Hören, tasten, riechen: Eine sehbehinderte Psychologin setzt gezielt andere Sinne ein

Ihrem Blindenstock hat sie einen Namen gegeben. Das half, ihn zu akzeptieren. Äusserlichkeiten sind für Gabi Rechsteiner nicht relevant. Die Psychologin am IAP nimmt Menschen mit den anderen Sinnen wahr.

Psychologin Gabi Rechsteiner
Die Psychologin Gabi Rechsteiner ist blind und nimmt Menschen mit anderen Sinnen war. Im Alltag findet sie sich dabei mit ein paar Gadgets zurecht.

ZHAW-Impact Nr. 37 vom Juni 2017

Gabi Rechsteiner lächelt verschmitzt, wenn sie ihre Armbanduhr vorführt, ein wuchtiges Manager-Modell aus Stahl. Obschon sie nichts sieht, weiss sie genau, wie viel Zeit es ist. Sobald sie mit dem Finger übers Zifferblatt wischt, geben die Zeiger ihren Stand durch Vibrationen an. Wie der Manager, der im Meeting nicht ständig auf die Uhr schauen will, kann sie so ganz diskret die Zeit erfühlen – etwa um herauszufinden, wann die Sprechstunde zu Ende geht.

Die Uhr ist eines der Mittel, das Gabi Rechsteiner hilft, den Alltag mit einer starken Sehbehinderung zu meistern. Seit zwei Jahren arbeitet sie als Psychologin am IAP Institut für Angewandte Psychologie der ZHAW. Dort bietet sie einerseits psychologische Beratungen und Therapien für Mitarbeitende und Studierende der ZHAW an und anderseits Psychotherapien für Klienten, die direkt oder über einen Arzt ans IAP gelangen.

Klienten hören, riechen, tasten

Die Strecke von ihrem Büro zum Wartezimmer des IAP im Toni-Areal in Zürich-West legt Gabi Rechsteiner mit dem Blindenstock zurück. Die wenigen Meter bieten Gelegenheit, erste Eindrücke über die Klienten zu gewinnen. Da sie weder Gesichter, geschweige denn Mimik und Gestik erkennen kann, setzt sich ihr Bild der Menschen nicht aus Äusserlichkeiten zusammen, sondern aus Eindrücken, die sie durch Hören, Riechen oder Tasten gewinnt.

Es fängt mit dem Händedruck an: Ist er fest, warm, kalt oder schwitzig? Das lässt Schlüsse auf die Konstitution des Klienten zu. Die Art und Weise, wie sich die Person bewegt, liefert weitere Hinweise: Läuft sie schnell und sicher oder zögert sie? Wie setzt sie sich? Auch über Düfte oder Klänge – etwa von Schmuck – nähert sich Gabi Rechsteiner ihrem Gegenüber an. Vielleicht ergibt das sogar eine treffendere Wahrnehmung als die normale über das Aussehen. «Visuell kann man bluffen», sagt Gabi Rechsteiner, «anderes wie die Stimme lässt sich viel weniger kontrollieren.»

Als sie die Diagnose Retinitis pigmentosa erhält, ist sie 14 Jahrealt. Die genetisch bedingte Augenerkrankung führt dazu, dass die Zellen auf der Netzhaut zu schnell altern oder absterben. In einem schleichenden Prozess lassen zuerst Kontraste und Farben nach, dann auch die Sehschärfe. 

Welt ist nicht auf sie ausgerichet

Damals, im Teenageralter, erscheint ihr die Krankheit noch nicht so bedrohlich. Vielmehr findet sie es aufregend, wie sich eine ganze Ärzteschar um sie kümmert. Doch allmählich wird ihr die Tragweite der Erkrankung schmerzvoll bewusst: Sehstörungen treten auf, und als ihr der Arzt untersagt, Fahrstunden zu nehmen, trifft sie das tief. Der erzwungene Verzicht aufs Autofahren bedeutet ein Verlustvon Selbstständikeit und Unabhängigkeit. Zehn Jahre später sieht Gabi Rechsteiner so schlecht, dass sie auf einen Blindenstock angewiesen ist. Und merkt, dass sie sich in einer Welt bewegt, die kaum auf ihre Bedürfnisse ausgerichtet ist. Sie passt sich den Umständen auf ihre Weise an – und freundet sich mit dem Blindenstock an. Als sie den Stock auf einer längeren Reise durch Südamerika erstmals benützt, fängt sie an, ihn Jeffrey Johnson – kurz: «JJ» – zu nennen. Jeden Tag spricht sie mit ihm: «JJ, ich finde dich doof, aber ich nehme dich trotzdem mit.» Ein Stück weit hilft die Vermenschlichung, den Stock als Begleiter anzunehmen. «Dank dem Namen konnte ich Barrieren abbauen», so Gabi Rechsteiner, «ich merkte, dass ich auch als blinde Frau Freunde finden konnte.»

Wie man sich ihr Augenlicht vorstellen muss, erklärt sie so: «Ich nehme hell und dunkel wahr, sehe aber alles wie über- oder unterbelichtet. Tagsüber ist alles weiss, dann kann ich ein schwarzes Auto in Umrissen erkennen. Nachts istalles dunkel, dann erscheint ein Licht ganz hell.» Dies ist der Stand ihrer Sehkraft heute, mit 32 Jahren.

Klienten beschreiben sich selbst

Auch im Praxisalltag macht sieihre Sehbehinderung zum Thema,etwa um Informationen überKlienten zu gewinnen. Manchmal fragt sie sie, wie sie aussähen, denn «die Art und Weise, wie sich eine Person beschreibt, sagt viel über sie aus.» Als einmal eine Klientin in einer Sitzung lange schwiegund Gabi Rechsteiner das Schweigen nicht einordnen konnte, bat sie sie, ihren Gesichtsausdruckzu beschreiben. Die Frau stellte ihn als rat- und hilflos dar – eine Antwort, an der Rechsteiner anknüpfen konnte.

Umgekehrt arrangieren sich die Klienten in der Regel rasch mit der Sehbehinderung ihrer Therapeutin. Eine Klientin findet es angenehm, nicht immer beobachtet zu sein. Ein Klient ist froh, dass er nicht ständig Augenkontakt halten muss, sondern den Blick im Raum schweifen lassen kann. Ein anderer findet es entspannend, einfach sich selbst sein zu können, ohne äusserlich etwas darstellen zu müssen.

Es ist diese Unmittelbarkeit, die Gabi Rechsteiner an der Psychologie reizt. Ihr Interesse für das Fach wurde geweckt, als sie nach ihrer Ausbildung als Ergotherapeutin in einer psychiatrischen Klinik arbeitete. «In der Psychotherapie ist man über das Gespräch unmittelbar in die Beziehung zum Klienten involviert und nicht über das Mittel des Handelns wie in der Ergotherapie.» Obschon ihr manche abgeraten haben – die Invalidenversicherung zum Beispiel orakelte, als blinde Psychologin würde sie ohnehin keine Stelle finden –, studierte sie an der Universität Zürich Psychologie. Nach dem Abschluss absolvierte sie ein Praktikum am IAP, wo sie schliesslich vor zwei Jahren eine Anstellung erhielt.

Sprechendes iPhone

Dort hat sie ihren eigenen Modus gefunden, den Alltag zu bewältigen. Patienteneinträge tippt sie nach der Sprechstunde am Computer ein; eine Stimme liest vor, was sie schreibt. Auch den E-Mail-Verkehr wickelt sie über ein Sprechprogramm ab, ebenso besitzt sie ein sprechendes iPhone. Kalendereinträge werden von einer Stimme vorgelesen, allerdings in einem so hohen Tempo, dass es nur sehr geübte Ohren verstehen. Gabi Rechsteiner kümmert das nicht, im Gegenteil: «Ich möchte ja nicht, dass alle mitbekommen, wenn ich meine Termine abhöre», sagt sie und lächelt wieder verschmitzt. «Tagsüber ist alles weiss, dann kann ich ein schwarzes Auto in Umrissen erkennen. Nachts ist alles dunkel, dann erscheint ein Licht ganz hell.»

Autorin: Corinne Amacher

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