Eingabe löschen
Zum Inhalt

Hauptnavigation

Zürcher Hochschule
für Angewandte
Wissenschaften

Servicenavigation

«Ein guter Kommentar beginnt lange vor dem Anpfiff»

Stundenlange Vorbereitung, sprachliche Präzision und die Fähigkeit, komplexe Situationen innert Sekunden einzuordnen: Die Arbeit eines Sportkommentators hat auch mit Improvisation, aber viel mehr mit journalistischem Handwerk zu tun. SRF-Kommentator Calvin Stettler, Alumnus des Instituts für Angewandte Medienwissenschaft (IAM), erzählt, welche Kompetenzen seinen Berufsalltag prägen – und weshalb ihn sein Studium an der ZHAW bis heute begleitet.

Calvin Stettler mit Headset an einem Kommentatorenpult im Studio

Interview

Herr Stettler, viele Menschen erleben einen Live-Kommentar als spontan. Welche Fähigkeiten stecken tatsächlich dahinter?

Der spontane Eindruck entsteht erst durch eine sehr intensive Vorbereitung. Ich recherchiere vor jedem Spiel, bereite Informationen und Hintergründe zu Spieler:innen und Teams vor und suche Geschichten, die den Zuschauenden einen weiteren Zugang zum Spiel ermöglichen. Diese Vorbereitung gibt mir die Sicherheit, mich während des Spiels ganz auf das Geschehen einzulassen und flexibel reagieren zu können.

Wie wichtig ist eine eigene sprachliche Handschrift beim Kommentieren?

Es ist sicher schön, wenn man eine eigene Handschrift entwickeln kann. Das Publikum sieht mich während einer Übertragung nicht. Wenn, dann sorgen Stimme, Wortwahl und Sprachbilder für Wiedererkennung. Meines Erachtens braucht es einen persönlichen Stil, der authentisch wirkt und zum Geschehen passt.

Welche Kompetenz ist für Sie dabei die wichtigste?

Die Freude an der Sprache. Beim Moderieren ist die Sprache das wichtigste Werkzeug. Sie ermöglicht es, Emotionen zu transportieren, Zusammenhänge zu erklären und kontextualisiert das Spiel. Gleichzeitig braucht es Präzision. Ein einziges Wort kann darüber entscheiden, ob eine Situation verständlich oder missverständlich wirkt.

Die Sprache ist also ein wichtiger Faktor. Was muss beim Kommentieren sonst noch beachtet werden?

Genauso wichtig ist die Fähigkeit, Situationen richtig einzuschätzen. Ein Fussballspiel erzählt gleichzeitig viele Geschichten: taktische Entwicklungen, Emotionen auf dem Platz, Reaktionen des Publikums oder gesellschaftliche Zusammenhänge. Als Kommentator muss ich all diese Ebenen wahrnehmen und entscheiden, welche im jeweiligen Moment relevant ist.

Bei grossen Sportereignissen sitzen sowohl eingefleischte Fans als auch Gelegenheitszuschauer vor dem Fernseher. Wie gelingt es, beide Zielgruppen gleichermassen abzuholen?

Das ist tatsächlich eine der grössten Herausforderungen. Ich mache mir vor jedem Spiel bewusst, wer heute wohl zuschaut. Gerade bei einem WM-Spiel erreicht man oftmals ein viel breiteres Publikum. Deshalb erkläre ich gewisse Dinge etwas ausführlicher und gebe mehr Hintergrundwissen. Gleichzeitig möchte ich auch denjenigen etwas bieten, die sich intensiv mit Fussball beschäftigen. Im Idealfall gelingt es, beide Zielgruppen mitzunehmen – indem man verständlich erklärt und spannende Geschichten erzählt.

Calvin Stettler studierte Journalismus und Organisationskommunikation an der ZHAW in Winterthur, arbeitete als Journalist in der Sportredaktion der «Aargauer Zeitung» sowie als freier Sportredaktor beim «Tages-Anzeiger». 2018 fing er als Praktikant beim SRF an und wurde 2019 Redaktor. Seit 2022 ist er zudem als Live-Kommentator im Einsatz und deckt in dieser Funktion die Sportarten Fussball, Basketball, Curling sowie Biathlon ab. Aktuell begleitet er die Fussball-WM in den USA, Mexiko und Kanada.

Das verlangt eine hohe Beobachtungsgabe.

Absolut. Ich glaube, Aufmerksamkeit ist eine der wichtigsten journalistischen Kompetenzen überhaupt. Man darf dem Spiel keine eigene Geschichte überstülpen, sondern muss genau beobachten und einordnen, was tatsächlich passiert. Ein Fussballspiel – oder anderes Sportevent – gibt die Geschichte vor. Ich begleite sie.

Gibt es vor einem Live-Kommentar eine persönliche Routine, die Ihnen hilft, den Fokus zu finden?

Ja. Die letzten Minuten vor dem Anpfiff sind mir sehr wichtig. Ich werde bewusst ruhig, ziehe mich etwas zurück und gehe nochmals in mich. Das hilft mir, den Kopf freizubekommen und mich ganz auf den Moment zu konzentrieren. So bekomme ich Lust aufs Reden beim Anpfiff. Diese kurze Phase der Ruhe ist für mich die Grundlage dafür, dass ich beim Kommentieren mit Energie, Freude und voller Aufmerksamkeit kommentieren kann.

Welche Kompetenzen aus dem Studium nutzen Sie heute besonders häufig?

Neben der sprachlichen Präzision sicher die Auftrittskompetenz. Wie man spricht, auftritt und wirkt, beeinflusst die Wirkung enorm. Das gilt im Fernsehen genauso wie bei Präsentationen oder Interviews – auch wenn man beim Kommentieren nicht im Bild ist. Diese Fähigkeiten sind weit über den Journalismus hinaus relevant.

Gab es Kompetenzen aus dem Studium, deren Bedeutung Sie erst im Berufsalltag richtig erkannt haben?

Vielleicht hat man sich während des Studiums schon mal gefragt, ob das jetzt wirklich nötig war, sich so pedantisch mit der Grammatik auseinanderzusetzen. Heute weiss ich: Ja, es war nötig. Diese Basis gibt dir Sicherheit in stressigen Situationen. Unter Zeitdruck klar und verständlich formulieren zu können, ist von grossem Wert. Die Praxiskurse am IAM schätzte ich schon damals sehr. Wir arbeiteten unter realistischen Bedingungen, mussten Texte innert kurzer Zeit produzieren und lernten, mit diesem Druck umzugehen. Das war eine ausgezeichnete Vorbereitung aufs Kommentieren.

Auch Neugier scheint für Ihren Beruf zentral zu sein.

Definitiv. Gute Sportjournalistinnen und Sportjournalisten interessieren sich nicht nur für Sport, sondern für die Welt insgesamt. Politische Entwicklungen, gesellschaftliche Themen oder kulturelle Hintergründe können plötzlich Teil einer Sportberichterstattung werden. Wer Zusammenhänge versteht, kann sie auch verständlich ins Kommentieren einbinden.

Was macht für Sie letztlich einen guten Kommentator aus?

Neugier, Präzision und Authentizität. Wer aufmerksam beobachtet, sorgfältig arbeitet und seiner eigenen Haltung treu bleibt, kann Menschen Orientierung geben – unabhängig davon, ob im Sportjournalismus oder in einem anderen Bereich. Genau diese Kompetenzen werden auch in Zukunft entscheidend bleiben.

Was würden Sie Studierenden raten, die einen ähnlichen Weg wie Sie einschlagen möchten?

Vor allem: Erfahrungen sammeln. Ich habe bei Regionalzeitungen angefangen und teilweise von irgendwelchen Juniorenturnieren berichtet. Ich habe aber jedes Spiel als Chance verstanden, wieder etwas Neues zu lernen. Diese vielen kleinen Einsätze waren unglaublich wertvoll. Man lernt durch das Machen – und durch Fehler, aus denen man wachsen kann.

Wenn Sie auf Ihr Studium zurückblicken: Was hat Ihnen die ZHAW für Ihren Berufsweg mitgegeben?

Vor allem ein solides Fundament. Fachliches Wissen, journalistisches Handwerk und die Möglichkeit, Theorie direkt in der Praxis anzuwenden. Dazu kamen Dozierende mit viel Berufserfahrung und ein Netzwerk, das bis heute besteht. Rückblickend war das die ideale Grundlage für meinen weiteren Weg.