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Eine neue Professorin stellt ihre Forschungsschwerpunkte vor

Personzentrierte Demenzversorgung – Vom Konzept zur Organisationskultur: Am 10. März 2026 hielt Prof. Dr. Tina Quasdorf ihre Antrittsvorlesung am ZHAW Departement Gesundheit.

«Demenz und ich haben nicht so selbstverständlich zueinander gefunden», sagte Prof. Dr. Tina Quasdorf zu Beginn ihrer Antrittsvorlesung am Departement Gesundheit. Vielmehr sei es eher dem Zufall geschuldet gewesen, dass sie sich als junge Forscherin am Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen e.V. (DZNE) ausgerechnet diesem schwierigen und komplexen Thema zuwandte. Aus anfänglicher Skepsis entwickelte sich jedoch rasch Begeisterung. Heute blickt sie auf 15 Jahre Erfahrung in der Forschung der Demenzversorgung zurück und sagt: «Ich habe es nie bereut.»

Rund 20 Millionen Demenzbetroffene bis 2050

Dass sie diesem Thema treu geblieben ist, hat auch mit seiner Dringlichkeit zu tun. Weltweit steigt die Zahl der Menschen mit Demenz an. Schätzungen zufolge sind derzeit rund 12 Millionen Menschen in Europa betroffen; bis 2050 könnte ihre Zahl auf bis zu 20 Millionen steigen. Diese Entwicklung ist nicht nur für die Betroffenen und ihre Angehörigen belastend, sondern hat auch erhebliche wirtschaftliche und soziale Folgen – zumal flächendeckend kurative Therapien bislang fehlen. 

Vor diesem Hintergrund gewinnt die Frage nach einer optimalen Versorgung der Betroffenen an zusätzlicher Priorität: «Wir müssen uns fragen, wie wir die Versorgung gestalten können, damit wir die Lebensqualität und das Wohlbefinden der Patientinnen und Patienten bei fortschreitender Demenz aufrechterhalten können», so die Professorin.

Personzentrierung umfasst vier Dimensionen

Das Konzept, das sich in den vergangenen Jahrzehnten in diesem Bereich etabliert hat und die Grundlage von Prof. Quasdorfs Forschungstätigkeit bildet, ist die «personzentrierte Demenzversorgung». Es geht auf Tom Kitwood zurück, der in den 1980er- und 1990er-Jahren zur Demenz forschte. Später wurde der Ansatz von Dawn Brooker und weiteren Kolleg:innen fortgeführt. Sie entwickelte das sogenannte VIPS-Framework, das vier Dimensionen beschreibt, die für eine personzentrierte Versorgung von Menschen mit Demenz zentral sind: Wertschätzung, Individualität, Perspektivwechsel und ein positives soziales Umfeld. 

«In der Praxis erleben wir, dass Personzentrierung oft auf den Aspekt der Individualisierung und entsprechende strukturelle Anpassungen reduziert wird – also auf einzelne Anpassungen im Alltag wie zum Beispiel die flexible Gestaltung von Mahlzeiten. Das ist sinnvoll, aber es reicht nicht aus. Personzentrierte Demenzversorgung bedeutet auch, Wertschätzung im Sinne von Personsein zu gewährleisten, die Perspektive der betroffenen Menschen einzunehmen und soziale Teilhabe aktiv zu fördern», so Quasdorf.

Personzentrierung ist kein Projekt

Mit ihrer Forschung leisten Professor Quasdorf und ihr Team hier eine wichtige Übersetzungsarbeit. Im Rahmen der Implementierungsforschung widmen sie sich der Frage, wie sich personzentrierte Versorgung in Einrichtungen der Demenzversorgung erfolgreich etablieren und entsprechende Methoden sinnvoll anwenden lassen. Daneben entwickeln sie Ansätze, um Pflegeteams konkret dabei zu unterstützen, diese Haltung und Versorgungskultur auch im Umgang mit Patient:innen umzusetzen. 

«Personzentrierte Versorgung ist kein Projekt, sondern eine Kulturfrage. Es reicht nicht, wenn Institutionen punktuelle Schulungen durchführen oder einzelne strukturelle Massnahmen ergreifen. Entscheidend ist, sich langfristig inhaltlich damit auseinanderzusetzen und auf Organisationsebene Anpassungen vorzunehmen, damit sie im Alltag tatsächlich gelebt wird», sagt Quasdorf.

Eine Wissenschaftlerin mit grossem Praxisbezug

Professor Dr. Katharina Fierz, Leiterin des Instituts Pflege an der ZHAW Gesundheit würdigt ihre Kollegin und neue Professorin in ihrer Laudatio wie folgt: «Tina Quasdorf ist keine Wissenschaftlerin ‘im Elfenbeinturm’. Die vielzitierte Nähe zur Praxis ist bei ihr kein leeres Versprechen. Es gelingt ihr ausgezeichnet, exzellente Forschung und Praxisnähe zu kombinieren, zu verbinden und für und mit der Praxis zu forschen.»

Zur Person

Prof. Dr. Tina Quasdorf verfügt über langjährige Erfahrung als Pflegefachperson und -wissenschaftlerin in verschiedenen Versorgungssituationen und -settings. Vor über 20 Jahren bildete sie sich am Universitätsklinikum Marien Hospital Herne zur Pflegefachperson aus. Es folgten ein Bachelor und ein anschliessender Master of Science in Nursing an der Universität Witten/Herdecke in Witten sowie eine langjährige Forschungstätigkeit am Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen e.V. (DZNE) in Witten. 

Die Promotion erlangte Tina Quasdorf 2021 mit ihrer Doktorarbeit zur «Implementierung von Dementia Care Mapping (DCM) in Einrichtungen der stationären Altenpflege». 

Seit 2022 arbeitet Tina Quasdorf als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Pflege der ZHAW. Im September 2025 wurde sie vom Fachhochschulrat zur Professorin für Gerontologische Versorgung ernannt.