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Inlandsadoption in der Schweiz

Kontinuitäten, Wandel und Wirkung von unumkehrbaren Familienplatzierungen im 20. und 21. Jahrhundert

Auf einen Blick

Beschreibung

Hintergrund:


Das seit Januar 2018 geltende Schweizer Adoptionsgesetz soll die Indikationen zur Adoption qualitativ verbessern. Ein erhoffter Effekt des neuen Gesetzes ist es, die Bedingungen der Kindererziehung und des Wohlergehens künftig adoptierter Kinder nachhaltig zu beeinflussen. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts hat sich die Schweizerische Adoptionspraxis im Zuge rechtlicher und gesellschaftlicher Veränderungen stark gewandelt, wurde aber nie beforscht. Aus aktuellen Studien zur Fremdplatzierung in der Schweiz weiss man, dass vor 1981 auch Adoption ein Bestandteil der Zwangsmaßnahmen darstellen konnte. Auch verweisen Studien darauf, dass der Integrität und dem Wohlbefinden derjenigen Kinder, die nicht bei ihren leiblichen Eltern aufwachsen konnten, kaum Beachtung geschenkt wurde – wohl auch noch nach 1981. Darüber hinaus weiss man über Hintergründe und Effekte der Entscheidungsfindungen in und Begleitung von Adoptionsverfahren bis heute nur wenig.
Fragestellung
Im Rahmen  dieses vom Schweizerischen Nationalfonds finanzierten Projekts untersuchen die ZHAW Soziale Arbeit, Institut für Kindheit, Jugend und Familie, und PACH (Pflege- und Adoptivkinder Schweiz) die schweizerische Adoptionsgeschichte. Das Projekt dauert von März 2019 bis März 2022 und widmet sich übergeordnet folgenden zwei Hauptfragen:


  • Wie wurden Inlandsadoptionen in der Schweiz zwischen 1940 und 2000 begründet und umgesetzt? Was hat sich verändert und was nicht?
  • Wie haben sich die Adoptionspraxen auf die Biografien adoptierter Kinder und leiblicher Eltern ausgewirkt?


Ziele, Daten und Vorgehen:


Die Studie hat mit der Beantwortung dieser Fragen zum Ziel herauszufinden, wie Inlandsadoptionen in der Schweiz zwischen 1922 und 2017 begründet und umgesetzt wurden. Hierfür sichten die Forschenden einerseits Aktenbestände in Adoptionsarchiven der Deutsch- und Westschweiz. Diese wurden bis anhin noch kaum erschlossen. Dabei interessieren u.a. Abläufe, Begründungen und die Sichtweisen auf Bedingungen, Aufwachsen und Familie sowie auf Elternschaft und Kindheit.
Insgesamt leben heute über 10'000 inländische adoptierte Menschen (plus ihre Verwandten) in der Schweiz. Eine Adoption ist in vielerlei Hinsicht prägend. Die Studie möchte die daraus entstandenen Lebensgeschichten von adoptierten Menschen wie auch von Menschen, die ihr Kind zur Adoption freigaben (Zeitraum: 1940-2000), verstehen, dokumentieren und daraus lernen. Ihre Lebensverläufe stellen zentraler Wissensschätze zum Verständnis der bisherigen Adoptionspraxis dar. Ohne deren Stimmen kann dieses Vorhaben nicht gelingen.
Deshalb werden insgesamt 60 biografisch-narrative Interviews mit Betroffenen geführt. Hier interessiert, wie die damalige Adoptionspraxis sowie gesetzliche und gesellschaftliche Veränderungen von den betroffenen Menschen erfahren wurden und wie sie sich auf das weitere Leben ausgewirkt haben.
Diese Ausgangslage verpflichtet Wissenschaft und Praxis, den betroffenen Menschen zuzuhören, sich den unterschiedlichen Wissensbeständen zu widmen und deren Zusammenspiel auch für künftige Umsetzungen verstehen zu wollen.

Bedeutung
Das Projekt möchte mit seiner Herangehensweise zur längst notwendigen, ganzheitlichen Aufarbeitung der schweizerischen Adoptionsgeschichte beitragen. Der Zugang wird sowohl über die Erfahrungen der Betroffenen als auch über die verschriftlichte Praxis gesucht. Dabei geht es nicht nur um das Schaffen eines kollektiven Gedächtnisses. Es geht auch um aktuelle Diskurse über Bedingungen des Aufwachsens, Familie, Elternschaft, Kindheit und Kindeswohl. Angesichts des neuen Adoptionsgesetzes und künftiger Herausforderungen der Kinder- und Jugendpolitik in der Schweiz ist von wissenschaftlichen, politischen und praktischen Gesichtspunkten her eine Wissensbasis erforderlich. Nur so können weitere Entwicklungen in Bezug auf vergangene und gegenwärtige Adoptionspraktiken nicht nur verstanden, sondern auch kindzentriert gesteuert werden.
Deshalb werden die sozialwissenschaftliche und die historische Perspektive auf Adoption in der Schweiz miteinander verwoben und für die künftige Praxis reflektiert. Die Mindestlaufzeit des Projekts ist drei Jahre, geleitet wird es von Prof. Dr. Thomas Gabriel. Dr. phil. Samuel Keller, Dr. Nicolette Seiterle und Dr. phil. Susanne Businger haben die operative Projektleitung der Teilprojekte inne.