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Upcycling: Gut gepackt mit Taschen aus asiatischem Müll

Aus kambodschanischen Zementsäcken werden Designerstücke für hippe Europäer. Die Geschäftsidee des Absolventen der ZHAW School of Management and Law scheint vielversprechend.

Nicolas Huxley im Gespräch mit einer Kambodschanerin
2012, auf einer Reise nach Siem Reap, kam Huxley die Business-Idee. Nun fliesst ein signifikanter Teil des Profits nach Kambodscha zurück.
Frau an Nähmaschine fabriziert Accessoires aus Zementsäcken
Ein kleiner Familienbetrieb in Bosnien produziert die Taschen, Portemonnaies und Kulturbeutel.
Zementsäcke mit Elefanten-Logo
Vorher: Die Säcke landeten auf dem Müll. Das Abfall-Management-Projekt rund um Siem Reap trägt jetzt zur Verbesserung der Umwelt bei.
Tasche aus Zementsäcken veredelt mit italienischem Leder
Nachher: Die ersten Modelle entwarf eine befreundete Designerin in der Schweiz. Die erste Ware ging grösstenteils an die Geldgeber.

ZHAW-Impact Nr. 35 vom Dezember 2016

Es war auf einer Ferienreise in Kambodscha, als Nicolas Huxley praktisch über seine neue Geschäftsidee stolperte: An den Strassenrändern und auf Baustellen entdeckte er leere Zementsäcke, achtlos auf den Boden geworfen. Unter dem Schmutz waren ansprechende farbige Muster und Schriftzüge zu erkennen. Wie von selber begannen in Huxleys Kopf Bilder von stylishen Taschen zu entstehen. Vier Jahre später war es so weit: Diesen Herbst konnte der 27-Jährige seine Kollektion präsentieren: Reisetaschen verschiedener Grössen, Aktenmappen, Nécessaires und Portemonnaies. Alles unter dem 2014 gegründeten Designlabel Elephbo.

«Ich war schon ein wenig auf der Suche nach einer Projektidee», blickt der Absolvent der School of Management and Law zurück. Den Studiengang Internationales Management hatte er unter anderem gewählt, weil ein Auslandaufenthalt zwingend dazugehört. Huxley verbrachte das zweite Studienjahr an einer Universität in Hongkong, wohin er auch heute noch oft zurückkehrt. Die pulsierende Grossstadt sei ein idealer Ausgangspunkt für die Reise in asiatische Länder, sagt der Jungunternehmer. Zudem hat er hier ein Netzwerk von Leuten, die ihn unterstützen. Asien hat ihn schon immer fasziniert. «Die Leute haben unglaublich Drive und wollen etwas erreichen.»

«Die Leute in Asien haben unglaublich Drive und wollen etwas erreichen.»

Nicolas Huxley, Geschäftsführer und Gründer Elephbo

In anderen Kulturen kommunizieren

Dennoch war es ein langer und manchmal nervenaufreibender Prozess, bis die Produktionskette für die Taschen funktionierte. Die ersten Modelle entwarf eine befreundete Designerin aus der Schweiz. «Ich habe viele wilde Ideen, aber nicht genügend praktisches Know-how», räumt Huxley ein. Eine Kombination des Recycling-Materials mit hochwertigem italienischem Leder erwies sich sowohl optisch als auch von der Stabilität her als optimal.
Zuerst einmal musste Huxley in Kambodscha Leute finden, welche die Zementsäcke reinigen und zuschneiden. Die fremde Sprache und Kultur stellten eine grosse Hürde dar. «Diese Menschen haben weder E-Mail-Account noch Bankkonto», musste Huxley erfahren. Mailen ging also nicht und die Löhne mussten in bar ausbezahlt werden. Glücklicherweise fand der umtriebige Schweizer einen Tuk-Tuk-Fahrer, der sich als Mittelsperson zur Verfügung stellte. «Komnit Nil hat mich vom Flughafen in die Stadt Siem Reap gefahren und war somit der erste Mensch, den ich in Kambodscha kennenlernte», lacht Huxley. Mit ihm klappe die Kommunikation einwandfrei.

gründer Elephbo Nicolas Huxley mit Elephbo-Tasche über der Schulter
Auf der Suche nach einer Geschäftsidee stolperte Nicolas Huxley sprichwörtlich auf kambodschanischen Strassen darüber: Aus achtlos weggeworfenen Zementsäcken, kombiniert mit edlem italienischem Leder, werden Taschen.

Mittlerweile hat Elephbo in Kambodscha eine Arbeitsstätte aufgebaut, in der etwa zehn Personen Teilzeit arbeiten. Die Zementsäcke bezieht das Unternehmen heute meist direkt von den Baufirmen. So landen sie gar nicht erst in der Landschaft. Denn neben dem Schaffen von Arbeitsplätzen ist ihm auch die Sensibilisierung für den Umweltschutz ein wichtiges Anliegen. Zusammengenäht werden die Taschen aber in Bosnien. Durch eine Freundin entdeckte Huxley einen Familienbetrieb in Banja Luka, der seine Ansprüche erfüllt.

Im Umgang mit all diesen verschiedenen Kulturen und Mentalitäten konnte der Jungunternehmer vieles anwenden, was er an der Fachhochschule gelernt hatte. Zum Beispiel Wissen über Projektmanagement und interkulturelle Kommunikation. Die Menschen in Kambodscha seien zwar sehr ehrlich und loyal, macht Huxley die Erfahrung, aber meist nicht so direkt wie wir Europäer. «Sie widersprechen kaum und sind es nicht gewohnt, mit Kritik umzugehen.» Ein Problem seien manchmal auch die mangelnde Pünktlichkeit und Qualität. Um sein Sortiment mit neuen Materialien und Designs zu erweitern, ist er nun auf der Suche nach neuen Zulieferern in anderen Ländern Asiens, aber auch in Afrika. Dort könnten nochmals ganz andere kulturelle Herausforderungen auf ihn zukommen, ist er sich bewusst. Für den Aufbau des Unternehmens setzte Nicolas Huxley unter anderem auf Crowdfunding. Er stellte seine Idee auf der Plattform Kickstarter vor, die die Umsetzung kreativer Projekte ermöglicht. So kamen 34 000 Franken zusammen. «Es handelt sich nicht um Spenden», betont Huxley, «sondern um eine Vorfinanzierung mit Gegenwert.» Die ersten fertigen Taschen und Portemonnaies gingen grösstenteils an die Geldgeber. Wer sich mit kleinen Beträgen beteiligte, erhielt immerhin eine Anerkennung – etwa eine handgeschriebene Dankeskarte. Daneben steckt natürlich auch sehr viel ehrenamtliche Arbeit hinter dem Label.

«Diese Menschen haben weder E-Mail-Account noch Bankkonto.»

Nicolas Huxley, Geschäftsführer und Gründer Elephbo

Nach dem Studium arbeitete Huxley zuerst bei der Credit Suisse und danach bei der Unternehmensberatung Ernst & Young. Sein eigenes Unternehmen trieb er abends und an den Wochenenden voran. Auch Freunde und Familienmitglieder steuerten einiges zum langsam eintretenden Erfolg bei. So etwa Schwester Julia, die für das Marketing zuständig ist. Die Mitarbeitenden in Kambodscha und Bosnien erhielten jedoch von Anfang an ein anständiges Entgelt. Seit letztem Jahr widmet sich Huxley nun vollamtlich seinem Projekt. Mittelfristig möchte er davon leben können: «Ich will ein nachhaltiges globales Unternehmen auf die Beine stellen, das in allen Ländern faire Löhne zahlt.»

Für seine ausserordentliche Leistung erhielt Huxley den Alumni Award der School of Management and Law. Die Auszeichnung wurde am Homecoming Day Anfang November zum ersten Mal verliehen. Dass er aus den fünf Nominierten – allesamt Absolventen mit eindrücklichem Leistungsausweis – für den ersten Preis auserkoren wurde, sei für ihn eine grosse Ehre, sagt Huxley. Ausschlaggebend für die Anerkennung war, dass mit seinem Startup bedürftige Menschen vor Ort unterstützt und die Umwelt entlastet wird.

Beliebte Weihnachtsgeschenke

Anfang November präsentierte Nicolas Huxley sein Sortiment auch an den beiden Designmessen Green Days in Zürich und Designgut in Winterthur. Hat er die modischen Accessoires bisher lediglich über seinen Webshop vertrieben, so sind sie nun auch in diversen kleinen Läden erhältlich. Die Portemonnaies kosten 45 Franken, die grössten Taschen knapp 250 Franken. Auf Weihnachten hin läuft die Produktion heiss. 1000 Stück will Huxley in dieser Zeit in Umlauf bringen. «Wir wurden ziemlich überrumpelt von der grossen Nachfrage», freut sich der umtriebige Jungunternehmer. «Anscheinend haben wir mit unserer positiven Story einen Nerv getroffen.»

Autorin: Andrea Söldi

Entstehungsvideo Elephbo: Eine simple Idee