Availability sind dabei insbesondere breite und relevante Reichweite, konsistente Markensignale und eine kontinuierliche Präsenz entscheidend.1, 8 Conversion- und Loyalty-Ziele können darauf aufbauen, sind aber nicht zwingend das unmittelbare Ziel jeder Media-Massnahme.
So verbindet das Framework strategische Markenführung mit konkreten Media-Entscheidungen – von der Auswahl relevanter Situationen und Kanäle über Budget und Buying bis zur Erfolgsmessung.
Wie allokiere ich das Budget nach dem Wasserfall-Prinzip?
Beim Wasserfall-Prinzip wird das Budget nicht gleichmässig verteilt, sondern der Wirkung nach: Zuerst erhalten die Kanäle mit der grössten Chance auf Zielerreichung so viel Budget, dass sie ihre Nutzschwelle – die Mindestdotierung, ab der ein Kanal überhaupt wirkt – sicher überschreiten; erst danach kommen weitere hinzu. Der häufigste Fehler ist das Zersplittern über zu viele Kanäle, sodass keiner die Schwelle erreicht. Planungstools geben eine erste Orientierung, doch Erfahrungswerte schlagen Planwerte – deshalb gehört ein Puffer für Abweichungen fest eingeplant.
Wie messe ich Aufmerksamkeit und Kampagnenwirkung?
Echte Aufmerksamkeit ist Marketinggold – gemeint ist nicht blosse Ausspielung, sondern ob eine Anzeige wirklich wahrgenommen wurde. Sie hängt an konkreten Treibern: der sichtbaren Dauer einer Anzeige, der Werbedichte des Umfelds (viele Platzierungen senken die Aufmerksamkeit) und dem Format. Gemessen wird über KPIs mit echtem Business-Impact statt Vanity-Metriken sowie über eine saubere Post-Campaign-Auswertung. Ob eine Kampagne tatsächlich gewirkt hat, zeigen Brand-Lift-Studien (Veränderung von Bekanntheit und Wahrnehmung) und Search-Lift-Studien (zusätzliches Suchvolumen zur Marke) – so wird aus Sichtbarkeit nachgewiesene Wirkung.
Experteninterview mit Jonas Weirauch
Dass Wachstum vor allem aus Loyalität und dem Abschöpfen von Bestandskunden kommt. Tatsächlich wachsen Marken vor allem durch Penetration und mentale Verfügbarkeit bei neuen und unentschlossenen Käufern. Wirksame Reichweite mit echter Werbeerinnerung schlägt das ständige Nachfassen in der immer gleichen loyalen Blase.1
Wir werden täglich von tausenden Botschaften überhäuft. Der grösste Teil verpufft dabei in einer riesigen Aufmerksamkeitslücke. Diese Lücke zwischen technischer Auslieferung und tatsächlicher Werbeerinnerung nennen wir «Attention Gap».9 Dazu kommt, dass der absolute Grossteil potentieller Käufer:innen nicht im akuten Kaufmodus (out-of-market) ist.3 Werbekontakte ohne echten Aufmerksamkeitswert und passenden Nutzungskontext bleiben damit wirkungslos.
Markennähe wird über Zeit gelernt und verblasst in Pausen. Man muss die Gedächtnisstruktur stetig reaktivieren. Kontinuität schlägt Einzelaktionen, weshalb regelmässige Präsenz oft wirksamer ist als ein einziger grosser Flight.
Es gibt kein pauschal «besseres» Umfeld - entscheidend ist, ob die Massnahmen zum Kommunikationsziel passen. Walled Gardens bieten grosse Reichweiten und umfangreiche First-Party-Daten innerhalb eines geschlossenen Ökosystems wie Google zum Beispiel. Das Open Web ermöglicht dagegen eine grössere Vielfalt an Publisher-Umfeldern und bietet mehr Möglichkeiten, Kontext, Inventory und Supply Chain gezielt zu steuern. Welche Umgebung zum Einsatz kommt, hängt daher von Zielgruppe, Kommunikationsziel, gewünschtem Umfeld und den Anforderungen an Messbarkeit und Kontrolle ab.
An der Sprunghaftigkeit. Es wird geplant, aber nach drei Wochen umgeworfen, weil eine Zahl kurzfristig nicht stimmt. Eine gute Strategie hält den Rahmen – Ziel, Zielgruppe, Botschaft, Kanallogik – lange genug durch, damit Wirkung überhaupt entstehen kann. Wirksames Marketing ist eben ein Marathon und kein Sprint.
Das Budget aus Angst, etwas zu verpassen, über zu viele Kanäle zu streuen. Dann erreicht keiner die nötige Nutzschwelle und die Wirkung ist dahin. Besser wenige Kanäle über die Wirkschwelle bringen, als überall ein bisschen präsent und nirgends spürbar zu sein.
An echter Aufmerksamkeit und an KPIs, die tatsächlichen Business-Impact abbilden, nicht an blossen Vanity-Metriken. Gute Anhaltspunkte für eine erinnerte Kampagne stellen Ad-Recall Erhebungen dar. Sie geben Rückschlüsse darauf, wie oft sich Nutzer:innen an ein Werbemittel erinnern konnten oder an die Brand, die dahinter steht. Weiter ist eine saubere Post-Campaign-Analyse die Grundlage, um die nächste Kampagne besser zu machen.
Jonas Weirauch — Senior Consultant Media Buying bei der Webrepublic mit über sieben Jahren Erfahrung im digitalen Marketing. Schwerpunkte: Media Planning & Buying, Automation & Process Efficiency sowie Mediastrategie & AI Implementation. Im CAS Digital Marketing der ZHAW unterrichtet er Media Planning & Paid Media und bringt dabei seine Praxiserfahrung aus dem Agenturalltag ein.
Quellen
1. Sharp, B. (2010). How brands grow: What marketers don’t know. Oxford University Press. https://global.oup.com/academic/product/how-brands-grow-9780195573565
2. Esch, F.-R. (2014). Strategie und Technik der Markenführung (8. Aufl.). Vahlen.
3. Dawes, J. (2021). Advertising effectiveness and the 95-5 rule. The B2B Institute & Ehrenberg-Bass Institute. https://delivery-p143253-e1476319.adobeaemcloud.com/adobe/assets/urn:aaid:aem:ad8e54f5-62bc-42e4-906b-9f0091aa73c8/original/as/original.pdf
4. Rennie, A., Protheroe, J., Charron, C., & Breatnach, G. (2020). Decoding decisions: Making sense of the messy middle. Think with Google. https://www.thinkwithgoogle.com/intl/en-emea/consumer-insights/consumer-journey/navigating-purchase-behavior-and-decision-making/
5. Broadbent, S. (1979). One way TV advertisements work. Journal of the Market Research Society, 21(3), 139–166.
6. Binet, L., & Field, P. (2013). The long and the short of it: Balancing short and long-term marketing strategies. IPA. https://ipa.co.uk/knowledge/publications-reports/the-long-and-the-short-of-it-balancing-short-and-long-term-marketing-strategies/
7. Deighton, J. (2020). The socioeconomic impact of Internet tracking. Interactive Advertising Bureau (IAB). https://www.iab.com/insights/the-socioeconomic-impact-of-internet-tracking/
8. Romaniuk, J., & Sharp, B. (2016). How brands grow: Part 2. Oxford University Press.
9. GfK Schweiz & Webrepublic. (2026). YouTube-Studie «Unfiltered»: Warum Reichweite allein keine Wirkung garantiert. https://www.webrepublic.com/de/insights/youtube-nutzungsstudie-schweiz