Neue Aufgabenteilung zwischen Pflegenden und Ärzten

Die Rollenverteilung im Gesundheitswesen steht zur Debatte. Das Modell der Klinischen Fachspezialisten stösst rundum auf grosses Interesse. Am Freitag, 15. September, trafen sich Vertreter zahlreicher Institutionen zu einem Erfahrungsaustausch an der ZHAW in Winterthur.

Das Kantonsspital Winterthur (KSW) war Vorreiterin. Seit drei Jahren setzt es erfahrene Pflegefachleute im Ärzteteam ein und delegiert ihnen Aufgaben, die traditionell zum ärztlichen Bereich gehören. Die sogenannten Klinischen Fachspezialisten leiten zum Beispiel Visiten, schreiben Austrittsberichte, schätzen den Heilungsverlauf von Wunden ein und verordnen sogar einige Medikamente. Seit Februar bietet das Gesundheitsdepartement der ZHAW eine Weiterbildung in Form eines CAS an, das in enger Zusammenarbeit mit dem KSW erarbeitet wurde. Am vergangenen Freitag führten die beiden Institutionen in Winterthur gemeinsam ein gut besuchtes Symposium durch.

Erste positive Erfahrungen in der Schweiz

Entstanden ist die neue Funktion am KSW in der Chirurgie. Chefarzt Stefan Breitensteins Bestreben war es, seine Assistenzärzte von administrativen Arbeiten zu entlasten, damit sie mehr Zeit im Operationssaal verbringen können und eine bessere Ausbildung erhalten. Unterdessen haben andere Kliniken die Idee aufgegriffen und stellten am Symposium ihre Modelle vor. Die Schweizer Paraplegiker Stiftung in Nottwil zum Beispiel überträgt den ausgesuchten Pflegefachpersonen vor allem administrative und organisatorische Aufgaben. Den Assistenzärzten sei das Delegieren anfangs nicht leichtgefallen, räumte der leitende Arzt Andreas Jenny ein. «Es kursierten Ängste vor einem Kontrollverlust.» Doch mittlerweile dauern die Rapporte weniger lang und die Überstunden der Assistenzärzte sind deutlich gesunken. Begleitet von sorgfältiger Weiterbildung will man die Aufgabengebiete der Klinischen Fachspezialisten kontinuierlich ausweiten.

Bereits gut eingespielt ist das Team an der Klinik für Gefässchirurgie am KSW. Pflegefachfrau Annmarie Monnard ist die feste Ansprechperson für Patienten, leitet die Sprechstunde, führt Aufklärungsgespräche, assistiert bei Operationen, führt Krankengeschichten, verfasst Austrittsberichte und kümmert sich um die Nachbetreuung. «Für mich bedeutet die Funktion eine neue Chance», freut sich Monnard. «Es ist spannend und vielfältig, aber auch herausfordernd. Ich begegne immer wieder meinen Grenzen.» Begeistert von der Zusammenarbeit ist Chefarzt Pius Wigger: Weil die Vorbereitung nun bereits am Eintrittstag beginnt, könne schneller operiert werden. «Routineabläufe werden nicht mehr durch das Warten auf einen ärztlichen Entscheid verzögert.» Wichtig findet Wigger, beim Einsatz der Klinischen Fachspezialisten auf ein Fachgebiet zu fokussieren und sie entsprechend weiterzubilden. Neben weiteren Kliniken am KSW haben auch das Kantonsspital Baden und das Luzerner Kantonsspital erste Erfahrungen mit dem Modell gemacht.

Grossbritannien und die Niederlande weit voraus

Während in der Schweiz noch diverse Vorbehalte vorherrschen, wäre die Arbeitsbewältigung in vielen anderen Ländern kaum mehr denkbar ohne die Physician Assistants, die in etwa dem Modell der klinischen Fachspezialisten entsprechen, oder die APN (Advanced Practice Nurse). Eine solche Pflegefachperson auf Masterniveau übernimmt fachpflegerische, spezialisierte und komplexe Aufgaben und handelt wesentlich autonomer. So erfüllt Olivia Stamm etwa auf der Neonatologie des Universitätsspitals Southampton die Aufgaben vergleichbar mit einem Assistenzarzt. Sie verschreibt Medikamente, verordnet Untersuchungen und interpretiert  Röntgenbilder und Laborwerte. Auch intubiert sie, führt Thoraxdrainagen durch und führt Assistenzärzte ein. Die Schweizerin hat in England nach einem Bachelorabschluss an der ZHAW in Winterthur ein Studium an der Universität Southampton absolviert. Damit hat sie einen Masterabschluss erworben und sich zur Advanced Neonatal Nurse Practitioner spezialisiert.

Wie sich neue Berufsprofile in den Niederlanden durchsetzen, erzählte Silvia van Vliet, die in Groningen als «Verpleegkundig Specialist» arbeitet. Auf den Begriff einigte man sich, nachdem das niederländische Parlament 2012 die gesetzlichen Grundlagen geschaffen und die Kompetenzen klar definiert hatte. Die rund 3’000 Pflegefachleute mit einer entsprechenden Funktion müssen alle fünf Jahre ihre Fähigkeiten nachweisen und sich neu registrieren lassen.

In der Schweiz steht uns noch ein Prozess bevor. Mittels Befragungen hat das KSW bereits festgestellt, dass die Akzeptanz für das Modell gestiegen ist. Eine Studie soll die Entwicklung und ihre Auswirkungen nun vertieft prüfen. Derweil wird die ZHAW nach Abschluss des ersten Studiengangs die Module auswerten und nach Bedarf überarbeiten. Handlungsbedarf gibt es auch bei der Klärung der verschiedenen Funktionsbezeichnungen, die in der internationalen Literatur recht klar sind, aber in der Schweiz noch Verwirrung stiften.

Initiator Stefan Breitenstein sieht vor allem beim delegierten Einsatz der Klinischen Fachspezialisten grosses Potenzial, weil zusätzliche Kosten durch selbstständiges Abrechnen damit vermieden werden. «Die chinesische Mauer zwischen unseren Berufsgruppen trennt eine wunderbare Landschaft», stellte Breitenstein fest. «Wenn wir sie abreissen, kann auf der Grenze viel Wertvolles entstehen.»

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Anita Manser Bonnard
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