Kindesschutz im Kontext Schule: Vertrauen als Grundlage professionellen Handelns
Viele Jugendliche erleben Gewalt im nahen Umfeld, sprechen jedoch selten mit Fachpersonen darüber – auch nicht in der Schule. Damit wird die Schule zu einem zentralen, aber anspruchsvollen Ort des Kindesschutzes. Im Fokus der Tagung steht, wie Fachpersonen Vertrauen stärken, Barrieren abbauen und Offenlegungen professionell begleiten können.
Aktuelle Ergebnisse aus dem SNF-Projekt «Die Rolle der Schulen bei der Aufdeckung von und Reaktion auf Kindesmisshandlung und -vernachlässigung» des Departements Soziale Arbeit der ZHAW zeigen deutlich: Trotz regelmässigem Kontakt zu Lehrpersonen, Schulsozialarbeitenden und Schulleitungen haben Jugendliche grosse Mühe, belastende Gewalterfahrungen offenzulegen. Die repräsentative Befragung von Jugendlichen an Zürcher Schulen im Schuljahr 2023/2024 macht sichtbar, wie verbreitet unterschiedliche Formen von Gewalt im sozialen Nahraum sind – und wie hoch gleichzeitig die Hürden bleiben, sich Fachpersonen im Schulkontext anzuvertrauen. Die Tagung geht der Frage nach, was Fachpersonen in der Schule konkret tun können, um Barrieren abzubauen, die Kinder und Jugendliche davon abhalten, sich anzuvertrauen, und wie Offenlegungsprozesse sicher und professionell gestaltet werden können. Im Zentrum stehen dabei nicht nur individuelle Haltungen, sondern auch schulische Rahmenbedingungen, Beziehungsgestaltung, Rollenklärung und institutionelle Kulturen.
Zwischen Haltung, Struktur und Kultur diskutieren wir unter anderem die Frage, wie sich Forschung in eine wirksame Kindesschutzpraxis im Kontext Schule übersetzen lässt.
Die Tagung richtet sich an Schulsozialarbeitende, Lehrpersonen, Schulleitungen, Mitarbeitende aus der Betreuung sowie weitere Fachpersonen im schulischen Umfeld, die ihre Rolle im Kindesschutz stärken und Jugendliche wirksam erreichen möchten. Inputs und praxisnahe Workshops verbinden aktuelle Forschung mit konkreten Handlungsmöglichkeiten für den Schulalltag, regen zur Reflexion an und bieten praxisorientierte Umsetzungsimpulse.
Programm
| Uhrzeit | Programmpunkt | Referent:innen & Gäste |
|---|---|---|
| Moderation | Claudia Sedioli Maritz, ZHAW Angewandte Linguistik | |
| Ab 08.00 | Eintreffen und Registrierung | |
| 08.30 - 09.00 Uhr | Begrüssung und Grussbotschaft | Prof. Dr. Regula Jöhl, Rektorin ZHAW |
| 09.00 - 09.30 Uhr | SNF-Studie: «Die Rolle der Schule im Kindesschutz» | Dr. Julia Quehenberger und Meret Wallimann, Institut für Kindheit, Jugend und Familie, ZHAW |
| 9.30 - 10.30 | Vortrag: «Akten zu Schüler:innen. Und wo bleibt das Kind?» | Prof. Dr. Doris Bühler-Niederberger Professorin für Soziologie der Familie, Jugend und Erziehung und Leon Dittmann Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Arbeitsbereich Empirische Bildungsforschung an der School of Education; Bergische Universität Wuppertal |
| 10.30 - 11.00 Uhr | Pause | |
| 11.00 - 12.00 Uhr | Vortrag: «Kindesschutz in Schulen: Herausforderungen und Handlungsoptionen für die Schulsozialarbeit» | Prof. Dr. Florian Baier, Institut Kinder- und Jugendhilfe, Hochschule für Soziale Arbeit FHNW |
| 12.00 - 12.30 Uhr | Fragen aus dem Publikum | Alle Referent:innen |
| 12.35 - 13.45 Uhr | Mittagspause: Individuelle Verpflegung | |
| 13.45 - 14.45 Uhr | Podium | Doris Bühler-Niederberger, Florian Baier, Vera Vogt (Leitung Schulsozialarbeit, Stadt Winterthur) und Jugendliche |
| 14.45 - 15.00 Uhr | Kurze Pause und Einfinden in den Workshops | |
| 15.00 - 16.00 Uhr | Workshops | |
| 16.00 - 16.30 Uhr | Wechsel in den Weissen Saal und Abschluss der Tagung | |
| Ab 16.30 Uhr | Apèro und Galerie mit den Workshopsresultaten |
Workshops
Workshop 1: Prävention häuslicher Gewalt im Kindergarten – konkrete Angebote im Kindesschutz
Wie kann die Schulsozialarbeit im Kindergarten wirksame und altersgerechte Präventionsangebote zum Thema häusliche Gewalt umsetzen?
Im Mittelpunkt steht eine exemplarische Präventionslektion, die zeigt, wie Kinder sensibel, stärkend und kindgerecht an das Thema herangeführt werden können – ohne zu überfordern und unter Berücksichtigung rechtlicher und fachlicher Rahmenbedingungen.
Workshopleitende: Nadine Dinkelacker und Martina Lack, Schulsozialarbeiterinnen, AJB
Workshop 2: Prävention häuslicher Gewalt auf der Primarstufe – konkrete Angebote im Kindesschutz
Wie kann die Schulsozialarbeit auf der Primarstufe wirksame und altersgerechte Präventionsangebote zum Thema häusliche Gewalt umsetzen?
Im Mittelpunkt steht eine exemplarische Präventionslektion, die zeigt, wie Kinder sensibel, stärkend und kindgerecht an das Thema herangeführt werden können – ohne zu überfordern und unter Berücksichtigung rechtlicher und fachlicher Rahmenbedingungen.
Workshopleitende: Heidi Bachmann und Sheyda Shahnazari, Schulsozialarbeiterinnen, AJB
Workshop 3: Prävention häuslicher Gewalt auf der Sekundarstufe – konkrete Angebote im Kindesschutz
Wie kann die Schulsozialarbeit auf der Sekundarstufe wirksame und altersgerechte Präventionsangebote zum Thema häusliche Gewalt umsetzen?
Im Mittelpunkt steht eine exemplarische Präventionslektion, die zeigt, wie Jugendliche sensibel, stärkend und jugendgerecht an das Thema herangeführt werden können – ohne zu überfordern und unter Berücksichtigung rechtlicher und fachlicher Rahmenbedingungen.
Workshopleitende: Sandra Ivankovic und Gabriela Zink, Schulsozialarbeiterinnen, AJB
Workshop 4: Gewaltfreie Erziehung – Kinder stärken, Eltern sensibilisieren
Was bedeutet gewaltfreie Erziehung im Kindesschutz konkret?
Und wie können Eltern im Schulkontext für dieses Thema sensibilisiert werden? In diesem kurzen Workshop erhalten Fachpersonen eine klare Einordnung, was unter Gewalt in der Erziehung fällt – auch dort, wo sie im Alltag oft nicht als solche erkannt wird. Der Workshop vermittelt praxisnahe Ansätze zur Sensibilisierung von Eltern im schulischen Kontext.
Workshopleitende: Monique Brunner, Kinderschutz Schweiz
Workshop 5: Die Rolle der Schulleitung im Kindesschutz
Welche Verantwortung trägt die Schulleitung im Kindesschutz und worauf muss besonders geachtet werden? Dieser Workshop richtet sich an Schulleitungen und zeigt, wie sie Lehrpersonen (LP) für Kindesschutzthemen sensibilisieren, klare Strukturen schaffen und Sicherheit im Umgang mit Verdachtsfällen fördern können.
Workshopleitende: Ester Elices, Schulleitung Auhof, Stadt Zürich
Workshop 6: Das Offenlegungsgespräch
Der Workshop vermittelt praxisnahes Wissen zu Dynamiken häuslicher Gewalt und beleuchtet zentrale förderliche sowie hinderliche Faktoren in Offenlegungsgesprächen. Im Fokus stehen die Gestaltung eines sicheren Gesprächsrahmens, traumasensible Haltung, typische Ambivalenzen und Loyalitätskonflikte sowie institutionelle Rahmenbedingungen.
Workshopleitende: Vera Vogt, Leitung Schulsozialarbeit, Stadt Winterthur
Workshop 7: Jungenspezifische Ansätze
Jungen sprechen seltener und indirekter über belastende Erfahrungen wie häusliche Gewalt. Geschlechterrollen, Scham, Loyalitätskonflikte und gesellschaftliche Erwartungen können Offenlegungen erschweren. Der Workshop beleuchtet jungenspezifische Sozialisationseinflüsse und zeigt praxisnahe Ansätze, wie Fachkräfte Jungen stärken und einen sicheren Rahmen für Gespräche schaffen können.
Workshopleitende: Valon Hamdiji, mannebüro züri
Workshop 8: Inwiefern hilft Anonymität Kindern und Jugendlichen dabei, über häusliche Gewalt zu sprechen?
Die Möglichkeit der «Anonymität» kann für Kinder und Jugendliche ein entscheidender Faktor sein, um erstmals über häusliche Gewalt zu sprechen. Gerade bei einem so schambesetzten und loyalitätsbelasteten Thema senkt Anonymität häufig die Hemmschwelle zur Offenlegung deutlich. Was heisst das für Fachpersonen an Schulen?
Workshopleitende: Dr. Caroline Pulver, Pro Juventute
Workshop 9: Wie kann die Zusammenarbeit zwischen KESB, kjz und Schule optimiert werden?
Eine gelingende Zusammenarbeit zwischen KESB, Kinder- und Jugendhilfe (KJZ) und Schule ist zentral für den Schutz und die Förderung von Kindern und Jugendlichen. Unterschiedliche Aufträge, Rollenverständnisse und Kommunikationswege führen jedoch häufig zu Unsicherheiten oder Reibungsverlusten. Der Workshop beleuchtet strukturelle Herausforderungen und erarbeitet praxisnahe Strategien, um Schnittstellen klarer, transparenter und effizienter zu gestalten.
Workshopleitende: Annegret Meyer-Gebs, Behördenmitglied KESB Kreis Bülach Süd und Tanja Sax, Leitung kjz Affoltern am Albis
Workshop 10: “Zwischen Pflicht und Vertrauen: Handlungssicherheit im schulischen Kindesschutz”
Wie können schulische Fachpersonen bei kindesschutzrelevanten Fragestellungen den Balanceakt zwischen Schweigepflicht, dem Willen des Kindes und ihrer Meldepflicht bewältigen? In diesem Workshop werden nach einem kurzen Input zu den rechtlichen Grundlagen praxisnahe Fälle diskutiert. Ziel ist es, mehr Sicherheit im Umgang mit diesem Spannungsfeld zu gewinnen und den Handlungsspielraum der Schule klarer zu verstehen.
Workshopleitende: Sabina Berger, lic.iur. Dozentin, ZHAW
Eckdaten
- Wann: Mittwoch, 7. April 2027, 8.30 - 16.30 Uhr
- Wo: Volkshaus, Weisser Saal, Stauffacherstrasse 60 CH-8004 Zürich
- Teilnahmegebühr: CHF 210
Eine gemeinsame Veranstaltung der ZHAW Soziale Arbeit Institut für Kindheit, Jugend und Familie und des Amts für Jugend und Berufsberatung des Kanton Zürich.