Zwischen Leidenschaft und Rendite: Kunst ist mehr als Investment
Im Gespräch mit Dr. Laura Johanna Noll, Kunstökonomin (Dr. oec. HSG) und stellvertretende Leiterin des Zentrums für Kulturmanagement (ZKM)
Kunst wird regelmässig als attraktive Anlageklasse diskutiert. Rekordpreise auf Auktionen sorgen für Schlagzeilen, einzelne Werke erzielen spektakuläre Wertsteigerungen, und vermögende Sammler:innen investieren erhebliche Summen in Kunstwerke. Doch wie gut eignet sich Kunst als Investment?
Wer über Kunst als Anlageklasse spricht, sollte sich bewusst machen, dass Kunst weit mehr ist als ein Vermögenswert. Kunstwerke können finanzielle Renditen erwirtschaften, in erster Linie sind sie aber auch Kulturgüter, Ausdruck persönlicher Interessen und Teil des eigenen Lebensumfelds. Gerade diese Verbindung von finanziellem, kulturellem und emotionalem Wert unterscheidet Kunst von den meisten traditionellen Anlageformen.
Im Gespräch beantwortet Dr. Laura Johanna Noll sieben zentrale Fragen rund um Kunst als Investment und stellt zugleich sieben Fragen vor, die sich Sammler:innen und Investor:innen selbst stellen sollten.
1. Seit wann spricht man von Kunst als Investment?
Seit den 1990er Jahren wird Kunst zunehmend als alternative Anlageklasse diskutiert. Hintergrund ist die Annahme, dass Entwicklungen auf dem Kunstmarkt teilweise anders verlaufen als auf klassischen Finanzmärkten. Die wissenschaftliche Forschung kommt dabei jedoch zu unterschiedlichen Ergebnissen. Während einige Studien ein relevantes Diversifikationspotenzial identifizieren, sehen andere nur geringe oder situationsabhängige Effekte.
Beide Sichtweisen lassen sich plausibel erklären. Einige Forschende beobachten, dass Kunst insbesondere in wirtschaftlich unsicheren Zeiten als Alternative zu traditionellen Finanzanlagen an Attraktivität gewinnt. Andere weisen auf positive Zusammenhänge zwischen Kunst- und Finanzmärkten hin. Steigender Wohlstand und positive Konjunkturentwicklungen führen häufig dazu, dass sowohl in klassische Finanzprodukte als auch in Kunst investiert wird.
Zudem weist der Kunstmarkt strukturelle Besonderheiten auf. Marktsegmentierung, Informationsasymmetrien und Illiquidität können dazu führen, dass Kunstwerke nicht jederzeit zu erwarteten Preisen verkauft werden können. Das öffentliche Bild des Kunstmarkts wird zudem häufig durch spektakuläre Rekordverkäufe verzerrt. Tatsächlich liegt der Anteil der weltweit versteigerten Kunstwerke mit einem Zuschlagspreis von über einer Million US-Dollar laut aktuellem Art Basel & UBS Global Art Market Report bei lediglich rund ein bis zwei Prozent.
Gleichzeitig wird in der Diskussion um Kunst als Investment häufig ein entscheidender Aspekt übersehen: Kunst ist nie ausschliesslich Anlageobjekt. Sie erzeugt neben einer möglichen finanziellen Rendite auch emotionale, kulturelle und soziale Werte. In der kulturökonomischen Forschung wird deshalb häufig von «psychischen Renditen» oder «emotionalen Dividenden» gesprochen. Genau diese Verbindung aus finanziellem Potenzial und kulturellem Nutzen macht Kunst für viele Sammler:innen besonders attraktiv.
2. Welche Rolle spielen private Verkäufe für Sammler:innen?
Private Verkäufe spielen im Kunstmarkt traditionell eine wichtige Rolle. Ein erheblicher Teil hochwertiger Kunstwerke wird nicht über öffentliche Auktionen, sondern über Galerien, Kunstberater:innen, Händler:innen oder direkt zwischen Sammler:innen gehandelt. Private Verkäufe werden oftmals aus Gründen der Diskretion bevorzugt. Daneben spielen steuerliche und erbrechtliche Überlegungen, die Vermeidung von Auktionsrisiken oder der Wunsch nach einer schnellen Transaktion eine Rolle. Daher werden die häufigsten Verkaufsgründe häufig mit den sogenannten «3 D» beschrieben: Death, Debt und Divorce. In solchen Situationen kann die schnelle Abwicklung eines Verkaufs wichtiger sein als die Maximierung des Verkaufspreises.
Allerdings bedeutet ein privater Zugang nicht automatisch günstigere Preise. Gute Netzwerke können Zugang zu Informationen oder Werken ermöglichen, die anderen Marktteilnehmer:innen nicht zur Verfügung stehen. Doch gerade die attraktivsten Werke werden häufig von professionellen Marktakteuren begleitet, und Käufer:innen konkurrieren mit erfahrenen Sammler:innen, Institutionen und Berater:innen. Exklusivität kann deshalb durchaus auch zu höheren Preisen führen.
3. Sind Werke von Blue-Chip-Künstler:innen eine sicherere Wahl?
Als Blue Chips werden im Kunstmarkt üblicherweise international etablierte Künstler:innen mit hoher institutioneller Anerkennung, langer Verkaufshistorie und grosser Marktliquidität bezeichnet. Im Vergleich zu jüngeren oder weniger etablierten Positionen können sie ein geringeres Risiko aufweisen und langfristig eine stabilere Wertentwicklung zeigen. Gleichzeitig bedeutet eine höhere Sicherheit nicht automatisch höhere Renditen.
In der Forschung wird in diesem Zusammenhang der sogenannte Masterpiece Effect diskutiert. Dahinter steht die weit verbreitete Annahme, dass die berühmtesten Künstler:innen automatisch auch die attraktivsten Investments darstellen. Mehrere Studien zeigen jedoch, dass besonders bekannte und teure Werke nicht zwingend die höchsten Renditen erzielen. Teilweise wird sogar eine geringere Wertentwicklung beobachtet. Ein möglicher Grund liegt darin, dass Käufer:innen für ikonische Werke oft bereits beim Erwerb erhebliche Prestige- und Statusaufschläge bezahlen.
4. Wie verlässlich sind historische Renditen im Kunstmarkt?
Historische Renditedaten liefern wichtige Hinweise, sollten aber nicht mit verlässlichen Prognosen verwechselt werden. Ein Grossteil der verfügbaren Analysen basiert auf öffentlichen Auktionsdaten. Viele private Verkäufe bleiben dagegen unsichtbar.
Hinzu kommt ein methodisches Problem: Häufig werden vor allem Werke untersucht, die mehrfach gehandelt wurden. Dadurch entstehen sogenannte Selektionsverzerrungen. Kunstwerke, die nie oder nur einmal verkauft werden, fliessen häufig nicht in die Analysen ein.
Zuletzt werden Transaktionskosten, Versicherungen, Lagerung, Transport oder Restaurierung oft nur unzureichend berücksichtigt. Die tatsächlich erzielte Rendite kann deshalb deutlich von veröffentlichten Marktindizes abweichen.
5. Wie lassen sich Kunstpreise und Aktienkurse vergleichen?
Auf den ersten Blick scheinen Kunstpreise häufig deutlich stabiler zu sein als Aktienkurse. Dieser Eindruck kann jedoch täuschen. Während Aktien täglich gehandelt und laufend bewertet werden, wechseln viele Kunstwerke erst nach mehreren Jahren oder sogar Jahrzehnten erneut den Besitzer. Potenzielle Wertveränderungen werden daher wesentlich seltener sichtbar.
Zudem ist jedes Kunstwerk einzigartig. Anders als bei Aktien existiert kein kontinuierlicher Marktpreis. Die eingeschränkte Transparenz des Kunstmarktes und die geringe Handelsfrequenz führen dazu, dass Preisunsicherheiten oft verborgen bleiben. Kunst kann deshalb stabiler erscheinen, als sie tatsächlich ist.
6. Welche Rendite darf man pro Jahr erwarten?
Für den gesamten Kunstmarkt nennt die Forschung je nach Datengrundlage häufig langfristige Durchschnittsrenditen zwischen etwa 2,6 und 5 Prozent pro Jahr. Einzelne Künstler:innen, Marktsegmente oder Zeiträume können deutlich höhere – aber auch deutlich niedrigere – Werte erzielen. Zusätzlich sollten die teilweise erheblichen Kosten berücksichtigt werden. Transaktionskosten von 25 bis 30 Prozent des Kaufpreises sind keine Seltenheit. Hinzu kommen Ausgaben für Transport, Versicherung, Lagerung, Instandhaltung und gegebenenfalls Restaurierung.
7. Worauf sollte man achten, bevor man in Kunst investiert?
Wenn ich Kunst primär unter dem Gesichtspunkt eines Investments betrachten würde, stünden für mich Transparenz, Nachvollziehbarkeit und Marktmechanismen im Mittelpunkt. Insbesondere würde ich mir folgende Fragen stellen:
1. Wie und warum entscheide ich mich für ein Werk? (Oder wie und warum empfehlen es andere, oder wählen es für mich aus?)
Wer trifft Auswahlentscheidungen, auf welcher Grundlage erfolgt die Auswahl und welche Expertise fliesst in diesen Prozess ein? Mit welcher Erwartung kaufe ich dieses Kunstwerk?
1. Wie wurde das Kunstwerk bewertet bzw. bepreist?
Welche Verfahren werden zur Preisbestimmung angewendet und wer ist für die Bewertung beim An- und Verkauf verantwortlich?
2. Welche Informationen sind vorhanden?
Werden Herkunft, Ausstellungs- und Sammlungsgeschichte sowie bisherige Transaktionen nachvollziehbar dokumentiert?
3. Welche Kosten fallen tatsächlich an?
Neben dem Kaufpreis sollten auch Managementgebühren, Transaktionskosten, Versicherungen, Lagerung, Transport oder Restaurierung berücksichtigt werden.
4. Wie liquide ist das Investment?
Wie realistisch ist es, das Werk innerhalb eines gewünschten Zeitraums wieder verkaufen zu können und zu welchem Preis?
6. Wie werden Interessenkonflikte vermieden? (Auch und vor allem wenn ich zusammen mit anderen investiere oder andere für mich entscheiden)
Wer profitiert wann und in welcher Form von Kauf, Halten oder Verkauf eines Kunstwerks? Sind Anreize und Verantwortlichkeiten transparent geregelt?
7. Würde ich das Werk auch besitzen wollen, wenn es keine Wertsteigerung erzielt?
Diese Frage halte ich persönlich für besonders wichtig. Kunst unterscheidet sich von den meisten anderen Anlageformen dadurch, dass sie Teil des eigenen Lebensumfelds werden kann. Sie kann inspirieren, herausfordern, bilden und beglücken. Gerade deshalb würde ich nicht nur in Kunst investieren, von der ich mir eine finanzielle Rendite verspreche, sondern vor allem in Werke, mit denen ich selbst leben möchte und die mir die zuvor angesprochenen «psychischen Renditen» oder «emotionalen Dividenden» erbringen.
Kunst ist mehr als ein Investment.
Wer Kunst ausschliesslich als Finanzanlage betrachtet, greift meines Erachtens zu kurz. Kunst kann zwar Vermögen speichern, Wertsteigerungen ermöglichen und zur Diversifikation beitragen. Gleichzeitig schafft sie aber auch kulturelle, soziale und persönliche Werte, die sich nicht in Renditezahlen ausdrücken lassen. Fragen Sie sich: Warum möchte ich in Kunst investieren?
«Ich persönlich kaufe Kunst, die mich intellektuell anspricht oder emotional berührt. Deshalb würde ich nicht nur auf Renditeerwartungen achten, sondern vor allem auf Werke, mit denen ich selbst leben möchte. Wenn man Kunst liebt und mit ihr lebt, ist sie vielleicht nicht immer die sicherste Möglichkeit, ein Portfolio zu diversifizieren, aber wahrscheinlich die schönste.» - Dr. Laura Johanna Noll
Das Zentrum für Kulturmanagement Team bedankt sich herzlich für das ausführliche Interview und die Einordnung!