Waldrand

Aufgewerteter Waldrand in Othmarsingen (Spittelhalde Ost) (Foto: Kaspar Spörri)
Aufgewerteter Waldrand in Remigen (Bürersteig Süd) (Foto: Kaspar Spörri).
Aufgewerteter Waldrand in Untersiggenthal (Flueh) (Foto: Kaspar Spörri)

In der NFA Periode 2008-11 wurden in verschiedenen Kantonen mehrere hundert Kilometer Waldrand ökologisch aufgewertet. Der Bund hat diesen wichtigen Beitrag zur Biodiversität direkt und indirekt unterstützt. Diese Webseite ist ein indirekter Beitrag und dient der Informationsvermittlung und dem Informationsaustausch. Zudem dient sie als Plattform für den Erfahrungsaustausch in den Bereichen: 

  • Waldränder bewerten
  • Aufwertungsmassnahmen
  • Förderprogramm
  • Kantonaler Austausch
  • Vieles mehr

Waldrand verstehen

Die Übergangszone zwischen Kulturland und Wald wird als Waldrand bezeichnet. Die Biodiversität in diesem Übergangshabitat ist besonders hoch. Viele Tiere - Vögel und Insekten - nutzen den Waldrand als Lebensraum. Im Waldrand kommen viele Pflanzen vor, die weder auf Kulturland noch im Wald auftreten. Der ökologische Wert der Waldränder ist also unbestritten. Um den Wert des Waldrandes zu erhalten, muss der Waldrand aber auch entsprechend gepflegt und erhalten werden. Leider erfüllen heute nur wenige Waldränder die Kriterien eines ökologisch wertvollen Waldrandes. Gemäss dem zweiten schweizerischen Landesforstinventars (LFI) sind gegenwärtig nur 30% der Waldränder ökologisch wertvoll. Die Waldränder der Schweiz stellen somit ein riesiges ökologisches Potenzial dar, das bisher nur zu einem kleinen Teil genutzt worden ist.

Waldränder in der heutigen Form existieren nicht seit je her. Sie sind hauptsächlich eine Folge der sesshaften Besiedlung des Landes. Im Frühen Mittelalter wurden so Kulturflächen angelegt und die Waldfläche kontinuierlich zerstückelt. Im Schweizerischen Mittelland wird die gesamte Waldrandlänge auf über 25'000 km (Brändli, 2010) geschätzt.

Waldrand ist aber nicht nur aus biologischer Sicht eine Übergangszone. Im Waldrand grenzt Kulturland (Landwirtschaft) an den Wald (Forstwirtschaft). Häufig ändern sich auch die Eigentumsverhältnisse. Die Interessen vieler Gruppen treffen im Waldrand aufeinander und sorgen für Konfliktpotential. Zu diesen Interessengemeinschaften gehören die Forstwirtschaft, die Landwirtschaft, die Waldeigentümer, der Naturschutz, die Jäger und zu guter Letzt die Bevölkerung.

Das BAFU bemüht sich um Waldrandaufwertungen

Seit 2008 versucht das BAFU mit seinen knappen Mitteln einen Beitrag zur Aufwertung von Waldrändern zu leisten. Insgesamt wurden mit 24 Kantonen die Aufwertung von 1'281 Hektaren Waldrand vereinbart, wofür ein Bundesbeitrag von 4.117 Mio Franken vorgesehen ist. Geht man von einer mittleren Waldrandbreite von 15 Metern aus, entspricht dies einer Gesamtlänge von 854 Kilometern Waldrand (214 km pro Jahr), oder 35 Kilometern pro Kanton (9 km pro Kanton und Jahr). Ein Kilometer behandelter Waldrand kostet den Bund im Durchschnitt somit 4'820 Franken. Angesichts der ökologischen Bedeutung und der hohen Kosten versteht es sich von selbst, dass die Aufwertung von Waldrändern einem hohen fachtechnischen Standard folgen muss. Dieser betrifft sowohl die Auswahl von geeigneten Waldrändern, als auch die Qualität der Eingriffe.

Ökologische Aufwertung von Waldrändern

Im Vergleich zu anderen Naturstandorten lassen sich Waldränder mit geringem Aufwand ökologisch enorm aufwerten. Um das Mass der ökologischen Aufwertung zu bestimmen, ist es unerlässlich, den Ausgangszustand und den Folgezustand ökologisch zu bewerten. Der genaue ökologische Wert lässt sich nur mit riesigem Aufwand bestimmen, da dafür alle Lebewesen berücksichtigt werden müsste. Im Waldrandschlüssel werden einige aussagekräftige Parameter wie Waldrandtiefe, Strauchgürtelvielfalt etc. verwendet, um sich dem ökologischen Wert anzunähern. Diese Annäherung hat sich als ausreichend genau erwiesen.

Waldrandelemente

Ein Waldrand besteht aus den drei Elementen Krautsaum, Strauchgürtel und Nichtwirtschaftswald (= Waldmantel). In der Praxis ist die Einteilung oft schwierig und es sind nicht immer alle drei Elemente vorhanden. Im durchschnittlichen Waldrand des Schweizerischen Mittellandes ist der Waldrand sehr schwach ausgeprägt. Kulturland oder Wege grenzen oft unmittelbar an den Wirtschaftswald, sprich an Bäume über 4 m.

  • Der Krautsaum bildet die äussere Grenze des Waldrandbereichs. Er besteht vorwiegend aus Gräsern und Kräutern und ist höchstens extensiv bewirtschaftet. Der Krautsaum bildet die Pufferzone zum intensiv genutzten Kulturland.
  • Der Strauchgürtel ist das eigentliche Bindeglied zwischen Wald und Offenland. Er schliesst die Baumzone ab und bildet den vertikalen Übergang zur Zone der unverholzten Arten.
  • Im Nichtwirtschaftswald (= Waldmantel) herrschen Lichtbaumarten und Sträucher vor. Der Nichtwirtschaftswald bildet den Übergang zwischen geschlossenem Wald und dem Strauchgürtel. Zum Nichtwirtschaftswald zählen Bäume mit einem Brusthöhendurchmesser (BHD) <16 cm und einer Höhe bis 4 m. Im Nichtwirtschaftswald wachsen Baumarten, die im geschlossenen Wald kaum vorkommen.
  • Offenland umfasst alle baumfreien Flächen. Einzelne Bäume können aber vorkommen. Es kann sich um Kulturlandschaft mit Äckern, um Trockenrasen oder um Moorlandschaften handeln. Es können aber auch Strukturelemente wie Hecken vorkommen.
  • Der Wirtschaftswald bezeichnet die Baumzone mit geschlossenem Kronendach. Bäume des Wirtschaftswaldes haben einen Brusthöhendurchmesser (BHD) >16 cm und eine Wuchshöhe über 4 m.
Schematischer Aufbau eines Waldrands im idealen Zustand.

Waldrand bewerten

Schütz und Krüsi haben einen Bewertungsschlüssel entwickelt, mit welchem der ökologische Wert von Waldrändern sehr genau bestimmen werden kann. Für eine ökologische Bewertung des Waldrandes sind mehrere Schritte erforderlich. Nachfolgend wird jeder Schritt genau erklärt und vorgeführt. Es empfiehlt sich, das Bewertungsformular des Schlüssels vor dem Bewerten auszudrucken. So können Sie die festgestellten Grössen gleich eintragen.

Nachfolgend sind neun Schritte aufgeführt. Um einen Waldrand ökologisch zu bewerten, müssen Sie diese Schritte der Reihe nach ausführen. Das Vorgehen entspricht der Anleitung, wie Sie mit dem Bewertungsformular des Waldrandschlüssels mitgeliefert wird.

1. 100 m Waldrand auswählen

Grundsätzlich können Waldränder aus zwei verschiedenen Gründen bewertet werden:

  • Soll die Qualität der Waldränder eines bestimmten Gebiets bewertet werden, muss eine statistisch fundierte Stichprobenplanung erfolgen.
  • Soll ein bestimmter Waldrand aufgewertet werden und dafür sein Ausgangszustand bestimmt werden, ist die Wahl eindeutig.

2. Beurteilungslinie parallel zum Waldrand festlegen

Damit Sie einen Waldrandabschnitt bewerten können, müssen Sie vorgängig eine Beurteilungslinie im Offenland - ungefähr 10 m ausserhalb des Waldrandes - festlegen. Achten Sie darauf, dass die Beurteilungslinie ungefähr parallel zur Waldgrenze verläuft. Ist ein Krautsaum vorhanden, können Sie die Beurteilungslinie entlang des Krautsaumes festlegen.

Die Beurteilungslinie misst 100 m. Sie können zum Beispiel je 50 m links und 50 m rechts von Ihrem Standpunkt aus wählen. Verläuft die Waldgrenze stark winklig, können Sie die Beurteilungslinie aus mehreren geraden Stücken zusammensetzen. Bei buchtigen Waldrändern können Sie die Beurteilungslinie ausserhalb der Buchtungen vorbeiführen.

Die Beurteilungslinie verläuft parallel zum Waldrand.
Die Beurteilungslinie verläuft parallel zum Waldrand.
Die Beurteilungslinie verläuft parallel zum Waldrand.
Die Beurteilungslinie verläuft parallel zum Waldrand.
Die Beurteilungslinie verläuft parallel zum Waldrand.

3. Stichprobenpunkte festlegen

Nachdem Sie die Beurteilungslinie definiert haben, müssen Sie 5 Stichprobenpunkte im Abstand von je 25 m auf der Beurteilungslinie festlegen. Im Normalfall starten Sie in der Mitte des 100 m langen Waldrandabschnitts. Dieser Mittelpunkt ist der erste Stichprobenpunkt. Anschliessend können Sie links und rechts des ersten Stichprobenpunkts je zwei weitere Stichprobenpunkte festlegen.

Die fünf Stichprobenpunkte werden im Abstand von je 25 m auf der Beurteilungslinie verteilt.
Die fünf Stichprobenpunkte werden im Abstand von je 25 m auf der Beurteilungslinie verteilt.

4. Beurteilungsstreifen anlegen und Waldrandelemente messen

Von jedem Stichprobenpunkt aus müssen Sie auf einem 50 cm breiten Beurteilungsstreifen, der senkrecht in den Wald hinein verläuft, die Tiefenausdehnung folgender drei Waldrandelemente messen:

  • Waldrandtiefe: Messen Sie die Strecke zwischen dem äussersten Blatt des ersten Gehölzes mit 1 bis 4 m Höhe (= Strauch) bis zur Verbindungslinie zwischen den ersten Bäumen mit einem BHD > 16 cm (= Grenze zu Wirtschaftswald). 
  • Strauchgürteltiefe: Messen Sie die Strecke zwischen dem äussersten Blatt des ersten Gehölzes mit 1 bis 4 m Höhe (= Strauch) bis zum innersten Blatt des letzten Gehölzes mit 1 bis 4 m Höhe; bzw. wenn ein Gehölz mit > 4 m Höhe und BHD < 16 cm (= Nichtwirtschaftswald) auf dem Beurteilungsstreifen steht, bis dessen Stammmitte; bzw. wenn die Gehölze mit 1 bis 4 m in den Wirtschaftswald hineinragen, bis zur Verbindungslinie zwischen den ersten Bäumen mit einem BHD > 16 cm.
  • Krautsaumtiefe: Messen Sie die Strecke zwischen dem Kulturland bis zum äussersten Blatt des ersten Gehölzes mit 1 bis 4 m Höhe (= Strauch). Der Deckungsgrad des Krautsaums muss auf dem Beurteilungsstreifen min. 75% betragen. Von 1 bis 4 m hohen Gehölzen überragte krautige Vegetation zählt zudem nicht zum Krautsaum sondern zum Strauchgürtel.

Beachten Sie, dass sich auf dem Beurteilungsstreifen Strauchgürtel und Krautsaum abwechseln können. Lücken zwischen Sträuchern sowie Lücken im Krautsaum mit weniger als 75% Deckungsgrad werden abgezogen.

Beispiele für die Ermittlung von Waldrand-, Strauchgürtel- und Krautsaumtiefe. Je nach Ausprägung der verschiedenen Waldrandelemente ergeben sich unterschiedliche Ergebnisse bei den Tiefenmessungen.

5. Strauchgürtel- und Krautsaumlänge sowie Belaubungsdichte abschätzen

Anschliessend müssen Sie entlang des gesamten zu untersuchenden 100 m langen Waldrandabschnitts die folgenden Parameter beurteilen:

  • Strauchgürtel- und Krautsaumlänge: Schätzen Sie, wie viele % des 100 m langen Waldrandabschnitts einen Strauchgürtel (Gehölze mit 1 bis 4 m Höhe, den Stämmen der > 4 m hohen Gehölzen vorgelagert) resp. einen Krautsaum (min. 0.5 m tief, Deckungsgrad min. 75 %, nicht von Gehölzen mit 1 bis 4 m Höhe überragt) aufweisen.
  • Belaubungsdichte: Schätzen Sie, wie viele % des Streifens vom Boden bis auf 1.5 m Höhe des 100 m langen Waldrandabschnitts mit Laub von Gehölzen (Strauch-, Laub- und Nadelbaumarten) bedeckt sind. (100% Belaubungsdichte = Fläche vom Boden bis auf 1.5 m auf 100 m Länge vollständig von Laub bedeckt, d.h. Sie können nicht in den Wirtschaftswald hinein sehen).

6. Gehölzarten in der Baum- und Strauchschicht erheben

Die Erhebung der Gehölzarten in der Strauch- und Krautschicht ist ein wesentlicher Bestandteil des Schlüssels zur ökologischen Bewertung von Waldrändern: 

  • Es ist wichtig, dass Sie die Gehölzarten bis 10 m hinter die Verbindungslinie zwischen den äussersten Bäumen mit BHD > 16 cm erfassen. Beachten Sie, dass Gehölzarten mit einer Wuchshöhe > 4 m zur Baumschicht und Gehölzarten mit einer Wuchshöhe < 4 m zur Strauch- und Krautschicht gezählt werden. Wichtig ist, dass Sie die Anzahl Dornstraucharten festhalten, da diese ökologisch besonders wertvoll sind und im Bewertungsschlüssel bei der Auswertung zusätzliche Punkte erhalten. Die meisten der zu erwartenden Gehölzarten sind auf der Rückseite des Formulars des Bewertungsschlüssels abgedruckt und können direkt im Feld angekreuzt werden. Sollten Sie im Feld eine Art vorfinden, welche nicht auf der Liste enthalten ist, können Sie die Art am Ende der Liste hinzufügen.
Rückseite des Bewertungsschlüssels. Die im Feld vorgefundenen Arten können mit einem Kreuz markiert werden und der Baum- (B) oder der Strauch- und Krautschicht (SK) zugeteilt werden. Bei den hellgrauen Arten handelt es sich um Nadelgehölze, bei den dunkelgrauen Arten um Dornstraucharten.

7. Ergänzungen erheben

Damit Waldränder untereinander etwas differenzierter beurteilt und ökologisch besonders wertvolle Waldränder entsprechend als solche charakterisiert werden können, müssen Sie zusätzliche Parameter erheben. Handelt es sich beim untersuchten Abschnitt um einen Waldrand, welcher eher einen ökologisch schlechten Zustand aufweist, ergeben die ergänzenden Parameter meist 0 Punkte und die Erhebung der Ergänzungen ist sehr schnell durchgeführt.

  • Krautsaumtyp: Der Krautsaumtyp hat einen grossen Einfluss auf die Biodiversität und ist daher für die Bewertung eines Waldrandes von grosser Bedeutung. Weil eine exakte Typisierung eines Krautsaums schwierig und zeitaufwändig ist, beschränkt sich der Bewertungsschlüssel auf vier unterschiedliche Krautsaumtypen. Standardmässig können Sie den Typ «Fett» wählen. Weist der Krautsaum eine besonders gute Qualität auf, können Sie den am besten passendsten Typ - «Fromental» (Zeigerart: Französisches Raygras), «Hochstauden» (Zeigerarten: Spierstaude, Grosse Brennnessel, Adlerfarn) oder «Mager» (Zeigerart: Aufrechte Trespe) - wählen.
  • Botanische Vielfalt der Waldbodenvegetation: Neben dem Krautsaumtyp und der Gehölzartenvielfalt interessiert auch die botanische Vielfalt der Waldbodenvegetation. Sie gibt Aufschluss über den Waldtyp und somit über die Artenvielfalt im Wald. Der Bewertungsschlüssel unterscheidet drei verschiedene Typen. Standardmässig können Sie «mittel» wählen. Ist die Waldbodenvegetation auffällig artenarm (zum Beispiel ein schattiger Nadelwald) oder -reich (zum Beispiel ein lichter Föhrenwald), können Sie dies mit den entsprechenden Kategorien «arm» oder «reich» bewerten. Für die Beurteilung der Waldbodenvegetation berücksichtigen Sie einen 10 m breiten Streifen hinter den ersten Bäumen mit BHD > 16 cm.
  • Verzahnungsgrad: Das Verhältnis der Buchten und Verzahnungen der Verbindungslinie oder des Strauchgürtels zum Krautsaum wird als Verzahungsgrad bezeichnet. Je verzahnter der Waldrand ist, desto grösser sind die Oberfläche des Waldrandes und sein ökologischer Wert. Der Verzahnungsgrad ergibt sich aus dem Verhältnis aus effektiver Länge der Verbindungslinie bzw. des Strauchgürtels und der Beurteilungslinie. Für die Berechnung des Verzahnungsgrads verwenden Sie die längere der beiden Linien (Länge Verbindungslinie oder Länge Strauchgürtel).
  • Kleinstrukturen und tote Bäume: Diese Strukturen bieten Lebensraum für viele Insekten und Kleintiere. Sie müssen die Kleinstrukturen und die toten Bäume entlang des gesamten zu beurteilenden 100 m langen Waldrandabschnitts im Waldrandbereich zwischen Krautsaum und Verbindungslinie erfassen. Achten Sie bei der Erfassung darauf, dass die Strukturen den im Bewertungsschlüssel definierten Mindestgrössen entsprechen.
  • Vorgelagerter Strauchgürtel: Dem Waldrand vorgelagerte Strauchgürtel sind selten. Sie sind allerdings sehr wertvoll, weil sie den Lebensraum Waldrand für Vögel und Insekten bedeutend ausweiten. Schätzen Sie die Länge des vorgelagerten Strauchgürtels (Gehölze mit 1 bis 4 m Höhe) entlang des gesamten zu beurteilenden 100 m langen Waldrandabschnitts in %. Beachten Sie, dass der vorgelagerte Strauchgürtel maximal 25 m vom eigentlichen Waldrand entfernt liegen darf. Einzelgehölze oder Gehölzgruppen mit bis zu einer Länge von 2 m können Sie ignorieren.
  • Problemarten und invasive Neophyten: Schätzen Sie die Länge der mit Problempflanzen und invasiven Neophyten bewachsenen Strecke entlang des gesamten zu beurteilenden 100 m langen Waldrandabschnitts in %. Bei den invasiven Neophyten interessiert neben der Ausdehnung auch die Anzahl der unterschiedlichen Arten. Sie können die Anzahl invasiven Neophyten bis 10 m hinter die Verbindungslinie erfassen. Sie finden sämtliche zu erwartenden Problemarten und invasiven Neophyten der Schwarzen Liste und der Watch-Liste auf der Rückseite des Formulars des Bewertungsschlüssels abgedruckt. Sie können die vorgefundenen Arten direkt im Feld ankreuzen. 
Ein von Adlerfarn dominierter Krautsaum.
Die Linie entlang des Wirtschaftswaldes ist stark verzahnt, aber der Strauchgürtel verläuft nahezu parallel zur Beurteilungslinie. Die Linie entlang des Wirtschaftswaldes ist etwa 2 Mal so lang wie die Beurteilungslinie (Verzahnungsgrad = 200 / 100).
Die Linie entlang des Wirtschaftswaldes verläuft parallel zur Beurteilungslinie, aber der Strauchgürtel ist stark verzahnt. Die Strauchgürtellänge entspricht etwa dem 1.8-fachen der Beurteilungslinie (Verzahnungsgrad = 180 / 100).

8. Punkte zuordnen

Mit Hilfe der Zuordnungstabelle auf dem Formular des Schlüssels zur ökologischen Bewertung von Waldrändern können Sie den erfassten Kriterien die entsprechenden Punkte zuteilen. Anhand der erreichten Gesamtpunktzahl sämtlicher erhobener Parameter können Sie die ökologische Gesamtbeurteilung resp. die Einstufung des Waldrandes festlegen. 

 

 

9. Plausibilität abschätzen

Führen Sie zum Schluss eine Plausibilitätskontrolle durch. Entspricht der Waldrand Ihrer subjektiven Einschätzung? Haben Sie das Gefühl die Einstufung des Waldrands und Ihr Gesamteindruck stimmen nicht überein, müssen Sie die Artenliste und die Tiefenausdehnungen der drei Waldrandelemente überprüfen. Für die Überprüfung der Tiefenausdehnungen verlegen Sie sämtliche Beurteilungsstreifen um ca. 12.5 m in die gleiche Richtung. Anschliessend beurteilen Sie den Waldrand erneut. Gründe und abweichende Messresultate können Sie im Fenster Bemerkungen auf dem Bewertungsformular festhalten.

 

 

Waldrand aufwerten

Allein im Schweizer Mittelland misst die Länge aller Waldränder ca. 25'500 km (Brändli 2010) - das ist mehr als die Hälfte des Erdumfangs! Wie alle Übergangsbiotope (Ökotone) sind Waldränder potenziell sehr wertvoll und artenreich - wenn man sie richtig gestaltet. Leider wurde dieses riesige Potenzial bisher viel zu wenig ausgeschöpft. Der Hauptgrund dafür liegt an der mangelnden Tiefenausdehnung von Krautsaum und Strauchgürtel. Die Waldränder bräuchten für eine optimale Entfaltung mehr Platz. Eine Studie hat gezeigt, dass bei einem durchschnittlichen Schweizer Waldrand die Tiefen von Krautsaum und Strauchgürtel weit unter dem ökologischen Optimum liegen.

Der ökologische Wert des Waldrandes kann mit dem Waldrandschlüssel ermittelt werden. Für Waldränder der Kategorien "ungenügend" und "befriedigend" reichen einmalige, einfache Eingriffe oft nicht aus, um die strukturelle und botanische Vielfalt auf Dauer zu erhöhen. Das ungünstigste Kosten/Nutzen-Verhältnis haben einerseits Waldränder, die schon wertvoll sind, und andererseits schlechte Waldränder mit geringem Aufwertungspotenzial (bei denen die lokalen Verhältnisse eine wesentliche ökologische Aufwertung verunmöglichen). Mit Aufwertungseingriffen soll mehr Dynamik erzeugt werden - wozu zeitlich gestaffelte und räumlich versetzte Eingriffe nötig sind: Krautsaum und Strauchgürtel sollen mehr Raum und Licht verschafft werden. Dank diesen Massnahmen nimmt dann auch die Vielfalt der Flora und Fauna zu.

Nach einer angemessenen Zeit kann der Erfolg der Massnahmen im Rahmen einer Erfolgskontrolle wiederum mit dem Waldrandschlüssel gemessen werden, indem der IST-Zustand mit dem Ausgangszustand verglichen wird.

Kein Waldrand ist wie der andere. Ein fixes Rezept zur ökologischen Aufwertung von Waldrändern macht daher wenig Sinn. Der Ablauf entspricht in etwa einem gewöhnlichen Aufwertungsprojekt. Beispiele von bereits durchgeführten Waldrandaufwertungen finden Sie hier.

1. Auswahl des aufzuwertenden Waldrandabschnittes

Wählen Sie die Waldränder sowohl nach ökologischen als auch nach administrativen Kriterien aus. Für eine erfolgreiche Projektrealisierung müssen beide Kriteriengruppen erfüllt sein.

Ökologische Kriterien:

  • Exposition: Süd- und westexponierte Standorte eignen sich am besten
  • Naturnähe des angrenzenden Offenlandes und Naturnähe des Waldes
  • Vernetzung mit der Umgebung
  • Hangneigung und Topographie (Erreichbarkeit)
  • Grösse der Fläche
  • Bestandesstabilität

 

Administrative Kriterien:

  • Kooperiert der Landwirt?
  • Ist die Finanzierung gesichert?
  • Wie und wann sind Pflegeeingriffe möglich?
  • Können Problemarten (Neophyten), die die ganze Arbeit in Gefahr bringen, in Schach gehalten werden?

2. Planung

Planen Sie einen Waldrandeingriff immer langfristig. Sie müssen die Kapazitäten und Finanzen langfristig regeln, denn der Ersteingriff ist erst der Beginn der Waldrandaufwertung. Da die Auflichtung des Waldrandes schnellwachsende und konkurrenzstarke Arten wie Eschen oder Haselstauden fördert, muss nach 2-3 Jahre ein Pflegeeingriff erfolgen, um die Artenvielfalt zu gewährleisten. Danach reichen Eingriffe im 4-Jahres-Rhythmus aus. Bleiben die Pflegeeingriffe aus, kann sich der ökologische Wert von Waldränder im Vergleich zum Ausgangszustand massiv verschlechtern. Diese Ressourcenverschwendung muss vermieden werden. Finanziell sollen etwa 1/3 für den Ersteingriff und 2/3 für die Pflege eingesetzt werden.

An Waldränder, deren Eingriff 2-3 Jahre zurückliegt, können Eschen, Haselstauden und Feldahorn wuchern. Tritt dieser Fall ein, lassen sie den übrigen Sträuchern kaum Licht übrig. Diese Straucharten müssen bei der Waldrandpflege deshalb zurückgeschnitten werden. Im Pflegeeingriff im zweiten Jahr können diese Straucharten mit geringem Aufwand bekämpft werden. Danach steigt der Aufwand erheblich.

3. Waldrand mit Waldrandschlüssel bewerten = Ist-Zustand

Dieser Schritt wurde weiter oben bereits ausführlich behandelt.

4. Aufwertungspotential abschätzen und Aufwertungsziele formulieren

Mit dem Aufwertungspotential soll der Ziel-Zustand definiert werden. Welche Arten können gefördert werden? Wie lässt sich die strukturelle Vielfalt maximieren?

5. Aufwertungsmassnahmen festlegen

Ersteingriff

  • Strukturen schaffen (zum Beispiel zeitlich und räumlich gestaffelt Buchten schlagen und die Waldranddynamik fördern. Dadurch kann die natürliche Sukzession immer wieder zurückgedrängt werden. Der Waldrand wird dadurch verlängert und es entsteht ein Mosaik aus verschiedenen Vegetationsstufen).
  • Auflichten
  • Alt- und Totholz liegen lassen. Sie bilden wichtige Lebensräume für Pilze, Flechten, Insekten oder allgemein für Destruenten und sind somit wichtig für den Nährstoffkreislauf. Höhlen in Alt- oder Totholz können auch als Unterschlupf oder Schlafplätze für baumbewohnende Säugetiere und als Nistplätze für Höhlenbrüter benutzt werden.
  • Kleinstrukturen (Lesesteinhaufen, Asthaufen, Erdhaufen) anlegen. Bietet Lebensraum für Insekten, Kleinsäuger, Amphibien und Reptilien.
  • Hochgewachsene Bäume ringeln um stehendes Totholz zu erzeugen

 

Pflegeeingriff

  • Standortfremde Arten und Neophyten entfernen, um die Artenvielfalt zu erhalten.
  • Dominierende, schnell wachsende Sträucher und Bäume zu Gunsten von langsam wachsenden Sträuchern zurückschneiden oder auf den Stock setzen.
  • Strauchgürtel auflichten, damit die Beschattung des Krautsaumes verhindert und eine gewisse Stufigkeit erzielt werden kann.
  • Krautsaum extensiv nutzen und somit die Artenvielfalt fördern und die Verzahnung von Krautsaum und angrenzendem Freiland ermöglichen.
  • Alt- und Totholz erhalten.

6. Aufwertung durchführen und dokumentieren

Es ist wichtig, dass Sie die Waldrandaufwertungen schriftlich und/oder fotografisch dokumentieren. Nur so kann die Waldrandpflege dokumentiert und ein Wissenspool über Waldrandaufwertungen aufgebaut werden. Mit der Zeit können Aussagen über die Effektivität der ausgewählten Massnahmen gemacht werden und es kann eruiert werden, ob die Ziele mit diesen Massnahmen erreicht wurden. Beispiele von bereits durchgeführten Waldrandaufwertungen finden Sie hier.

7. Erfolgskontrolle machen, d. h. Waldrandschlüssel erneut anwenden

Führen Sie eine Erfolgskontrolle 3-5 Jahre nach dem Ersteingriff mit Hilfe des Waldrandschlüssels durch. Damit können Sie überprüfen, ob mit den Aufwertungsmassnahmen die Aufwertungsziele erreicht wurden und der Waldrandabschnitt tatsächlich ökologisch aufgewertet wurde. Machen Sie die Erfolgskontrolle zu früh, ist der ökologische Zustand des Waldrandes oft schlechter als vor dem Ersteingriff. Es ist klar, dass solche Eingriffe Zeit benötigen. Aber die aufkommenden Waldrandstrukturen nach Aufwertungsmassnahmen sind manchmal schon früh zu erkennen und können in die Erfolgskontrolle miteingebunden werden.

Praxishilfe für die Aufwertung von Waldrändern in der Schweiz

Bedürfnisabklärung bei ausgewählten Kantonen

Grundlage dieses Berichts bilden sieben Interviews, welche mit Waldrandverantwortlichen der Kantone Aargau, Appenzell Ausserrhoden, Basel, Bern, Solothurn, Wallis und Zürich durchgeführt worden sind. In den Gesprächen wurden angewendete Massnahmen zur Waldrandaufwertung sowie Bedürfnisse zum Beispiel in Form einer Broschüre, von Kursen oder einer Webseite diskutiert.

Verschiedene interessante Ansätze wurden in Erfahrung gebracht. Ebenfalls bemerkenswert sind die grossen Erfahrungsunterschiede zwischen den Kantonen bei Waldrandaufwertungen. Die Ergebnisse der Gespräche wurden kurz zusammengefasst.

Aus den Ergebnissen werden Schlüsse und Empfehlungen an das BAFU bezüglich weiterem Vorgehen gezogen. Mögliche Massnahmen sind:

  • Weitere Befragungen
  • Überprüfung der Qualität der aufgewerteten Waldränder
  • Exkursionen zum Thema Waldrand
  • Tagungen zum Thema Waldrand
  • Waldrand Broschüre
  • Vereinheitlichung der Nomenklatur
  • Internetauftritt und innovative Lösungen
  • Hilfe für Information der betroffenen Bevölkerung
  • Erfolgskontrolle durch das BAFU

Bedürfnisabklärung bei ausgewählten Kantonen

Richtlinien zur Waldrandaufwertung (Amt für Wald Graubünden)

Der Kanton Graubünden hat einen Bericht über die Richtlinie zur ökologischen Aufwertung von Waldrändern verfasst. Der Bericht enthält verschiedene vorbildliche Ansätze und ist sehr informativ geschrieben.

Richtlinien ökologische Aufwertung von Waldrändern Kanton GR

Konzept zur Priorisierung von Waldrändern (Amt für Wald Graubünden)

Der Kanton Graubünden hat ein Konzept zur Auswahl von Waldrändern zur ökologischen Aufwertung verfasst. Das Konzept ist vielfältig einsetzbar und enthält gute Ansätze.

Konzept zur Auswahl von Waldrändern für ökologische Aufwertungen Kanton GR

Waldrandkonzept Olten

Die Gemeinde Olten hat beschlossen, ein Waldrandkonzept zu erarbeiten, das die verschiedenen Anforderungen an die Waldränder darstellt und koordiniert sowie die Grundlagen für Leistungsvereinbarungen zwischen Einwohnergemeinde und Waldeigentümern liefert. Im Herbst 2007 wurde das Büro Hasspacher und Iseli (Olten) zugezogen und mit der Bearbeitung des Waldrandkonzeptes beauftragt.

Waldrandkonzept Olten

Priorisierung von Waldrandaufwertungen im Kanton Schwyz

Mit Waldrandaufwertungen kann die Biodiversität unserer Landschaft gut gefördert werden. Darum werden Waldrandaufwertungen vom Bund unterstützt. Die vorliegende Arbeit ist ein Hilfsmittel um diejenigen Waldränder auszuwählen, deren Aufwertung den grössten Gewinn für die Biodiversität bringt. Die Priorisierung erfolgte anhand von Beispielen im Kanton Schwyz.

Priorisierung von Waldrandaufwertungen im Kanton SZ

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