Zivilgesellschaft in disruptiven Zeiten
Wer profitiert vom freiwilligen Engagement? Die Tageskonferenz bringt Fachpersonen und Verantwortliche aus Zivilgesellschaft, Politik und Verwaltung zusammen, um auf Basis des EU‑ und Movetia‑Projekts EntreCivil aktuelle Entwicklungen in der Flüchtlingshilfe zu beleuchten.
24. April 2026
Engagement in der Flüchtlingshilfe
Die Tageskonferenz richtet sich an Personen, die bereits eine fachliche oder organisatorische Rolle im zivilgesellschaftlichen Engagement wahrnehmen. Von direkt helfenden Freiwilligen über Organisator:innen von Hilfsnetzwerken und Vereinsvorstände bis hin zu Vertreter:innen aus Politik und öffentlicher Verwaltung.
Ausgehend von den Erfahrungen des von der Europäischen Union und Movetia geförderten Projekts «EntreCivil» widmen wir uns zentralen Fragen der aktuellen Entwicklungen im zivilgesellschaftlichen Engagement, mit besonderem Fokus auf die Flüchtlingshilfe.
Vorträge und Workshops
Der Vormittag bietet fachliche Vorträge von Expert:innen aus Wissenschaft, Praxis und Verwaltung, die aktuelle Entwicklungen im zivilgesellschaftlichen Engagement und der Flüchtlingshilfe beleuchten. Am Nachmittag vertiefen die Teilnehmenden diese Themen in parallel stattfindenden Workshops, die unterschiedliche Perspektiven und praktische Ansätze vermitteln. Die Teilnehmer:innen haben die Möglichkeit zwei Workshops zu besuchen.
Datum und Ort
Freitag, 24. April 2026
9.00-17.00 Uhr
ZHAW Campus Toni Areal
Ebene 3 / 3.K02
Pfingstweidstrasse 96
8005 Zürich
Programm
Tageskonferenz
| Startzeit | Programmpunkt |
|---|---|
| ab 08:30 | Eintreffen der Teilnehmenden am Welcome Desk im Eingangsbereich Campus Toni Areal |
| 09:00 | Begrüssung, Programm |
| 09:15 |
Keynote 1: Prof. (em.) Dr. Theo Wehner, ETH Zürich Psychologie der Freiwilligenarbeit – Sinnfindung und Gemeinwohlorientierung |
| 10:00 |
Keynote 2a (online): Julia Höllrigl, Leo Kovatsch, ÖSB international, Wien EntreCivil: Ein Projekt zu unternehmerischen Kompetenzen für den Aufbau zivilgesellschaftlicher Hilfsnetzwerke am Beispiel geflüchteter Frauen aus der Ukraine |
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Keynote 2b: Prof. Dr. Michael Zirkler, ZHAW, Zürich Psychologische Kompetenzentwicklung für die zivilgesellschaftliche Flüchtlingshilfe – am Beispiel Ukraine |
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| 10:45 | Pause |
| 11:10 |
Keynote 3: Nina Gilgen, Fachstelle Integration Kanton Zürich Möglichkeiten und Grenzen staatlicher Kooperationen mit (ukrainischen) Freiwilligenorganisationen am Beispiel der Fachstelle Integration des Kantons Zürich |
| 12:15 | Mittagspause |
| 13:30 |
Workshop 1: Olena Krylova, USB Bern From Assistance to Empowerment: Migrants/Refugees-to-Refugees and Peer Support as a Path to Integration |
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Workshop 2: Jenya Lavicka, HEKS Basel Schlüsselpersonen der Integration: Interkulturelles Vermitteln und freiwilliges Engagement in der Arbeitsintegration ukrainischer Geflüchteter |
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Workshop 3a: Michael Zirkler, Anna Binic-Schnauder, ZHAW Zürich Stärkung psychologischer Kompetenzen in der freiwilligen Flüchtlingshilfe |
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| 14:30 | Pause |
| 14:50 |
Workshop 1: Olena Krylova, USB Bern From Assistance to Empowerment: Migrants/Refugees-to-Refugees and Peer Support as a Path to Integration |
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Workshop 2: Jenya Lavicka, HEKS Basel Schlüsselpersonen der Integration: Interkulturelles Vermitteln und freiwilliges Engagement in der Arbeitsintegration ukrainischer Geflüchteter |
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Workshop 3b: Michael Zirkler, Anna Binic-Schnauder, ZHAW Zürich Transformationsgemeinschaften |
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Workshop 4: Sigrid Haunberger, Berner Fachhochschule, Soziale Arbeit Engagement unter Druck: Zivilgesellschaftliches Handeln in Krisen und was Organisationen daraus lernen können |
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| 15:50 | Pause |
| 16:10 | Wrap up im Plenum |
| 16:45 | Verabschiedung |
Keynotes
| Prof. (em.) Dr. Theo Wehner, ETH Zürich |
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| Keynote 1: Psychologie der Freiwilligenarbeit – Sinnfindung und Gemeinwohlorientierung |
| Freiwilligenarbeit ist weit mehr als selbstloses Helfen: Sie ist ein komplexes psychologisches Geschehen, in dem Geben und Nehmen untrennbar miteinander verbunden sind. Unsere Forschung zeigt, dass freiwilliges Engagement eine zentrale psychosoziale Ressource darstellt, die Sinnstiftung ermöglicht und zur psychischen Gesundheit beiträgt. Menschen engagieren sich nicht nur *für* andere, sondern auch *für sich selbst* – ohne dass dies den Gemeinwohlbezug schmälert. Gleichzeitig wird deutlich, dass Freiwilligenarbeit für die Gesellschaft mehr bedeutet als Kostenersparnis: Sie stärkt soziale Kohäsion, kulturelle Räume und demokratische Teilhabe. Der Vortrag verbindet fundierte Theorie mit belastbaren empirischen Befunden und lädt dazu ein, Freiwilligenarbeit neu zu denken – jenseits von Moralappellen und Romantisierung. |

Theo Wehner ist Psychologe und ausgewiesener Arbeits- und Organisationsforscher. Nach Professuren an der Technischen Universität Hamburg und ab 1997 an der ETH Zürich prägte er das Feld bis zu seiner Emeritierung 2014 massgeblich. Er gilt als einer der ersten, der Ehrenamt und Freiwilligenarbeit systematisch als psychologische Forschungsthemen etablierte und führte dazu umfangreiche Studien mit über 10'000 Teilnehmenden durch. In seiner Arbeit setzt er sich kritisch mit der Arbeitsgesellschaft auseinander und entwickelt Konzepte für eine Tätigkeitsgesellschaft jenseits der Kopplung von Erwerbsarbeit und Einkommen.
| Julia Höllrigl, Leo Kovatsch, ÖSB international, Wien |
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| Keynote 2a (online): EntreCivil – Ein Projekt zu unternehmerischen Kompetenzen für den Aufbau zivilgesellschaftlicher Hilfsnetzwerke am Beispiel geflüchteter Frauen aus der Ukraine |
| Der Krieg in der Ukraine hat viele Frauen zur Flucht gezwungen und zugleich dazu motiviert, andere Geflüchtete in informellen Initiativen zu unterstützen. Oft fehlen jedoch Ressourcen und Kompetenzen, um dieses Engagement nachhaltig zu gestalten. Genau hier setzt EntreCivil an: Das Projekt stärkt geflüchtete Frauen, indem es unternehmerische Fähigkeiten vermittelt und ihre bestehenden Hilfsnetzwerke professionalisiert. EntreCivil verbindet Werkzeuge aus dem Social Entrepreneurship, etwa das Social Business Model Canvas, mit niedrigschwelliger zivilgesellschaftlicher Selbsthilfe. Ein innovativer Bestandteil ist die KI-gestützte Wissensdatenbank und der Chatbot «Nadiya», der rund um die Uhr Unterstützung bietet. Kernaktivitäten sind ein umfassender Skills Scan, die Entwicklung eines Praxishandbuchs und passgenaue Trainingsformate. |
| Herausfordernd war besonders der Zugang zu informellen Initiativen, der durch aktive Netzwerkarbeit erfolgreich gelang. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit der Projektpartner erwies sich trotz hohem Abstimmungsbedarf als grosse Stärke. Workshops in allen Partnerländern zeigen eine sehr positive Resonanz – insbesondere ukrainischsprachige Materialien und der Austausch unter den Teilnehmerinnen werden als empowernd wahrgenommen. EntreCivil wird in Österreich, Deutschland und Liechtenstein über Erasmus+ und in der Schweiz durch Movetia gefördert. Koordiniert wird das Projekt von der ÖSB Social Innovation GmbH, beteiligt sind Partner aus Deutschland, Liechtenstein und die ZHAW als assoziierter Partner. Die Projektlaufzeit beträgt 24 Monate (1.10.2024–30.9.2026). |

Julia Höllrigl ist Forscherin bei der ÖSB Social Innovation GmbH, Wien

Leo Kovatsch ist Forscher bei der ÖSB Social Innovation GmbH, Wien
| Prof. Dr. Michael Zirkler, ZHAW, Zürich |
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| Keynote 2b: Psychologische Kompetenzentwicklung für die zivilgesellschaftliche Flüchtlingshilfe – am Beispiel Ukraine |
| Im Schweizer Teil des von der Movetia geförderten Erasmus+ Projekts EntreCivil haben wir uns auf die Stärkung psychologischer Kompetenzen für freiwillige Flüchtlingshelferinnen fokussiert. Im Vortrag soll übersichtsartig dargestellt werden, welche konzeptionellen Überlegungen angestellt, welche Lehr-/Lernformate entwickelt und welche Erfahrungen gemacht wurden. Die Übersicht im Vortrag wird in einem Workshop am Nachmittag vertieft. |

Michael Zirkler ist Professor für Psychology of Social Change and Transformation am Departement Angewandte Psychologie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften und Privatdozent für Angewandte Ethik an der Universität Jena. Er war von 2022 bis 2024 Fellow im Research Cluster der Digitalisierungsinitative Zürich (DIZH). Seine akademische Arbeit fokussiert auf Fragen der Gestaltung und Entwicklung positiver und lebensdienlicher Arbeitswelten und Organisationen mit einem besonderen Schwerpunkt auf führungsethischen Fragen.
| Nina Gilgen, Fachstelle Integration Kanton Zürich |
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| Keynote 3: Möglichkeiten und Grenzen staatlicher Kooperationen mit (ukrainischen) Freiwilligenorganisationen am Beispiel der Fachstelle Integration des Kantons Zürich |
| Die Zusammenarbeit mit zivilgesellschaftlichen Organisationen und migrantischen Netzwerken, die Förderung der Freiwilligenarbeit sowie die Unterstützung von Projekten von und mit Freiwilligen gehören zu den Kernaufgaben der Fachstelle Integration des Kantons Zürich bzw. der spezifischen Integrationsförderung in der Schweiz. Im Kontext der Ende Februar 2022 einsetzenden Fluchtbewegungen aus der Ukraine hat die Fachstelle Integration sich regelmässig mit Organisationen der ukrainischen Diaspora ausgetauscht und konkrete Freiwilligen-Initiativen mitfinanziert. |
| Nina Gilgen, die kantonale Integrationsdelegierte und Leiterin der Fachstelle Integration, zeigt in ihrem Referat auf, welche Möglichkeiten solche Kooperationen bieten, aber auch, auf welche Herausforderungen die Fachstelle dabei stösst. Des Weiteren erläutert sie die Rahmenbedingungen der Zusammenarbeit mit migrantischen und Freiwilligen-Organisationen aus staatlicher Sicht (insbesondere die Kantonalen Integrationsprogramme) und geht auf die bestehenden Unterstützungsangebote für solche Organisationen im Kanton ein. |

Nina Gilgen ist Integrationsdelegierte & Leiterin Fachstelle Integration, Zürich
Workshops
| Workshop 1: Olena Krylova, USB Bern |
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| From Assistance to Empowerment: Migrants/Refugees-to-Refugees and Peer Support as a Path to Integration |
| Traditional refugee support often positions refugees mainly as recipients of help. Based on the experience of USB, this workshop explores how peer-to-peer and migrants/refugees-to-refugees approaches can transform civil society work - from short-term assistance toward long-term empowerment and social integration. USB’s practice shows that when refugees, especially young people and women, are enabled to take active roles as mentors, facilitators, or project initiators, they strengthen not only others in similar situations but also their own agency, confidence, and social participation. There is also potential to mobilise well-integrated migrants to support refugees, particularly peers from their countries of origin. |
| Dieser Workshop ist primär auf Englisch, Deutsch für Nachfragen möglich. |

Olena Krylova ist Geschäftsführerin von USB, Bern
| Workshop 2: Jenya Lavicka, HEKS Basel |
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| Schlüsselpersonen der Integration: Interkulturelles Vermitteln und freiwilliges Engagement in der Arbeitsintegration ukrainischer Geflüchteter |
| Interkulturelles Vermitteln geht über reines Dolmetschen hinaus: interkulturelle Vermittler:innen (ikV) beraten, begleiten und moderieren im Auftrag von Fachstellen, Behörden oder Projekten. Dabei überbrücken sie als Schlüsselpersonen kulturelle und sprachliche Hürden, vermitteln Wissen über das Schweizer System und sorgen dafür, dass die Bedürfnisse, Stärken und Würde der Geflüchteten wahrgenommen werden. Sie kombinieren sprachliche Kompetenzen mit Fachwissen in Sozial-, Bildungs- und Gesundheitsbereichen und schaffen Räume, in denen Geflüchtete aktiv teilnehmen können. Ein zentraler Bestandteil unseres Ansatzes ist auch das freiwillige Engagement von Geflüchteten und lokalen Akteuren, die Workshops und Infoveranstaltungen mitgestalten und so die Arbeitsintegration unterstützen sowie soziale Netzwerke und gegenseitiges Verständnis stärken. |

Jenya Lavicka ist Programmleiterin Koordinationsstelle «Flucht und Ankommen Kanton Basel-Landschaft» bei HEKS, Basel
| Workshop 3a: Michael Zirkler, Anna Binic-Schnauder, ZHAW Zürich |
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| Stärkung psychologischer Kompetenzen in der freiwilligen Flüchtlingshilfe |
| In diesem Workshop wollen wir Konzeption und Durchführung der Qualifizierung vorstellen, welche psychologische Kompetenzen von ukrainischen Flüchtlingshelferinnen stärken helfen sollen. Auf der Basis einer Bedarfsanalyse haben wir eine Qualifizierung bestehend aus drei Modulen konzipiert, welche hybrid angelegt ist (2 Tage Präsenz, 3 Einheiten zum Selbstlernen). Thematisch ist die Qualifizierung angelegt auf: Psychologische Selbstkompetenzen, psychologische Beratungskompetenzen und psychologische Gruppenkompetenzen. Wir werden auch die Ergebnisse unserer Evaluation der Module vorstellen sowie über unsere Erfahrungen berichten. |
| Workshop 3b: Michael Zirkler, Anna Binic-Schnauder, ZHAW Zürich |
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| Transformationsgemeinschaften |
| Die gegenwärtige Gesellschaft steht mitten in beschleunigten Transformationen. Diese fordern bestehende gesellschaftliche Strukturen, Prozesse sowie Selbstverständnisse und überfordern sie an vielen Stellen. Das zivilgesellschaftliche Engagement muss dabei nicht nur als Kompensation für die Unzulänglichkeiten des Staates verstanden werden, sondern hat auch eine wichtige Funktion von sozialer Werterhaltung. Die zentrale These dieses Workshops lautet entsprechend: Das zivilgesellschaftliche Engagement stärkt nicht nur Einzelpersonen oder Gruppen, die unterstützt werden, sondern auch die Freiwilligen selbst. Insofern kann hier von einer Transformationsgemeinschaft gesprochen werden, die für den sozialen und wertorientierten Zusammenhalt hoch bedeutsam ist. Darin finden neben konkreten Dienstleistungen auch «sense making» Prozesse darüber statt, wie Lebenswelten verfasst sind bzw. gestaltet sein sollten oder könnten. Ausgehend von diesem Gedanken möchten wir im Workshop einige mögliche Zukunftsentwürfe gemeinsam entwickeln. |

Anna Binic-Schnauder ist Wissenschaftliche Assistentin in der Fachgruppe Psychology of Social Transformation am Departement Angewandte Psychologie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften.
| Workshop 4: Sigrid Haunberger, Berner Fachhochschule |
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| Engagement unter Druck: Zivilgesellschaftliches Handeln in Krisen und was Organisationen daraus lernen können |
| Der Einsatz von Freiwilligen ist für gemeinnützige Organisationen zentral, zugleich aber organisatorisch anspruchsvoll. Neben der Koordination der Freiwilligen stellen plötzliche Bedarfsveränderungen, die Kommunikation mit vielfältigen Anspruchsgruppen und die Sicherung der Unterstützungsqualität besondere Herausforderungen dar. In Krisenzeiten verschärfen sich diese Anforderungen erheblich. Der Workshop stellt zentrale Erkenntnisse («Lessons Learned») aus einem Forschungs- und Praxisprojekt zum zivilgesellschaftlichen Engagement in Krisen vor. Gemeinsam mit den Teilnehmenden wird diskutiert, welche organisationalen Faktoren zur Resilienz beitragen und wie gemeinnützige Organisationen ihre Strukturen und Prozesse krisenfester gestalten können. Der Fokus liegt auf praxisnahen Reflexionen und dem Transfer auf die eigene Organisationsrealität. |

Prof. Dr. Sigrid Haunberger ist Dozentin an der Berner Fachhochschule, Soziale Arbeit