Content Marketing und Reception Marketing: mit relevanten Inhalten und dem richtigen Moment Wirkung erzielen
Stand: September 2026 · Autoren: Dr. Florian Gasser und Peter Erni
Content Marketing ist eine Marketingdisziplin, die nicht nur rein Produkte oder Dienstleistungen bewirbt, sondern der Zielgruppe relevante Inhalte mit Mehrwert liefert, um Vertrauen, Sichtbarkeit und langfristige Kundenbindung aufzubauen. Der neuere Ansatz des Reception Marketing (Peter Erni) denkt dies konsequent vom Empfänger her: Botschaften werden dann und dort ausgespielt, wo die Zielgruppe für sie empfänglich ist, unterstützt durch strukturierte Daten, Algorithmen und KI. Zusammengefasst heisst das: relevanter Inhalt, ausgespielt im richtigen Moment über den richtigen Kanal.
Was macht Content Marketing aus?
Content Marketing konzentriert sich nicht auf die reine Vermarktung von Produkten und Dienstleistungen, sondern auf Inhalte, die an den Interessen der Zielgruppe ansetzen. Sie positionieren das Unternehmen als Experten, Berater oder Entertainer, bauen Vertrauen auf und lösen letztlich profitable Kundenaktionen aus.1,2
- Fokus auf zielgruppenrelevante Inhalte statt klassischer Produktwerbung
- Positionierung als Experte, Berater oder Entertainer
- zielgerichtetes Publikum über passende Kanäle und Formate erreichen
- Verknüpfung mit SEO und Inbound-Marketing; die volle Wirkung entfaltet Content Marketing mittel- bis langfristig und im Zusammenspiel mehrerer Kanäle
Inhalte werden über die vier Kanaltypen des PESO-Modells verbreitet: Paid Media (Display-Werbung, TV-Spots, Paid Social Ads), Earned Media (PR-Berichterstattung auf fremden Websites, Medienerwähnungen, Mundpropaganda), Shared Media (Interaktionen und organische Verbreitung auf Social-Media-Plattformen wie Shares, Kommentare, Community-Engagement) und Owned Media (Website, Blog, eigene Social-Media-Kanäle).3
Warum ist Content Marketing relevant?
- Verändertes Kundenverhalten: Die Kundschaft informiert sich selbstständig und vertraut eher unabhängigen Inhalten als klassischer Werbung.
- Klassische Werbung verliert an Wirkung: Ad-Blocker, Bannerblindheit, sinkende Klickraten und steigende Kosten im Paid Advertising.
- Always-on- und Omnichannel-Welt: Relevante Inhalte müssen über Kanäle hinweg genau dann verfügbar sein, wenn sie gebraucht werden.
- Content als strategisches Asset: baut Vertrauen, Autorität und Markenbindung auf, wirkt langfristig und ist essenziell für SEO und Inbound-Marketing.
Der Unterschied zum Mediabudget ist dabei zentral. Mediabudget wirkt wie ein Konsumgut, seine Wirkung endet mit dem letzten ausgegebenen Franken. Guter Content wirkt wie eine Investition: Einmal als strukturierte Daten aufbereitet, lässt er sich über viele Kanäle nutzen, steht auch Algorithmen und KI-Systemen zur Verfügung, und seine Wirkung wächst mit der Zeit.
In sechs Schritten zur Content-Strategie
| Schritt | Inhalt |
|---|---|
| 1. Ziel setzen | Was soll mit Content Marketing erreicht werden? |
| 2. Zielgruppe definieren | Wofür interessiert sich die Zielgruppe? Personas erstellen. |
| 3. Content-Plan erstellen | Wettbewerb analysieren, Verantwortlichkeiten und Redaktionsplan festlegen. |
| 4. Taktiken definieren | Passende Kanäle und Hebel wählen (SEO, Partner, Social-Media-Influencer). |
| 5. Content erstellen und Go-live | Relevante Inhalte produzieren und veröffentlichen. |
| 6. Erfolgsmessung | Wirkung analysieren und tracken und dadurch zukünftigen Content optimieren. |
Was sind Ziele und Wirkung von Content Marketing?
Content Marketing zahlt vor allem auf Markenbekanntheit (Brand Awareness) und Markentreue (Brand Loyalty) ein: Bekanntheit und Glaubwürdigkeit steigern, aus Suchenden potenzielle Kundschaft machen, Beziehungen pflegen sowie Kundschaft zu Fans und Weiterempfehlungen bewegen.4 Ebenso wirkt Content Marketing direkt auf konkrete Handlungen: Zielgruppen klicken eher, besuchen die Website, melden sich für einen Newsletter an oder laden Checklisten herunter, womit Leads entstehen. Potenzielle Kundschaft wird so für die Buyer Journey aktiviert und bestehende Kundschaft in sie zurückgeführt.
- Vorteile: stärkere Markenbekanntheit und -loyalität, mehr Website-Traffic, höhere Sichtbarkeit im Netz, mehr Kundenbindung und oft ein besseres Preis-/Leistungsverhältnis als klassische Werbung.
- Grenzen: zeitaufwändig, versteckte Kosten, hoher Aufwand in Strategie, Produktion und Analyse, schwierige Erfolgsmessung und schneller Wandel von Trends und Plattformen.
Beim Budget lohnt sich der Blick auf vier Posten: interne Ressourcen (Personal), externe Ressourcen (Agenturen), Mediabudget für die Verbreitung und Lizenzkosten für Tools.
Brand Storytelling
Beim Brand Storytelling verbindet eine Erzählung die Markenwerte mit den Menschen. Eine gute Geschichte hat Charaktere, Schauplatz, Konflikt, Höhepunkt und Schluss. Besonders wirkungsvoll ist, Geschichten zu erzählen, die nicht primär das Produkt bewerben, und sie von anderen weitererzählen zu lassen. Geschichten können und müssen je nach Kanal unterschiedlich erzählt und inszeniert werden. Dabei können Geschichten selbst erzählt werden, durch externe Medien, oder auch durch Markenträger und auch Influencer.5
Reception Marketing: Inhalte als Daten denken
Ein aktueller Denkansatz von Peter Erni ist das Reception Marketing: Botschaften werden dann und dort ausgespielt, wo die Zielgruppe für diese empfänglich ist. Es kombiniert Pull- und Push-Marketinglogik und stellt die Empfänger-Perspektive sowie datengestützte Feedback-Schleifen ins Zentrum. Voraussetzung ist, Marketing-Assets als strukturierte Daten zu behandeln, denn ohne Struktur werden Inhalte für Algorithmen unsichtbar.6
| Klassisches Content Marketing | Reception Marketing |
|---|---|
| Fokus: Perspektive der Ersteller:innen | Fokus: Perspektive der Empfänger (customer centric) |
| Planung nach Marketingkalender | Planung auf Basis von Signalen |
| Journey: Funnel-Logik (Pull) | Journey: Kreislauf-Logik (Pull + Push) |
| Feedback-Schleifen selten integriert | Feedback-Schleifen als Schlüsselelement |
Ergänzend strukturiert das Marketing-Dartboard-Modell7 die Content-Produktion (See, Think, Do, Care)8 und die Content-Distribution (Awareness, Consideration, Conversion) entlang der Customer Journey. Menschen erhalten dadurch relevante Inhalte, Algorithmen und KI-Systeme saubere Daten, aus denen sie schneller lernen, welche Nutzer wo und wann für welche Botschaften empfänglich sind.
Wie passen KI und Content-Erstellung zusammen?
KI-Werkzeuge unterstützen heute die gesamte Content-Produktion, von Text über Bild bis Video. Entscheidend bleibt aber die Relevanz und nicht die Masse. Bei stark KI-generierten, menschenähnlichen Inhalten ist zudem das «Uncanny Valley» zu beachten, also der Punkt, an dem die Wirkung ins Unnatürliche kippt und was zu negativen Reaktionen von (potenziellen) Kunden führen kann.9
Experteninterview mit Dr. Florian Gasser
Kurzum: Werbung unterbricht, Content Marketing wird gesucht. Klassische Werbung kauft sich Aufmerksamkeit für einen begrenzten Moment; Content Marketing baut über Zeit Vertrauen auf, das man sich nicht mehr extra erkaufen muss. Der Unterschied zeigt sich am besten in der Frequenz: Werbung funktioniert als Einzelimpuls, Content Marketing lebt von Wiederholung und Kontinuität.
Weil klassische Werbekanäle teurer und die Streuverluste grösser werden, während Menschen gleichzeitig aktiv nach Orientierung und Lösungen suchen… und nicht nach Anzeigen. Wer als Unternehmen dort mit echtem Mehrwert präsent ist, wo diese Fragen gestellt werden, wird nicht nur gefunden, sondern auch beachtet. Das verschiebt das Kräfteverhältnis: Reichweite lässt sich nicht mehr nur kaufen, sie muss zunehmend verdient werden.
Am Anfang sollte die Zielgruppe stehen, nicht das Unternehmen: Welche Fragen, Probleme oder Entscheidungen beschäftigen die Menschen, die wir erreichen wollen? Aus diesen Antworten entsteht eine Themenlandkarte, die sich später mit den eigenen Stärken und Ressourcen abgleichen lässt. Eine Strategie, die bei der Zielgruppe beginnt, statt beim eigenen Angebot, hat von Anfang an die richtige Blickrichtung.
Weniger Formate, aber dafür konsequent an einer klaren redaktionellen Linie ausgerichtet: das schafft Wiedererkennbarkeit statt Verzettelung. Teams sollten sich jedes Quartal fragen: Welcher Inhalt hat wirklich etwas bewirkt, und welcher lief nur mit? Qualität lässt sich nicht durch Quantität kompensieren, eher im Gegenteil: Zu viel Output verwässert die Marke und überfordert das Team.
KI verändert vor allem das Tempo, nicht die Substanz: Sie macht Recherche, erste Entwürfe und Varianten schneller verfügbar, ersetzt aber nicht das Verständnis für die eigene Zielgruppe. Entscheidend bleibt, dass ein Mensch am Ende beurteilt, ob ein Text wirklich zur Marke und zur Situation passt. Wer KI blind einsetzt, riskiert austauschbaren Content; wer sie gezielt einsetzt, gewinnt Zeit für das, was wirklich zählt: Strategie und Kreativität.
Dr. Florian Gasser — Forscher, Dozent und Studiengangsleiter des CAS Content Marketing an der ZHAW sowie PostDoc-Forscher und Dozent an der Universität St. Gallen (Dr. HSG). Redner an internationalen Events.
Experteninterview mit Peter Erni
Beim klassischen Content Marketing diktiert der interne Redaktionskalender den Takt. Man denkt in Silos und die Hauptfrage lautet primär: Was wollen wir als Unternehmen wann publizieren?
Beim Digital Reception Marketing vollziehen wir einen Perspektivenwechsel. Im Zentrum steht hierbei die Frage: Wann und wo sind Internet-User effektiv empfänglich für eine Botschaft? Dieselbe Marketingbotschaft, die morgens im Pendlerzug hervorragend konvertiert, kann am späten Abend komplett verpuffen.
Für Unternehmen bedeutet dieser datengestützte Push-Ansatz einen klaren Mehrwert: Du reduzierst Streuverluste drastisch und steigerst die Effizienz deines Medienbudgets massiv.
In der Ära der künstlichen Intelligenz greift das klassische Content Marketing zu kurz. Content-Marketing-Massnahmen wie Blogartikel ohne zusätzliche Kontextinformationen sind für Plattformalgorithmen und die autonomen KI-Suchsysteme faktisch inexistent. Wie ich in meinen Vorlesungen betone, lautet die bittere Realität: «No data, no AI. Random data, random results.» Wir müssen unstrukturierte Marketingbotschaften zwingend in skalierbare und AI-ready Datenobjekte transformieren. Sobald wir jedes Asset systematisch mit klaren Attributen wie Thema, Zielgruppe und Kontext anreichern, schaffen wir eine maschinenlesbare «Single Source of Truth». Dieser strukturierte Ansatz steigert die Effizienz deines Medienbudgets massiv und sichert dir die unverzichtbare Informationssouveränität im heutigen KI-Zeitalter.
Das Marketing-Dartboard-Modell beendet das klassische, ineffiziente Kampagnendenken und trennt konsequent zwei ineinandergreifende Kreisläufe: die Content-Produktion und die Content-Distribution. Im inneren Kreis strukturieren wir Inhalte als wiederverwendbare, mit Metadaten versehene Bausteine. Im äusseren Kreis übernehmen Algorithmen die datenbasierte Ausspielung entlang der gesamten Customer Journey. Dieses Vorgehen macht Marketing messbarer, skalierbar und AI-Ready. Marketing wie ein Dartprofi bedeutet nicht lauter, sondern treffsicherer. So entsteht am Ende Content, der Menschen einen klaren Mehrwert bietet und Algorithmen und autonomen KI-Systemen saubere Daten liefert.
Der Schlüssel liegt in effizienten Content-Verwertungsketten und der konsequenten Content-Atomisierung. Statt für jede Marketing-Massnahme das Rad neu zu erfinden, starten wir mit einem fundierten «Core Content», beispielsweise einem umfassenden Blogartikel (Pull). Aus diesem zentralen Ankerinhalt extrahieren wir Bilder, Videos und Textbausteine. Diese Content-Bausteine kombinieren wir zu Marketingbotschaften für unterschiedliche Zielgruppen und/oder Funnel-Stufen. So generieren wir aus einem einzigen Inhalt hunderte passgenaue Marketingbotschaften z.B. für Instagram, TikTok und Co. (Push). Der initiale Aufwand liegt im Bereitstellen der Marketingbotschaften in Form von sauberen Datenmustern. Danach distribuieren wir diese Varianten an die Algorithmen z.B. von Social-Media-Plattformen oder E-Mail-Marketingsystemen bis hin zu KI-Systemen. Algorithmen lernen mit jeder Ausspielung, welche Variante wann am besten wirkt.
Mein Rat lautet: Klein anfangen und mit einem agilen «Growth Mindset» iterativ skalieren. Wer sofort das gesamte Unternehmen umkrempeln will, scheitert oft am Chaos unstrukturierter Informationen. Mein Credo lautet hierbei: «You either win, or you learn». Startet also mit einem klar begrenzten Pilotprojekt für ein Thema, eine Zielgruppe und einen Pull- und einen Push-Kanal. Baut dafür die Datenlogik auf und transformiert eure Inhalte in AI-ready Datenmuster. So etabliert ihr eine wertvolle «Test and Learn»-Kultur. Sobald dieser Kreislauf die Algorithmen füttert und reale Resultate erzielt wurden, habt ihr das Fundament für die nächsten Schritte. Ein faktischer Erfolg überzeugt intern jede Geschäftsleitung weitaus mehr als jede Strategiefolie.
Peter Erni — CINO bei Brain & Heart Communication und Co-Founder von VERZE.ai. Fokus auf datengetriebenes Content Marketing, Social Media Marketing und Reception Marketing. Im CAS Digital Marketing der ZHAW unterrichtet er gleich mehrere Themen, von Reception Marketing über Community Management bis zur Omnichannel-Orchestrierung, und reichert den Kurs mit seinem Praxiswissen an.
Quellen
1. Rowley, J. (2008). Understanding digital content marketing. Journal of Marketing Management, 24(5–6), 517–540. https://doi.org/10.1362/026725708X325977
2. Pătruțiu-Balteș, L. (2015). Content marketing – the fundamental tool of digital marketing. Bulletin of the Transilvania University of Brașov, Series V: Economic Sciences, 8(2), 111–118. https://webbut.unitbv.ro/index.php/Series_V/article/view/4497/3451
3. Kreutzer, R. T. (2024). Content-Marketing. In Handbuch Social-Media-Marketing. Springer Gabler. https://link.springer.com/rwe/10.1007/978-3-658-42282-0_10-1
4. Heierli, R., et al. (2025). Content Marketing Studie 2025: Einsatz und Verbreitung des Content Marketing in der Schweiz. ZHAW School of Management and Law. https://digitalcollection.zhaw.ch/items/3805428f-7233-43ac-a2e9-eb265da43a92
5. Gasser, F. (2022). The Art of Social-Media- Influence - Was es für eine erfolgreiche Kampagne zu berücksichtigen gilt und welche Fauxpas man besser vermeiden sollte, Marketing Review St. Gallen 39 (4), 64-72. https://www.econstor.eu/bitstream/10419/276200/1/MRSG_2022_4_64-72.pdf
6. Kotler, P., et al. (2024). Essentials of Modern Marketing (Germany Edition). https://www.pkotler.org/
7. Erni, P. (2024). Das Marketing-Dartboard-Modell. Brain & Heart Communication. https://b-h.ch/blog/das-dartboard-modell/
8. Kaushik, A. (2013). See, Think, Do, Care: A content, marketing, measurement business framework. Occam’s Razor. https://www.kaushik.net/avinash/see-think-do-content-marketing-measurement-business-framework/
9. Mori, M., MacDorman, K. F., & Kageki, N. (2012). The uncanny valley. IEEE Robotics & Automation Magazine, 19(2), 98–100. https://doi.org/10.1109/MRA.2012.2192811