«Es braucht eine Generation, die Auswirkungen von KI auf Mensch und Gesellschaft versteht und aktiv mitgestaltet»
Warum entwickeln Menschen Beziehungen zu neuen Technologien? Und wie kann der Umgang mit KI verantwortungsvoll, ethisch und nutzerzentriert gestaltet werden? Diese Fragen beschäftigen Dr. Marisa Tschopp, die neu am Departement Angewandte Psychologie für den Themenbereich «Mensch und künstliche Intelligenz» zuständig ist.
Dr. Marisa Tschopp im Interview
Die Nutzung und Integration von Künstlicher Intelligenz prägt unseren Alltag zunehmend und verändert, wie wir arbeiten, entscheiden und miteinander interagieren. Welche Auswirkungen haben KI-Systeme auf soziale Beziehungen? Wie beeinflussen sie menschliche Entscheidungen? Diesen und weiteren Fragen widmet sich Dr. Marisa Tschopp, die neu an unserem Departement forscht und lehrt. Wir haben mit ihr zum Start ein kurzes Interview geführt.
Was motiviert Sie persönlich, den Themenbereich Mensch und KI am Departement Angewandte Psychologie aufzubauen?
Dr. Marisa Tschopp: Ich bin fasziniert vom «Miteinander». Wie Menschen sich begegnen, wie sie Beziehungen aufbauen und wie Technologie, insbesondere KI, diese Dynamik verändert. Wir sind an einem Punkt, an dem Menschen Freundschaften zu KI aufbauen und sich sogar verlieben. Was sagt das über uns aus? Als Psychologin will ich nicht nur beobachten, sondern aktiv gestalten. KI stellt für mich eine Art Stresstest für unser Miteinander dar. Im neuen Fachbereich sehe ich die Chance, etwas zu bewegen und ein Miteinander zu schaffen, das technologischen Fortschritt mit menschlichen Werten verbindet.
Warum ist das Thema KI aus psychologischer Sicht bedeutsam?
KI führt uns direkt zur Frage, was uns Menschen und unser Miteinander ausmacht. Unsere tiefsten Überzeugungen stehen jetzt auf dem Prüfstand: Wie gehen wir mit Gerechtigkeit um, wenn Algorithmen über Chancen entscheiden? Was passiert mit unserem Selbstbild, wenn wir uns von KI abhängig fühlen? Wem vertrauen wir uns in einer schweren Krise an? Diese Fragen sind nicht trivial: Sie berühren unsere Identität, unsere Beziehungen und unsere Sicherheit. Wenn wir KI blind vertrauen, kann das fatale Folgen haben, sei es in der Medizin, bei finanziellen Entscheidungen oder im sozialen Miteinander. Die Psychologie hat hier eine zentrale Aufgabe: Sie kann aufzeigen, wie Menschen KI tatsächlich erleben und menschliches Denken, Fühlen und Handeln jetzt schon verändert. Es geht also nicht nur darum, wie KI funktioniert und designed werden sollte, sondern darum, wie wir den Umgang mit ihr so gestalten, dass sie den Menschen dient.
«Als Psychologin will ich nicht nur beobachten, sondern aktiv gestalten. Im neuen Fachbereich sehe ich die Chance, etwas zu bewegen und ein Miteinander zu schaffen, das technologischen Fortschritt mit menschlichen Werten verbindet.»
Womit beschäftigen Sie sich in Ihrer Forschung?
KI ist nicht einfach ein Tool im Werkzeugkasten, sondern längst Teil unserer sozialen Welt geworden. Wie erleben Menschen die Beziehung zu KI? Mich fasziniert besonders, wie solche «synthetischen» Beziehungen überhaupt entstehen. Meine Forschung fokussiert drei zentrale Rollen von KI, die oft vom Kontext geprägt sind: KI als Freundin, sogenannte AI Companions, die Einsamkeit lindern, aber auch Abhängigkeiten schaffen können. Zweitens, KI als Therapeutin, etwa in der psychologischen Beratung, wo Algorithmen Empathie simulieren und traditionelle Rollen herausfordern können. Und drittens, KI als Kollegin, oft auch genannt Human-AI Teaming, beispielsweise in der Arbeitswelt, wo Mensch und KI gemeinsam Entscheidungen treffen. Dabei untersuche ich auch zentrale psychologische Prozesse, die Einfluss auf die Beziehungsentwicklung haben können, wie Vertrauen und Vermenschlichung. Oder persönliche Einflussfaktoren, wie das Wissen, das jemand über KI besitzt und die Kompetenz im Umgang mit KI (Stichwort AI Literacy). Wie beeinflusst das Zusammenspiel dieser Faktoren unser Miteinander? Unser Denken, Fühlen und Handeln? Und, wo sind die Chancen und Risiken?
Wo sehen Sie aktuell die grössten Herausforderungen im Umgang mit KI?
Immer mehr Menschen nutzen insbesondere KI-Chatbots nicht nur für Informationen, sondern für soziale und emotionale Unterstützung: sei es gegen Einsamkeit oder als therapeutischer Gesprächspartner. Das birgt Potenzial, kurzfristige Linderung zu schaffen. Gleichzeitig stehen wir vor nicht unbedenklichen Risiken: von emotionaler Manipulation über KI-induzierte Psychosen bis hin zu Abhängigkeiten, die wir noch kaum verstehen. Ähnliche Spannungen zeigen sich auch in der Arbeitswelt, wo KI zwar Effizienz verspricht, aber oft kognitive oder emotionale Kosten mit sich bringt, etwa wenn Menschen sich überfordert fühlen, Sinnhaftigkeit oder Autonomie verlieren. In diesem neuen Fachbereich werde ich mich insbesondere diesen menschlichen, psychologischen Dimensionen der Herausforderungen rund um KI widmen. Gleichzeitig ist mir sehr wichtig, auch andere drängende Fragen im Blick zu halten, wie etwa schädliche Umweltauswirkungen oder algorithmische Diskriminierung.
Wird es zum Thema auch neue Lehrangebote oder Weiterbildungsformate geben?
Auf jeden Fall! Ich arbeite daran, neue Lehrangebote zu entwickeln, und zwar sowohl für Studierende auf Bachelor- und Masterstufe als auch für die Weiterbildung. Die Fragen rund um KI und Psychologie werden uns nicht so schnell loslassen – im Gegenteil. Mir ist wichtig, dass Bildungsangebote nicht nur Wissen vermitteln, sondern auch Raum für kritische Reflexion und Exploration bieten. Denn genau das braucht es: eine Generation, die KI nicht nur anwenden kann, sondern auch ihre Auswirkungen auf Mensch und Gesellschaft versteht und aktiv mitgestaltet.
Kurz-Porträt Dr. Marisa Tschopp
Dr. Marisa Tschopp ist promovierte Psychologin, Forscherin und eine profilierte Expertin für Künstliche Intelligenz und Mensch-Technologie-Interaktion. Am Departement Angewandte Psychologie wird sie den Themenbereich «Mensch und KI» aufbauen und weiterentwickeln. Damit erweitert das Departement sein thematisches Spektrum um ein weiteres gesellschaftlich hoch relevantes Forschungsfeld.
Dr. Marisa Tschopp arbeitete als Senior Researcher am Human-IST Institut der Universität Freiburg, wo sie die psychologischen Aspekte der Mensch-KI Dimension in KI-Governance untersuchte. Zudem baute sie die Forschungspraxis zum Thema KI-Psychologie bei der Cybersecurity & Technology Firma scip AG in Zürich auf und brachte dort ihre wissenschaftliche Expertise aktiv in interdisziplinäre Projekte ein. Ihre akademische Laufbahn umfasst Lehr- und Forschungsaufenthalte an Universitäten in Deutschland, Kanada und der Schweiz.
Dr. Marisa Tschopp ist regelmässig als Rednerin national und international unterwegs. Ihre nächsten Vorträge und Postcast-Auftritte:
- Wissenschaftlicher Beitrag an der CHI 2026 in Barcelona, 13.-17. April 2026, der führenden internationalen Konferenz im Bereich Human Computer Interaction
- Keynote an der re:publica Berlin, 18.-20. Mai 2026, dem europaweit grössten Festival für digitale Gesellschaft und Netzkultur
- Podcast Hello 50:50 world - Make Tech More Humane: Designing AI for Humans: The Psychology of Trust & Relationships