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School of Engineering

Blackout im Baltikum? ZHAW-Modell empfiehlt Gegenmassnahmen

Mit Hilfe eines an der ZHAW entwickelten Stromnetzmodells erhalten die baltischen Staaten wertvolle Empfehlungen zur Stärkung des Stromnetzes in den Ländern. Dieses ist seit der Abkopplung von Russland vor einem Jahr anfällig für Blackouts.

Die LACISE Projektgruppe während ihrem Besuch an der SoE.
Eine Delegation von Projektpartnern aus Lettland besuchte die ZHAW School of Engineering. Bild: LACISE.

Vor rund einem Jahr koppelten sich die baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen vom russischen Stromnetz ab und schlossen sich dem kontinentaleuropäischen Stromnetz an. Die Trennung von Russland und Belarus war politisch motiviert und wurde früher als geplant umgesetzt, auf technischer Ebene traten mit dieser Entscheidung grosse Herausforderungen auf.

Die Länder importieren einen grossen Anteil des Stroms, da sie ihre Atomkraftwerke abschalten. Der Ausbau von Erneuerbaren Energien ist aufgrund der geografischen Lage und der klimatischen Bedingungen nur begrenzt sinnvoll. «Die Baltischen Staaten waren vor der Abkopplung mit elf Übertragungsleitungen ans russische Netz angeschlossen, nun ist es nur noch eine Leitung via Polen nach Zentraleuropa und einige Verbindungen durch die Ostsee nach Schweden und Finnland. Es kann nur noch begrenzt Strom ausgetauscht werden», erklärt Petr Korba, Schwerpunktleiter Energiespeicher und -netze am Institut für Energiesysteme und Fluid Engineering (IEFE), «Die Länder befinden sich geografisch am Rand des Netzes, die Leitungen sind lang. Wir erwarteten ein Blackout für die Baltischen Staaten.»

Lösungen für die Stromversorgung gesucht

Die baltischen Länder reagierten und versuchten unter anderem, den Stromverbrauch der Bevölkerung zu reduzieren. «Es wurden beispielsweise als Massnahme äusserst flexible Preise eingeführt. Ist der Strom knapp, erhöht sich der Preis um ein Vielfaches», sagt Petr Korba, «die Leute vor Ort müssen aufpassen. Es kam zum Beispiel vor, dass eine Ladung des Elektroautos fast den halben Monatslohn kostete, da sich der Strompreis in der kurzen Zeit so stark erhöhte.» Die Baltischen Staaten brauchten Lösungen. Kurz nach dem Entscheid zur Abkopplung wurde das internationale Forschungsprogramm zwischen der Schweiz und Lettland LACISE aufgegleist. Petr Korba ist Projektleiter seitens der ZHAW.

Für LACISE erstellte das Team der ZHAW rund um Petr Korba, Artjoms Obusevs und Miguel Ramirez Gonzalez zusammen mit Projektpartnern ein dynamisches Stromnetzmodell fürs Baltikum. Das ist ein mathematisches Modell eines elektrischen Stromnetzes, das zeitabhängige Vorgänge berücksichtigt wie zum Beispiel das Verhalten bei Störungen. Das neue dynamische Modell der baltischen Staaten wurde mit dem bestehenden kontinentaleuropäischen Modell zusammengeschlossen, um verschiedene Szenarien zu simulieren. «Mit dem Modell können wir Schwachstellen identifizieren und entsprechende Massnahmen ableiten. Das gibt konkrete Empfehlungen für höhere Resilienz und Stabilität im Stromnetz der baltischen Länder», sagt Petr Korba.

«Wir brauchten Daten zu kritischer Infrastruktur»

Doch die Entwicklung des dynamischen Modells war nicht einfach. «In LACISE sind wir aus der Schweiz Teil des Supports für die baltischen Staaten in ihrer Situation. Wir haben das Know-how, sind jedoch auf ihre Daten angewiesen», so Petr Korba. Um das Modell aufzubauen, benötigte man Informationen zur Stromversorgung in den Ländern. «Da es sich dabei um kritische Infrastruktur handelt und der Krieg nahe ist, wollten die lettischen Partner die Informationen nicht teilen, für uns war das aber zwingend nötig».

Mit den erforderlichen Daten möchte das Team der ZHAW das baltische Modell so schnell wie möglich fertigstellen. «Mit dem fertigen Modell trainieren wir unsere Algorithmen und KI und simulieren Szenarien. Wir skalieren die Ergebnisse, überprüfen die Leistung des Modells und können unseren Partnern in Lettland konkrete Empfehlungen für Massnahmen vor Ort liefern», sagt Petr Korba zu den nächsten Schritten in LACISE.

Das Kooperationsprogramm LACISE startete im August 2025 offiziell und ist bis Ende 2029 ausgelegt. Finanziert wird das Projekt vom Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO). Projektpartner sind aus der Schweiz nebst der ZHAW das Paul Scherrer Institut (PSI) und das Swiss Center for Electronics and Microtechnology (CSEM) und aus Lettland das Institute of Solid State Physics der University of Latvia (ISSP UL), das Institute of Electronics and Computer Science (EDI/IECS) und die Riga Technical University (RTU).