ZHAW International Business Insight: "The Disposable Oligarchs"
In einem Artikel für “Foreign Affairs" analysieren Prof. Christopher Hartwell, Leiter des ZHAW International Management Institute, und Prof. Tricia D. Olsen von der University of Minnesota ein zentrales Spannungsfeld moderner politischer Ökonomie: die Beziehung zwischen wirtschaftlichen Eliten und autoritären politischen Systemen.
Hartwell und Olsen beschreiben in ihrem Artikel “The Disposable Oligarchs: Why Wealthy Elites Come to Regret Their Bargains With Authoritarians” den sichtbaren Schulterschluss führender US-Technologieunternehmer mit Donald Trump im Rahmen seiner zweiten Amtseinführung als weit mehr als eine blosse Momentaufnahme politischer Symbolik. Vielmehr sehen sie darin ein mögliches Anzeichen für eine Entwicklung, die aus anderen Weltregionen bereits bekannt ist: die Herausbildung eines Systems, in dem wirtschaftliche und politische Macht zunehmend ineinandergreifen – mit potenziell weitreichenden Folgen für Demokratie und Märkte.
Ein zentraler Referenzpunkt der Analyse ist Russland nach dem Zerfall der Sowjetunion. In den 1990er-Jahren entstand dort eine Klasse von Oligarchen, die durch Privatisierungen und politische Nähe enorme wirtschaftliche Macht anhäuften. Figuren wie Roman Abramovich oder Mikhail Khodorkovsky prägten nicht nur die Wirtschaft, sondern auch die Politik des Landes.
Doch dieser Einfluss erwies sich als fragil. Unter Vladimir Putin begann der Staat, die Machtverhältnisse neu zu ordnen. Vermögen wurden enteignet, Unternehmen unter staatliche Kontrolle gebracht und einzelne Oligarchen strafrechtlich verfolgt. Das Ergebnis: ein System, das die Autor:innen als „autoritären Staatskapitalismus“ beschreiben – geprägt von staatlicher Dominanz und der gezielten Disziplinierung wirtschaftlicher Eliten.
Die zentrale Erkenntnis: Wer autoritäre Systeme unterstützt, stärkt letztlich Strukturen, die auch gegen ihn selbst eingesetzt werden können.
Die Dynamik ist keineswegs auf Russland beschränkt. Auch in Ländern wie Saudi-Arabien oder der Türkei zeigen sich ähnliche Muster: wirtschaftliche Eliten profitieren zunächst von politischer Nähe, geraten jedoch unter Druck, sobald ihre Unabhängigkeit als Bedrohung wahrgenommen wird. Beispiele reichen von milliardenschweren Strafzahlungen über erzwungene Unternehmensverkäufe bis hin zu Inhaftierungen.
Hartwell und Olsen argumentieren, dass diese Entwicklungen strukturell bedingt sind: Autoritäre Systeme streben langfristig danach, alle Machtquellen zu kontrollieren – auch wirtschaftliche. Daraus ergibt sich eine inhärente Unsicherheit für Unternehmen, selbst wenn sie kurzfristig von politischer Nähe profitieren.
Besondere Aufmerksamkeit widmet der Beitrag den USA. Obwohl sich das politische System grundlegend von klassischen autoritären Regimen unterscheidet, diagnostizieren die Autor:innen Anzeichen einer „democratic backsliding“ – etwa zunehmende Polarisierung, die Ausweitung exekutiver Macht oder den strategischen Einsatz rechtlicher Mittel gegen politische Gegner.
Vor diesem Hintergrund erscheint die Annäherung einzelner Wirtschaftsakteure an politische Machtzentren in einem neuen Licht. Die Autor:innen warnen davor, solche Allianzen als rein pragmatische Anpassung an politische Realitäten zu verstehen. Vielmehr könnten sie langfristig genau jene institutionellen Grundlagen untergraben, auf die wirtschaftlicher Erfolg angewiesen ist: Rechtsstaatlichkeit, Planungssicherheit und funktionierende Märkte.
Die Rolle der Wirtschaft: Risiko und Verantwortung
Ein zentrales Argument des Artikels liegt in der Rolle wirtschaftlicher Eliten selbst. Unternehmen und ihre Führungskräfte sind nicht nur potenzielle Opfer politischer Machtkonzentration, sondern auch entscheidende Akteure bei deren Begrenzung.
Hartwell und Olsen identifizieren zwei mögliche Pfade:
- die aktive Stärkung demokratischer Institutionen durch wirtschaftliche Akteure, oder
- eine Gegenreaktion der Gesellschaft auf übermässige Machtkonzentration, die Unternehmen zum Umdenken zwingt.
In beiden Fällen wird deutlich: Wirtschaftliche Eliten verfügen über erheblichen Einfluss – und tragen damit auch Verantwortung für die Stabilität der institutionellen Rahmenbedingungen, in denen sie agieren.
Kurzfristiger Gewinn, langfristiges Risko
Mit “The Disposable Oligarchs” liefern Hartwell und Olsen eine fundierte und zugleich hochaktuelle Analyse der Wechselwirkungen zwischen politischer Macht und wirtschaftlichen Interessen. Der Beitrag zeigt eindrücklich, dass vermeintlich vorteilhafte Allianzen mit autoritären Akteuren selten nachhaltig sind – und langfristig sowohl wirtschaftliche als auch gesellschaftliche Kosten verursachen.
Für Forschende, Entscheidungsträger:innen und die interessierte Öffentlichkeit bietet der Artikel damit nicht nur eine historische und vergleichende Perspektive, sondern auch eine klare Warnung: Die Stabilität demokratischer Institutionen ist keine Selbstverständlichkeit – und ihr Erhalt liegt im Interesse aller, auch und gerade der wirtschaftlichen Eliten.