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Espaces Croisés: Baukulturelle Kontaktzonen an der Schweizer Sprachgrenze seit 1960

Das Projekt untersucht, wie sich seit den 1960er-Jahren entlang der Schweizer D/F-Sprachgrenze (Röstigraben) eine eigenständige Planungskultur herausgebildet hat, die sich in Architektur und Städtebau materialisiert, in sozialen Praktiken sichtbar und verhandelbar wird und heute spezifische baukulturelle Eigenschaften aufweist.

Beschreibung

Die Schweiz wird in Zukunft noch städtischer; vor allem mittelgrosse Städte und gut erschlossene touristische Gebiete werden in den kommenden Jahrzehnten eine starke Urbanisierung erleben (Bundesamt für Statistik 2024). Dazu zählen Delémont, Biel/Bienne und Freiburg/Fribourg sowie das Saanenland und das Wallis. Gemeinsam ist diesen Orten, dass sie die deutsch-französische Sprachgrenze markieren – einen zentralen sozio-kulturellen Raum der Schweiz.

Das Projekt argumentiert, dass diese Sprachgrenze nicht nur sprachlich, sondern auch materiell in Architektur, Städtebau und Planungspraktiken wirksam ist und zu einer eigenständigen baukulturellen Identität führt. Angesichts der Prognosen einer akzelerierten künftigen Urbanisierung stellt sich daher die Frage, wie sich diese Baukultur an der Sprachgrenze herausgebildet hat, was sie auszeichnet und wie sie als Ressource für die Zukunft eingesetzt werden kann. Trotz ihrer nationalen Bedeutung fehlt bislang eine systematische architektur-, stadt- und raumgeschichtliche Untersuchung der Sprachgrenze.

Ausgangspunkt ist die These, dass sich in den urbanisierten Gebieten des Jura, von Biel/Bienne, Freiburg/Fribourg, des Pays d’Enhaut und des Wallis eine eigenständige Planungskultur herausgebildet hat, geprägt von der räumlichen Überlagerung zweier Sprachkulturen. Vor diesem Hintergrund klärt das Projekt erstmals, wie sich entlang des sog. «Röstigrabens» (Büchi 2003) seit der Urbanisierung der 1960er Jahre räumliche Überlagerungen im Gebauten materialisierten, wie sie in sozialen Praktiken sicht- und wahrnehmbar wurden und welchen baukulturellen Wert sie heute haben. Ziel ist es, die baukulturelle Identität dieser Räume zu bestimmen, um fundierte Grundlagen für zukünftige Entwicklungen zu schaffen.

Begrifflich stützt sich die Untersuchung auf Mary Louise Pratts Konzept der contact zone (1991), das Orte beschreibt, an denen unterschiedliche kulturelle Ordnungen aufeinandertreffen und in Aushandlung treten. Konkret werden solche Kontaktzonen dort fassbar, wo sich räumliche Überlagerungen als Differenzen wie Gemeinsamkeiten architektonisch manifestieren und sozial erfahrbar machen: in Siedlungen und Quartieren, in öffentlichen Bauten und an Verkehrsknoten, deren Entstehung auf der Verschränkung unterschiedlicher Planungslogiken beruht. Entlang der Sprachgrenze werden diese baukulturellen Kontaktzonen als nachweisbare Resultate institutioneller, administrativer und gestalterischer Koexistenz untersucht.

Abgestützt auf einem relationalen Raumverständnis, das Raum als Ergebnis und Gefüge sozialer Prozesse begreift, strukturieren das Projekt drei Leitfragen:

  1. Wie entwickelten Architekt:innen, Planer:innen und Behörden entlang der Sprachgrenze Projekte, und welche Leitbilder, Verfahren und Konflikte kamen dabei zum Tragen?
  2. Welche gesellschaftlichen Routinen und Alltagspraktiken bildeten sich an der gebauten Sprachgrenze heraus, und wie prägten diese Praxen räumliche Wahrnehmungen und Erinnerungen?
  3. Wie manifestieren sich diese Kontaktzonen in der Gegenwart, und wie können heutige Kontaktzonen durch neue Quellen – fotografische Serien, Interviews, Zeichnungen und Kartierungen – sicht- und vermittelbar gemacht werden?

Methodisch werden archivalische, audiovisuelle und mündliche Quellen integriert; Analyse und Vermittlung sind von Beginn an in einem Prozess der Knowledge Production verschränkt. Als Ergebnisse entstehen so eine Typologie baukultureller Kontaktzonen, ein methodisches Instrumentarium zur Integration heterogener Quellen und – als zentraler Output – ein Atlas der baukulturellen Kontaktzonen entlang der Schweizer Sprachgrenze. Dieser verbindet historische Tiefenschichten mit gegenwärtigen Raumpraktiken, verortet Hybridität und stellt als wissenschaftliches und kuratorisches Werkzeug Orientierungswissen für Planung, Politik und Gesellschaft bereit.

Eckdaten

Co-Projektleitung

Prof. Dr. Maxime Zaugg, Prof. Dr. Silvia Berger Ziauddin (Universität Bern)

Projektteam

Prof. Dr. Alexandre Duchêne (Universität Freiburg), Prof. Dr. Janina Gosseye (Delft University of Technology), Charly Jolliet (Charly Jolliet Architecte Sàrl), Prof. Dr. Christian Rohr (Universität Bern), Enrico Slongo (Stiftung Baukultur Schweiz (SBS))

Projektpartner

Universität Bern / Historisches Institut; Universität Freiburg / Institut für Mehrsprachigkeit; Delft University of Technology / Chair of Building Ideologies; Stiftung Baukultur Schweiz (SBS); Charly Jolliet Architecte Sàrl

Projektstatus

Start bevorstehend, 01/2027

Institut/Zentrum

Institut Urban Landscape (IUL)

Drittmittelgeber

SNF Projektförderung

Projektvolumen

1'002'720 CHF