Gebäude vs. Bibliothek? Oder: wie man keinen Videorundgang konzipiert

(). Gebäude vs. Bibliothek? Oder: wie man keinen Videorundgang konzipiert. In: #VisDom2016. Symposium Visualisierung von Daten und Informationen, Potsdam, 27.-28. Mai 2016. Potsdam: FH Potsdam, Fachbereich Informationswissenschaften.

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Die bibliothekarische Diskussionen der letzten Jahre entbehren nicht einer uninteressanten Dichotomie: Herausforderungen durch Digitalisierung, Virtualisierung, „Verdatung“ auf der einen Seite, Diskussionen von profilgebenden „handgreiflichen“ Themen wie Nutzerorientierung, Dienstleistung und Bibliotheksbau auf der anderen Seite.

Das räumlich-infrastrukturelle Angebot von Bibliotheken hervorzuheben, ja funktional auszuweiten, ist en vogue: Im oft benutzten Begriff des Dritten Ortes verbinden sich etwa Vorstellungen von gesellschaftlicher Relevanz mit konkreter Bau- und Ausstattungsplanung (Haas et al. 2015). Wissenschaftliche Bibliotheken fokussieren ihre Neu- und Umbauten mit Raumnutzungskonzepten, die sie als Lern- und Forschungsumgebung konstituieren – das ist prinzipiell zwar keine neue Funktion, wird aber durch ein neues Angebot an möglichen Szenarien und Hilfsmitteln ein ungleich grössere Bedeutung beigemessen.

An diesem „spatial turn“ abzulesen ist unweigerlich dass Bibliotheken gerade in der Sublimierung zur „Digitalen Bibliothek“ damit beginnen die Funktion, Wirkung und Bedeutung ihrer physischen Infrastruktur zu reflektieren. Wo der Medien-Umschlagsplatz über kurz oder lang marginal wird, wird die Bibliothek zum Ermöglichungs- und Realisierungsraum von Dienstleistungen an Nutzern. Und benötigen wir diesen Raum noch zumindest teilweise für persönliche und automatisierte Angebote stellen virtuelle Dienste mit ihren Entwircklungslinien von Ubiquität und Mobilität „Bibliotheksräumlichkeiten“ durchaus in Frage. Die Frage drängt sich auf: Was kommt nach dem Lernort?

Bibliotheken zu bauen ist keine typische Lieblingsbeschäftigung von Bibliothekaren, Gebäude unter integralem Denkmalschutz im Kampf diversen starken Stakeholdern zu einer modernen nutzerfreundlichen Bibliothek umzubauen ist eine veritable Herausforderung (Giella 2015). Gibt es trotzdem Gründe dafür? Kann es sich lohnen, Räumlichkeit strategisch zu wählen, planen, pflegen und zu präsentieren? Kann der Raum/Ort an sich ein entscheidendes Asset für Bibliotheken darstellen?

Im Fall der ZHAW Hochschulbibliothek Winterthur können wir nach eineinhalb Jahren das Fazit ziehen dass ein spezifisches Gebäude Wahrnehmung und Position einer Hochschulbibliothek entscheidend mitprägt. Führungen durch das Gebäude, ein Angebot dass vormals nur sporadisch in Anspruch genommen wurde, wurden über Nacht zum Renner: Über 1400 reine Führungsteilnahmen, die Hälfte davon von hochschulexternen Personen und weitere 2250 Teilnahmen an Bibliothekeinführungen und IK-Veranstaltungen mit Führungsanteilen im Jahr 2015 sprechen Bände. Warum dieses Interesse an der „neuen HSB“, von Gruppen aus Administration, Politik, Bildung, Architektur und Planung, von Berufskollegen, Alumni, Medien und zahlreichen Einzelbesuchern? Auch wenn wir es gerne manchmal anders hätten: Im Zentrum des Interesses steht das Gebäude bzw. die wunderbar gelungene Verschmelzung von historischer Grundlage und modernen Einbauten.

Die zu erwartende grosse Nachfrage nach diesem neuen Raum hat uns bewogen eine ebenso besondere mediale Repräsentation und Reflektion zu schaffen. Kein normaler Bibliotheksrundgang, keine Einführung in die Benutzung, sondern eine Auseinandersetzung mit Arbeit und Arbeitsort in Vergangenheit und Gegenwart, eine Hommage an das Gebäude von dessen Aura wir in Zukunft zehren können und an die Menschen, die hier gewirkt haben.

Was haben wir konkret gemacht? Im Kern das, was wir als Bibliothekare am besten können: Informationen gesammelt und zur Verfügung gestellt. Ausgetauscht und Freiraum geboten und uns schliesslich überraschen lassen. Was haben wir erhalten? Überragendes Engagement, Begeisterung, Herzblut und eine kaum abschätzbare Kreativität von Schöpfern und Mitwirkenden: Allen voran des Medienkünstlers Marc Lee und  dem E-Learning-Team der ZHAW, dem ehemaligen Sulzer-Lehrling Jürg Hablützel sowie weiterer performativer Künstler. Was können wir unseren Nutzern und Besuchern bieten: Eine einzigartige, kontemplative Erfahrung unseres Gebäudes, in der sich die zeitlichen und räumlichen Realitäten überlagern. Kein Architektur-Rundgang im klassischen Sinn, aber zum Entdecken und genauen Hinschauen einladend, kein historische Dokumentation, aber durchaus lehrreich, keine Einführung in die Benutzung, aber Neugier auf die Bibliothek weckend. An physischen und virtuellen Eindrücken reich und doch zum Nachdenken anregend, ästhetisch und überraschend anders.

Eine Zusammenlegung und ein Neubezug war aus praktischen Gründen des Wachstums und der Optimierung von Dienstleistungen nötig: Notwendige Infrastruktur und Kapazität für Lern- und Forschungsplätze und bibliothekarische Arbeitsumgebung . Aber der neue Bibliotheksraum, die „Halle 87“, ist mehr noch ein Asset an sich: Ein markantes Gesicht für die Bibliothek und Hochschule. Wahrnehmung und Position der Hochschulbibliothek haben sich in der Hochschule, in der Stadt und im Kanton verändert. Die Hochschule verfügt mit dem Gebäude über neue zentrale Adresse, die auf die historische Verbindung zur Stadt, zum wissenschaftlich-technischen Fortschritt und zur Moderne verweist. Einen komplizierten Umnutzungsprozess ist das wert – und eine besondere, zeitlose Hommage.