Zwei Pfade – ein Double Degree
Zwei Universitäten. Zwei Masterabschlüsse. Ein Jahr zwischen Winterthur und Wellington.
Im Rahmen des Double-Degree-Programms zwischen der ZHAW School of Engineering und der Victoria University of Wellington (VUW) verbrachten Thamena Essahaty und Joël Bieli ein Jahr damit, sich in neuen akademischen Systemen, unbekannten Kulturen und ihren eigenen Erwartungen zurechtzufinden. Sie sammelten Erfahrungen, die weit über zwei Masterabschlüsse hinausgingen und erzählten uns, wie eine neue Art von Glace unerwartet einen Wendepunkt markierte – und wie Berge auch in Neuseeland dabei helfen können, dem Bildschirm zu entkommen.
Eine Entscheidung, die sich nicht selbstverständlich anfühlte – zunächst
Da die Zusammenarbeit zwischen der ZHAW School of Engineering und der Victoria University of Wellington noch relativ neu ist, war das Double Degree für beide kein lang gehegter Plan.
Thamena aus Neuseeland zog ein Auslandsstudium zunächst gar nicht aktiv in Betracht – bis die Möglichkeit in ihrem Posteingang auftauchte. «Um ehrlich zu sein, habe ich gar nicht über ein Auslandsstudium nachgedacht, bis einige Koordinatoren auf mich zukamen und mir die Gelegenheit vorgestellt haben.» Der Ruf der Schweiz in Bezug auf Lebensqualität, kombiniert mit dem starken Praxisbezug und der Nähe zur Industrie an der ZHAW, machte es mir schwierig, die Chance zu ignorieren.
Joëls Weg war noch unspektakulärer. «Mein Betreuer fragte mich, ob ich an einem Austausch interessiert wäre, und bevor ich es richtig verarbeitet hatte, sass ich in einem Meeting, in dem scheinbar alle davon ausgingen, dass ich bereits zugesagt hatte. Wellington wirkte fussgängerfreundlich, naturnah und weit genug entfernt, damit es sich wie ein echter Neuanfang anfühlt. Warum nicht, dachte ich mir.»
Erste Eindrücke: ungewohnt aber faszinierend
Die Ankunft am anderen Ende der Welt verläuft selten reibungslos – und beide erinnern sich bildhaft an ihre ersten Tage, wenn auch auf unterschiedliche Weise.
Für Thamena waren es der Winter in der Schweiz, Preise im Supermarkt und Eindrücke während Spaziergängen durch Winterthur und Zürich. «Ich erinnere mich, wie ich verzweifelt versucht habe, warm zu bleiben, und zahlreiche ungefragte Vergleiche über Lebenshaltungskosten nach Hause geschickt habe.»
Joël hingegen war überrascht, wie grün Neuseeland ist. «Die meisten Bäume verlieren hier im Winter nicht ihre Blätter wie in Zürich.» Die Mischung aus Stadtleben, Natur und leicht unerwarteten Modetrends auf dem Campus («Y2K-Vibes») hinterliess ebenfalls Eindruck.
Studieren im Ausland: unterschiedliche Strukturen, geteilte Standards
Das Double Degree bedeutet akademisch, dass man nicht bei null beginnen, sich aber wohl anpassen muss.
Thamena stellte klare strukturelle Unterschiede zwischen den Universitäten fest. An der Victoria University of Wellington ermöglichen weniger Module eine stärkere inhaltliche Vertiefung. An der ZHAW schafft eine breitere Modulauswahl Raum für Erkundungen. «An der ZHAW kann man stärker diversifizieren. Man bekommt mehr theoretische Einblicke, während Spezialisierung vor allem in Projekten stattfindet.»
Joël erlebte vor allem eines: Vertrautheit. «Es gab nichts, das sich dramatisch anders angefühlt hätte – was sehr beruhigend war.» Die vergleichbare Lehrqualität erleichterte es, sich auf die Inhalte zu konzentrieren, statt sich ständig an ein völlig neues System gewöhnen zu müssen.
Projekte, Forschung und unerwartete Richtungen
Für Thamena wurde die Projektarbeit zu einem der prägendsten Elemente ihres Aufenthalts. «Wenn mir vor einem Jahr jemand gesagt hätte, dass ich bald mit Deep Learning in der medizinischen Bildgebung und in der Radioastronomie arbeiten würde, hätte ich nicht gewusst, ob ich lachen oder weinen soll.»
Ihre Masterarbeit, die von beiden Universitäten betreut wird, beschäftigt sich mit Deep Learning für radioastronomische Daten. «Ich darf den ganzen Tag Sterne beobachten und es Forschung nennen.»
Joël schreibt seine Masterarbeit an der VUW und bewältigt dabei vertraute Herausforderungen in seiner Forschung: Debugging, Testläufe, näher rückende Deadlines. «Im Moment heisst es vor allem: Kopf runter und arbeiten.»
Unterschiedliche Themen, unterschiedliche Arbeitsweisen – aber derselbe Anspruch an wissenschaftliche Eigenverantwortung.
Ausserhalb des Hörsaals: Momente, die bleiben
Einige der prägendsten Erlebnisse fanden fernab von Vorlesungssälen statt.
Für Joël war es die Wanderung auf den Mount Taranaki: «Das Wetter war gut, die Aussicht grossartig, und wir sind ein Stück durch Wolken gelaufen. Es tat gut, vom Bildschirm wegzukommen.»
Für Thamena war der Moment kleiner – und unvergesslich: «Ich hatte eine umwerfende Portion Spaghettieis in Südtirol und betrachte mich seitdem als veränderten Menschen.»
Beide Erlebnisse zeigen: Das Double Degree ist intensiv – lässt aber Raum für Entdeckungen jenseits des Studiums.
Ein Land kennenlernen – und sich selbst
Das Leben im Ausland schärfte ihren Blick für kulturelle Nuancen. Joël war beeindruckt, wie präsent Māori- und pazifische Kulturen im universitären Alltag in Neuseeland sind – etwa bei Hakas an Veranstaltungen oder samoanischen Tänzen an einer Abschlussfeier.
Thamena bemerkte, wie stark die Jahreszeiten das Leben in der Schweiz prägen. «Die ganze Atmosphäre verändert sich spürbar mit den Jahreszeiten. Feste, Essen, Aktivitäten – Zeit wird greifbar.»
Auch persönlich haben sich beide weiterentwickelt. Thamena reflektiert über Distanz, wachsende Selbstständigkeit und das Selbstvertrauen, Herausforderungen eigenständig zu bewältigen.
«Ich habe heute ein stärkeres Selbstgefühl – und ein viel klareres Verständnis dafür, was mir wirklich wichtig ist. Nebst seinem Wert für Erfahrungen und Karrierechancen hat mir der Abschluss ermöglicht, mir selbst zu beweisen, dass ich fähig bin, ihn zu erreichen.»
Joël erkannte, wie sehr er auf Routinen angewiesen ist.
«Der Umzug auf die andere Seite des Planeten zwang mich, meine Routinen komplett neu aufzubauen. Ich musste herausfinden, wo ich am besten arbeite, wie ich meine Tage strukturiere und was mir beim Denken hilft. Das Ganze zwang mich, mein Umfeld bewusster zu gestalten, statt mich einfach anzupassen.»
Zwei Abschlüsse – eine gemeinsame Erfahrung
Das Double Degree ist per Definition ein Austausch. Thamena und Joël lernten sich in Zürich kennen, besuchten einige Vorlesungen gemeinsam und blieben während des Jahres in Kontakt.
«Es war beruhigend, zu wissen, dass es jemanden gibt, der eine ähnliche – wenn auch umgekehrte – Erfahrung macht.»
Manchmal geht es bei diesem Austausch um akademische Tipps. Manchmal geht es einfach darum, zu wissen, dass jemand versteht, wie es sich anfühlt.
Thamena Essahaty
Wohnort: Wellington, Neuseeland
Hochschule: Victoria University of Wellington (VUW)
Joël Bieli
Wohnort: Winterthur, Schweiz
Hochschule: ZHAW School of Engineering
Double Degree auf einen Blick
Partnerhochschulen: ZHAW School of Engineering & Victoria University of Wellington (VUW)
Studiengang: Informatik
Länder: Schweiz & Neuseeland
Dauer: ca. ein Jahr
Ergebnis: zwei Master-Abschlüsse