Kreislaufwirtschaft in die Praxis bringen
Wie lassen sich Produkte so entwickeln, dass Ressourcen länger genutzt, Materialien wiederverwendet und gleichzeitig wirtschaftliche Chancen geschaffen werden? Der CAS Circular Economy for Engineers der ZHAW School of Engineering vermittelt das Wissen und die Werkzeuge, um Kreislaufwirtschaft in Unternehmen konkret umzusetzen. Studienleiter Adrian Burri und Gastdozent Fabian Etter sprechen über Inhalte und Relevanz des CAS.
Noch immer werden viele Produkte nach einem linearen Prinzip hergestellt: Rohstoffe werden gewonnen, verarbeitet, genutzt und am Ende entsorgt. Die Kreislaufwirtschaft verfolgt einen anderen Ansatz. Produkte und Materialien sollen möglichst lange genutzt, wiederverwendet und in den Kreislauf zurückgeführt werden. Für Unternehmen wird dies angesichts steigender Nachhaltigkeitsanforderungen und neuer regulatorischer Vorgaben zunehmend relevant. Genau hier setzt der CAS Circular Economy for Engineers an. Mehr erzählen Adrian Burri, Studienleiter des CAS und Leiter des Institute of Product Development and Production Technologies IPP, und Fabian Etter, Gastdozent im CAS, Co-Präsident von swisscleantech und Gründer des Netzwerks CEO4Climate, im Interview.
Adrian Burri, warum braucht es gerade jetzt eine Weiterbildung wie das CAS Circular Economy for Engineers?
Kreislaufwirtschaft ist kein Zukunftsthema mehr, sondern eine aktuelle unternehmerische Notwendigkeit. Unternehmen spüren den Druck durch Regulierung, Ressourcenknappheit und steigende Erwartungen von Kund:innen. Gleichzeitig erkennen viele darin eine grosse Chance für Innovation und Wettbewerbsfähigkeit.
Was häufig fehlt, ist das Know-how für die praktische Umsetzung. Genau deshalb braucht es diese Weiterbildung: Sie vermittelt Ingenieur:innen konkrete Methoden und Werkzeuge, um Kreislaufwirtschaft von der Vision in die Realität zu bringen. Unser Ziel ist es, dass die Teilnehmenden nach dem CAS nicht nur verstehen, was Circular Economy bedeutet, sondern sie in ihren Unternehmen wirksam umsetzen können.
Das CAS richtet sich bewusst an Fachpersonen aus Engineering und Produktentwicklung. Welche Rolle spielen Ingenieur:innen bei der Transformation von einer linearen hin zu einer Kreislaufwirtschaft?
Ingenieur:innen haben einen entscheidenden Hebel für die Kreislaufwirtschaft. Sie bestimmen mit, welche Materialien eingesetzt werden, wie langlebig, reparierbar oder wiederverwendbar Produkte sind und ob Stoffkreisläufe überhaupt geschlossen werden können. Gleichzeitig reicht es heute nicht mehr, nur ein gutes Produkt zu entwickeln.
Die Transformation zur Kreislaufwirtschaft wird nicht in Strategiepapieren entschieden, sondern bei der Entwicklung von Produkten und Geschäftsmodellen. Gleichzeitig braucht es neben den Ingenieur:innen Personen, die neue Geschäftsmodelle und Marktangebote aufbauen. Deshalb bringt das CAS Fachleute aus Engineering, Produktmanagement, Start-ups und Unternehmensentwicklung zusammen, die Kreislaufwirtschaft nicht nur verstehen, sondern konkret umsetzen wollen.
Was unterscheidet das CAS von anderen Weiterbildungen im Bereich Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft?
Viele Weiterbildungen konzentrieren sich auf Strategien, Management oder Reporting. Bei uns liegt der Fokus auf der praktischen Umsetzung im Engineering und in der Produktentwicklung. Die Teilnehmenden arbeiten mit realen Methoden, Tools und Fallbeispielen und entwickeln parallel dazu eine eigene Lösung für die Praxis.
Ein wichtiger Bestandteil des CAS ist ein Praxisprojekt. Was sollen die Teilnehmenden nach Abschluss der Weiterbildung konkret in ihrem eigenen Unternehmen anstossen oder umsetzen können?
Mein Ziel ist, dass niemand das CAS nur mit neuem Wissen abschliesst, sondern mit einem konkreten Projekt, das im Unternehmen weitergeführt werden kann. Das kann ein kreislauffähiges Produkt, ein neuer Materialeinsatz, ein Business Case oder eine Verbesserung in der Wertschöpfungskette sein. Die Teilnehmenden sollen danach in der Lage sein, Veränderungen anzustossen und andere im Unternehmen von diesen Lösungen und den Chancen der Kreislaufwirtschaft zu überzeugen.
Fabian Etter, warum ist Kreislaufwirtschaft nicht nur ein Thema der Nachhaltigkeit, sondern zunehmend auch ein wirtschaftlicher Wettbewerbsfaktor für Schweizer Unternehmen?
Kreislaufwirtschaft ist zunehmend eine Frage der Wettbewerbsfähigkeit. Gerade für die Schweiz ist das entscheidend: Wir sind ein rohstoffarmes, stark international vernetztes Land. Unternehmen, die weniger Primärrohstoffe benötigen, Materialien länger im Kreislauf halten und Produkte langlebiger gestalten, reduzieren ihre Abhängigkeit von volatilen Rohstoffpreisen und internationalen Lieferketten.
Gleichzeitig entstehen neue Geschäftsmodelle: Reparatur, Wiederaufbereitung, Wiederverwendung oder «Product as a Service» schaffen zusätzliche Wertschöpfung und vertiefen die Kundenbeziehung. Und nicht zuletzt verändern sich die regulatorischen Rahmenbedingungen und die Anforderungen der Kunden – insbesondere in Europa.
Wo stehen Schweizer Unternehmen heute bei der Kreislaufwirtschaft und wo sehen Sie den grössten Handlungsbedarf?
Wir sehen viel Bewegung – aber wir stehen noch relativ am Anfang. Viele Schweizer Unternehmen haben das Thema inzwischen strategisch erkannt, und es gibt hervorragende Pioniere: IKEA arbeitet intensiv am Thema Second Use von Möbeln; V-Zug bringt gerade Haushaltsgeräte auf den Markt, für die langlebige Bauteile wiederverwendet werden; Siemens Mobility recycelt Aluminium aus ausgedienten Zügen, um daraus neue Bahnkomponenten herzustellen. Die Thommen Group - der grösste Recycler der Schweiz - wird immer mehr von einem „Schrotthändler" zu einem strategischen Partner für Unternehmen, die ihre Klimaziele erreichen und die Resilienz steigern wollen. Gemäss aktuellem Statusbericht der BFH sind aber nur gerade rund zehn Prozent der Schweizer Unternehmen substanziell in der Kreislaufwirtschaft aktiv.
Eine besondere Stärke haben wir traditionell beim Recycling und bei der Abfallwirtschaft. Kreislaufwirtschaft beginnt aber viel früher. Der grösste Handlungsbedarf liegt deshalb aus meiner Sicht beim Schritt vom Recycling zum zirkulären Produkt- und Geschäftsmodell. Das bedeutet auch, dass Kreislaufwirtschaft nicht einfach Aufgabe der Nachhaltigkeitsabteilung sein darf. Sie muss in Entwicklung, Einkauf, Produktion, Vertrieb und letztlich in der Geschäftsleitung verankert sein.
Welche Hürden erleben Unternehmen besonders häufig, wenn sie Kreislaufwirtschaft nicht nur strategisch diskutieren, sondern konkret in Produkte und Prozesse übersetzen wollen?
Die schwierigste Phase beginnt häufig nach der Strategie. In der konkreten Umsetzung müssen Unternehmen bestehende Produkte, Prozesse und teilweise ihr Geschäftsmodell verändern. Die zentrale Herausforderung ist die Wirtschaftlichkeit. Ein zirkuläres Produkt kann technisch funktionieren, aber es braucht auch einen Markt und ein tragfähiges Geschäftsmodell. Wir haben deshalb bei swisscleantech ein neues Mitgliederangebot für die gemeinsame Entwicklung solcher Geschäftsmodelle geschaffen, denn oft sind die Herausforderungen über die Branchen hinweg ähnlich.
Ein weiterer Punkt ist aus unserer Sicht besonders wichtig: Kreislaufwirtschaft funktioniert selten innerhalb eines einzelnen Unternehmens. Kreisläufe verlaufen über Unternehmens- und Branchengrenzen hinweg. Deshalb brauchen wir Kooperation, gemeinsame Standards und funktionierende Märkte für Sekundärmaterialien. Neue Initiativen und Systeme – wie RecyPac für Kunststoffverpackungen und Getränkekartons oder Fabric Loop für Textilien – sind zentral.
Welche Kompetenzen brauchen Ingenieur:innen künftig, um kreislauffähige Produkte und Lösungen zu entwickeln und gleichzeitig technische sowie wirtschaftliche Anforderungen zu erfüllen?
Systemdenken wird aus meiner Sicht wichtiger: Ingenieur:innen müssen den gesamten Lebenszyklus eines Produkts verstehen. Welche Materialien verwenden wir? Woher kommen sie? Wie lange hält das Produkt? Kann man einzelne Komponenten austauschen? Kann es repariert oder wiederaufbereitet werden? Und was passiert am Ende seiner Lebensdauer? Ein konkretes Beispiel: Kürzlich habe ich eine Sporthalle in Zürich besichtigt und den Plan gesehen, wie diese wieder auseinandergebaut werden kann. Solche Pläne müssen konzipiert und erstellt werden können.
Dazu kommen Kenntnisse über Life-Cycle-Assessments, Materialwissenschaften, Daten und zunehmend auch wirtschaftliche Kompetenzen. Denn die beste technische Lösung setzt sich nicht durch, wenn daraus kein funktionierendes Geschäftsmodell entsteht. Für mich ist deshalb die Fähigkeit besonders wichtig, technische, ökologische und wirtschaftliche Anforderungen gleichzeitig zu denken.
Wenn Sie einem Unternehmen einen Rat geben müssten, um den Einstieg in die Kreislaufwirtschaft zu schaffen: Wo sollte es beginnen?
Nehmen Sie ein wichtiges Produkt oder eine Produktgruppe und verfolgen Sie den gesamten Lebenszyklus: Wo liegen die grössten Materialströme? Wo entstehen Kosten, Abfälle und Abhängigkeiten? Was könnte länger genutzt, repariert, wiederverwendet oder als Dienstleistung angeboten werden? Und dann würde ich dort beginnen, wo ökologischer und wirtschaftlicher Nutzen zusammenkommen. Ein konkretes Pilotprojekt schafft Erfahrungen, macht Erfolge messbar und hilft, die Organisation mitzunehmen.
Weiterführende Informationen
Zum CAS Circular Economy for Engineers. Melden Sie sich heute an – die erste Durchführung startet am 19. Februar 2027