Was gute schulische Betreuung ausmacht
Was zeichnet gute sozialpädagogische Praxis in Tagesschulen und Tagesstrukturen aus? In einem länderübergreifenden Projekt setzten sich Forschende von ZHAW und PHZH sowie Schul- und Betreuungsverantwortliche aus der Stadt Zürich mit dieser Frage auseinander.
Von Ümit Yoker
Die Zahl der Tagesschulen und Tagesstrukturen in der Schweiz hat in den letzten Jahren stark zugenommen, vor allem in urbanen Gebieten. War in der Stadt Zürich 2008 gut ein Viertel aller Schulkinder in solche Strukturen integriert, sind es heute zwei Drittel.
Was in dieser Betreuungszeit in sozialpädagogischer Hinsicht geboten wird – und geboten werden soll –, ist aber unklar. Die Schweiz kennt diesbezüglich weder verbindliche Vorgaben noch klare Richtlinien. Ebenso wenig gibt es eine einheitliche Ausbildung für die berufliche Qualifikation des Personals in der schulischen Betreuung. Die Bandbreite reicht von der Sozialpädagogin mit Hochschulabschluss bis zum Zivildienstleistenden, einige bringen keinerlei pädagogische Ausbildung mit.
Klare Qualitätskriterien fehlen
Hinzu kommt: Die Ressourcen für die schulische Betreuung werden weitgehend von den Gemeinden definiert und sind nicht selten knapp. Das Angebot wird daher entlang den Vorstellungen und Möglichkeiten der kommunalen Verwaltung und der Betreuungspersonen organisiert und gestaltet – Auftrag und Umsetzung fallen entsprechend unterschiedlich aus.
Alle diese Faktoren führen heute zu einer Vielzahl an Betreuungssituationen und Bildungsaktivitäten, die wenig sichtbar und kaum erforscht sind. Das implizite Wissen des Personals freizulegen und die Bedeutung der sozialpädagogischen Praxis stärker hervorzuheben, ist jedoch entscheidend, um die Betreuung dereinst professioneller zu gestalten und nach klaren Qualitätskriterien ausüben zu können.
Bewährte Praktiken weiterentwickeln
Die ZHAW Soziale Arbeit ist aus diesem Grund zusammen mit der PH Zürich und der Tagesschule Zurlinden in Zürich seit 2023 am Projekt EKCO (Extended Education Facilitation Key Competence Cooperative Learning) beteiligt. Ziel des länderübergreifenden Vorhabens war es, bewährte Praktiken in der schulischen Betreuung zusammenzutragen und weiterzuentwickeln – vor allem aber eine vertiefte Reflexion über die eigene sozialpädagogische Arbeit anzuregen, wie ZHAW-Projektleiterin Andrea Scholian sagt.
Die meisten Betreuungspersonen kämen im Alltag nicht immer dazu, sich grundsätzliche Fragen zu ihrer Rolle und ihren Zielen zu stellen, ergänzt Projektmitarbeiterin Renate Stohler, Erziehungswissenschaftlerin an der ZHAW Soziale Arbeit: «Vieles wird intuitiv gemacht.» Als Forschende habe man deshalb zusammen mit den Praktiker:innen ergründen wollen: Was mache ich und warum? Was brauche ich dazu?

«Sozialpädagogisches Arbeiten mit Kindern ist vielschichtig und komplex.»
Renate Stohler, Projektleiterin ZHAW Soziale Arbeit
Je weiter man diese Reflexionsebene herunterbreche, so die Wissenschaftlerin, desto mehr und detailliertere Fragen werfe sie auf: Wie initiiere ich ein Spiel und wann ziehe ich mich zurück? Bleibe ich für die Kinder sichtbar oder entferne ich mich aus ihrem Blickfeld? Wann greife ich ein, wenn nicht mehr nach denselben Regeln gespielt wird? Wenn sich ein Streit anbahnt? «Sozialpädagogisches Arbeiten mit Kindern ist vielschichtig und komplex.»
Kein klassisches Forschungsprojekt
Neben der Schweiz haben sich auch Dänemark, Schweden und Österreich dem Vorhaben angeschlossen, Hauptantragstellerin und Koordinatoren des von Erasmus+ finanzierten Projekts ist Norwegen. Die Teilnahme der Schweiz als assoziierte Partnerin wurde durch die nationale Förderagentur Movetia unterstützt.
EKCO ist kein klassisches Forschungsprojekt, sondern ein partizipatives Schulentwicklungsprojekt. Das bedeutet: Die Forschenden arbeiten in jeder Projektphase eng mit einem Team aus dem Schul- und Betreuungspersonal zusammen. «Es geht nicht darum, dass wir als Forscherinnen abschliessende Antworten finden und den Schulen vorschreiben, wie sie die Betreuung zu gestalten haben», betont Projektleiterin Scholian. Vielmehr würden die Beobachtungen im Rahmen des Projekts zurückgespiegelt, Erkenntnisse diskutiert und Ideen für die Weiterentwicklung von beiden Seiten formuliert.
Dazu haben alle Teilnehmenden die bewährten und gelungensten sozialpädagogischen Praktiken ihres Landes den anderen Projektteams vorgestellt. In einem zweiten Schritt wurden Good-Practice-Beispiele anderer Teams ausprobiert und diese, wo nötig, adaptiert und weiterentwickelt. Dieser Prozess wurde dem ursprünglichen Land zurückgespiegelt. An der Schlussveranstaltung in Zürich im November 2026 sollen diese überarbeiteten Praktiken nun auch einem breiteren Fachpublikum zugänglich gemacht werden.
Mehr Selbständigkeit bei Spiel und Streit
Für ihre Praxisbeispiele haben die Forscherinnen der ZHAW und der PHZH sowie die Projektbeteiligten der Schule Zurlinden über mehrere Wochen hinweg immer wieder Betreuungssituationen in der Stadtzürcher Tagesschule beobachtet und dokumentiert und sich schliesslich für jene Praktiken entscheiden, die sich besonders bewährt haben.
So hat man im Rahmen des Projekts unter anderem den sogenannten Konfliktflip präsentiert, eine Bodenmatte mit grafischen Symbolen zur Streitschlichtung. Die Schule Zurlinden hat das visuelle Hilfsmittel vor einiger Zeit entwickelt, um Kindern einen selbständigeren Umgang mit Konfliktsituationen zu ermöglichen, wie Schulleiterin und Projektbeteiligte Seraina Vils erklärt.
Der Kontaktflip unterstütze die Schulkinder dabei, ihre Gefühle zu benennen, aber auch Verständnis für das Gegenüber aufzubringen und gemeinsam zu einer Einigung zu finden. «Lange wurden Lehrkräfte und Betreuungspersonen selbst bei den kleinsten Streitereien involviert, um zu schlichten», sagt Vils. Damit würden den Schüler:innen aber wichtige Gelegenheiten zur Entwicklung solcher Kompetenzen entgehen.
Möglichkeiten schaffen – aber nicht zu viele
Zu den ausgewählten Good-Practice-Beispielen gehört auch die sogenannte 20-Minuten-Regel der Schule Zurlinden. Sie legt fest, wann und wie sich Betreuungspersonen nach einer Phase der Initiierung und Koordination eines Gruppenspiels zurückziehen, sodass die Kinder autonom den weiteren Verlauf bestimmen können.
Im dritten Beispiel wiederum geht es um die Frage, was freies Spiel aus pädagogischer Sicht bedeutet und welche Rolle die Betreuenden hier einnehmen. «Auch diese Aktivität erfordert eine Präsenz und muss gestaltet werden – etwa, indem man Räume vorbereitet oder nur gewisse Materialien bereitstellt», erläutert Vils. «Freies Spiel heisst nicht, dass man Kinder einfach sich selbst überlässt.» Zu viele Möglichkeiten würden ausserdem eher überfordern und die Betreuungsperson wieder stärker in die Handlungspflicht nehmen, statt kindliche Fähigkeiten zu fördern.
Fokus auf überfachliche Kompetenzen
«Eine zentrale Erkenntnis des Projekts war für uns, wie ähnlich sich die Themen und Aktivitäten trotz unterschiedlicher Rahmenbedingungen und Kontexte oft waren», sagt ZHAW-Projektleiterin Andrea Scholian. Ob offene Turnhalle, Götti/Gotti-System oder die Magnetwand, auf der Kinder markieren können, wo und womit sie sich beschäftigen wollen – viele der hiesigen Praktiken finde man auch in anderen Ländern wieder.

«Eine zentrale Erkenntnis des Projekts war für uns, wie ähnlich sich die Themen und Aktivitäten trotz unterschiedlicher Rahmenbedingungen und Kontexte oft waren.»
Andrea Scholian, Projektleiterin ZHAW Soziale Arbeit
Gleichzeitig hätten sich aber auch Unterschiede abgezeichnet, so die Forscherin. So sei etwa in Schweden inzwischen ein verbindliches Curriculum für das sozialpädagogische Personal eingeführt worden, das die erweiterte Betreuung zunehmend verschule. Damit habe das Land eine Richtung eingeschlagen, die man sich in der Schweiz so nicht vorstellen könne.
Denn so heterogen die hiesige Betreuungslandschaft auch ist, in dieser Sache scheint sie sich einzig zu sein: Der Auftrag der schulischen Betreuung liegt nicht vorrangig darin, akademische Defizite auszugleichen, sondern überfachliche Kompetenzen wie Autonomie, Teilhabe und Kooperation zu stärken.
Bewusster in der Betreuungsrolle
Für Seraina Vils ist klar, dass ihre Schule gleich in mehrerlei Hinsicht von der Teilnahme am Projekt profitiert hat: Nicht nur habe man sich sowohl vom Feedback als auch von den Praktiken und Aktivitäten der anderen Länder inspirieren lassen und manches davon bereits in den eigenen Alltag integriert. «Wir haben als Schule in den letzten drei Jahren auch grundsätzlich viel über unsere Vorstellungen und Erwartungen in Bezug auf die schulische Betreuung nachgedacht.»

«Unsere Betreuenden füllen ihre Rolle heute viel bewusster und kritischer aus.»
Seraina Vils, Schulleiterin Schulhaus Zurlinden, Zürich
Das sei nicht zuletzt in den Entschluss gemündet, fortan ein jährliches Qualitätsmanagement durchzuführen: Dazu sitze eine Betreuungsperson jeweils bei einem Kollegen oder einer Kollegin ein und gebe ihr anhand eines Fragebogens, der gemeinsam mit den Forscherinnen von ZHAW und PHZH ausgearbeitet worden sei, ein kollegiales Feedback. Noch etwas anderes sei ihr aber aufgefallen, so Vils: «Unsere Betreuenden füllen ihre Rolle heute viel bewusster und kritischer aus.»