Studierende proben den Berufsalltag in einer geschützten Umgebung

Karin Kovar hat für ihr Lehr- und Lern-Konzept «New Business Opportunity» (NBO) den ZHAW-Lehrpreis 2015 erhalten. Dabei begleiten Dozierende zusammen mit erfahrenen Industrie-Coaches die Studierenden bei der Umsetzung von neuen Geschäftsideen.

Interview mit der Lehrpreisträgerin Karin Kovar

Porträt von Karin Kovar vor Gebäude stehend
«Gute Lehre kann man nicht von der aktuellen Forschung trennen.»

Wie einfach ist es für Studierende, eine neue Geschäftsidee im Bereich «Pharmazeutische Biotechnologie» zu entwickeln? Kommen die Studierenden selber mit Ideen?

Bisher analysieren die Studierenden eine von den Lehrpersonen angedachte Geschäftsidee. Sie werden in Zweierteams einem Thema zugeteilt und sollen unter bestimmten Vorgaben zu Dauer und Umfang weitgehend selbständig ihre NBO-Analyse fertigstellen. Die Wahl des Themas, aber auch des Partners im Team ist nicht beliebig – wie im realen Arbeitsleben in der Industrie.

Sie geben die Ideen also vor?

Ja. Wir geben das Thema der NBO-Arbeit in groben Zügen vor. Die Studierenden entwickeln diese Idee dann weiter und verhandeln mit uns über die genaue Fokussierung ihres Themas. Sie kommen durchaus auch immer wieder mit eigenen Ideen innerhalb der vorgegebenen Ausrichtung. Während des Kurses analysieren die Studierenden eine bestimmte Herstellungstechnologie oder ein Produkt in Bezug auf wirtschaftliche, technologische, rechtliche, ökologische sowie soziale Aspekte. Die NBO-Analyse betrachtet also nicht nur den fachspezifischen Inhalt, sondern führt die Studierenden auch ganz praktisch an Themen heran, wie Marktanalyse, Kostenkalkulation, Marketing oder Arbeitsorganisation. Wir entwickeln die NBO-Ideen jeweils zusammen mit Partnern aus der Industrie.

«Im NBO sind unsere Studierenden mitverantwortlich für ihre beziehungsweise meine Vorlesung.»

Prof. Dr. Karin Kovar, Leiterin Fachstelle Bioprozesstechnologie an der ZHAW

Das heisst, dass Sie vor allem Ideen wählen, die das Potenzial zur Umsetzung haben?

Im Prinzip ja. Ich wähle Themen aus, bei denen ich selber kompetent bin und die ich als umsetzbar einschätze. Selbstverständlich kann es auch vorkommen, dass sich bei einer NBO-Idee am Ende herausstellt, dass sie nicht umsetzbar ist. Auch das ist legitim und spiegelt die Realität des Berufsalltags wider. Die Studierenden sollen unter anderem lernen, kritisch zu denken und logisch zu argumentieren, um nach Wegen zu suchen, wie ihre NBO-Idee umsetzbar ist. Wenn wir den Schlussbericht benoten, schauen wir also auf solche Aspekte und nicht auf das Resultat der Analyse oder den geschätzten Erfolg bezüglich der Umsetzbarkeit einer Idee.

Was wäre so eine typische Geschäftsidee?

Es gibt die klassischen Beispiele: Eine traditionelle Extraktion aus tierischem oder pflanzlichem Material oder ein chemisch-synthetischer Prozess werden durch mikrobielle Biotechnologie ersetzt. Das bedeutet beispielsweise im Falle von Kosmetika, dass die Inhaltsstoffe nicht mehr aus Tierabfällen oder Pflanzen isoliert, sondern die Substanzen mittels Mikroorganismen produziert werden. Ob dies grundsätzlich technologisch funktioniert und ob die Konsumenten ein solch neues, biotechnologisches Produkt akzeptieren würden, klären unsere Studierenden in groben Zügen ab. Sie beschreiben zudem, welche weiteren Abklärungen notwendig sind, um eine kompetente Entscheidung bezüglich der Weiterverfolgung einer innovativen Idee zu treffen. Das NBO ist ein Werkzeug, um Innovationen aufzuspüren. Wir hatten auch bereits sichtbaren Erfolg. Aus einer NBO-Idee der letzten Jahre ist ein KTI-Projekt mit einem Schweizer Bioreaktorbauer entstanden, das gerade läuft.

Ihr Konzept existiert bereits seit fünf Jahren. Was war der Auslöser?

Entstanden ist die Idee aus dem Bedürfnis, in der Lehre auf aktuellste Entwicklungen im Gebiet der mikrobiellen Biotechnologie zu reagieren. In diesem Forschungsgebiet veralten Inhalte schnell. Wir wollen aber in unserem wissenschaftlich fundierten und praxisorientierten Masterstudium immer aktuell sein. NBO-Analysen werden nun bereits seit fünf Jahren von unseren Masterstudierenden erstellt. Jedes Semester werden neue, aktuelle Themen und Fachinhalte über studentische Arbeiten eingeführt. Ein zweiter Auslöser war für mich der Wunsch, die Konsumentenhaltung der Studierenden, wie sie ein traditioneller Frontalunterricht begünstigt, nicht mehr zu unterstützen.

Sie lassen also die Studierenden gewissermassen für Sie arbeiten?

Ja und nein. Die Studierenden arbeiten in erster Linie für sich selber. Sie müssen lernen, zu entscheiden, was wichtig ist und was weniger wichtig ist, was eine dringliche Priorität hat und was nebensächlich ist. Im NBO sind unsere Studierenden mitverantwortlich für ihre beziehungsweise meine Vorlesung, sie gestalten ihren Lehr- und Lernprozess mit. Einerseits werden damit partizipative Impulse gesetzt – unabdingbar im zukünftigen Berufsalltag. Die Studierenden übernehmen Verantwortung und üben aktiv Kommunikations- und Verhandlungsstrategien ein. Andererseits trägt das Konzept auch der Notwendigkeit Rechnung, ökonomisch mit knapper werdenden materiellen und zeitlichen Ressourcen umzugehen. Die Teams müssen sich überdies auch für die Themen der anderen Teams interessieren.

«Es gibt kritische Diskussionen und durchaus auch Meinungsverschiedenheiten.»

Prof. Dr. Karin Kovar, Lehrpreisträgerin 2015

Welche Erfahrungen haben Sie bis jetzt mit dem generationenübergreifenden Arbeiten – also der Zusammenarbeit zwischen Studierenden, Lehrpersonen und Praxis-Coache – gemacht?

In der Zeit der Entstehung des Konzeptes wurden einige meiner Bekannten aus wichtigen Positionen in der Industrie pensioniert. Darunter waren zum Beispiel der ehemalige Vizedirektor von Lonza oder ein ehemaliger Direktor von Novartis. Persönlichkeiten, die sehr viel Wissen und Kompetenz haben, aber ohne Interessenskonflikt. Von so einer Zusammenarbeit auf ehrenamtlicher Basis profitieren wir alle. Für das Engagement unserer «Coaches der ersten Stunde» kann ich persönlich nicht oft genug danken.

Sind die Coaches jetzt immer noch pensionierte Führungskräfte?

Das ist keine Bedingung. Seit zwei Jahren ist beispielsweise Maria Lüder-Specht, CEO eines Kosmetik-KMU, begeistert mit dabei. Das NBO-Konzept wird sich sicherlich auch weiter und anders entwickeln. Wir werden den Kreis unserer Förderer ausdehnen. Neben den Coaches möchten wir weitere Fachkräfte miteinbeziehen, die das Konzept generell gut finden und die mit uns gelegentlich über das Konzept sowie aktuelle Themen diskutieren möchten. In Zukunft wird es eventuell auch Coaches geben, die einmalig mitmachen, neben Coaches, die immer dabei sind. Hier entwickeln wir das Konzept gerade weiter. Das zukünftige NBO soll sich als ein Netzwerk beziehungsweise als Programm gestalten, möglicherweise mit ehemaligen NBO-Studierenden, die uns künftig als Coaches unterstützen wollen.

Das tönt nach viel Arbeit.

Wie überall braucht es die richtige Dosis an Begeisterung und Zurückhaltung. Beim Aufbau eines weitreichenden fachlichen wie persönlichen Netzwerkes sowie in der engagierten Forschungspraxis sind die Grenzen zwischen Forschungsinteresse sowie privatem und beruflichem Einsatz oft fliessend. Das sind Aktivitäten, die im Umfang der normalen Stunden für Unterrichtsvorbereitung nicht machbar wären. Für mich ergeben sich dadurch aber auch viele Synergien. Ich kann durch den Kurs viel Vorarbeit für meine Forschungstätigkeiten leisten. Ich lese, was ich eigentlich sowieso lesen möchte, und habe zusätzlich mit den Studierenden und dem Coach Partnerinnen und Partner, mit denen ich Inhalte kritisch diskutieren kann. Somit ist der Mehraufwand vertretbar, weil ich mich selber stets weiterbilde, und das macht Freude. Das NBO-Konzept beweist alltäglich: Gute Lehre kann man nicht von der aktuellen Forschung trennen. Qualifizierte Lehrpersonen müssen in beiden Bereichen selber aktiv sein.

Gab es zwischen Studierenden, Dozierenden und Industrie-Coaches auch schon Konflikte?

Es gibt kritische Diskussionen und durchaus auch Meinungsverschiedenheiten. Es ist aber eine interessante und auch neue Erfahrung für die Studierenden, wenn der Coach und die Lehrperson sich nicht einig sind. Die Studierenden müssen lernen abzuwägen, unterschiedliche Meinungen kritisch zu evaluieren, sich zu entscheiden und ihre Entscheidung zu vertreten. Können Studierende einen zunächst kritischen Coach – den Industrieexperten – am Ende von ihrer Idee überzeugen, sind sie sehr stolz darauf. Zudem versuchen wir ein Vorbild für die Führung eines inhaltlichen, gegenseitig bereichernden Diskurses zu sein. Das ist unser zeitgemässes Führungsverständnis.

Wie beurteilen Sie die Leistung der Studierenden?

Zu Beginn des Kurses wird bereits ein kleines Outline verfasst, ein sogenanntes Shaping Summary, welches auch in die Bewertung mit einfliesst. Dieses dient vor allem zur Motivation. Das grösste Gewicht hat der schriftliche Schlussbericht, die NBO-Analyse. Der Arbeitsablauf wird darin aber nicht dokumentiert. Die Studierenden müssen in erster Linie belegen, woher sie welche Informationen haben. Wir können somit den Weg der Analyse und der daraus abgeleiteten Schlussfolgerungen nachvollziehen. Die Präsentationen dazwischen, die Endpräsentation bei einem Symposium mit externem Publikum sowie die Kommunikation mit den Betreuenden werden nicht bewertet. Es ist nicht alles Schule und nicht jede Leistung muss belohnt werden. Wie beim Ingenieur interessiert uns am Ende nur, ob die Brücke der Belastung standhält.

Welche Kompetenzen werden auf welche Weise gefördert?

Im Gegensatz zu anderen Kursen lernen die Studierenden, sich bei Unsicherheiten bei den Experten immer wieder Hilfe zu holen. Ausserdem erkennen sie, dass sie weiterkommen, wenn sie ihre Kollegen, die an anderen Fragestellungen arbeiten, nicht als Konkurrenten ansehen, sondern als Beraternetzwerk. Das ist eine hohe soziale Kompetenz, die den heutigen gesellschaftlichen, wissenschaftlichen und auch wirtschaftlichen Anforderungen entspricht. Das schliesst insbesondere Kommunikations- und Problemlösungsmethoden mit ein, die erkannt, ausprobiert und eingeübt werden. Kulturelle Unterschiede verstehen, mit Kritik umgehen, Erfahrungen des Scheiterns machen, auf sich schnell veränderndes Wissen reagieren, Unsicherheiten aushalten – das sind die Kernkompetenzen zukünftiger Forschungsarbeit.

«Die Studierenden übernehmen Verantwortung und üben aktiv Kommunikations- und Verhandlungsstrategien ein.»

Prof. Dr. Karin Kovar, Leiterin Fachstelle Bioprozesstechnologie an der ZHAW

Fördert Ihre Methode auch Interdisziplinäre Ansätze?

Gerade die Biotechnologie wirft viele ethische Fragestellungen auf. In die Beratung der Projekte auf dem Gebiet der Biotechnologie sollten also durchaus beispielsweise Soziologen und Ethiker einbezogen werden. Das NBO-Konzept zeigt das Potenzial, wie sich Studierende unterschiedlicher Departemente der ZHAW in einer Projektarbeit gegenseitig bereichernd austauschen könnten. Ich veranschauliche Ihnen das anhand des Beispiels eines Mittels gegen Malaria. Wenn die Studierenden planen, die Wirkstoffe biotechnologisch herzustellen, anstatt sie aus Pflanzen zu isolieren, fallen in den Ländern, wo die Heilpflanze wächst, Arbeitsplätze weg. Dafür wird aber das Medikament günstiger und auch ärmere Länder können es sich leisten. Das ist ein Aspekt, der entweder die Einführung der Technologie stoppen oder Armut verursachen kann.

Ihr Konzept vereint Lehre und Forschung, ist anwendungsorientiert und inter- sowie transdisziplinär. Damit befinden Sie sich mitten im aktuellen Diskurs zur neuen ZHAW-Hochschulstrategie. Glauben Sie, Ihre Methode hat so etwas wie Modellcharakter?

Das Lehr- und Lern-Konzept ist aus dem Alltag der Lehre gewachsen und verbindet diesen mit neuesten Forschungsansätzen und aktuellen Fragestellungen der Biotechnologie. Genau diese Verbindung macht das Konzept so interessant und zeitgemäss. Studierende können ihr erworbenes Fachwissen und die neuen Methodenkompetenzen praktisch und ganzheitlich anwenden. Ich bin überzeugt, dass das Modellcharakter hat. Es ist immer wieder spannend zu beobachten, in welche Richtung sich die Studierenden im Laufe ihrer NBO-Arbeit entwickeln. Während einige sich am Ende klar im Marketing oder im Finanzbereich sehen, stellen andere fest, dass ihnen Forschungsaspekte oder die ingenieur-technische Umsetzung mehr Spass machen. Diese Erfahrungen sind enorm wichtig, wenn der Einstieg in das vielfältige Berufsleben reibungslos ablaufen soll. Wir stärken die unterschiedlichen Talente unserer Studierenden, indem wir ihnen – trotz Themen- und Teamzuweisung – Raum und Anerkennung geben.

Was sagen Studierende und Industrieexperten zum Lehr- und Lernkonzept «New Business-Opportunity»? Das und mehr zum Thema kompetenzorientiertes Studium ist im Dossier «Kompetenz» der Juni-Ausgabe des Hochschulmagazins ZHAW-Impact zu lesen.