Interview: CAS Weiterbauen im Bestand
Nachhaltiges Bauen beginnt beim Bestand: Wer Ressourcen schonen und Grauenergie erhalten will, braucht ein tiefes Verständnis für die Besonderheiten bestehender Gebäude und die oft widersprüchlichen Anforderungen aus Denkmalpflege, Konstruktion, Ökonomie und Energie. Gleichzeitig fordert die Klimakrise neue Wege im Entwerfen und Konstruieren - praxisnah, fundiert und über bestehende Normen hinaus.
Im folgenden Interview mit Andri Gerber erfahren Sie wie diese Herausforderungen das Weiterbauen im Bestand prägen und welche Rolle der neue CAS dabei spielt.
Andri Gerber ist Architekt und hat an der ETH Zürich studiert, wo er auch promovierte – ausgezeichnet mit der ETH-Medaille – und sich im Rahmen eines SNF Ambizione Stipendiums habilitierte. Heute ist er Co-Leiter des Instituts Konstruktives Entwerfen und verantwortet eine Reihe von Forschungsprojekten, insbesondere im Bereich des zirkulären Bauens
- Inwiefern wird das Weiterbauen im Bestand angesichts von Klimakrise und Ressourcenknappheit zu einem zentralen Ansatz für die zukünftige Entwicklung des Bauwesens?
Die Baubranche ist für 30 % der CO2-Emmissionen verantwortlich. Den Bestand und die darin gebundene Energie in die Zukunft zu bringen, ist einer der grössten Hebel in der Klimakrise. Doch nicht jedes Gebäude kann umgebaut werden. Es braucht das Wissen, um eine Einschätzung des Potentials, aus verschiedenen Blickwinkeln gewinnen zu können.
- Wo siehst du aktuell die grössten systemischen Hürden für einen Paradigmenwechsel weg vom Neubau?
Abreissen und neu Bauen bleiben bis heute das gewohnte Vorgehen. Es scheint einfacher und wird oft aus ökonomischen Gründen bevorzugt. Es braucht Argumente und Wissen über die Vorteile und Auswirkungen, um dieses System zu hinterfragen und Alternativen bieten zu können.
- Was sind dabei Anforderungen an Architekt:innen und Architekten aber auch an unsere Gesellschaft/Politik im Allgemeinen?
Zum einen muss ein Umdenken stattfinden. Wir müssen uns von der «Alles-neu-ist-besser-Ideologie» verabschieden und zu einer neuen Wertschätzung gelangen. Dabei geht es darum auch den Wert den Alltäglichen, nicht perfekten und bewährten «Alten» zu erkennen. Zum anderen muss man in der Lage sein, den Wert von Letzteren auch vermitteln zu können.
- Gibt es Spannungsfelder zwischen kulturellem Erhalt und technischen/ökonomischen Anforderungen?
Ja, der Erhalt und das Bauen im Bestand bewegen sich stets in einem Spannungsfeld unterschiedlicher Interessen, die sich teilweise widersprechen oder konkurrieren. Kulturelle und historische Werte eines Gebäudes treffen dabei auf technische Normen, energetische Anforderungen, wirtschaftliche Überlegungen und funktionale Bedürfnisse.
Daher gibt es selten eine einzige ideale Lösung. Stattdessen stehen meist mehrere Optionen zur Wahl, die unterschiedliche Schwerpunkte setzen. Entscheidend ist das Verständnis darum sowie ein sorgfältiges Abwägen der Bedürfnisse, Interessen und Anforderungen. Nur so kann ein Gesamtergebnis erzielet werden, das sowohl dem Bestand als auch den Anforderungen gerecht wird.
- Welche typischen Kompetenzlücken erlebst du in der Praxis und wie adressiert der CAS diese?
Im Sinne eines generalistischen Ansatzes geht es darum, den Bestand aus verschiedenen Perspektiven zu erfassen, zu verstehen und daraus Strategien für dessen Transformation zu gewinnen. Dieses Verständnis muss vermittelbar sein. Vor dem Hintergrund der verschiedenen Perspektiven und Ansprüche fehlen zudem oft die kommunikativen Kompetenzen. Auch hier möchten wir mit dem neuen CAS ansetzen und Unterstützung bieten.
- Was macht den CAS einzigartig?
Der CAS zeichnet sich – ganz im Sinne der ZHAW – durch seine konsequente Anwendungsorientierung aus. Die vermittelten Inhalte sind so gestaltet, dass die Teilnehmenden das erworbene Wissen unmittelbar in ihrer beruflichen Praxis einsetzen können.
Hervorzuheben ist zudem die interdisziplinäre Zusammensetzung des Dozierendenteams: Fachpersonen aus unterschiedlichen Bereichen bringen ihre Perspektiven ein und begleiten die Teilnehmenden auf ihrem Weg zu ausgewiesenen Bestandesspezialist:innen. Dadurch entsteht ein praxisnahes, vielfältiges und fachlich breites Lernumfeld, das den komplexen Anforderungen des Bestandsbauens gerecht wird.
- Wie ist der CAS «Weiterbauen im Bestand» innerhalb des Weiterbildungsangebots deines Institutes positioniert? (Einbettung CAS in die anderen Angebote)
Die bestehenden CAS unseres Instituts Konstruktives Entwerfen decken bereits zentrale Themen wie nachhaltige Baukultur sowie Organisation und Management von Planungs- und Bauprozessen ab. Ergänzend dazu erweitert der CAS «Weiterbauen im Bestand» das Weiterbildungsangebot um einen spezifischen Fokus auf den Umgang mit bestehenden Gebäuden – von nachhaltiger Planung bis zu konstruktiven Strategien im Bestand. Damit schliesst der CAS eine wichtige Lücke innerhalb unseres Angebots und schafft eine inhaltliche Verbindung zwischen nachhaltiger Baukultur und praxisorientiertem Baumanagement. Ein darauf aufbauender MAS ist derzeit in Planung.
- Welche Kernkompetenzen sollen die Teilnehmenden am Ende beherrschen?
Unser Ziel ist es, dass die Absolvent:innen des CAS über das notwendige Fachwissen verfügen, um situationsgerecht fundierte Entscheidungen im Umgang mit dem Bestand zu treffen. Dazu vermitteln wir zentrale Kompetenzen, die für das Weiterbauen im Bestand unerlässlich sind
Zu diesen gehören insbesondere:
- Die Bestandeserfassung, um den baulichen und historischen Zustand fachgerecht zu analysieren,
- Umbaustrategien, die verschiedene planerische und konstruktive Ansätze aufzeigen,
- Grundkenntnisse der Denkmalpflege, um den Wert und die Schutzinteressen historischer Substanz zu verstehen,
- disziplinenübergreifendes Arbeiten, das unterschiedliche Fachperspektiven integriert und
- handwerkliche Ansätze, die praxisnahe Lösungen und ein Verständnis für Materialität und Konstruktion ermöglichen.
- Was ist aus deiner Sicht ein besonderes Highlight des CAS Weiterbauen im Bestand?
Besonders spannend sind die vielen Best Practice Beispiele. Zudem freue ich mich schon sehr auf die Exkursionen mit den Teilnehmenden. Ein weiteres Highlight ist natürlich die Halle 180, wo der Unterricht stattfindet – ein tolles und frühes Beispiel von Bauen im Bestand.