Raum für Neurodiversität: Ein partizipativ gestaltetes Living Lab zu Sensory Rooms im Hochschulbereich
Die ZHAW prüft den Ausbau von Sensory Rooms zur Entlastung im Hochschulalltag. In einem partizipativen Projekt werden Bedarfe erhoben, ein evidenzbasiertes Nutzungs‑ und Ausstattungskonzept im Co‑Design entwickelt und ein Prototyp als Living Lab getestet. Der Fokus liegt auf Neurodiversität, geschaffen wird ein Raum für alle.
Ergebnis
Die bisherigen Erhebungen im Rahmen des Projekts zeigen deutlich, dass sensorische Belastungen im Hochschulalltag weit verbreitet sind und viele Studierende betreffen. In der ersten Umfrage gaben über die Hälfte der Teilnehmenden an, sich im Studienalltag häufig sensorisch überreizt zu fühlen. Besonders relevant ist dabei, dass Überlastung selten durch einen einzelnen Reiz entsteht, sondern meist durch die Kombination mehrerer Faktoren wie Lärm, visuelle Unruhe, Enge und fehlende Rückzugsmöglichkeiten.
Ein grosser Teil der Teilnehmenden beschreibt eine erhöhte Sensitivität gegenüber auditiven und visuellen Reizen, aber auch gegenüber Gerüchen, taktilen und propriozeptiven Eindrücken. Die Ergebnisse zeigen zudem, dass sensorische Faktoren nicht nur das Wohlbefinden, sondern auch die Konzentrationsfähigkeit, Lernleistung und Teilnahme am Hochschulalltag spürbar beeinträchtigen.
Die Fokusgruppen haben diese Befunde vertieft. Über alle Gruppen hinweg zeigte sich ein sehr konsistentes Bild: Studierende vermissen vor allem ruhige, kontrollierbare Rückzugsorte, eine gute akustische Qualität sowie flexibel nutzbare und klar differenzierte Räume. Statt punktueller Anpassungen einzelner Elemente wurde der Bedarf nach grundlegend anders gedachten, reizsensiblen Raumkonzepten formuliert.
Ein zentrales Ergebnis aus dem Co‑Design ist das wiederkehrende Zwei‑Zonen‑Prinzip: Die klare räumliche Trennung zwischen reizarmen Ruhebereichen und aktivierenden Zonen, etwa für Bewegung oder sensorische Stimulation. Ergänzend wurden Naturbezug, körperliche Aktivierung sowie die individuelle Steuerbarkeit von Licht und anderen sensorischen Reizen als wesentliche Faktoren für Wohlbefinden und Selbstregulation benannt.
Beschreibung
Hochschulumgebungen stellen für Menschen mit neurologischen Besonderheiten oft eine erhebliche sensorische Herausforderung dar. Schätzungen zufolge sind etwa 22 % der Bevölkerung klinisch neurodivergent, darunter Menschen mit Diagnosen wie ADHS (5–6 %), Autismus-Spektrum-Störungen (< 2%) oder Legasthenie (10%). Viele dieser Menschen verlassen Bildungs- oder Arbeitsumgebungen nicht aufgrund mangelnder Fähigkeiten, sondern weil die Umgebung ihren sensorischen Bedürfnissen nicht gerecht wird.
Das Projekt zielt darauf ab, durch die Einrichtung von Sinnesräumen die Inklusion, das Wohlbefinden und die akademischen Leistungen der Studierenden an der ZHAW zu fördern.
Was ist ein Sensory Room?
Ein Sensory Room ist ein speziell gestalteter Raum, der mit diversen sensorischen Reizen ausgestattet ist. Er bietet eine sichere Umgebung, in der Nutzer:innen sensorische Reize gezielt auswählen können, um ihre Emotionen sowie Energie zu regulieren und Strategien zum Selbstmanagement zu entwickeln.
Der Living-Lab-Ansatz: Forschung trifft Praxis
Obwohl es an einigen Hochschulen bereits Ansätze für Sensory Rooms gibt, fehlt es bislang an systematischen Bedarfsanalysen, evidenzbasierten Nutzungsmodellen und empirischen Wirksamkeitsprüfungen. Auch die Frage, wie solche Räume skaliert und dauerhaft in den Betrieb einer Hochschule integriert werden können, ist weitgehend unerforscht. Das Projekt an der ZHAW schliesst diese Lücke, indem es wissenschaftliche Expertise mit praktischer Anwendung verbindet. Das Projekt „Designing for Neurodiversity“ ist als Living Lab konzipiert und folgt einem strukturierten, fünfstufigen Prozess, um die Sensory Rooms von der ersten Bedarfsanalyse bis zur dauerhaften Implementierung zu entwickeln:
1) Bedarfsanalyse: Kurzsurveys sowie Fokusgruppen erfassen Bedürfnisse und Barrieren (abgeschlossen):
- Durchführung einer Online-Umfrage (N = 228) sowie Fokusgruppen.
- Wichtige Erkenntnisse: 94% der Teilnehmenden reagieren hypersensitiv auf einen oder mehrere Sinneseindrücke, wobei auditive Reize (49 %) die grösste Belastung darstellen. 60% der Teilnehmenden reagieren hyposensitiv auf einen oder mehrere Sinneseindrücke, wobei propriozeptiv (37%) die grösste Belastung darstellt. Als besonders stressig wurden die Mensa, grosse Vorlesungsräume und offene Lernzonen identifiziert. Reizbelastung entsteht vor allem durch Kombination aus Lärm, visueller Unruhe, Enge und fehlender Kontrolle. Räumlich fehlt es vor allem an ruhigen kontrollierbaren Rückzugsorten, guter Akustik, Flexibilität und Differenzierung von Räumen.
2) Co-Design-Workshops: Gruppen präzisieren Ausstattung/Nutzungsregeln (abgeschlossen):
- Workshop 1: Die Teilnehmenden identifizierten sich mit Szenarien, hielten Strategien fest und bauten Idealräume (z. B. mit Lego oder Knete). In Workshop 2 wurden die vom Projektteam erarbeiteten massstabsgetreuen Entwürfe validiert und die Nutzungsregeln (z. B. Nutzungsrechte, Buchungssystem, uvm) gemeinsam festgelegt.
- Wichtige Erkenntnisse: Es kristallisierten sich Kernprinzipien heraus, wie das Zweizonen-Prinzip (Trennung von Aktiv- und Rückzugzonen), die Bedeutung von Biophilic Design (Natur) und die Notwendigkeit individueller Steuerbarkeit von Sinnesreizen. Zudem wurden gemeinsam Regelkarten zu Verhalten und Nutzung formuliert.
3) Iteratives Prototyping (Ab August 2026): In dieser Phase werden die Konzepte in die Realität umgesetzt.
Es werden 2 Räume im Toni-Areal (Zürich) und im Haus Adeline Favre (Winterthur) gemäss der erarbeiteten Layouts ausgestattet. Mit dem Start des Herbstsemesters 2026 beginnt die Nutzung. Der Prozess ist iterativ, was bedeutet, dass auf Basis von Nutzerfeedback Anpassungen am Prototyp vorgenommen werden und das finale Konzept daraus entstehen kann.
4) Wirkungsmessung und Evaluation: Dies ist der wissenschaftliche Kern des Projekts, um die Wirksamkeit der Räume nachzuweisen.
Neben subjektivem Feedback kommen Sensoren zum Einsatz, um die Wirkung der Räume objektiv zu messen. Es werden biophysiologische Stressmarker analysiert, um eine evidenzbasierte Grundlage für die Wirksamkeit der sensorischen Rückzugsorte zu schaffen.
5) Dissemination: Im letzten Schritt werden die gewonnenen Erkenntnisse geteilt, um eine Skalierung des Konzepts zu ermöglichen.
Einordnung in globale Nachhaltigkeitsziele (SDGs)
Das Projekt ist explizit darauf ausgerichtet, einen Beitrag zu den nachhaltigen Entwicklungszielen der Vereinten Nationen zu leisten:
- SDG 3 (Gesundheit und Wohlbefinden): Reduktion von Stress und Förderung der mentalen Gesundheit durch geeignete Rückzugsräume.
- SDG 4 (Hochwertige Bildung): Schaffung barrierearmer Lernumgebungen, die individuelles Wachstum ermöglichen.
- SDG 10 (Weniger Ungleichheiten): Förderung der Inklusion durch die Berücksichtigung neurodiverser Profile in der Raumplanung.
Eckdaten
Projektleitung
Stellv. Projektleitung
Projektteam
Riccardo Meier, Linda Abegg, Marie Damev, Harry-Zwi Kutner, Roswitha Hoerder, Jasmin Imboden, Pascale Bebie Gut, Dominik Kunz, Julia Vielle, Dr. Corinne Nicoletti, Swen J. Kühne, Prof. Dr. Frank Wieber, Helmut Kausler (Steelcase)
Projektpartner
Pro Infirmis; Steelcase
Projektstatus
laufend, gestartet 01/2026
Institut/Zentrum
Institut für Facility Management (IFM); Institut für Ergotherapie (IER); Institut für Public Health (IPH); Institut für Computational Life Sciences (ICLS); Institut für Mensch, Gesellschaft und Technologien (IMGT); Rektorat; Facility Management
Drittmittelgeber
Living Lab Fund ZHAW; Interne Förderung
Projektvolumen
80'000 CHF