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Was ist wahr an Fake News?

Der Begriff «alternative Fakten» wurde in Deutschland kürzlich zum Unwort des Jahres 2017 gewählt, und «Fake News» haben es in den Duden geschafft. Weshalb haben sich diese Begriffe so rasant etabliert? Wie gross ist die Gefahr von Fake News für die Gesellschaft und was kann man dagegen tun? Antworten unserer Medienexperten Guido Keel und Vinzenz Wyss.

Journalistik­professor Vinzenz Wyss und Professor Guido Keel, Leiter des Instituts für Angewandte Medienwissenschaft der ZHAW, zum Thema Fake News

ZHAW-Impact Nr. 39 vom Dezember 2017

«Horror-Clown von Landmine getötet» titelte die Tageszeitung «Blick» Ende des vergangenen Jahres auf ihrer Website. Die Meldung stammte aus Kambodscha: Ein als Clown verkleideter Mann soll in einer Stadt im Nordwesten des Landes mehrere Bewohner in Angst und Schrecken versetzt haben. Schliesslich sei der Mann in den Dschungel geflüchtet und dort auf eine Landmine getreten, berichtete das Onlineportal mit Bezug auf eine kambodschanische Website. Unzählige weitere Medien rund um den Globus verbreiteten die Nachricht. Wenige Tage darauf meldeten sich die kambodschanischen Behörden mit einem klaren Dementi: Dieser Vorfall habe sich nie ereignet, die Geschichte war Fake News [1].  

Begriff eng verknüpft mit amerikanischem Wahlkampf

Noch vor wenigen Jahren kaum in der Öffentlichkeit bekannt, ist der Begriff inzwischen im allgemeinen Wortschatz verankert. Guido Keel leitet an der ZHAW das Institut für Angewandte Medienwissenschaft. Er selber war dem Begriff um die Jahrtausendwende zum ersten Mal begegnet, damals noch im Zusammenhang mit satirischen TV-Formaten in den USA. Die Ausbreitung des Begriffs seither sei eng verknüpft mit dem amerikanischen Wahlkampf, sagt Keel. «Für die rasante Etablierung des Begriffs waren der Wahlkampf und die bisherige Präsidentschaft von Donald Trump ein wichtiger Faktor. Durch seine Angriffe auf die traditionellen Medien hat er dem Begriff in seiner heutigen Bedeutung zum Durchbruch verholfen.» Seit diesem Jahr steht Fake-News im Duden, mit folgender Definition [2]: «In den Medien und im Internet, besonders in den Social Media, in manipulativer Absicht verbreitete Falschmeldungen.»

«Neu ist nicht das Phänomen ‹Fake News›, sondern das Ausmass»

Obwohl der Begriff neu ist, sind Falschmeldungen keine Erfindung unserer Zeit. «Neu ist nicht das Phänomen, sondern das Ausmass», sagt Guido Keel. Die digitalen Medien ermöglichen jedem Zugang zu einem potenziell grossen Publikum. «Es gab immer schon verschiedene Interpretationen der Realität. Aber es gab noch nie die heutigen Möglichkeiten, um mit den eigenen Ansichten so einfach ein Massenpublikum zu erreichen», sagt Keel. Die traditionelle Autorität des Journalismus [3], aber auch von Wissenschaft und Politik werde kleiner, während die Grenze zwischen Kommunizierenden und Konsumierenden zunehmend verschwindet. Es ist eine Entwicklung, die bei manchen Unbehagen auslösen mag. Der Medienwissenschaftler Guido Keel sieht das differenzierter. «Aus einer liberalen Perspektive ist das eine positive Entwicklung. Die Meinungsvielfalt wird grösser, die Bürger haben mehr Möglichkeiten, sich einzubringen und am gesellschaftlichen Diskurs teilzunehmen.» Gefährlich werde es dann, wenn die Gesellschaft so weit auseinanderbreche, dass auch in zentralen Punkten keine Einigkeit darüber mehr herrscht, wie die Welt beschaffen ist. Oder wenn bestimmte Akteure aus strategischen Interessen bewusst Falschmeldungen verbreiten.

Medienkompetenz als Gegenmittel

Aus der Sicht von Guido Keel gibt es für diese Gefahren ein Gegenmittel: Mehr Medienkompetenz beim Publikum. «Die Mediennutzer müssen lernen, wie sie Inhalte beurteilen können, wie diese einzuschätzen und wie sie entstanden sind. Diese Kompetenzen werden immer wichtiger, um sich ein realistisches Bild der Welt zu machen», sagt Keel. Zum Beispiel sollten Schulen [4] noch stärker die Medienkompetenz der Schüler fördern.  Wichtige Fragen, um die Glaubwürdigkeit eines Beitrags beurteilen zu können, lauten beispielsweise: Wer steht hinter einer Meldung? Welche Interessen vertritt der Autor? Wie ist die Meldung entstanden? Und wie verhält sich der Inhalt der Meldung zu dem von anderen Quellen? «Nur wenn das Publikum versteht, wie Inhalte zustande kommen, kann es auch lernen, diese einzuordnen», sagt Keel. Doch was wahr ist und was falsch, werde immer auch ein Streitpunkt bleiben. «Ich glaube nicht an nur eine objektive Sicht auf die Welt, die Wahrnehmung der Realität ist immer auch subjektiv.» Selten ist es so einfach, wie im Fall des Clowns, der auf eine Tretmine stand. 

Unsere Experten debattieren zu...

... 1. Fake News

Vinzenz Wyss: Es ist erstaunlich, dass es in der Schweiz verhältnismässig wenig Beispiele für bewusst und erfolgreich gestreute Fake News gibt. Das prominenteste Beispiel war ein Bericht über eine Zürcher Gokart-Gang, mit welchem Studenten zeigen konnten, wie leicht die Medien an der Nase herumgeführt werden können. Warum werden wir ansonsten eher davon verschont?

Guido Keel: Dies hat sicher mit der Kleinräumigkeit zu tun und damit, dass in der Schweiz noch keine Blasenbildung und Entfremdung der Medien vom Publikum stattgefunden hat, wie wir das zum Beispiel in den USA oder teilweise auch in Deutschland beobachten. Die wenigen Verschwörungstheoretiker in der Schweiz befassen sich zudem lieber mit dem US-Geheimdienst als beispielsweise mit Machenschaften der Schweizer Bundesregierung.

Vinzenz Wyss: Auch hierzulande gibt es Fake-News-Sites wie etwa «Alles Schall und Rauch» oder «Uncut-News». Sie haben sich darauf spezialisiert, Halbwahrheiten und nicht belegbare Behauptungen zu verbreiten. Aber die Bedeutung und Reichweite dieser Sites sind doch sehr bescheiden.

Guido Keel: Ich wäre da vorsichtig in der Einschätzung, denn auch diese Angebote können leicht via Algorithmen über soziale Netzwerke gezielt an ein ausgewähltes Publikum gesendet werden und bei Menschen auf fruchtbaren Boden fallen, die sie gar nicht gesucht haben. Zugleich sehe ich in den Social Media aber auch eine Chance, indem sie als Korrektiv bei journalistischen Fehlern wirken.

«Die Meinungsvielfalt wird grösser und die Bürger haben mehr Möglichkeiten, sich einzubringen»: Guido Keel.

... 2. Definition von Fake-News

Vinzenz Wyss: Sogenannte Zeitungsenten gab es schon immer. Sie sind nicht mit Fake News gleichzusetzen. Die Definition betont ja die Absicht, mit der das Publikum getäuscht werden soll. Beispielsweise wurde vor einem Jahr auf Twitter zu der Attacke auf den Regionalzug in Salez bewusst das Gerücht verbreitet, dass es sich bei dem Täter um einen bärtigen Muslim handle, und manche Medien haben sofort einen Zusammenhang zum Terror gesucht, gingen dem Gerücht aber nicht auf den Leim. Wie ist es aber, wenn gewisse Medien beispielsweise das öffentliche Radio und Fernsehen als Staatsfernsehen bezeichnen; ist das schon Fake oder wäre das Propaganda?

Guido Keel: Das ist vor allem eine unsorgfältige Wortwahl. Die SRG ist kein Staatssender im eigentlichen Sinn, sondern einfach ein Hybrid: rechtlich zwar ein Vereinsverband und dennoch vom Bund beauftragt. Fake News sind für mich jedoch ganze Geschichten, die aus strategischen Gründen gestreut werden. Das kommt meines Erachtens in der Schweiz selten vor. Problematisch wird es erst, wenn ressourcenschwachen Redaktionen die Kapazität fehlt, solche Geschichten sorgfältig fertig zu recherchieren.

... 3. Journalismus

Vinzenz Wyss: Genau das halte ich für den zentralen Punkt in der Fake-News-Debatte. Früher hat das Publikum stärker darauf vertraut, dass sich der Journalismus, aber auch die Wissenschaft, die Gerichte oder die Religionsführer in ihrer je eigenen Rationalität darum bemühten, mit der Generierung von Wissen der Wahrheit so nahe wie möglich zu kommen. In der Internetöffentlichkeit prallen nun die Kontexte und Hierarchien der bisherigen institutionellen Wissensordnung aufeinander.

Guido Keel: Kommt hinzu, dass das Publikum der journalistischen Wissensproduktion immer stärker mit Skepsis begegnet, weil es eben im Netz mit alternativen Wissensangeboten konfrontiert und zuweilen auch verwirrt wird.

Vinzenz Wyss: Was kann gegen das Erodieren der Wissensordnung unternommen werden? Muss man das einfach akzeptieren?

Guido Keel: Ich denke schon. Man kann höchstens darauf hinweisen, dass es stattfindet, und so ein Bewusstsein für die Problematik schaffen. Gleichzeitig wird es aber auch wichtiger, dass all die Wissensproduzenten transparent machen, nach welchen Evaluationskriterien sie Wissen prüfen und rechtfertigen.

«Mit der Digitalisierung gerät die institutionelle Wissensordnung ziemlich durcheinander»: Vinzenz Wyss.

... 4. Schulen

Vinzenz Wyss: Aber es reicht doch nicht, wenn man das einfach an die Schulen delegiert. Ausserdem wissen wir ja auch aus der Wirkungsforschung, dass Menschen eher das glauben, was sie schon erwarten. Ich finde, wir müssten auch die Social-Media-Plattformen mehr in die Pflicht nehmen, hier selbst Verantwortung zu übernehmen.

Guido Keel: Nein, die Verantwortung nur den Schulen zu übertragen, greift zu kurz. Nötig wäre ein gesellschaftlicher Diskurs. Die einflussreichen Facebooks und Googles dieser Welt rechtlich in die Pflicht zu nehmen, wäre natürlich wichtig. Aber das ist sehr schwierig. Man muss sich wohl damit begnügen, diese Unternehmen an ihre gesellschaftliche Verantwortung zu erinnern.

Autor: Simon Jäggi

Alternative Fakten

Bei Trumps Amtseinführung seien so viele Zuschauer wie nie zuvor gewesen, behauptete das Präsidenten-Team. Eine nachweisliche Lüge, die die Trump-Beraterin Kellyanne Conway, als «alternative Fakten» zu erklären versuchte. Der Begriff ist nun in Deutschland zum Unwort 2017 gekürt worden. Die Bezeichnung sei «der verschleiernde und irreführende Ausdruck für den Versuch, Falschbehauptungen als legitimes Mittel der öffentlichen Auseinandersetzung salonfähig zu machen», erklärte die Jury um die Linguistik-Professorin Nina Janich von der Technischen Universität Darmstadt. «Alternative Fakten» sei auch in Deutschland zum Sinnbild für besorgniserregende Tendenzen im öffentlichen Sprachgebrauch geworden, so die Jury.