Verdichtung und Klimaanpassung – Öffentliche Räume unter Druck?
Regula Iseli hat an der ETH Zürich Architektur studiert. Neben Arbeiten als selbstständige Architektin und als Partnerin in verschiedenen Projektteams wirkte sie als Entwurfsassistentin an der ETH Zürich. Sie war Projektleiterin beim Amt für Städtebau der Stadt Zürich, später Teamleiterin und Verantwortliche für städtebauliche und architektonische Qualität. Seit 2013 ist sie Dozentin für Architektur und Städtebau, und seit 2014 leitet sie gemeinsam mit Stefan Kurath das Institut Urban Landscape ZHAW.
Peter Jenni studierte Architektur an der HTL in Biel und Städtebau an der UPC in Barcelona. Er ist Dozent am Institut Urban Landscape, wo er am Masterstudiengang in Architektur unterrichtet und die Weiterbildungsangebote CAS Städtebau und CAS Stadtraum Strasse leitet. Peter Jenni ist Inhaber von Jenni Architektur und Städtebau in Zürich.
- Regula und Peter, welches sind aus eurer Sicht die grössten Herausforderungen für die Planung und Transformation von öffentlichen Räumen?
Peter:
“Die grössten Herausforderungen liegen einerseits in der Klimaanpassung. Das merken wir gerade in diesen Tagen sehr deutlich: Unsere Räume überhitzen sich zunehmend, gleichzeitig nehmen Starkniederschläge zu. Deshalb müssen wir unsere öffentlichen Räume entsprechend anpassen. Andererseits stellt die Innenentwicklung eine Herausforderung dar. Im öffentlichen Raum treffen zahlreiche und unterschiedliche Nutzungsansprüche aufeinander, die oft auf engem Raum abzustimmen sind.”
Regula:
“Gleichzeitig müssen diese Räume ihre Grundfunktion erfüllen. Öffentliche Räume, insbesondere Strassen und Plätze, dienen der Erschliessung unserer Gebäude, Wohnhäuser und Institutionen. Bei allen Umbauten, Anpassungen und Transformationen müssen sie diese Funktion weiterhin gewährleisten. Das Strassennetz bildet letztlich die grundlegende Struktur unserer Städte.”
- Welche Rolle übernehmen eurer Meinung nach öffentliche Räume unter dem Gebot einer nachhaltigen Innenentwicklung?
Regula:
“Öffentliche Räume müssen vor allem das sein, was sie schon heute sind: Erschliessungsräume, Begegnungsräume und Orte, die wichtige Alltagsfunktionen erfüllen. Finde ich in den Strassen die Geschäfte, die ich brauche? Finde ich dort auch einen Ort, an dem ich verweilen, andere Menschen beobachten und ihnen begegnen kann? Öffentliche Räume müssen so gestaltet sein, dass sie auch für eine wachsende Zahl von Menschen funktionieren.”
Peter:
“Ergänzend dazu ist es wichtig, dass öffentliche Räume für alle da sind – für Junge und Alte gleichermassen. Der Zugang muss für alle gewährleistet sein. Gleichzeitig sollen sie Erholung ermöglichen, Platz für Veranstaltungen bieten und ihre Erschliessungsfunktion erfüllen. Vor allem aber sollen sie angenehme Aufenthaltsorte für Menschen sein.”
- Das ist eine grosse Palette an Anforderungen. Was heisst das künftig für Stadträume? Wie können wir diese zielführend transformieren?
Regula:
“Hier gibt es tatsächlich auch gestalterische Herausforderungen. Wenn wir davon ausgehen, dass die Räume für alle da sein sollen, müssen sie entsprechend begehbar oder befahrbar sein. Gleichzeitig sollten sie wasserdurchlässig sein, mehr Schatten spenden, stärker begrünt und insgesamt biodiverser werden. Gerade hier zeigt sich, wie unterschiedliche Ansprüche gegeneinander abgewogen und austariert werden müssen. Welches Anliegen soll an welchem Ort besonderes Gewicht erhalten? Nehmen wir das Beispiel von Veranstaltungen: Wie viele Bäume können wir auf einem Platz pflanzen, wenn dieser gleichzeitig als Standort für einen Zirkus oder für ein Public Viewing genutzt werden soll? Solche Fragen verdeutlichen, wie wichtig eine sorgfältige Planung ist. Wahrscheinlich wird auch nicht jeder Ort sämtliche Bedürfnisse gleichermassen erfüllen können.”
Peter:
“Es hängt zudem davon ab, was in öffentlichen Räumen erlaubt wird. Zunehmend drängen private Nutzungsansprüche in den öffentlichen Raum. Deshalb braucht es eine Aushandlung darüber, in welchem Umfang private Aktivitäten möglich sind und wann ein Ort der gesamten Öffentlichkeit zur Verfügung stehen muss.”
Regula:
“Genau diese Vermischung macht öffentliche Räume aber auch spannend. Wenn ich beispielsweise an das Röntgenplatzfest in Zürich denke, wird dieses zwar von privaten Akteuren initiiert, hat letztlich aber den Charakter eines öffentlichen Quartierfests.”
Peter:
“Daneben gibt es Veranstaltungen, die stark auf bestimmte Nutzergruppen ausgerichtet sind und dabei viel öffentlichen Raum beanspruchen – beispielsweise Sportveranstaltungen. Hier stellt sich die Frage, an wie vielen Tagen pro Jahr solche Nutzungen möglich sein sollen und wie lange der öffentliche Raum dafür belegt werden darf.”
Regula:
“Hinzu kommt das Thema der konsumfreien Räume. Dieser Aspekt gerät oft in Vergessenheit. Strassencafés und Lounges schaffen zwar eine angenehme Atmosphäre, gleichzeitig ist das Verweilen dort häufig an Konsum gebunden. Zudem werden solche Orte oft als exklusiv vermarktet, was die Preise steigen lässt und den Kreis der Nutzerinnen und Nutzer einschränken kann.”
- Wie erwähnt dienen öffentliche Räume nicht nur als Begegnungs- und Veranstaltungszonen, sondern oft vor allem dem Verkehr und der Erschliessung. Sie sind dadurch stark versiegelt. Gerade unsere Sommer zeigen, dass die Temperaturen im Siedlungsraum überproportional steigen. Wie gelingt es, unsere Stadträume für diese klimatischen Veränderungen fit zu machen?
Peter:
“Das ist ein wichtiges Thema, das uns stark beschäftigt. Ein zentraler Ansatz ist das Konzept der Schwammstadt. Ziel der Schwammstadt ist es, Wasser zurückzuhalten und verdunsten zu lassen, um die Umgebungstemperatur zu senken. Dabei werden Entsiegelungsmassnahmen und Baumpflanzungen kombiniert. Das gespeicherte Wasser steht den Bäumen zur Verfügung und unterstützt ihr Wachstum. Dadurch spenden sie mehr Schatten und tragen gleichzeitig durch Verdunstung über ihre Blätter zur Kühlung der Umgebung bei. Gleichzeitig hilft das Schwammstadt-Prinzip auch bei Starkniederschlägen. Das Wasser kann aufgefangen und zwischengespeichert werden, wodurch das Risiko von Überschwemmungen in angrenzenden Quartieren reduziert wird.”
Regula:
“Der Begriff «Schwammstadt» lässt es zwar nicht unbedingt vermuten, doch der Umbau einer Strasse zu einem Schwammstadtelement ist mit beträchtlichem Aufwand verbunden. Bäume sind von Natur aus keine Stadtbewohner und benötigen deshalb geeignete Wachstumsbedingungen. Dafür kommen sogenannte Rigolen zum Einsatz – spezielle Substratkörper, die Wasser speichern und den Wurzeln ausreichend Raum bieten. Der Aufbau solcher Systeme ist komplex und erfordert auch einen sorgfältigen Unterhalt. Gleichzeitig zeigen zahlreiche Studien klar, dass Bäume ein Schlüsselelement sind, um der zunehmenden Hitze in urbanen Räumen zu begegnen.”
- Der Umbau braucht also viel Zeit und wir haben viel Arbeit vor uns. Welche beruflichen Fähigkeiten sind wichtig, um öffentliche Räume zu transformieren?
Peter:
“Ein Aspekt, der wichtig ist, betrifft die Zusammenarbeit zwischen unterschiedlichen Disziplinen. Öffentliche Räume sollen nicht nur von einer Fachrichtung beplant werden – weder allein von der Städteplanung, der Architektur, der Raumplanung, der Geografie, der Verkehrsplanung noch der Landschaftsarchitektur. Sie sind immer das Ergebnis eines gemeinsamen Wirkens. Deshalb erscheint es mir zentral, dass wir noch stärker lernen, einander zuzuhören und aufeinander zuzugehen. Bei Baumpflanzungen müssen beispielsweise die Anforderungen der Werkleitungen berücksichtigt werden. Ebenso wichtig ist es, soziale Aspekte in die Gestaltung von Strassenräumen einzubeziehen und Fragen der Inklusion mitzudenken. Letztlich geht es darum, ein gegenseitiges Verständnis für die unterschiedlichen Anliegen zu entwickeln – sowohl zwischen den Fachdisziplinen als auch gegenüber Grundeigentümerinnen und Grundeigentümern, der Bevölkerung und weiteren Anspruchsgruppen. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, all diese Perspektiven zusammenzuführen. Dieses integrative Denken über Stadträume vermitteln wir in unseren Weiterbildungskursen; das Zusammenarbeiten verschiedener Disziplinen soll in Zukunft selbstverständlich sein.”
Regula:
“Ich finde spannend, dass du bei den Planungsdisziplinen begonnen hast. Eigentlich könnte man noch einen Schritt zurückgehen und sagen: Strassen und öffentliche Räume sind in erster Linie für die Menschen da. Deshalb sollte man zunächst klären, wofür eine bestimmte Strasse, ein Platz oder ein anderer öffentlicher Raum gebraucht wird und welche Funktionen er erfüllen soll – wobei natürlich auch Anforderungen wie Notzufahrten für Feuerwehr oder Sanität berücksichtigt werden müssen. Entscheidend ist aus meiner Sicht, nicht aus einer einzelnen disziplinären Perspektive an die Planung heranzugehen, sondern integrativ zu denken: Was soll eine Strasse in ihrem konkreten Kontext leisten und wo liegen ihre Grenzen? Erst wenn diese Fragen geklärt sind, kann man sinnvoll über die konkrete Gestaltung sprechen.”
Peter:
“Gerade vor dem Hintergrund unserer bisherigen Diskussion muss diese Gesamtsicht die Ausgangslage bilden. Sie ist eine zentrale Voraussetzung dafür, öffentliche Räume langfristig und erfolgreich weiterzuentwickeln.”
- Das zeigt die Komplexität einer solchen Planung nochmals deutlich auf. Hierbei hat der Entwurf entsprechend sicher auch eine wichtige Bedeutung.
Peter:
“Ja, der Entwurf hat in einem solchen Prozess die wichtige Funktion, unterschiedliche Anforderungen und Perspektiven miteinander in Beziehung zu setzen. Gleichzeitig ermöglicht er es, ein erstes Zielbild zu entwickeln, das im weiteren Prozess überprüft, diskutiert und bei Bedarf angepasst werden kann. Durch diesen iterativen Prozess des Entwickelns, Entwerfens und Weiterentwickelns entsteht eine gemeinsame Grundlage für den Austausch. Gerade dadurch wird es möglich, tragfähigere und qualitativ bessere Transformationen zu erarbeiten. «Entwerfen» umfasst ganzheitlich den gesamten Prozess, wie man eine solche Planung angeht: Wie werden die unterschiedlichen Ansprüche erfasst? Wie gestaltet man die Mitwirkung? Wie können Begehungen vor Ort dazu beitragen, ortsspezifische Lösungen zu entwickeln? Und wie gelingt es, anschliessend transdisziplinär an einem Entwurf weiterzuarbeiten? ”
Regula:
“Für mich ist dabei insbesondere die Frage der Darstellung wichtig. Wenn man beispielsweise technische Strassenumbaupläne der Tiefbauämter betrachtet, sind diese für Aussenstehende oft sehr schwierig zu lesen. Deshalb braucht es Darstellungen, die auch Laien vermitteln können, welches Ziel verfolgt wird und wie sich ein Raum künftig verändern könnte. Das Bild der Iteration beziehungsweise der Entwicklung in Schleifen gefällt mir in diesem Zusammenhang sehr gut. In diesen Schleifen wird sichtbar, wo Einfluss genommen werden kann und wo Randbedingungen bestehen, die so prägend sind, dass sie in das Zielbild integriert werden müssen. Gerade dieser Prozess hilft dabei, schrittweise zu einer tragfähigen Lösung zu gelangen.”
- Schleifen können also gezielt eingesetzt werden, um Potentiale abzuholen. Ist der Mehraufwand solcher Prozesse nicht aber auch oftmals Ausdruck von Konflikten?
Peter:
“Konflikte gehören auf jeden Fall dazu. Bei der Transformation öffentlicher Räume treffen unterschiedliche Interessen aufeinander, die ausgehandelt werden müssen. Gleichzeitig erleben wir, dass solche Prozesse oft sehr langwierig sind. Nicht selten kommt es zu Einsprachen, die Projekte verzögern. Deshalb wird vielerorts darüber nachgedacht, wie Planungsprozesse effizienter gestaltet werden können, ohne die Mitwirkungsmöglichkeiten der Bevölkerung und der verschiedenen Anspruchsgruppen einzuschränken. Ein weiterer Ansatz besteht darin, Massnahmen schrittweise umzusetzen und zunächst mit provisorischen Lösungen zu arbeiten.”
Regula:
“Aus meiner Sicht liegt eine der grössten Herausforderungen in der langen Dauer solcher Projekte. Die Komplexität spielt dabei natürlich eine wichtige Rolle. Wenn die Umgestaltung eines öffentlichen Raums ansteht, besteht der Anspruch, gleichzeitig sämtliche damit verbundenen technischen Themen zu lösen – von den Werkleitungen über die Anschlüsse bis hin zum gesamten unterirdischen Infrastrukturraum. Das hat zur Folge, dass zwischen Planung und Umsetzung so viel Zeit vergeht, dass sich die Prioritäten teilweise schon wieder verändert haben. Man hat dann einen langen Prozess durchlaufen und ist vom Ergebnis am Ende fast etwas enttäuscht, obwohl alle Beteiligten viel Arbeit investiert haben. Deshalb halte ich es für wichtig, sich zu überlegen, welche Verbesserungen auch kurzfristig umgesetzt werden können. Nicht jede Massnahme muss auf die grosse Gesamterneuerung warten. Gerade kleinere Eingriffe können oft rascher realisiert werden und bereits spürbare Verbesserungen bewirken.”
Peter:
“In unseren Weiterbildungsangeboten am Institut Urban Landscape gehen wir auf die unterschiedlichen Aspekte der öffentlichen Räume ein. Das Zusammenspiel zwischen Innenentwicklung, privaten und öffentlichen Freiräumen bildet ein Fokusthema im CAS Städtebau. Im CAS Stadtraum Strasse wird gelernt, wie Strassen und Plätze für das Klima angepasst werden können und wie die transdisziplinäre Arbeit gelingt.”
- Wenn wir in zehn Jahren zurückschauen: Woran würde man erkennen, dass wir öffentliche Räume heute richtig gedacht haben?
Regula:
“Zehn Jahre? Das ist im Leben eines Baumes eigentlich noch keine besonders lange Zeit. Trotzdem könnte man es durchaus an den Bäumen ablesen – natürlich abhängig von der jeweiligen Baumart. Wenn die neu gepflanzten Bäume nach zehn Jahren noch immer wie kleine Pflänzchen wirken, haben wir vermutlich zu zögerlich gehandelt oder an der falschen Stelle gespart. Grössere Bäume sind in der Anschaffung teurer und benötigen mehr Unterstützung, bis sie gut anwachsen. Langfristig machen sie aber einen entscheidenden Unterschied.”
Peter:
“Gleichzeitig kann man öffentliche Räume auch ganz einfach besuchen und beobachten, wie sie von der Bevölkerung genutzt werden. Finden dort unterschiedliche Formen der Aneignung statt? Halten sich Menschen gerne auf, treffen sie sich dort, bewegen sie sich zu Fuss oder mit dem Velo durch die Räume? Wir können öffentliche Räume noch so sorgfältig planen – ob sie wirklich funktionieren, zeigt sich erst im Alltag. Ob die Menschen diese Orte annehmen und gerne nutzen, ist letztlich der eigentliche Praxistest nach zehn Jahren.”
- Kann man sagen: Ein öffentlicher Raum ist dann gelungen, wenn er von möglichst vielen unterschiedlichen Menschen als selbstverständlich angenommen wird?
Regula:
“Ja, das würde ich so sehen. Dabei müssen die Menschen nicht einmal aktiv miteinander in Kontakt treten. Wichtig ist zunächst, dass sie sich überhaupt dort aufhalten. Und ebenso wichtig ist, wer diese Räume nutzt. Wenn man feststellt, dass ein Platz ausschliesslich von einer einzigen Nutzergruppe in Anspruch genommen wird, beispielsweise nur von Skaterinnen und Skatern, dann hat der Raum sein Potenzial möglicherweise noch nicht vollständig entfaltet. Wenn hingegen ältere Menschen dort spazieren gehen, Familien den Raum auf ihrem Schulweg nutzen, Kinder dort spielen und Jugendliche sich gerne aufhalten, dann zeigt das, dass bereits sehr vieles gelungen ist.”
Peter:
“Erfolgreiche öffentliche Räume schaffen die Möglichkeit, Teil einer Gemeinschaft zu sein und das gesellschaftliche Miteinander unmittelbar zu erleben. Gerade für Menschen, die sich im Alltag vielleicht eher am Rand der Gesellschaft befinden, können öffentliche Räume eine wichtige Rolle spielen. Wenn sie sich dort willkommen fühlen und selbstverständlich Teil des Ganzen sind, dann erfüllt der öffentliche Raum weit mehr als nur eine funktionale Aufgabe. Dann erfüllt er auch eine wichtige gesellschaftliche Funktion.”
- Herzlichen Dank, Regula und Peter, für das spannende Gespräch. Eure Ausführungen haben eindrücklich aufgezeigt, wie wichtig interdisziplinäres Denken und die Zusammenarbeit unterschiedlicher Akteure für die Transformation öffentlicher Räume sind. Erfolgreich werden diese Räume letztlich nicht allein durch gute Planung, sondern dadurch, dass sie von verschiedensten Menschen angenommen und mit Leben gefüllt werden.