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«Gibt es ein allgemeingültiges Richtig oder Falsch?»

Wie hilfreich kann Ethik sein in einer Welt nationaler Egoismen, sozialer Krisen und von Terror? Ein Auszug aus einem Gespräch mit den Mitgliedern der ZHAW-Hochschulleitung Andreas Gerber-Grote und Christoph Steinebach aus der aktuellen Ausgabe des ZHAW-Impact.

Christoph Steinebach (links), Ressortleiter Lehre und Direktor des Departements Angewandte Psychologie und Andreas Gerber-Grote (rechts), Ressortleiter Forschung und Entwicklung und Direktor des Departements Gesundheit.

Impact Oktober 2018

Sind Ethik oder Werte heute noch relevant oder eher etwas verstaubt?

Andreas Gerber-Grote: Angesichts der Weltlage und der Fragen, die wir in Forschung und Lehre bearbeiten, ist Ethik sehr relevant. Dabei wird Ethik gerne mit Moral gleichgesetzt, denn wir beurteilen schnell das Weltgeschehen nach unseren moralischen Überzeugungen. Das ist aber nicht, was wir mit Ethik meinen. In der Ethik geht es um das Nachdenken darüber, wie wir gut handeln und miteinander umgehen wollen und was die Voraussetzungen dafür sind. Daraus lassen sich Werte ableiten wie etwa Solidarität, Fairness, Autonomie.

Christoph Steinebach: Wenn Ethik als etwas Verstaubtes gilt, dann deshalb, weil im Unterricht gerne auf Konzepte aus der Antike zurückgegriffen wird und dies aus Sicht der Studierenden dann eher langweilt.  Wenn aber aktuelle Fragen von Flucht und Asyl bis hin zu Ethik von Robotern diskutiert werden, dann wird das für sie spannender.

Gerber-Grote: Selbst wenn wir auf alte Theorien zurückgreifen, muss der Unterricht nicht verstaubt sein. Nehmen wir die Frage nach Gerechtigkeit. Wir glauben ja alle zu wissen, was das ist. Aristoteles hat deutlich gemacht, dass es unterschiedliche Konzepte von Gerechtigkeit nebeneinander gibt. Gerechtigkeit kann zum einen bedeuten, dass jeder das gleiche oder dasselbe bekommt. Es kann aber zum anderen bedeuten – wenn ich an Teilhabe denke –, dass jede das bekommt, was sie braucht. Das heisst, die eine kann mehr bekommen und der andere weniger, und gerade diese Verteilung ist gerecht, da sie Teilhabe ermöglicht.

Steinebach: Ich wollte nicht sagen, dass das Alte keine Bedeutung hat. Im Gegenteil, ich finde es ganz wertvoll zu verstehen, wie etwas historisch, kulturell und gesellschaftlich verankert ist. Für mich stellt sich nur die Frage, ob ich im Unterricht damit beginne oder mit aktuellen Problemen. Das ist ja auch die Stärke der angewandten Wissenschaften, die Nähe zur Praxis, mit der wir didaktisch eine Brücke zur Theorie schlagen und umgekehrt.

Welchen Stellenwert hat Ethik im Studium an der ZHAW?

Steinebach: Einen hohen. Das spiegelt sich auch in unserer Strategie wider.

Papier ist geduldig.

Steinebach: Nicht nur auf dem Papier, sondern über die Angebote des Studiums wollen wir unseren Studierenden konkret mehr vermitteln als nur Fachwissen. Die heutige Berufswelt ist so komplex, da können immer weniger Modelllösungen und Standardprozesse angewendet werden. Deshalb wollen wir, dass unsere Absolventinnen und Absolventen sowie unsere Mitarbeitenden in der Lage sind, in ungewissen Situationen, wo es auch zu Normkonflikten kommen kann, ihr Wissen und ihr Können dafür einzusetzen, verantwortungsbewusste Entscheide zu treffen und zukunftsfähig zu handeln. Hierfür gibt es spezielle Lehrveranstaltungen zu Ethik, insbesondere in unseren Fächern Gesundheit, Psychologie, Soziale Arbeit, aber auch in der Ökonomie – um nur einige Bespiele zu nennen. Viele Themen in den Studiengängen sind aber auch an sich bereits ethisch begründet, wenn es etwa um Nachhaltigkeit, Energiesparen oder Technologiefolgenabschätzung geht.

«Viele Themen in den Studiengängen sind ethisch begründet – etwa Nachhaltigkeit oder Technologiefolgenabschätzung.»

Christoph Steinebach

Ethiktheorien im Berufsalltag anzuwenden, ist nicht so einfach, wie es auf den ersten Blick erscheint.

Steinebach: Das ist richtig. Die Gesellschaft ändert sich, ebenso wie die Anforderungen an die Berufe, deshalb muss man immer wieder neu analysieren, was die grundlegenden Veränderungen und Herausforderungen sind und wie man damit umgehen sollte. Viele Berufsbilder ändern sich durch die Digitalisierung. Da tauchen neue Fragen auf etwa jene des Datenschutzes, des guten Miteinanders trotz Technologie und vieles mehr.

Gerber-Grote: Die Studierenden sollten auch grundsätzliche Theorien kennen, die in verschiedenen Gesundheitssystemen beispielsweise als Grundlage für ethische Überlegungen dienen. Insbesondere kann ich nach zwei widerstreitenden Konzepten handeln: Eine utilitaristische Sichtweise schaut primär auf das Ergebnis einer Handlung und misst sie daran, ob sie Nutzen für eine grosse Gruppe von Menschen stiftet. Sie ist in Grossbritannien sehr verbreitet. Nach deontologischer Sicht ist es entscheidender, sich an gewissen Regeln zu orientieren; das Ergebnis der Handlung, etwa der Nutzen einer Gruppe, ist dabei nicht primär im Blick. Streng angewandter Utilitarismus könnte dazu führen, dass ältere Menschen keine künstlichen Hüftgelenke eingesetzt bekommen, weil sich das nicht mehr lohnt. Da stellt sich die Frage: Wie weit geht eine berufliche Pflicht zu helfen? Auch wenn umgekehrt ein Patient den Wunsch äussert, nicht behandelt zu werden – muss ich das akzeptieren? Die Studierenden sollen befähigt werden, ihre Berufsrolle zu reflektieren, eigene und fremde Werthaltungen zu analysieren und der Situation und ihrem Gegenüber angemessen zu entscheiden und zu handeln. Ein allgemeingültiges Richtig oder Falsch gibt es für derartige Fragen nicht.

«Studierende sollen befähigt werden, ihre Berufsrolle zu reflektieren und fremde und eigene Werthaltungen zu analysieren.»

Andreas Gerber-Grote

Auch in der Forschung besteht ein Spannungsfeld zwischen Forschungsinteressen und Einhaltung allgemeingültiger Normen und Werte. Wie sollte man damit umgehen?

Gerber-Grote: Ich denke, man kann als Hochschule eine Grundhaltung entwickeln und den Diskurs darüber gezielt fördern. Ein Beispiel: Es könnte durchaus sein, dass wir als Hochschule in einen ethischen Konflikt geraten, wenn an einem Departement Militärforschung für Saudi-Arabien geplant würde.
Steinebach: Für mich stellt sich die Frage, was uns bei solchen Problemen hilft.

Und was ist es, was hilft?

Steinebach: Ich mache das an einem Beispiel deutlich: Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 waren amerikanische Psychologinnen und Psychologen offensichtlich beteiligt an Folter in Guantanamo. In den USA gibt es aber, wie in vielen anderen Ländern auch, berufs¬ethische Richtlinien, die dazu führen, dass Psychologen bei Verstössen gegen die Berufsethik aus dem Berufsverband ausgeschlossen werden und damit ihr Berufsrecht verlieren. Inzwischen liegt dazu ein Bericht vor, der zeigt, dass das Thema Ethik absolut nicht verstaubt und kein Feigenblatt ist, sondern dass ein Verstoss gegen ethisch begründete Grundsätze ernsthafte Folgen für die Karriere haben kann. Kommt hinzu, dass es den Versuch der amerikanischen Armee gab, die berufsethischen Richtlinien des amerikanischen Berufsverbands dahingehend zu beeinflussen, dass die rechtliche Grundlage für einen Ausschluss nicht mehr gegeben wäre. Wir Psychologen haben aber in unserem Grundverständnis festgehalten, dass Angewandte Psychologie die Menschenwürde fördert in Freiheit und Selbstbestimmung. Das heisst: Folter ist keine Angewandte Psychologie. Das ist dann eine klare Grenze, wo wir sagen müssen: Das tragen wir nicht mit.

Hochschulmagazin ZHAW-Impact

«Ethik» lautet das Dossier-Thema der aktuellen Ausgabe des Hochschulmagazins ZHAW-Impact, das am 10. Oktober erscheint. Wir berichten über den Besuch des Dalai Lama an der ZHAW und seinen Appell, in der Bildung mehr Gewicht auf innere Werte zu legen. Wir zeigen welchen Stellenwert Ethik im Studium und in der Forschung an der ZHAW hat. Eine Themenauswahl: Medizinische Berufe zwischen Fürsorge und Patientenautonomie, zwischen Leben erhalten und Sterbefasten. Architektur zwischen Design und Stadtreparatur. Big Data zwischen fairen und diskriminierenden Algorithmen. Bei solchen Dilemmata kann Ethik helfen, diese einzuordnen, Handlungsmuster zu überdenken, um letztlich angemessene Entscheidungen treffen zu können.