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Interview mit Daniel Süss

TV war gestern – Jugendliche nutzen lieber das Handy

Daniel Süss, die JAMES-Studie* liefert die ersten international vergleichbaren Zahlen zur Mediennutzung Schweizer Jugendlicher. Gab es bei den Resultaten Überraschungen?
Es hat mich erstaunt, dass es bei der Mediennutzung in der deutschsprachigen Schweiz und in Deutschland grosse Übereinstimmungen gibt. Im Gegensatz dazu gibt es grosse Unterschiede zwischen den verschiedenen Schweizer Sprachregionen. Die Mediennutzung ist also nicht nur ein generationenbedingtes Phänomen, sondern ist stark kulturell eingebettet. Wir haben festgestellt, dass im Tessin beispielsweise die Jugendlichen weniger in Vereinen oder Clubs engagiert sind. Das heisst, dass die Medien dort für Jugendliche wichtig werden, wo weniger Handlungsräume vorhanden sind. Das zweite Phänomen ist der problemorientierte Umgang mit den Medien, der ja in der medialen Berichterstattung häufig diskutiert wird, wie beispielsweise Gewalt, Pornos oder Cybermobbing. Schweizer Jugendliche machen offenbar weniger negative Medienerfahrungen als deutsche. Das kann man auf Unterschiede im medienerzieherischen Verhalten in den Familien und Schulen zurückführen.

Welchen Stellenwert haben die Medien für die Jugendlichen?
98 Prozent der Heranwachsenden haben ein Handy, 95 Prozent von zuhause aus Zugang zum Internet. Medien sind also im Alltag der Jugendlichen allgegenwärtig und haben eine hohe emotionale Aufladung. Ein Handy ist für einen Jugendlichen ein sehr wichtiges, sehr
persönliches Objekt, fast schon wie ein Tagebuch. Handy und Internet nutzen sie vor allem für die Pflege von sozialen Kontakten. Sie gestalten so ihre Vernetzung im realen sozialen Umfeld, etwa mit Facebook oder anderen sozialen Netzwerken. Trotzdem ist der persönliche Kontakt immer noch wichtig – bei den non-medialen Freizeitbeschäftigungen liegt «Freunde treffen» auf dem Spitzenrang.

Wie wird sich die Mediennutzung in den nächsten Jahren weiterentwickeln?
Der zunehmend mobile Internetzugang mit Smart Phones und die damit verbundene Möglichkeit, persönliche Daten im Netz permanent zu bearbeiten und zu prüfen, ist eine wichtige Entwicklung. Künftig sind Eltern und Lehrkräfte stärker gefordert – sie müssen einen adäquaten Umgang mit dieser permanenten Erreichbarkeit vermitteln. Unsere Kooperationspartnerin Swisscom unterstützt die Studie in einem zweijährigen Rhythmus. So können wir Trends nachverfolgen und beobachten, ob sich Probleme verschärfen und welches die Bedingungen für eine produktive Mediennutzung sind. Aktuell sind beispielsweise 84 Prozent der Jugendlichen auf einem Social Network präsent, aber nur die Hälfte von ihnen hat die Einstellungen zur Privatsphäre bearbeitet. Wenn man den Jugendlichen im Rahmen von Medienkompetenzförderungsprogrammen vermittelt, dass sie ihre Daten schützen sollen, können wir Auswirkungen auf das Verhalten bei der nächsten Erhebung feststellen.

Prof. Dr. Daniel Süss, Leiter F&E am ZHAW Departement Angewandte Psychologie, Gregor Waller, Wissenschaftlicher Mitarbeiter, und Isabel Willemse, Wissenschaftliche Assistentin, haben über 1000 Schweizer Jugendliche zwischen 12 und 19 Jahren zu ihrem Medienverhalten befragt. Das Projektteam hat die Resultate den Verantwortlichen des Bundesprogramms für Jugendmedienschutz und Medienkompetenzförderung vorgestellt. Die Resultate fliessen in die Weiterbildung von Lehrkräften und anderen Fachpersonen ein.