IMK-Forum 2026 zu Recht und Sprache: Menschen müssen Verantwortung übernehmen
Wer ist in der Pflicht, zu gewährleisten, dass mehrsprachige Kommunikation funktioniert? Wer haftet, wenn etwas schiefgeht? Und was passiert, wenn KI ins Spiel kommt? Diese und weitere Fragen diskutierten Vertreter:innen von Behörden, aus der Language Industry und der Forschung am IMK-Forum 2026. Das Fazit: Sprache und Recht gehören untrennbar zusammen. Verantwortung kann nur der Mensch übernehmen.
Der zweite Branchenanlass des IMK Institut für Mehrsprachige Kommunikation der ZHAW am 26. März 2026 stand unter dem Motto: «Recht auf Sprache – Recht durch Sprache»: Welche Rechte und Pflichten hat der Staat in einer mehrsprachigen Gesellschaft wie der Schweiz? Welche Chancen und Herausforderungen entstehen durch den Einsatz generativer KI?
Nach der Begrüssung durch Institutsleiterin Prof. Dr. Alice Delorme Benites, machte Direktor Prof. Dr. Daniel Perrin den Auftakt mit einem kurzen Exkurs in die Architektur, wo sich eine Zusammenarbeit von Mensch und KI längst erfolgreich etabliert habe, in der KI kreative Entwürfe produziere und Menschen mit Expertise entscheiden und Verantwortung übernehmen.
In der Keynote «Durch Sprache zum Recht» widmete sich Prof. Dr. iur. Thomas Gächter, Dekan der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Zürich, dem komplexen Zusammenspiel von Sprache, Mehrsprachigkeit und Recht aus juristischer Perspektive. Dabei streifte er drei Themenbereiche.
Erstens die rechtlichen Grundlagen
- Der Schweizer Staat verpflichtet sich, alle Gesetze in mindestens drei Sprachen (Deutsch, Französisch, Italienisch) und manche zusätzlich auf Rätoromanisch vorzulegen. Personen, die diese Sprachen nicht verstehen, müssen die Gesetze aber trotzdem einhalten (Unwissen schützt nicht vor Strafe). Deshalb bietet der Staat an vielen Kontaktpunkten Übersetzungen für die häufigsten Sprachen als Dienstleistung an.
- Bei einer Rechtsverletzung oder, wenn der Staat rechtlich eingreift wie bei Kinds- oder Erwachsenenschutzmassnahmen, muss er für eine Übersetzung sorgen und die Kosten dafür tragen. Nur so kann er «die verfassungsmässigen Rechte der Rechtsunterworfenen» schützen. Rechtlich würde das auch im medizinischen Bereich gelten – im Spital oder ambulant –, damit anderssprachige Personen wirkungsvoll behandelt oder eine rechtsgültige Einwilligung zu einer Operation geben können. Hier fehlt aber oft eine professionelle Übersetzung.
Zweitens den Einfluss der Mehrsprachigkeit auf die Gesetzgebung
- Für die Gesetzgebung ist die Mehrsprachigkeit der Schweiz ein grosser Vorteil: Da Gesetze in der Schweiz immer in drei Sprachen formuliert werden und also übersetzbar sein müssen, seien sie sprachlich differenzierter und klarer als in den Nachbarländern. Ziel sei es, Gesetze so zu formulieren, dass ihr Sinn in allen Landesteilen und -sprachen gleich und «richtig» verstanden werde. Das hat in der Rechtspraxis einen bedeutenden Vorteil: «Wenn wir in der Schweiz den Normsinn nicht verstehen, dann haben wir drei verschiedene Zugänge, diesen zu erschliessen.»
- Demgegenüber sind Gesetzestexte in der EU für Maschinen optimal les- und übersetzbar – explizit und präzise sowie ohne sprachliche Bilder formuliert. Das macht sie für Menschen sehr schwer lesbar. Gesetzliche Normativität basiert auf der Verständigung zwischen Menschen: Nicht die Qualität oder «Richtigkeit» einer Formulierung sorge dafür, dass ein Gesetz als bindend anerkannt werde, sondern, dass das Gesetz in einem Aushandlungsprozess zwischen Menschen entstanden sei.
Drittens die Auswirkungen generativer KI
- KI greift in dieses über Jahrhunderte gewachsene Gleichgewicht ein, indem KI generierte Texte eine Normativität und Objektivität vorgaukeln, die so nicht besteht. Denn: KI übersetzt nach statistischer Häufigkeit, aber vielleicht habe der Gesetzgeber absichtlich an der statistischen Häufigkeit vorbei formuliert, um mehr als das direkt ausgesagte auszudrücken.
Und Gächter kam zum Schluss: «Der unreflektierte Einsatz von künstlicher Intelligenz bedroht die Differenziertheit, die die Mehrsprachigkeit bietet.» Dennoch blickte er optimistisch in die Zukunft: «Wie wir kommunizieren und was das Recht ist, sind extrem menschliche Angelegenheiten.»
Im Anschluss diskutierten Tanja Huber (lic. iur., Exec. MBA; Leiterin Fachgruppe Sprachdienstleistungen am Obergericht Zürich), Michael Vonmoos (lic. iur. RA; Verwaltungsratspräsident Translingua AG / LT LAWTANK AG), Prof. Dr. Thomas Gächter und Prof. Dr. Alice Delorme Benites (Leiterin IMK Institut für Mehrsprachige Kommunikation der ZHAW) über Qualitätssicherung und die Anforderungen der mehrsprachigen Kommunikation in Hochrisiko-Kontexten.
So berichtete Tanja Huber über die Akkreditierung, die das Obergericht des Kantons Zürich in Kooperation mit dem IMK bereits vor vielen Jahren eingeführt habe. Eine Pionierleistung im Qualitätsmanagement, die zur Professionalisierung der Gerichtsdolmetschenden und -übersetzer:innen geführt habe.
Michael Vonmoos betonte die Wichtigkeit von Vertrauen, Präzision und Verantwortung für die juristische Übersetzung. Diese steige mit dem Einsatz von KI noch. Deshalb sei eine praxisnahe Ausbildung essenziell. Hochschulen müssten den Studierenden auch Erfahrungswissen vermitteln, damit diese bei der Arbeit mit KI ihren menschlichen Mehrwert nutzen könnten. Entscheidend sei, dass Ausbildungsinstitutionen mutig genug seien, ihre Curricula grundlegend neu zu denken und Studierende optimal auf KI gestützte Berufsfelder vorzubereiten.
Auch Thomas Gächter hatte einen Wunsch an die Ausbildung zukünftiger Sprachprofis: «Hochschulen tragen die Verantwortung, Studierende auf eine unklare, technologiegetriebene Zukunft vorzubereiten.» Jurist:innen und Institutionen setzten auf technologische Lösungen, denn Regulierung von KI sei vage und unvollständig und verweise letztlich auf technologische Standards.
Am IMK-Forum 2026 rannten sie damit offene Türen ein. Denn das IMK hat seine Studienangebote eben in diese Richtung umgebaut. Dazu Alice Delorme Benites: «Die zukünftigen Berufsbilder in der Sprachbranche verlangen nicht mehr primär operative Übersetzungskompetenz, sondern die Fähigkeit, sprachliche Probleme strategisch zu lösen und kritisch über den Einsatz von KI und menschlicher Expertise zu entscheiden: Was ist die beste kommunikative Lösung für eine bestimmte Zielgruppe? Wann ist KI sinnvoll? Wann braucht es Menschen?» So lernten die Studierenden, neugierig zu sein und sich im lebenslangen Lernen stetig weiterzuentwickeln.
Das IMK-Forum 2026 endete im Konsens, dass es für mehrsprachige Kommunikationsprofis mit KI weiterhin spannende Jobs gibt und die Ausbildung junger Fachkräfte für die Language Industry essenziell bleibt – nicht trotz, sondern gerade wegen KI.
Das IMK-Forum 2026 wurde von Prof. Dr. Chantal Wright, Professorin für Creativity and the Language Industry, moderiert und von Studierenden des Masters Language and Communication, Studienprofil Konferenzdolmetschen, verdolmetscht.