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Interview mit Jan Kool

Ein Röntgenblick für Kliniktarife

Jan Kool, im Schweizer Gesundheitssystem zeichnen sich einschneidende Veränderungen ab. Welche Rolle spielt dabei das von Ihnen entwickelte Patientenklassifikationssystem?
Mit der Einführung von Fallpauschalen in den Akutspitälern, im Fachjargon spricht man von Diagnosis Related Groups oder DRG, wird es zweifellos Verschiebungen im Gesundheitswesen geben. Da die Akutspitäler für stationäre Leistungen zukünftig pauschal entschädigt werden, überweisen sie ihre Patientinnen und Patienten wohl früher an die Rehabilitationskliniken. Diese benötigen also nun selber ein Tarifierungsmodell, welches einerseits mit dem DRG-System der Akutspitäler kompatibel ist, aber andererseits auch die tatsächlich erbrachten Leistungen abbildet. Das von uns entwickelte System versucht genau diesen Aspekten gerecht zu werden. Gleichzeitig soll es sich einfach im Klinikalltag einsetzen lassen.

Das klingt, als ob Sie nach der Quadratur des Kreises gesucht hätten. Wie konnten Sie trotzdem ein praktikables Modell präsentieren?
Der tatsächliche Aufwand der Kliniken für Therapie und Pflege, und somit letztlich auch die Kosten, wird von einer grossen Vielzahl von Patientenmerkmalen bestimmt. Bei der Auswertung dieser Merkmale fanden wir heraus, dass die Krankheitsdiagnose oder die Tatsache, ob jemand Raucher oder Nichtraucher ist, die Kosten eher minimal beeinflussen. Hingegen spielt es eine grosse Rolle, welche allfälligen Parallelerkrankungen ein Patient bei der Überweisung in die Klinik aufweist und wie hoch der Grad an Selbstständigkeit zu jenem Zeitpunkt ist. Anhand dieser Faktoren lassen sich auch die anfallenden Betreuungskosten ziemlich genau voraussagen. Bis wir zu diesen Erkenntnissen kamen, werteten wir jedoch die Daten von rund 1700 Patientinnen und Patienten in sieben Schweizer Rehabilitationskliniken aus. Die Tatsache, dass wir die dafür notwendigen Kompetenzen aus einer Handanbieten konnten, war wohl bezeichnend für den Erfolg dieses Projekts.

Welche Zukunft hat nun das von Ihnen entwickelte System? Wird es in den Rehakliniken zur Anwendung kommen?
Der Verwaltungsrat der SwissDRG AG, dem für die Vereinheitlichung der Tarifstruktur in den Spitälern zuständigen Unternehmen, hat sich Ende 2010 klar für die Einführung des von uns entwickelten Systems entschieden. Das heisst, dass dieses voraussichtlich ab dem Jahr 2015 schweizweit zur Anwendung kommen wird. Aus diesem Grund planen wir derzeit die Datenerhebung sämtlicher Patienten in den sieben erwähnten Kliniken. Gleichzeitig prüfen wir in weiteren Projekten, ob sich ein Patientenklassifikationssystem auch in anderen Bereichen der Rehabilitation einsetzen lässt. Da Fallpauschalen in der Psychiatrie und der Palliativpflege ebenfalls nicht in Frage kommen, haben auch diese Bereiche ein Interesse an unserem Modell angemeldet.

Dr. Simon Wieser ist Dozent und Projektleiter am Winterthurer Institut für Gesundheitsökonomie der ZHAW, Dr. Jan Kool leitet im Institut für Physiotherapie den Bereich Forschung & Entwicklung und Dr. Marcel Dettling arbeitet als Projektleiter am Institut für Datenanalyse und Prozessdesign.