Was machen wir, wenn uns die Maschinen die Arbeit abnehmen?

Eigentlich hätte der Historiker Philip Blom am ZHAW-Ringseminar «europäisch» über Europa sprechen sollen – herausgekommen ist eine Tour d’Horizon, die weit über Europa hinausreichte: von der kleinen Eiszeit im 17. Jahrhundert bis zur heutigen Digitalisierung.

Eine einzige Grafik malt Philipp Blom an die Wandtafel. Und diese reicht, um fast alle Argumente zu untermauern, die der Historiker in seinem Referat im Rahmen des ZHAW-Ringseminars «europäisch» vorbringt. Die Darstellung zeigt Nasa-Daten zum CO2-Gehalt in der Luft der letzten 400 000 Jahre. Ab 1950 geht die Linie durch die Decke. «Die daraus resultierende Erderwärmung wird unsere Gesellschaft unvorstellbar stark verändern», erklärt er. Doch Blom wäre nicht Historiker, wenn er solche Umwälzungen nicht auch als geschichtliches Phänomen begreifen würde. In einer seiner jüngsten Publikationen macht er einen historischen Vergleich mit der kleinen Eiszeit im 17. Jahrhundert. Die Gesellschaft habe sich damals so stark verändert, dass sie sich von einem feudalen in ein demokratisches System zu wandeln begann.

Soziale Medien verändern die Demokratie

Gerade mal zwei Grad tiefer lag die Temperatur im Schnitt im 17. Jahrhundert und das hatte bereits einen verheerenden Einfluss auf die Landwirtschaft. Ernteausfälle befeuerten die Wissenschaft und das führte dazu, dass Botaniker mit neuen Anbaumethoden zu experimentieren begannen und diese untereinander austauschten. Es entstand das erste Mal so etwas wie ein öffentlicher Raum – und damit die Grundlage für Demokratie, so die groben Züge von Bloms Argumentationslinie. Auch heute seien wir wieder Zeugen davon, wie sich der öffentliche Raum verändere, erklärt Blom. Nur seien es nicht mehr Botaniker, sondern die Sozialen Medien. Diese würden den Raum aber nicht mehr öffnen, sondern im Gegenteil fragmentieren. Und das betrachtet Blom als ähnlich drastische Veränderung.

Blom verortet in unserer Zeit also gleich zwei monumentale Herausforderungen: Das Klima und die Digitalisierung. Doch hat der Autor und Historiker auch Rezepte, wie wir damit umgehen können? «Ich spreche an meinen Vorträgen meist nur zu fünf Prozent der Gesellschaft, die gebildet und reich sind». Die meisten der Übrigen haben noch nie von diesen Themen gehört. Die Debatte muss ausgeweitet werden.» Mögliche Fragen für eine breite Debatte wären für Blom beispielsweise: Wenn Maschinen uns die Arbeit abnehmen, was machen wir dann? Damit würden plötzlich ganz andere Fragen wichtig, wie zum Beispiel: Was ist ein gutes Leben?

 

Zukunft der Bildung?

Am Ringseminar bewegte sich Blom – wie er selber zugab – «ziemlich wild durch die Geschichte». Zum Schluss wollte Ringseminar-Mitorganisatorin Elena Wilhelm doch noch wissen, was eine Hochschule wie die ZHAW von all dem mitnehmen könne. In Anbetracht der Digitalisierung sei es wichtig, nicht nur skill-based auszubilden. «Es wird zum Beispiel mehr darum gehen, grössere Zusammenhänge zu verstehen oder selbstkritisch zu sein. Ich glaube das alte deutsche Ideal von Bildung als Persönlichkeitsbildung wird wieder viel wichtiger werden.»