«Journalisten im Web 2017»: Ambivalenz beim Recherchieren, Publizieren und Diskutieren

Social Media beeinflussen zunehmend die Arbeitsweise von Schweizer Journalistinnen und Journalisten. Mit qualitativen Interviews untersuchten das Institut für Angewandte Medienwissenschaft IAM der ZHAW und Bernet_PR, wie Schweizer Medienschaffende das Social Web nutzen. Die Gespräche zeigen, dass das journalistische Handwerk nicht komplett neu erfunden wird. Die Möglichkeiten zur Recherche, zur Publikumserweiterung und zum Dialog mit Rezipienten werden aber immer stärker genutzt.

21 ausgewählte Schweizer Medienschaffende aus unterschiedlichen Medientypen und mit unterschiedlichen journalistischen Rollen haben dem IAM und Bernet_PR zwischen Herbst 2016 und Frühjahr 2017 von ihrem Umgang mit Social Media erzählt. Diese nehmen im journalistischen Alltag immer mehr Raum ein. Die meisten der Befragten äussern sich aber ambivalent zum Thema. Guido Keel, wissenschaftlicher Studienleiter/IAM ZHAW: «Die Medienschaffenden schätzen den schnellen Zugang zu Informationen und die Rückmeldung aus dem Publikum. Zugleich sind sie sich den Limiten und Verzerrungen in den Sozialen Medien bewusst.»

Recherchieren: Inspirationsquelle und Kontaktmöglichkeit
Alle befragten Journalisten und Journalistinnen nutzen die Sozialen Medien zur Recherche. Zentral ist das Social-Media-Monitoring als Startpunkt für die Themenfindung. Weiter nutzen insbesondere jüngere Medienschaffende ihre Social-Media-Kanäle für die Suche nach Experten oder Augenzeugen – und kontaktieren diese auch darüber. Die Glaubwürdigkeit dieser Kanäle wird allerdings kritisch beurteilt. Es gilt: Informationen müssen von einer zweiten, unabhängigen Quelle, und zwar von ausserhalb der Sozialen Medien, bestätigt werden.

Publizieren: Eigen-PR und neue Anforderungen
Medienschaffende nutzen ihre Social-Media-Profile als PR-Instrument. Auf diesen zusätzlichen Kanälen teilen sie Artikel und Beiträge und machen sie so einem breiteren Publikum zugänglich. Auffällig: Auf den meisten Redaktionen gibt es keine verbindlichen Richtlinien zur Publikation von Artikeln. Die Befragten vermuten, dass die neuen Möglichkeiten mit Erwartungshaltungen beim Publikum einhergehen. So erwarten Rezipienten beispielsweise auch von Radios und Printmedien immer mehr Bewegtbilder via deren Online-Kanäle.

Publikumsdialog: Zuhören, Fragen und Reagieren
Die Möglichkeit, bei Online-Medien mehr über das Nutzungsverhalten des Publikums zu erfahren, schätzen die befragten Medienschaffenden besonders. Auch die Rückmeldungen aus dem Publikum stellen für sie einen Mehrwert dar. Immer mehr Medien suchen denn auch den Dialog mit dem Publik aktiv. «Die Journalistinnen und Journalisten verwenden Social Media als Gradmesser für das Publikumsinteresse. Die Themen-Hinweise aus dem Online-Dialog zwischen Journalisten und Publikum sollten auch Organisationen zur Kenntnis nehmen», fasst Irène Messerli, Co-Herausgeberin bei Bernet_PR die Bedeutung für Kommunikations-Profis zusammen. Mit einer Einschätzung, welche Themen beim Publikum grundsätzlich für die grösste Resonanz sorgen, tun sich die Medienschaffenden aber schwer. Nur in einem Punkt sind sich die Befragten einig: Politik lässt sich auf den Sozialen Medien nur schwer vermitteln.

Für Journalisten und PR-Schaffende
PR-Schaffende und Journalisten profitieren gegenseitig von den direkten, unkomplizierten Kontakt-Möglichkeiten, die Social Media bieten. Journalisten profitieren von Bild-, Ton- oder Filmmaterial von Social-Media-Plattformen. Entsprechend können sich Organisationen mit interaktiven und multimedialen Angeboten von der Konkurrenz abheben – vorausgesetzt die Qualität stimmt.

Für breite Relevanz und Aufmerksamkeit bleiben die klassischen Medien wichtig. Auf den eigenen Social-Media-Kanälen stellen Journalisten und Organisationen gleichermassen ihre Arbeit und Themenvielfalt dar. Dominik Allemann, Co-Herausgeber bei Bernet_PR betont: «Die Online-Medienarbeit wird für Organisationen zum wichtigen Treiber für das Social-Media-Engagement. Die Medienschaffenden als wichtiges Online-Publikum müssen beim Themen- und Dialog-Management berücksichtigt werden.»

Die Studie inklusive Journalisten-Portraits und Anwendungstipps für Journalisten und PR-Leute ist erhältlich in verschiedenen Formaten beim Verlag buch & netz.

Kontakt: Prof. Dr. Guido Keel