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Angewandte Linguistik

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Frauen an der Spitze, KI beim Dolmetschen, Qualität von Untertiteln, Französisch in der Schule: Vier herausragende Masterarbeiten ausgezeichnet

Wie lässt sich die Qualität von Untertiteln sichern? Wie verändert KI das Simultandolmetschen? Kann Englisch beim Französischlernen helfen? Und was bringt Kommunikationsleiterinnen an die Spitze? Vier Absolventinnen des Masters Language and Communication (bisher: Master Angewandte Linguistik) wurden an der Diplomfeier 2026 für ihre herausragenden Masterarbeiten ausgezeichnet. Die prämierten Arbeiten verbinden wissenschaftliche Qualität mit hoher Praxis- und Gesellschaftsrelevanz.

Slator Award: Neue Erkenntnisse zur Qualität von Pivot-Untertiteln

Den Slator Award für die beste Masterarbeit im Bereich Fachübersetzen erhielt Julia Fanger für ihre Arbeit «Pivot subtitling and quality: a comparative analysis investigating the impact of indirect vs. direct translation on subtitles».

Fanger befasste sich mit einer in der Medienlokalisierung höchst praxisrelevanten Frage: Leiden Untertitel qualitativ, wenn sie nicht direkt aus der Ausgangssprache, sondern über eine Pivot- beziehungsweise Zwischensprache übersetzt werden? Ausgangspunkt war für sie der Widerspruch, dass indirektes Übersetzen zwar einen eher schlechten Ruf habe, aber in der Untertitelungsbranche (z.B. von Netflix) gleichzeitig intensiv genutzt werde.

Ihre Untersuchung zeigt ein differenzierteres Bild. Bei qualifizierten Übersetzenden hatte die Verwendung des Englischen als Pivot-Sprache keinen wesentlichen Einfluss auf die Gesamtqualität. Zwar birgt der zusätzliche Übersetzungsschritt spezifische Fehlerrisiken. Entscheidend für das Ergebnis sind jedoch die Übersetzungs- und Untertitelungskompetenzen der Übersetzer:innen. Fanger plädiert deshalb dafür, Pivot Subtitling als eigenständige Strategie mit spezifischen Vor- und Nachteilen zu betrachten. «Man sollte sich mit den spezifischen Risiken wie auch den Vorteilen der Pivot-Untertitelung auseinandersetzen», hält sie fest.

Laudator Florian Faes, Managing Partner und Mitbegründer der Slator AG, würdigte gerade diese Verbindung von Forschung und Anwendung: Die Arbeit leiste einen «wichtigen Beitrag zur Praxis» und biete eine Grundlage dafür, Pivot-Untertitel bewusst einzusetzen und ihre Qualität gezielt zu sichern.

DÜV Excellence Award: Wenn KI beim Dolmetschen hilft und ablenkt

Der DÜV Excellence Award für die beste Masterarbeit im Bereich Konferenzdolmetschen ging an Annika Biedermann. Ihre Arbeit trägt den Titel «Unterstützung oder Belastung? Eine prozessorientierte Untersuchung zu Strategien im computergestützten Simultandolmetschen».

Biedermann untersuchte, wie sich computergestützte Dolmetschtools mit integrierter automatischer Spracherkennung auf den kognitiven Prozess beim Simultandolmetschen auswirken. Ihre Analyse kombinierte Dolmetschleistungen, Eye-Tracking-Daten und retrospektive Kommentare. Dabei zeigte sich: Tools, die beispielsweise Fachbegriffe oder Zahlen in Echtzeit bereitstellen, können unterstützen, zugleich ist jeder zusätzliche Input aber auch eine kognitive Belastung. Die Ergebnisse machen individuelle Nutzungsmuster sowie unterstützende und ablenkende Effekte sichtbar.

Inspiriert wurde Biedermann durch die Interpreting Europe Conference der Europäischen Union, an der sie als Preisträgerin des Young Interpreters Award teilnahm. Von dort nahm sie einen Satz mit, der die Erkenntnis ihrer Masterarbeit treffend zusammenfasst: «We need more research to say ‹it depends› with more confidence.»

Für die Praxis bedeutet das, KI-Tools weder vorschnell abzulehnen noch unkritisch einzusetzen. «Es lohnt sich, sich einzuarbeiten, damit man sich die Tools zunutze machen kann», sagte Biedermann an der Diplomfeier. Dafür müsse man ihr Potenzial und ihre Grenzen kennen.

Amber Louise Williamson, Konferenzdolmetscherin und Co-Präsidentin des Vorstands der Dolmetscher- und Übersetzervereinigung DÜV, brachte es in ihrer Laudatio auf den Punkt: «Ein Ja zur Technologie, aber bitte wohlüberlegt, zielgerichtet und pragmatisch.»

Swissnex Award: Englisch als Brücke zum Französischlernen

Mit dem Swissnex Award für die beste Masterarbeit im Bereich Linguistic Diversity Management wurde Ilaria Pizzulo ausgezeichnet. Ihre Arbeit «Mehrsprachigkeits­didaktische Weiterentwicklung des Französisch­unterrichts im Kanton Thurgau» prüft, wie bereits vorhandene Sprachkenntnisse gezielt als Ressource für das Lernen einer weiteren Sprache eingesetzt werden können.

Konkret untersuchte Pizzulo, wie Englisch im Französischunterricht als Brückensprache eingesetzt werden kann. Die Schüler:innen reagierten positiv: Sie erlebten ihre Englischkenntnisse als Erleichterung und erkannten, dass sie bereits Bekanntes auf eine weitere Fremdsprache übertragen können. Pizzulos Ziel ist es, dadurch mehr Erfolgserlebnisse und Motivation beim Erwerb von Französisch zu ermöglichen. Dahinter steht für sie ein grundsätzliches Anliegen: Mehrsprachigkeit sollte im Bildungssystem als Ressource verstanden werden. Entsprechend formulierte Pizzulo an der Diplomfeier eine klare Empfehlung für die Schule: Kindern sollte vermittelt werden, dass ihre Mehrsprachigkeit «eine Chance ist und nicht ein Hindernis».

Genau darin sah auch Laudatorin Tatiana Benavides Damm, Deputy Head of Unit Swissnex in Bern, die Stärke der ausgezeichneten Arbeit. Pizzulo hinterfrage etablierte Annahmen und zeige, «how learners' existing linguistic knowledge can become a resource for learning another language». Besonders überzeugend sei, dass die Arbeit nicht bei einer theoretischen Idee bleibe, sondern den Ansatz praktisch erprobe und dabei die Perspektiven von Lernenden und Lehrpersonen einbeziehe. So verbinde sie Forschung, Bildungspraxis und Umsetzung. 

Der Swissnex Award wurde dieses Jahr zum ersten Mal vergeben. Das weltweite Schweizer Netzwerk für Bildung, Forschung und Innovation ermöglicht den Preisträger:innen damit ein ein- bis zweiwöchiges Stipendienprogramm in Japan.

Farner Award: Warum Leistung allein für den Aufstieg nicht immer reicht

Der Farner Award für die beste Masterarbeit in der Vertiefung Organisationskommunikation beziehungsweise Strategic Communication Management ging an Anne-Sophie Walt für «Was Kommunikationsleiterinnen an die Spitze bringt. Karrierewege, Aufstiegsbedingungen und Deutungen von Geschlecht in der PR- und Unternehmenskommunikation».

Ausgangspunkt der Arbeit ist ein auffälliges Spannungsfeld: Während die PR- und Unternehmenskommunikation insgesamt stark weiblich geprägt ist, sind in den obersten Führungspositionen nur noch wenige Frauen anzutreffen. Walt wollte von diesen Frauen wissen, wie sie ihren beruflichen Aufstieg erlebt haben, welche Geschlechtermuster sie wahrnehmen und welche Veränderungen sie für notwendig halten. Dazu führte sie Interviews mit elf Kommunikationsleiterinnen aus der Deutschschweiz.

Die Interviews zeigen die Bedeutung von Förderung, strategischen Netzwerken und Menschen, die Türen öffnen, auf und zeichnen ein Bild geschlechterbezogener Erwartungen und Massstäbe. Die Kommunikationsleiterinnen formulieren aber auch konkrete Empfehlungen an Frauen selbst: «Traut euch. Bewerbt euch. Werdet sichtbar. Nehmt euren Platz ein.» Walt sieht die Verantwortung jedoch nicht allein beim Individuum: «Mut entsteht nicht im luftleeren Raum». Fachliche Leistung müsse auch gesehen, anerkannt, in Verantwortung übersetzt und mit den entsprechenden Strukturen unterstützt werden.

Laudator Kurt Rossi, Partner bei Farner, griff diesen Gedanken auf: «Wer weiterkommen will, muss gesehen werden.» Er würdigte Walts Arbeit als akademisch kompetente und inspirierende Auseinandersetzung mit einem hochgradig praxisrelevanten Thema.

Forschung, die in die Praxis wirkt

So unterschiedlich die vier ausgezeichneten Masterarbeiten thematisch sind, verbindet sie ein gemeinsamer Anspruch: Sie greifen konkrete Fragen aus Beruf, Bildung und Gesellschaft auf und untersuchen sie wissenschaftlich fundiert. Ob Medienlokalisierung, KI-gestütztes Dolmetschen, Mehrsprachigkeitsdidaktik oder Karrierewege in der Kommunikation: Die vier Arbeiten zeigen, wie Forschung in der Angewandten Linguistik bestehende Annahmen hinterfragen, neue Erkenntnisse schafft und Impulse für die berufliche Praxis gibt.

Die ausgezeichneten Masterarbeiten sind über die ZHAW digitalcollection im Volltext verfügbar:

Zur ZHAW Digital Collection

An der Diplomfeier am 29. September 2026 erhielten 44 Absolvent:innen des Masters Language and Communication (bisher: Master Angewandte Linguistik) ihre Diplome. Damit sind sie gerüstet für ihren nächsten Karriereschritt in der strategischen, mehrsprachigen oder barrierefreien Kommunikation, in Linguistic Diversity Management oder im Konferenzdolmetschen.