Ein Löffel fürs Herz, einer für die Gefässe

; (). Ein Löffel fürs Herz, einer für die Gefässe: Interview for Publication. In: Kraft & Saft: Rubrik Wissen & Technik. (pp 16-17). Zurich: Kraft & Saft.

Jung, gesund, leistungsfähig soll er sein, der moderne Mensch. Die Nahrungsmittelindustrie hat diesen Trend früh erkannt und gefördert. Das Angebot an Functional Food, Esswaren mit gesundheitsförderndem Zusatznutzen wächst stetig. Doch was bringen sie wirklich?

Essen soll satt machen und Energie spenden, um das tägliche Leben zu bewältigen. So war das zumindest bis vor nicht allzu langer Zeit. Doch mit steigendem Wohlstand und weniger körperlich anstrengender Arbeit veränderte sich das. Zivilisationskrankheiten wie Übergewicht, Ernährungsstörungen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen hielten Einzug. Auf der Website des Bundesamtes für Gesundheit heisst es: „Schätzungen gehen davon aus, dass in Industrieländern des Westens rund 30 % der gesamten Kosten im Gesundheitswesen auf ernährungsabhängige Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs und verschiedene degenerative Erkrankungen entfallen.“ Die Appelle der Ärzte und Ernährungswissenschaftler, sich gesünder zu ernähren finden aber nur bedingt Gehör.
Schneller reagierte da schon die Nahrungsmittelindustrie. Immer mehr Lebensmittel mit Zusatznutzen werden heute entwickelt. Ihren Ursprung haben diese Produkte in Japan, wo man bereits in den 1980er Jahren Nahrungsmittel mit gesundheitsfördernden Zusätzen entwickelte und herstellte. Von dort aus gelangte das Konzept in die USA und nach Europa. Im September 1999 hat das Bundesamt für Gesundheit eine Margarine als erstes Functional-Food-Produkt in der Schweiz zugelassen.
Lebensmittel oder Heilmittel?
Der Verbraucher kann nun also seinen Cholesterinspiegel mit Margarine senken und den Darm mit probiotischem Joghurt gesund halten, wenn man den Werbeversprechen Glauben schenkt. Doch was wird wirklich versprochen? Ein genauerer Blick lohnt sich. Functional Food ist rechtlich nicht definiert und so kommen bei uns derartige Produkte in der Regel als Speziallebensmittel auf den Markt. Diese Unterscheidung hat man zum Schutz der Verbraucher getroffen. Auf Lebensmitteln dürfen keine Hinweise stehen, die ihm Eigenschaften der Vorbeugung, Behandlung oder gar Heilung zuschreiben. Denn das Schweizerische Lebensmittelgesetz (LMG) verlangt eine klare Unterscheidung zwischen Lebensmitteln und Heilmitteln. „Sowas steht aber doch mittlerweile auf fast jedem Joghurt“, schiesst es einem hier durch den Kopf. Stimmt nicht ganz – und jetzt wird es spitzfindig. Denn rechtlich zulässig sind nur „gesundheitliche Anpreisungen“ wie etwa Hinweise über Natur und Funktion essentieller Stoffe. Im Klartext: „XY senkt den Cholesterinspiegel“ ist nicht zulässig, wohl aber „XY ist reich an mehrfach ungesättigten pflanzlichen Omega-3-Fettsäuren. Diese sind lebensnotwendig und können sich positiv auf den Cholesterinspiegel auswirken.“ Merken Sie den Unterschied?


Doch der Cholesterinspiegel ist beileibe nicht das einzige Ziel der angereicherten Produkte. Die meisten funktionellen Lebensmittel findet man bei Milchprodukten, Getreideprodukten, alkoholfreien Getränken, Backwaren und Brotaufstrichen. Beliebt sind Lebensmittel, die mit Probiotika, Omega-3-Fettsäuren, Vitaminen und Mineralstoffen angereichert sind. Die Empfehlungen zu den Verzehrmengen sollte man dabei einhalten - nicht immer hilft viel auch tatsächlich viel.
Kann ja nicht schaden
All diese Effekte sind natürlich nicht aus der Luft gegriffen, sondern meist auch wissenschaftlich belegbar. Die Schweizerische Gesellschaft für Ernährung betont aber, dass ein gesund und ausgewogen ernährter Mensch keine speziell angereicherten Lebensmittel braucht.  Was ist aber „ausgewogene Ernährung“? Sie beinhaltet alle lebenswichtigen Nährstoffe, also Eiweiss, Fett, Kohlenhydrate, Vitamine und Mineralstoffe im richtigen Verhältnis. Und doch sind viele Verbraucher bereit, mehr Geld auszugeben für Lebensmittel, die ihnen einen Nutzen versprechen, den sie mit ausgewogener „normaler“ Ernährung vielleicht auch erreichen könnten, gemäss dem Motto: „Nutzt es nicht, schadet es auch nicht.“ Schliesslich möchte jede und jeder gesund und fit bleiben. Die Zielgruppe ist dabei sehr breit gefächert. Der figurbewusste Freizeitathlet, der seinen Körper regelmässig trainiert, kauft diese Produkte ebenso wie die zum Übergewicht neigende Hausfrau mit ausgeprägter Sportaversion. Und sind wir doch mal ehrlich: Der Griff zum probiotischen Joghurt erfordert bedeutend weniger Willensstärke als der regelmässige Waldlauf. Je nach Persönlichkeit hat beides aber den gleichen psychologischen Effekt, nämlich das gute Gefühl, etwas für sich getan zu haben.
Die Ausgewogenheit macht’s
Doch sehr viele Nährstoffe kommen bereits in natürlichen Lebensmitteln in ausreichender Menge vor. So enthalten zum Beispiel bestimmte Fischsorten wie etwa Hering oder Makrele die Omega-3-Fettsäuren, die so gut fürs Herz sind. Im weitesten Sinne kann man bei Fisch, Obst oder Gemüse also schon von "natürlichen funktionellen Lebensmitteln" sprechen. Den positiven Effekt einer ausgewogenen Ernährung kann man mit Functional Food allenfalls unterstützen. Doch eine allzu einseitige Ernährung lässt sich auch mit erhöhtem Konsum dieser Speziallebensmittel nicht ausgleichen. Es lohnt sich also, sich damit zu befassen, was der Körper tatsächlich braucht. Und das probiotische Joghurt zum Frühstück schadet sicher auch nicht. Guten Appetit also!


Ausgewogene Ernährung reicht meist aus
3 Fragen an Janice Sych, Dozentin Ernährungsgruppe, Institut für Lebensmittel- und Getränkeinnovation (ILGI) an der ZHAW Wädenswil
1. Das Angebot an Functional Food wird immer grösser. Welche haben aus Ihrer Sicht tatsächlich einen Nutzen für den Verbraucher, welche nicht?
Zugelassen sind Produkte, die mit Bestandteilen werben, welche nachweisbar positive Effekte haben können wie etwa bei zu hohem Cholesterinspiegel, Bluthochdruck oder kardiovaskulären Erkrankungen oder auch Diabetes. Es ist dennoch wichtig zu betonen, dass die Autorisierung von gesundheitsbezogenen Angaben keine Garantie für eine gesundheitliche Verbesserung ist. 

Text: Irene M. Wrabel