Reallabore 2025: Gemeinsam Lösungen für drängende soziale Fragen entwickeln
In diesem Experimentierformat kamen auch im 2025 Fachpersonen aus dem Sozialbereich und der Fachhochschule sowie weitere Interessierte zusammen. Gemeinsam arbeiteten die Beteiligten an Strategien und Lösungsideen zu den beiden zähen Top-Trends des Trend-Monitors 2025: psychische Gesundheit von Jugendlichen und steigende Wohnungsnot.
Reallabor 1: PowerZone – Wenn Schule zum Resilienz-Zentrum wird
Im ersten Reallabor ging es um den ansteigenden Schulabsentismus und psychische Belastungen bei Jugendlichen. Denise Brandenberger stellte ihr Projekt «SuperHelden.ch» vor – ein Ansatz, der Schule grundlegend neu denkt: als Ort, an dem nicht nur gelernt wird, sondern wo Kinder und Jugendliche sich entwickeln, Krisen bewältigen und Resilienz aufbauen können.
Warum gerade in der Schule? Jedes Kind durchläuft das Schulsystem. Es ist der einzige Ort, der alle Kinder über Jahre hinweg erreicht. Genau dort muss Unterstützung ansetzen – bevor psychische Probleme chronisch werden.
Die wichtigsten Erkenntnisse:
- Früh helfen ist besser: Prävention wirkt besser und kostet weniger als spätere Therapien.
- Systemische Vernetzung statt isolierte Insellösungen: Für nachhaltige Wirkungen müssen Lehrpersonen, Sozialpädagog:innen, Sozialarbeitende, Coaches, Therapeut:innen etc. koordiniert zusammenarbeiten.
- Gefühle sind genauso wichtig wie Mathe: Resilienzförderung anhand emotionaler und sozialer Kompetenzen als gleichwertiger Teil des Bildungsauftrags.
- Hilfe ohne Hürden: Unterstützung muss dort sein, wo Kinder täglich sind – ohne lange Wartezeiten oder komplizierte Anträge.
SuperHelden.ch zeigt: Schulen können zu Resilienz-Zentren werden, in denen präventive Gesundheitsförderung selbstverständlich ist. Diese «Initiative für Potenzialentfaltung» ist eine wichtige Investition in die gesellschaftliche Zukunft.
Reallabor 2: Wohnungsnot – Was kann die Soziale Arbeit tun?
Das zweite Reallabor befasste sich mit der steigenden Wohnungsnot, die vulnerable Gruppen besonders hart trifft. Denk-Impulse steuerte das Mieter*innen-Büro der Stadt Zürich bei. Dieses Projekt unterstützt gezielt Mieter:innen, deren Wohnsiedlungen abgebrochen werden. Dazu richten sie Büros direkt vor Ort ein, um die Wohnungssuche mithilfe von Hardware und Beratung zu begünstigen.
In einem World Café diskutierten Fachpersonen drei grosse Herausforderungen:
Digitale Erschwernisse überbrücken: Der aktuelle Mietmarkt ist schnell und digital. Für viele Menschen – ältere Personen, bei Sprachbarrieren oder wenig digitalen Ressourcen – wird das zum unüberwindbaren Hindernis. Eine Wohnungsbewerbung mit dem Handy oder ohne eigenen Drucker zu erstellen, genügt den temporeichen Anforderungen kaum mehr.
Was hilft? Schnell verfügbare technische und persönliche Unterstützung, KI-gestützte Übersetzungen oder digitale Begleitung – von der Formularhilfe bis zur Einführung in Online-Plattformen. Wichtig dabei: Digitalisierung darf nicht zu neuen Ausschlüssen führen.
Stigmatisierung stoppen: Auf dem angespannten Mietmarkt werden bestimmte Gruppen systematisch benachteiligt. Gängige Praktiken beinhalten zudem regelmässige Datenschutzübertretungen. Dagegen braucht es eine mehrdimensionale Strategie mit mutigen Projekten, transparenten Standards und Interessensvertretung: Denn Wohnungsnot kann alle treffen – sie ist kein individuelles Versagen.
Wo ansetzen? Wohnförderung ausgeschlossener Personen kühn vorantreiben – für sichtbare Good Practice Beispiele, Übersichtsportal (inkl. schnellen, fairen, teilanonymisierten Bewerbungsprozessen), mehr mobile Mieter:innen-Büros zur raschen lokalen Hilfe, z. B. auch betrieben von Freiwilligen oder Studierenden der Sozialen Arbeit, z. B. als «Projekteinsatz». Und: Wohnungsbewerbungskompetenzen schon in der Schule lernen (Integration in Lehrplan 21).
Sozialverträglich erneuern: Wenn Siedlungen modernisiert werden, stellt sich die Frage: Wie können die Auswirkungen auf das Quartier und die gewachsenen Netzwerke verträglich gestaltet werden? Welche Mindeststandards sind aus Sicht der Sozialen Arbeit einzufordern? Dieser Balance-Akt der Erneuerung ist eine komplexe Aufgabe, bei der die Soziale Arbeit mitgestalten muss.
Wofür einstehen? Für den Erhalt des Charakters und der Lebendigkeit der Quartiere sowie die Sicherstellung von bezahlbarem Wohnraum und Stabilität.
Was bedeutet das für die Soziale Arbeit?
Die Soziale Arbeit ist auf vielfach gefragt: als Vermittlerin, die Mieter:innen im zunehmend digitalisierten Mietmarkt empowert; als anwaltschaftliche Interessensvertreterin, die Stigmatisierungsprozesse aufzeigt sowie Inklusion und faire Verfahren einfordert; als Mit-Gestalterin sozialverträglicher Erneuerungsprozesse und schliesslich als Vernetzerin, die alle relevanten Akteur:innen an einen Tisch bringt.
Fazit Reallabore 2025: Prävention dort, wo Menschen leben
Beide Reallabore zeigen: Soziale Probleme sind vielschichtig und benötigen mehrdimensionale Strategien, die verschiedene Systemebenen berücksichtigen. Zukunftsweisende Ansätze setzen möglichst früh an und wirken insbesondere dort, wo Menschen ihren Alltag verbringen – in der Schule oder im Quartier.
Es braucht mutige Experimentierräume, in denen die Soziale Arbeit gemeinsam mit allen Beteiligten den Sozialbereich im Sinne ihrer professionellen Ethik mitgestaltet. Um den Herausforderungen von morgen zu begegnen, sind soziale Organisationen auf Grundlagen angewiesen, auf welche sie Entscheide stützen können.