Auf dem Weg zu positiven und realistischen KI-Zukunftsszenarien für die Schweizer Gesellschaft
Ende September traf sich eine kleine Gruppe nationaler und internationaler Expertinnen und Experten, um gemeinsam erstrebenswerte und lebenswerte Zukunftsszenarien für unsere Gesellschaft zu entwickeln. Ein eigens dafür konzipierter Prozess stellte sicher, dass die erarbeiteten Szenarien realistisch und umsetzbar sind.
Am frühen Morgen des 28. September trifft nach und nach eine illustre Gruppe faszinierender Persönlichkeiten im Klostergut Paradies bei Schaffhausen ein: Bestsellerautorinnen und -autoren, CEOs, Professorinnen und Professoren für Künstliche Intelligenz, ein ehemaliges Staatsoberhaupt, Führungspersonen verschiedener Berufsverbände, Philosophinnen und Philosophen, eine Schulleitung, Psychologinnen und Psychologen, Gründerinnen und Gründer, Vertretende der Zivilgesellschaft sowie ein ehemaliger Chefredaktor des meistgelesenen Nachrichtenmediums seines Landes.
Sie erwartet ein bis ins kleinste Detail vorbereiteter Veranstaltungsort mit einem sorgfältig ausgearbeiteten Programm, ein ebenso hochkarätiges Gastgeberteam sowie ein professionelles Filmteam, das Hunderte Stunden Audio- und Videomaterial aufzeichnen wird, um jedes Wort festzuhalten. Das Ziel: innerhalb eines einzigen Tages gemeinsam Ideen zu entwickeln, neue Perspektiven zu erkunden und die Grundlagen für realistische, tragfähige und positive KI-Zukunftsszenarien für unsere Gesellschaft zu schaffen.
Warum sollte man sich überhaupt damit beschäftigen? Im öffentlichen Diskurs scheint die Zukunft der Künstlichen Intelligenz bereits weitgehend festzustehen: Es wird als nahezu unvermeidlich angenommen, dass KI die menschliche Intelligenz eines Tages übertreffen und als neue, empfindungsfähige Spezies beginnen wird, mit dem Menschen um Kontrolle und Ressourcen zu konkurrieren. Unabhängig davon, wie realistisch diese auf einem bestimmten Weltbild beruhende Prognose tatsächlich ist, wird darüber hinaus davon ausgegangen, dass KI zwangsläufig nahezu alle Bereiche unseres persönlichen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens tiefgreifend verändern und erschüttern wird.
Für viele Menschen wird jede mögliche Hoffnung von Ängsten überschattet: Was nützen medizinische Durchbrüche oder die Automatisierung gefährlicher Tätigkeiten, wenn KI uns den Lebenssinn nimmt, indem sie uns in all jenen Bereichen übertrifft, die unserem Leben bisher Bedeutung verliehen haben? Was geschieht, wenn KI-gestützte Überwachung zu einem Instrument totalitärer Regierungen wird? Gleichzeitig bestehen bei vielen Menschen erhebliche Bedenken hinsichtlich der ökologischen und wirtschaftlichen Auswirkungen der gigantischen Investitionen in Rechenzentren und die immer weitere Skalierung von KI-Modellen.
Doch was, wenn der gegenwärtige Diskurs über die Zukunft der KI zu eng gefasst ist? Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger brauchen Menschen, die erstrebenswerte Zukunftsszenarien aufzeigen. Denn auf ein Ziel, das wir weder sehen noch uns vorstellen können, können wir auch nicht hinarbeiten.
Szenarien sind im Wesentlichen Beschreibungen möglicher Zukünfte, die auf Annahmen beruhen, welche wiederum mit Unsicherheiten verbunden sind. Alternative Szenarien lassen sich daher in einem wissenschaftlich fundierten, zweistufigen Prozess entwickeln: (1) Zunächst werden vorherrschende Annahmen kritisch hinterfragt, indem auf Grundlage aktueller Forschungsergebnisse untersucht wird, wie zutreffend oder wahrscheinlich diese tatsächlich sind. (2) Anschliessend werden neue Einflussfaktoren einbezogen oder menschenorientierten Visionen und Werten, die bisher zu wenig Beachtung gefunden haben, mehr Gewicht verliehen.
Dies innerhalb eines einzigen Tages zu erreichen, stellte eine grosse Herausforderung dar. Dank der grosszügigen Unterstützung der Hasler-Stiftung im Rahmen des Projekts COMPASS konnte ein Kernteam, bestehend aus den Professoren Thilo Stadelmann und Christoph Heitz, dem Zukunftsforscher Andreas Walker, dem Bestsellerautor Jyoti Guptara, dem Medienproduzenten David Taylor sowie der Transformationsexpertin und Projektkoordinatorin Renate Stadelmann, über mehrere Monate hinweg gezielt Einzel- und Gruppenarbeitsformate entwickeln und erproben, um dieses ambitionierte Ziel zu ermöglichen.
Die zuvor beschriebene Methodik setzte auf angeleitete Kleingruppenarbeit, in der zunächst Bausteine für mögliche Zukunftsentwicklungen erarbeitet und anschliessend zu Szenarien zusammengefügt wurden. Diese wurden mithilfe des sogenannten Backcastings überprüft: Ausgehend von einem möglichen Zukunftsszenario wurde rückwärts bis in die Gegenwart gedacht, um einen realistischen Weg von heutigen Entscheidungen hin zu dieser möglichen Zukunft aufzuzeigen.
Der Workshop im Klostergut Paradies hatte zum Ziel, positive Zukunftsszenarien zu entwickeln, die auf dem Fachwissen und den Erfahrungen der Teilnehmenden hinsichtlich der Auswirkungen Künstlicher Intelligenz beruhen. Dabei wurde insbesondere zwischen den direkten und indirekten Auswirkungen von KI unterschieden.
Direkte Auswirkungen sind unmittelbare Folgen der Fähigkeiten Künstlicher Intelligenz. Dazu gehören beispielsweise positive Entwicklungen wie medizinische Durchbrüche oder Effizienzsteigerungen in Produktionsprozessen, aber auch negative Folgen durch verzerrte oder unzuverlässige KI-Ergebnisse. Diese direkten Auswirkungen werden hauptsächlich von Technologieunternehmen beeinflusst.
Indirekte Auswirkungen hingegen entstehen, wenn KI breit eingesetzt wird und die Gesellschaft zunehmend die Folgen der Gesamtheit individueller und institutioneller Entscheidungen zu spüren bekommt. Beispiele dafür sind der Verlust von Selbstbestimmung und Handlungsfähigkeit oder eine zunehmende gesellschaftliche Fragmentierung.
Diese Entwicklungen werden durch Institutionen, Anreizsysteme und persönliche Entscheidungen beeinflusst – und genau hier liegt der grösste Gestaltungsspielraum: Werden indirekte Auswirkungen wie der Verlust von Fähigkeiten oder die gesellschaftliche Fragmentierung als unvermeidliche Begleiterscheinungen der KI betrachtet, anstatt sie als steuerbare Folgen ihres Einsatzes zu verstehen, erscheint die Zukunft als bereits vorbestimmt.
Tatsächlich liegt der Handlungsspielraum jedoch in den Entscheidungen, die eine Gesellschaft trifft. Genau hier setzt das Projekt an: Es möchte fundierte Erkenntnisse liefern, die als Grundlage für bewusste und zukunftsorientierte gesellschaftliche Entscheidungen dienen.
Die endgültigen Ergebnisse werden bis Ende 2026 erwartet. Geplant sind eine allgemein verständliche Broschüre mit ausführlich beschriebenen Zukunftsszenarien sowie ein Dokumentarfilm, der einen ersten Einblick in die Ergebnisse gibt. Die Resultate sollen am Geneva AI Summit 2027 vorgestellt werden.